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Paramahansa
Yogananda - Autobiographie eines
Yogi Startseite Teil 1 (Kapitel 1-28) - Hier findet ihr Teil 2
(Kapitel 29-49)
Kapitel 01: Meine Eltern und meine früheste Kindheit Dieser Text ist ohne
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anschauen möchte, gehe bitte auf diese Webseite Kapitel 01: Meine Eltern und meine früheste Kindheit Top Für die indische Kultur ist seit alters zweierlei charakteristisch: die Suche nach der letzten Wahrheit und das damit zusammenhängende Verhältnis zwischen Guru1 und Jünger. Mein eigener Weg führte mich zu einem christusähnlichen Weisen, dessen beispielhaftes Leben ein Markstein für kommende Generationen sein wird. Er gehörte zu jenen großen Meistern, die Indiens wahren Reichtum ausmachen und die in jeder Generation hervorgetreten sind, um ihr Land vor dem Schicksal des alten Ägypten und Babylon zu bewahren. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören die zeitlich zusammenhanglosen Bilder aus einer vorherigen Inkarnation. Ich entsann mich deutlich eines früheren Lebens, das ich als Yogi2 im schneebedeckten Himalaja verbracht hatte. Aus diesen Rückblicken in die Vergangenheit ergaben sich auch - wie durch ein transzendentes Band verknüpft - manche Einblicke in die Zukunft. Noch heute erinnere ich mich deutlich an das demütigende und hilflose Gefühl in meiner Kindheit, als ich mir schmerzlich bewußt wurde, weder laufen noch mich richtig verständlich machen zu können. Aufgrund dieser körperlichen Ohnmacht fühlte ich schon früh den unwiderstehlichen Drang zum Beten, und meine stürmischen Gefühle verschafften sich innerlich in vielen Sprachen Ausdruck. 1 Geistiger Lehrer. Die Guru-Gita (Vers 17) beschreibt den Guru trefflich als einen -Austreiber der Dunkelheit- (aus den Sanskritwurzeln gu = Dunkelheit und ru = das, was austreibt).2 Einer, der Yoga (~,Vereinigung~.) übt. Yoga ist die altindische Wissenschaft der Meditation über Gott. (Siehe Kapitel 26: »Die Wissenschaft des Kriya-Yoga) 3 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Aus diesem inneren Wirrwarr von Sprachen kristallisierten sich allmählich die bengalischen Worte meiner Landsleute heraus, und ich gewöhnte mich an sie. Welch trügerische Vorstellungen sich doch die Erwachsenen von dem Gesichtskreis eines kleinen Kindes machen, das ihrer Ansicht nach nur mit Spielzeug und Daumenlutschen beschäftigt ist. Mein innerer Aufruhr und meine körperliche Hilflosigkeit äußerten sich oft in hartnäckigen Weinkrämpfen, und ich entsinne mich noch der allgemeinen Ratlosigkeit meiner Eltern und Geschwister, die vergebens versuchten, mich zu beruhigen. Aber ich habe auch viele glückliche Erinnerungen: die mütterlichen Liebkosungen, die ersten Versuche, Sätze zu formen und auf eigenen Beinen zu stehen. Obgleich man diese kleinen Errungenschaften der frühen Kinderjahre gewöhnlich bald vergißt, bilden sie doch das natürliche Fundament unseres Selbstvertrauens. Meine weit zurückreichenden Erinnerungen sind kein einzigartiger Fall. Bekanntlich haben viele Yogis ihr Bewußtsein während des dramatischen Übergangs vom »Leben- zum -Tod« und umgekehrt ununterbrochen beibehalten. Wäre der Mensch nur ein Körper, so würde sein Dasein in der Tat mit dessen Verlust enden. Wenn aber die Propheten aller Zeitalter die Wahrheit gesprochen haben, so ist der Mensch im wesentlichen eine immaterielle und allgegenwärtige Seele. Wenn auch klare Erinnerungen an die früheste Kindheit sonderbar anmuten, so sind sie doch nicht allzu selten. Auf meinen vielen Auslandsreisen habe ich öfters aus dem Munde durchaus glaubwürdiger Menschen von ähnlich frühen Erinnerungen gehört. Ich wurde am 5. Januar 1893 in Gorakhpur geboren, einem Ort im nordöstlichen Teil Indiens, am Fuße des Himalaja-Gebirges, und verbrachte dort die ersten acht Jahre meines Lebens. Wir waren acht Kinder: vier jungen und vier Mädchen. Ich, Mukunda Lal Ghosh3, war der zweite Sohn und das vierte Kind. Vater und Mutter waren Bengalen und gehörten der Ksha-triya-Kaste4 an. Beide führten einen heiligen Lebenswandel; ihre gegenseitige Liebe war von ruhiger und würdiger Art und verlor sich nie in Leichtfertigkeiten. Diese vollkommene Harmonie der Eltern bildete den ruhigen Mittelpunkt, um den sich das ungestüme Leben acht heranwachsender Kinder bewegte.3 Als ich 1915 dem Swami-Orden (einem seit alters bestehenden Mönchsorden) beitrat, wurde mein Name in Yogananda geändert. Im Jahre 1935 verlieh mir mein Guru den höheren Titel eines Paramahansa. 4 Die zweitoberste Kaste, ursprünglich diejenige der Könige und Krieger 4 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Vater - Bhagabati Charan Ghosh - war gütig, ernst und zuweilen streng. Wir Kinder liebten ihn sehr, bewahrten ihm gegenüber jedoch eine gewisse ehrfürchtige Zurückhaltung. Als hervorragender Logiker und Mathematiker ließ er sich hauptsächlich von seinem Verstand leiten. Mutter aber war die Güte selbst und erzog uns nur durch Liebe. Nach ihrem Tode brachte Vater mehr von seiner inneren Zärtlichkeit zum Ausdruck, und sein Blick erinnerte mich oft an den meiner Mutter. Mutter machte uns Kinder schon früh mit den heiligen Schriften bekannt. Sie erzog uns dadurch, daß sie uns ständig geeignete Geschichten aus dem Mahabharata und Ramayana5 erzählte, wobei Strafe und Belehrung Hand in Hand gingen. Als Zeichen der Achtung vor unserem Vater zog Mutter uns jeden Nachmittag sorgfältig um, ehe wir ihn bei seiner Rückkehr aus dem Büro begrüßten. Er bekleidete bei der Bengal-Nagpur-Eisenbahngesellschaft - einer der größten Indiens - eine Stellung, die der eines Vizepräsidenten glich. Seine Tätigkeit erforderte häufigen Ortswechsel, und so lernte ich schon während meiner Kindheit verschiedene Städte kennen. Mutter hatte stets eine offene Hand und nahm sich gern der Bedürftigen an. Auch Vater war von Natur gütig, doch seine Achtung vor Gesetz und Ordnung erstreckte sich auch auf die Haushaltskasse. Einmal gab Mutter in vierzehn Tagen mehr Geld für die Armen aus, als Vater im Monat verdiente. »Alles, worum ich dich bitte«, sagte Vater, »ist, daß du deine Mildtätigkeit in vernünftigen Grenzen hältst.« Selbst ein sanfter Vorwurf von ihrem Mann verursachte meiner Mutter Kummer. Ohne uns Kindern etwas von dieser Meinungsverschiedenheit anzudeuten, bestellte sie eine Pferdedroschke. 5 Diese aus dem Altertum stammenden Epen sind eine wahre Fundgrube für alle, die sich für indische Geschichte, Mythologie und Philosophie interessieren. 5 Meine Eltern und meine früheste Kindheit »Auf Wiedersehen, ich fahre zu meiner Mutter zurück!« - Ein altbekanntes Ultimatum! Wir erschraken heftig und brachen in lautes Gejammer aus, als zum Glück gerade unser Onkel mütterlicherseits eintraf; er flüsterte Vater einen weisen und zweifellos uralten Rat ins Ohr. Nachdem Vater dann einige versöhnliche Worte gesprochen hatte, entließ Mutter erleichterten Herzens die Droschke. So endete meines Wissens die einzige Auseinandersetzung, die meine Eltern je gehabt haben. Aber ich entsinne mich noch eines anderen bezeichnenden Gesprächs: »Gib mir bitte zehn Rupien für eine arme, unglückliche Frau, die vor unserer Türe steht!« Mutters Lächeln war von zwingender Überzeugungskraft. »Warum gleich zehn Rupien? Eine ist genug.« - Und, wie um sich zu rechtfertigen, fügte Vater hinzu: »Als mein Vater und meine Großeltern plötzlich starben, erfuhr ich zum ersten Male, was Armut ist. Mein Frühstück, bevor ich den kilometerweiten Schulweg antrat, bestand aus nichts anderem als einer kleinen Banane. Später, während meiner Studienzeit, war ich in solcher Not, daß ich ein Bittgesuch an einen wohlhabenden Richter stellte und ihn um eine Rupie pro Monat anging. Er lehnte das Gesuch mit der Begründung ab, daß selbst eine Rupie von Bedeutung sei.« Mutters Herz aber reagierte mit großer Schlagfertigkeit auf seine Worte. »Mit welcher Bitterkeit du dich an die Verweigerung dieser Rupie erinnerst«, sagte sie. »Möchtest du, daß diese Frau sich später ebenso schmerzlich an die Verweigerung der zehn Rupien erinnert, die sie so dringend braucht?« »Du hast gesiegt!« Mit der altbekannten Geste des resignierenden Ehemannes öffnete er seine Brieftasche. »Hier hast du einen Zehnrupienschein. Gib ihn ihr mit meinen besten WÜnschen.« Vater war geneigt, jeden neuen Vorschlag zunächst abzulehnen. Seine Einstellung der fremden Frau gegenüber, die so schnell Mutters Mitleid erweckt hatte, war ein typisches Zeichen seiner üblichen Vorsicht. Wer nicht sofort seine Zustimmung gibt, ehrt damit nur den Grundsatz: »Erst denken - dann handeln!« Ich habe immer wieder feststellen können, daß Vater ein gesundes, ausgeglichenes Urteilsvermögen besaß. Wenn ich meine Bitte mit ein paar guten Argumenten untermauern konnte, stellte er mir das ersehnte Ziel fast immer in Aussicht, ganz gleich, ob es sich um eine Ferienreise oder ein neues Motorrad handelte. 6 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Vater hielt bei seinen Kindern auf strenge Disziplin; sich selbst gegenüber war er geradezu spartanisch. So besuchte er z.B. nie das Theater, sondern verbrachte seine Freizeit mit verschiedenartigen geistigen Übungen und dem Studium der Bhagavad-Gita6. Da er jeden Luxus ablehnte, trug er ein altes Paar Schuhe so lange, bis sie ihm von den Füßen fielen. Seine Söhne kauften sich Autos, als diese zum üblichen Verkehrsmittel wurden, doch Vater begnügte sich damit, täglich mit dem Omnibus zum Büro zu fahren. Vater benutzte das Geld nicht als Machtmittel. Als er z.B. die Stadtbank in Kalkutta gegründet hatte, lehnte er es ab, sich selbst am Gewinn zu beteiligen. Er hatte der Öffentlichkeit während seiner Freizeit lediglich einen Dienst erweisen wollen. Mehrere Jahre nach Vaters Pensionierung kam ein Bücherrevisor aus England nach Indien, um die Bücher der Bengal-Nagpur-Eisenbahngesellschaft zu prüfen. Dabei stellte der verblüffte Revisor fest, daß Vater sich nie die fälligen Dividenden hatte auszahlen lassen. »Er hat die Arbeit von drei Personen geleistet«, berichtete der Buchprüfer der Gesellschaft. »Wir schulden ihm noch 125.000 Rupien.« Daraufhin stellte der Schatzmeister Vater einen Scheck über diese Summe aus. Vater aber schenkte der ganzen Angelegenheit so wenig Beachtung, daß er vergaß, sie seiner Familie gegenüber zu erwähnen. Erst viel später entdeckte mein jüngster Bruder Bishnu diese große Summe auf einem Kontoauszug und fragte ihn deswegen. »Warum so viel Aufhebens von materiellem Gewinn machen?« erwiderte Vater. »Wer nach innerem Gleichmut strebt, läßt sich weder vom Gewinn berauschen noch vom Verlust niederdrücken, denn er weiß, daß er ohne einen Pfennig auf die Welt gekommen ist und sie auch ebenso arm wieder verlassen muß.« 6 Diese erhabene Sanskrit-Dichtung, ein Teil des Mahabharata, ist die Bibel der Hindus. Mahatma Gandhi schrieb folgendes über sie: »Wer über die Gita meditiert, wird täglich neue Freude und neue Erkenntnis aus ihr schöpfen. Alle geistigen Zweifel können mit Hilfe der Gita überwunden werden.« 7 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Schon während ihrer ersten Ehejahre wurden meine Eltern Jünger des großen Meisters Lahiri Mahasaya von Benares; diese Verbindung verstärkte noch die asketische Veranlagung meines Vaters. Mutter machte meiner ältesten Schwester Roma gegenüber einmal folgendes bemerkenswerte Geständnis: »Dein Vater und ich schlafen nur einmal im Jahr zusammen, um Kinder zu haben.« Vater begegnete Lahiri Mahasaya zum ersten Male durch Vermittlung von Abinash Babu7, einem Angestellten der Bengal-Nagpur-Eisenbahngesellschaft. Während wir in Gorakhpur wohnten, erzählte mir Abinash Babu vieles aus dem Leben der indischen Heiligen - packende Geschichten, die ich begierig aufnahm. Und jedesmal fügte er einige lobpreisende Worte über seinen eigenen Guru und dessen geistige Größe hinzu. »Hast du jemals erfahren, unter welch außergewöhnlichen Umständen dein Vater ein Jünger Lahiri Mahasayas wurde?« Es war ein schwüler Sommernachmittag, als ich mit Abinash im Garten vor unserem Hause saß und er diese geheimnisvoll lautende Frage an mich richtete. Ich schüttelte den Kopf und sah ihn mit erwartungsvollem Lächeln an. »Vor vielen Jahren, noch ehe du geboren wurdest, bat ich deinen Vater, der mein Vorgesetzter war, mir eine Woche Urlaub zu geben, damit ich meinen Guru in Benares besuchen könne. Dein Vater aber machte sich über mein Vorhaben lustig.« »Willst du etwa ein religiöser Fanatiker werden?« fragte er. »Wenn du es im Leben zu etwas bringen willst, konzentriere dich auf deine Büroarbeit.« Als ich am selben Tag traurig dem Waldrand entlang nach Hause ging, begegnete ich deinem Vater in einer Sänfte. Er entließ seine Diener mitsamt dem Transportmittel und begleitete mich ein Stück zu Fuß. Dabei versuchte er mich zu trösten und mir zu erklären, warum ein Streben nach weltlichem Erfolg so wichtig sei. Doch ich hörte ihm teilnahmslos zu. Mein Herz rief ein übers andere Mal: »Lahiri Mahasaya, ich kann nicht mehr leben, ohne Euch zu sehen!« 7 Babu (Herr) wird in der bengalischen Sprache hinter den Namen gesetzt. 8 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Der Weg führte uns zu einer stillen Wiese mit hochgewachsenem Gras, das von den Strahlen der Abendsonne vergoldet wurde. Auf einmal blieben wir überrascht stehen; denn dort auf dem Felde, nur wenige Meter von uns entfernt, erschien plötzlich die Gestalt meines großen Gurus.8 Wir trauten unseren Ohren kaum, als er mit klarer Stimme sprach: »Bhagabati, du bist zu hart gegen deinen Angestellten!« Genauso geheimnisvoll, wie er gekommen war, entschwand er wieder. Ich fiel auf die Knie und rief: »Lahiri Mahasaya! Lahiri Mahasaya!« Einige Augenblicke lang stand dein Vater bestürzt und regungslos da. Dann sagte er: »Abinash, ich gebe nicht nur dir Urlaub, sondern auch mir selbst, um morgen nach Benares zu fahren. Ich muß diesen großen Lahiri Mahasaya kennenlernen, der die Fähigkeit hat, sich willkürlich zu materialisieren, um für dich Fürsprache einzulegen. Ich will auch meine Frau mitnehmen und den Meister bitten, uns in seinen geistigen Weg einzuweihen. Willst du uns zu ihm führen?« »Selbstverständlich!« sagte ich, tief erfreut über die wunderbare Erhörung meines Gebets und die unerwartet günstige Wendung der Ereignisse. Am nächsten Abend fuhr ich mit deinen Eltern nach Benares. Dort angekommen, nahmen wir am folgenden Morgen ein Pferdefuhrwerk und mußten dann noch zu Fuß durch einige enge Gassen gehen, bis wir das abgelegene Haus meines Gurus erreicht hatten. Wir traten in sein kleines Zimmer und verneigten uns vor dem Meister, der, wie üblich, in der Lotosstellung saß. Er blinzelte uns zu und schaute deinen Vater dann durchdringend an. »Bhagabati, du bist zu hart gegen deinen Angestellten.« Es waren dieselben Worte, die er zwei Tage zuvor auf der dichtbewachsenen Wiese gesprochen hatte. Dann fügte er hinzu: »Ich freue mich, daß du Abinash die Erlaubnis gegeben hast, mich zu besuchen, und daß du ihn mit deiner Frau begleitet hast.« 8 Die außergewöhnlichen Kräfte, über die viele große Meister verfügen, werden im 30. Kapitel -Die Gesetzmäßigkeit des Wunders- erklärt. 9 Meine Eltern und meine früheste Kindheit »Zur Freude deiner Eltern weihte er sie beide in die geistige Technik des Kriya-Yoga9 ein. Seit jenem denkwürdigen Tage verband mich eine innige Freundschaft mit deinem Vater, der nun mein Bruderschüler geworden war. Lahiri Mahasaya nahm besonderen Anteil an deiner Geburt. Zweifellos wird dein Leben mit dem seinen verkettet sein, denn der Segen des Meisters bleibt nie aus.« Lahiri Mahasaya verließ diese Welt, kurz nachdem ich geboren wurde. In allen Wohnungen, die wir im Laufe der Zeit bezogen, schmückte sein Bild im kostbaren Rahmen unseren Familienaltar. Wie oft saßen Mutter und ich morgens und abends vor einem improvisierten Altar, um zu meditieren und unsere in duftende Sandelholzlösung getauchten Blumen dort niederzulegen. Mit Weihrauch und Myrrhe und vor allem mit unserer vereinten Hingabe beteten wir die Gottheit an, die sich uns in solch vollendeter Weise durch Lahiri Mahasaya offenbart hatte. Sein Bild übte einen ungewöhnlich starken Einfluß auf mich aus. Während ich heranwuchs, beschäftigte ich mich innerlich immer tiefer mit dem Meister. Oft, wenn ich meditierte, sah ich sein Bild aus dem kleinen Rahmen heraustreten und in lebendiger Gestalt vor mir sitzen. Sobald ich aber versuchte, die Füße dieses lichten Körpers zu berühren, verwandelte er sich wieder in das Bild. Mit den Jahren wurde das kleine, im Rahmen eingeschlossene Bild Lahiri Mahasayas zu einer lebendigen und erleuchtenden Gegenwart für mich. Oft betete ich in Augenblicken der Anfechtung und Verwirrung zu ihm und fühlte dann jedes mal, wie er mich tröstete und leitete. Zuerst betrübte es mich, daß er nicht mehr in seinem Körper lebte. Doch als ich seine geheime Allgegenwart zu fühlen begann, trauerte ich nicht mehr um ihn. Seinen entfernt lebenden Jüngern, die allzu großen Wert darauf legten, ihn zu besuchen, hatte er oft geschrieben: »Warum wollt ihr euch meinen Körper ansehen, wo ich doch ständig im Bereich eures Kutastha (eurer geistigen Schau) bin?« 9 Kriya-Yoga = eine von Lahiri Mahasaya gelehrte Yoga-Technik, durch die der Mensch den Aufruhr der Sinne stillen und sich immer mehr mit dem Kosmischen Bewußtsein verbinden kann. (Siehe Kapitel 26) 10 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Als ich etwa acht Jahre alt war, erlebte ich eine wunderbare Heilung durch das Bild Lahiri Mahasayas, was meine Liebe zu ihm noch vertiefte. Wir wohnten damals auf unserem Familienbesitz in Ichapur (Bengalen), und ich wurde plötzlich von der asiatischen Cholera befallen. Die Ärzte wußten sich keinen Rat mehr und hatten mich bereits aufgegeben. Doch Mutter, die an meinem Bett saß, bemühte sich verzweifelt, meinen Blick auf das Bild von Lahiri Mahasaya zu lenken, das über meinem Lager hing. »Verneige dich im Geiste vor ihm!« Sie wußte, daß ich zu schwach war, um auch nur meine Hände zum Gruß zu erheben. »Wenn du ihm wirklich deine Hingabe zeigst und in Gedanken vor ihm niederkniest, wirst du am Leben bleiben.« Ich blickte unverwandt auf das Bild und bemerkte plötzlich ein blendendes Licht, das meinen Körper und den ganzen Raum einhüllte. Augenblicklich verschwanden meine Übelkeit und die anderen unkontrollierbaren Krankheitssymptome; ich war gesund! Und sogleich fühlte ich mich kräftig genug, um mich nach vorn zu neigen und in Dankbarkeit Mutters Füße zu berühren; denn es war ihr unerschütterlicher Glaube an den Guru, der mir geholfen hatte. Mehrmals preßte Mutter ihre Stirn gegen das kleine Bild: »O allgegenwärtiger Meister, ich danke Euch, daß Ihr meinen Sohn durch Euer Licht geheilt habt.« Da verstand ich, daß auch sie das blendende Licht wahrgenommen hatte, das mich augenblicklich von dieser meist tödlichen Krankheit geheilt hatte. Diese Photographie gehört zu meinem kostbarsten Besitz. Vater hat sie persönlich von Lahiri Mahasaya geschenkt bekommen; sie ist deshalb besonders geheiligt. Das Bild verdankt seine Entstehung einer wundersamen Fügung, wie ich einst von Kali Kumar Roy, einem Bruderschüler meines Vaters, erfuhr. Allem Anschein nach hatte der Meister eine Abneigung dagegen, photographiert zu werden. Ungeachtet seines Protestes wurde einst eine Gruppenaufnahme gemacht, die ihn im Kreise seiner Jünger - darunter auch Kali Kumar Roy - zeigen sollte. Wie bestürzt war der Photograph jedoch, als er feststellte, daß die Platte zwar das Bild aller Jünger klar wiedergab, jedoch in der Mitte, wo normalerweise die Gestalt Lahiri Mahasayas hätte erscheinen müssen, eine leere Stelle aufwies. Dieses Phänomen wurde überall lebhaft diskutiert. 11 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Einer seiner Schüler aber, Ganga Dhar Babu, der ein erfahrener Photograph war, erklärte recht selbstsicher, daß es ihm bestimmt gelingen werde, die flüchtige Gestalt einzufangen. Am nächsten Morgen, als der Guru im Lotossitz auf einer Holzbank vor einem Wandschirrn saß, erschien Ganga Dhar Babu mit seiner Photoausrüstung. Unter Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln nahm er hastig zwölf Bilder auf. Und auf jeder photographischen Platte erschien die Holzbank und der Wandschirm; doch der Meister fehlte wiederum. Nun war Ganga Dhar Babus Ehrgeiz gebrochen; mit Tränen in den Augen suchte er seinen Guru auf. Erst nach vielen Stunden brach Lahiri Mahasaya sein Schweigen mit der prägnanten Bemerkung: »Ich bin GEIST. Kann deine Kamera das allgegenwärtige Unsichtbare wiedergeben?« »Ich sehe, daß sie es nicht kann, heiliger Meister. Und dennoch sehne ich mich nach einem Bild Eures Körpertempels. Ich gestehe ein, daß meine Sicht begrenzt war und daß ich bis zum heutigen Tage nicht erkannt habe, daß der GEIST voll und ganz in Euch wohnt.« »Komm morgen früh wieder. Dann will ich dir für ein Bild sitzen.« Und wieder stellte der Photograph seinen Apparat ein. Diesmal aber blieb die heilige Gestalt nicht mehr verborgen, sondern erschien deutlich sichtbar auf der Platte. Der Meister hat nie wieder ein anderes Bild von sich machen lassen jedenfalls habe ich keines gesehen. Die
Photographie ist in diesem
Buch abgebildet.10 Lahiri
Mahasayas reine Gesichtszüge von universeller Prägung verraten kaum,
welcher Rasse er angehörte. Sein rätselhaftes Lächeln bringt in
verhaltener Weise die Seligkeit der Gottverbundenheit zum Ausdruck.
Durch seine halbgeöffneten Augen bekundet er ein gewisses Interesse an
dieser Welt; doch diese Augen sind auch halb geschlossen und deuten
damit seine Versunkenheit in die innere Glückseligkeit an. Unberührt
von den armseligen Verlockungen dieser Welt, war er jederzeit bereit,
sich der Wahrheitssucher anzunehmen, die mit ihren Problemen zu ihm
kamen und seinen Segen erbaten.
10 Abzüge von diesen Photos sind von der Self-Realization Fellowship erhältlich. Während seine Besuchs in Indien 1935/36 gab Paramahansa Yogananda einer bengalischen Künstlerin Anweisungen, nach dem Originalphoto von Lahiri Mahasaya ein Gemälde anzufertigen, das er später zu dem Bildnis auserwählte welches in Veröffentlichungen der SRF zu verwenden ist. (Dieses Gemälde hängt in Paramahansa Yoganandas Zimmer im mt. Washington-Ashram.) (Anmerkung des Herausgebers)
Kurz nach meiner Heilung durch das Gurubild hatte ich eine Vision von nachhaltiger Wirkung. Als ich eines Morgens auf meinem Bett saß, verfiel ich in eine tiefe Träumerei. »Was befindet sich hinter dem Dunkel der geschlossenen Augen?- Dieser Gedanke tauchte plötzlich in mir auf und ließ mich nicht mehr los. Und sogleich flammte vor meinem inneren Auge ein gewaltiges Licht auf. Gestalten von Heiligen, die meditierend in ihren Berghöhlen saßen, erschienen gleich Miniatur-Filmbildern auf dem weiten Lichtschirm, der sich hinter meiner Stirn ausbreitete.
»Wir sind die Yogis im Himalaja.« Diese nur schwer zu beschreibende himmlische Antwort ließ mein Herz vor Freude erzittern.
»Ich bin Ishwara11. Ich bin Licht!« Die Stimme klang wie verhallender Donner. »Ich will eins mit Dir werden!« 11 Ishwara = Ein Sanskritname für Gott, den »Herrscher des Kosmos«; aus der Sanskritwurzel is = herrschen. In den heiligen Schriften der Hindus gibt es etwa tausend verschiedene Namen für Gott, von denen jeder eine etwas andere philosophische Bedeutung hat. Gott als Ishwara erschafft durch Seinen Willen alle Universen in planmäßigen Zyklen und löst sie dann wieder auf. 13 Meine Eltern und meine früheste Kindheit Langsam schwand die göttliche Ekstase dahin. Doch sie hinterließ eine brennende Sehnsucht in mir - die Sehnsucht, Gott zu finden. »Er ist immerwährende, ewig neue Freude!« Die Verzückung klang noch lange in mir nach. Eine andere Kindheitserinnerung ist ebenfalls bemerkenswert, und sogar im buchstäblichen Sinne, denn bis zum heutigen Tage habe ich eine Narbe davon zurückbehalten. Meine ältere Schwester Uma und ich saßen eines Morgens unter einem Zedrachbaum unseres Gartens in Gorakhpur. Sie half mir beim Lesen der bengalischen Fibel, hatte es aber nicht leicht mit mir, weil ich meine Augen kaum von den Papageien abwenden konnte, die an den reifen Früchten pickten. Uma klagte über einen Furunkel an ihrem Bein und holte sich eine Dose mit Salbe. Auch ich schmierte mir etwas davon auf den Arm.
»Weil ich fühle, Schwesterlein, daß ich morgen auch einen Furunkel haben werde. Ich probiere deine Salbe an der Stelle aus, wo mein Furunkel herauskommen wird.«
Doch meine Schwester schien wenig beeindruckt und neckte mich noch dreimal auf die gleiche Weise. Da aber erwiderte ich langsam und mit größter Entschlossenheit: »Bei der Kraft meines Willens erkläre ich dir, daß ich morgen genau an dieser Stelle einen ziemlich großen Furunkel haben werde. Und dein Furunkel wird doppelt so groß sein!« Am nächsten Morgen hatte ich tatsächlich einen dicken Furunkel an der bezeichneten Stelle, und Umas Furunkel war um das Doppelte angewachsen. Mit einem Schrei eilte meine Schwester zu Mutter: »Mukunda ist ein Zauberer geworden!« Ernsthaft ermahnte mich Mutter, nie wieder die Kraft des Wortes zu gebrauchen, um anderen Schaden zuzufügen. Ich habe mir ihren Rat sehr zu Herzen genommen und ihn von da an stets befolgt. Mein Furunkel mußte chirurgisch behandelt werden und hinterließ eine sichtbare Narbe. So trage ich an meinem rechten Arm ein ständiges Mahnzeichen, das mich an die Wirksamkeit des menschlichen Wortes erinnert.
Diese einfachen und scheinbar harmlosen Sätze, die ich mit tiefer Konzentration an meine Schwester gerichtet hatte, besaßen so viel verborgene Kraft, daß sie wie Bomben wirkten und wirklichen Schaden anrichteten. Später erkannte ich, daß man die explosive Schwingungskraft des Wortes weise lenken kann, um alle Arten von Hindernissen zu beseitigen, was einem weder Narben noch Vorwürfe einbringt.12 Als unsere Familie nach Labor im Pandschab umzog, erwarb ich dort ein Bild der Göttlichen Mutter Kali13. Es zierte einen einfachen kleinen Altar auf dem Balkon unseres Hauses. Eine unerschütterliche Überzeugung kam über mich, daß an dieser geheiligten Stelle jedes meiner Gebete erhört werde. Eines Tages stand ich dort mit Uma und beobachtete, wie zwei jungen ihre Drachen über die Dächer der beiden gegenüberliegenden Häuser fliegen ließen, die nur durch eine enge Gasse von unserem eigenen Haus getrennt waren.
12 Die unendliche Kraft der Töne entspringt dem Schöpferwort OM, der kosmischen Schwingungskraft, die aller Atomenergie zugrunde liegt. Jedes aus tiefer Erkenntnis und mit großer Konzentration gesprochene Wort hat die Kraft, sich zu verwirklichen. Das laute oder lautlose Wiederholen von inspirierenden Worten hat sich im Coueismus und ähnlichen psychotherapeutischen Systemen als wirkungsvoll erwiesen. Das Geheimnis dieser Methoden besteht in einer Intensivierung der Schwingungen des menschlichen Geistes. 13 Kali ist ein Symbol Gottes, das die ewige Mutter Natur darstellt. 15 Meine Eltern und meine früheste Kindheit In Indien führt man Wettspiele mit Papierdrachen aus, deren Schnüre mit Leim und kleinen Glassplittern bedeckt sind. jeder Spieler versucht, die Schnur, die sein Gegenspieler in der Hand hält, durchzuschneiden. Ein solch freigelassener Drache segelt dann über die Dächer, und es macht großen Spaß, ihn einzufangen. Da Uma und ich auf einem zurückliegenden, überdachten Balkon standen, schien es unmöglich, daß ein frei segelnder Drache in unsere Hände gelangen könnte, denn seine Schnur würde selbstverständlich über dem Dach baumeln. Die Spieler auf der anderen Seite der Gasse begannen ihren Wettkampf. Als die erste Schnur durchschnitten wurde, segelte der Drache sofort in meine Richtung. Und da der Wind plötzlich nachließ, blieb der Drache einen Augenblick lang in der Luft stehen, wobei sich seine Schnur an einer Kaktuspflanze auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses verfing. Dadurch bildete sich eine vortreffliche, lange Schlinge, bei der ich ihn ergreifen konnte. Sogleich reichte ich Uma meinen Preis hin. 16 Meine Eltern und meine früheste Kindheit »Das war nur ein ungewöhnlicher Zufall und keine Antwort auf dein Gebet! Wenn der andere Drache auch zu dir kommt, dann will ich dir glauben.« Doch die erstaunten Augen meiner Schwester verrieten mehr als ihre Worte. Ich setzt, meine intensiven Gebete fort. Als der andere Spieler gewaltsam an seinem Drachen zerrte, machte sich dieser frei, segelte auf mich zu und tanzte vor mir im Wind. Mein bereitwilliger Gehilfe, der Kaktus, knüpfte die Schnur wieder zu einer handlichen Schlinge, und ich überreichte Uma meine zweite Trophäe. »Wahrhaftig, die Göttliche Mutter erhört dich! Das ist mir alles zu unheimlich!« Und meine Schwester floh wie ein erschrecktes Reh davon. 17 Kapitel 02: Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett Top Der sehnlichste Wunsch meiner Mutter war es, meinen älteren Bruder verheiratet zu sehen. »Ach, wenn ich erst das Gesicht von Anantas Frau erblicke, dann habe ich den Himmel auf Erden!« Wie oft hörte ich meine Mutter diese Bemerkung machen, mit der sie das bei den Indern stark ausgeprägte Gefühl für den Fortbestand der Familie zum Ausdruck brachte. Zur Zeit von Anantas Verlobung war ich elf fahre alt. Mutter befand sich damals in Kalkutta, wo sie in großer Vorfreude die Hochzeitsvorbereitungen überwachte. Vater und ich blieben indessen allein in unserem Haus in Barely, im nördlichen Indien, zurück, wohin Vater nach einem zweijährigen Aufenthalt in Labor versetzt worden war. Schon vorher hatte ich, anläßlich der Vermählung meiner beiden älteren Schwestern Roma und Uma, dem prunkvollen Hochzeitszeremoniell beigewohnt, doch die Vorbereitungen für Ananta, den ältesten Sohn, stellten alles bisherige in den Schatten. Mutter begrüßte zahlreiche Verwandte, die täglich aus entfernteren Gegenden in Kalkutta eintrafen, und brachte sie bequem in einem geräumigen, neu erworbenen Haus in der Amherst-Straße Nr. 50 unter. Alles war vorbereitet - die erlesenen Speisen für das Bankett, der festlich geschmückte Thron, auf dem mein Bruder zum Hause seiner Braut getragen werden sollte, die farbenprächtigen Lämpchen, die riesigen Elefanten und Kamele aus Pappe, das englische, schottische und indische Orchester, die Unterhaltungskünstler und die Priester, die den herkömmlichen Ritus vollziehen sollten. Vater und ich waren bereits in Feststimmung und planten, rechtzeitig in Kalkutta einzutreffen, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Doch noch ehe dieser große Tag herangenaht war, hatte ich eine Vision von übler Vorbedeutung. 18
Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett »Wecke deinen Vater!« flüsterte sie mit kaum hörbarer Stimme. »Nehmt den nächsten Zug um 4 Uhr morgens und kommt sofort nach Kalkutta, wenn ihr mich noch sehen wollt!« Damit entschwand die geisterhafte Gestalt. »Vater! Vater! Mutter liegt im Sterben!« Mein entsetzter Ausruf weckte ihn sofort. Schluchzend übermittelte ich ihm die verhängnisvolle Nachricht. »Das war nichts als eine Halluzination!« sagte Vater mit seiner gewohnten ablehnenden Einstellung gegenüber einer neuen Situation. »Deine Mutter erfreut sich bester Gesundheit. Wenn wir morgen irgendwelche schlechten Nachrichten erhalten sollten, fahren wir sofort ab.« »Du wirst es dir nie verzeihen, daß wir nicht sofort abgefahren sind!« rief ich aus und fügte in meiner Herzensnot hinzu: »Und auch ich werde dir nie verzeihen!« Der nächste Morgen brachte uns die traurige Bestätigung: »Mutter in Lebensgefahr. Hochzeit aufgeschoben. Kommt sofort!« Tief bestürzt reisten Vater und ich ab. Auf einem Bahnhof, wo wir umsteigen mußten, trafen wir meinen Onkel, der uns bis dorthin entgegengekommen war. Gerade in diesem Augenblick kam ein Zug mit donnernder Geschwindigkeit auf uns zugerast; ich war innerlich so aufgewühlt, daß ich plötzlich von dem Verlangen erfaßt wurde, mich auf die Schienen zu werfen. Eine innere Gewißheit sagte mir, daß ich meine Mutter bereits verloren hatte, und ohne sie schien mir die Welt auf einmal leer und unerträglich. Mutter war meine innigste Vertraute, der liebste Mensch, den ich auf Erden besaß. Wie oft hatte ich während der kleinen Kümmernisse meiner Kindheit in ihren dunklen Augen Trost und Zuflucht gefunden! Doch ich hielt
inne, um eine letzte Frage an meinen Onkel zu richten: »Lebt sie noch?« 19 Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett Als wir unser Haus in Kalkutta erreicht hatten, standen wir nur noch dem unfaßbaren Geheimnis des Todes gegenüber. Ich verfiel in einen Zustand innerer Erstarrung. Jahre vergingen, ehe ich mich mit diesem Verlust abfinden konnte. In meinem heftigen Schmerz stürmte ich die Tore des Himmels und rief schließlich die Göttliche Mutter herbei. Ihre Worte brachten meiner alten Wunde endgültige Heilung: »Ich war es, die dich Leben um Leben mit der Zärtlichkeit vieler Mütter bewacht hat. In Meinem Blick wirst du die geliebten schwarzen Augen, nach denen du vergeblich suchst, wiederfinden.« Kurz nach der Feuerbestattung meiner geliebten Mutter kehrten Vater und ich nach Barely zurück. Dort machte ich täglich in aller Frühe einen feierlichen Pilgergang zu dem großen Sheoli-Baum, dessen schattige Zweige sich über den sanften, grün-goldenen Rasen vor unserem Bungalow erstreckten. In manch poetischen Augenblicken schien es mir, daß sich die herabfallenden weißen Sheoli-Blüten hingebungsvoll auf den grünen Rasenaltar warfen. Während sich meine Tränen mit den Tautropfen vermischten, bemerkte ich oft ein seltsames, überirdisches Licht, das aus der Dämmerung hervorbrach. Dann ergriff mich jedesmal eine schmerzliche Sehnsucht nach Gott, und ich fühlte mich unwiderstehlich zum Himalaja hingezogen. Um diese Zeit kam einer meiner Vettern, der gerade von einem Aufenthalt in den heiligen Bergen zurückgekehrt war, zu Besuch nach Barely. Begierig lauschte ich seinen Berichten über die Yogis und Swamis1, die in den abgelegenen Bergeshöhlen wohnten. »Laß uns von zu Hause fortlaufen und zum Himalaja wandern!« schlug ich eines Tages dem jungen Sohn unseres Hauswirts, Dwarka Prasad, vor. Doch mein Vorschlag fand wenig Anklang bei ihm. Er verriet mich sogar bei meinem älteren Bruder, der gerade eingetroffen war, um Vater zu besuchen. Anstatt diesen phantastischen Plan eines kleinen jungen mit einem Lächeln abzutun, zog Ananta mich ständig damit auf:
20 Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett Merkwürdigerweise überlief mich bei diesen Worten jedes mal ein Freudenschauer; denn ich sah mich im Geiste als Mönch durch ganz Indien wandern. Vielleicht erweckten seine Worte auch Erinnerungen an ein früheres Leben. Auf jeden Fall wußte ich, mit welcher Selbstverständlichkeit ich das Gewand dieses altbekannten Mönchsordens tragen würde. Eines Morgens, als ich mich mit Dwarka (Sohn des Hauswirts) unterhielt, überkam mich die Liebe zu Gott mit lawinenartiger Gewalt. Mein Gefährte schien wenig beeindruckt von meiner Beredsamkeit; dafür aber lauschte ich meinen eigenen Worten mit um so größerer Begeisterung. Noch am selben Nachmittag unternahm ich einen Fluchtversuch nach Naini-Tal, das am Fuße des Himalaja liegt. Ananta (Bruder) jedoch setzte mir entschlossen nach, und ich mußte traurigen Herzens nach Barely zurückkehren. Die einzige mir vergönnte Wallfahrt bestand aus meinem morgendlichen Gang zum Sheoli-Baum. Sehnsüchtig rief ich nach meinen beiden entschwundenen Müttern: der irdischen und der Göttlichen. Die Lücke, die Mutters Tod in die Familie gerissen hatte, konnte nicht mehr geschlossen werden. Vater heiratete während seiner noch verbleibenden vierzig Lebensjahre nicht wieder. Er war seinen Kindern Vater und Mutter zugleich und wurde zunehmend aufgeschlossener und zärtlicher. Ruhig und einsichtsvoll nahm er sich der verschiedenen Familienprobleme an und zog sich nach seiner Bürotätigkeit stets wie ein Einsiedler in sein Zimmer zurück, um dort in aller Stille und Abgeklärtheit Kriya-Yoga zu üben. Lange Zeit nach Mutters Tod versuchte ich, eine englische Haushälterin einzustellen, um meinem Vater das Leben etwas angenehmer zu gestalten. Doch Vater schüttelte den Kopf: »Mit dem Tode deiner Mutter hat jede persönliche Bedienung für mich aufgehört.« Sein Blick, aus dem lebenslange Treue und Hingabe sprach, ging in weite Ferne. »Ich werde mich von keiner anderen Frau mehr umsorgen lassen.« 21 Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett Vierzehn Monate nach Mutters Heimgang erfuhr ich, daß sie mir eine wichtige Botschaft hinterlassen hatte. Ananta, der an ihrem Sterbebett gewesen war, hatte ihre Worte niedergeschrieben. Obgleich sie ihn gebeten hatte, mir die Botschaft nach einem Jahr zu übermitteln, hatte er länger damit gewartet. Erst kurz bevor er Barely verließ, um in Kalkutta das Mädchen zu heiraten, das Mutter für ihn ausgewählt hatte2, rief er mich eines Abends zu sich. »Mukunda, ich habe bis jetzt gezögert, dir diese seltsame Botschaft zu übermitteln«, sagte er mit leicht resigniertem Unterton, »denn ich fürchtete, daß sie dich in dem Wunsch, von zu Hause fortzulaufen, noch bestärken würde. Doch du brennst vor göttlichem Eifer. Als ich dich kürzlich auf deiner Flucht zum Himalaja einfing, wurde mir klar, daß ich mein feierliches Versprechen nun endlich einlösen muß.« Damit überreichte er mir ein kleines Kästchen und übermittelte mir Mutters Botschaft. »Mein geliebter Sohn Mukunda, diese Worte sollen mein letzter Segen für dich sein«, hatte Mutter gesprochen. »Es ist an der Zeit, dir mehrere ungewöhnliche Ereignisse, die sich nach deiner Geburt zugetragen haben, mitzuteilen. Als du mir zum ersten Mal als Neugeborenes in die Arme gelegt wurdest, wußte ich bereits, welcher Weg dir bestimmt war. Ich trug dich zum Haus meines Gurus in Benares, wurde dort aber von der Menge der Jünger verdeckt, so daß ich Lahiri Mahasaya, der sich in tiefer Meditation befand, kaum sehen konnte. Während ich
dich liebkoste, betete ich, daß der große Guru mich bemerken und dir
seinen besonderen Segen geben möge. Als meine schweigende Bitte immer
intensiver wurde, öffnete er die Augen und bat mich, nach vorn zu
kommen. Die anderen machten mir Platz, so daß ich mich zu seinen
heiligen Füßen herabneigen konnte. Lahiri Mahasaya nahm dich auf seinen
Schoß und legte die Hand auf deine Stirn, wie es bei der geistigen
Taufe geschieht.« 22 Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett »Kleine Mutter, dein Sohn wird ein Yogi und geistiger Führer werden und vielen Seelen den Weg zum Reich Gottes weisen.« Mein Herz jubilierte, als ich durch den allwissenden Guru erfuhr, daß mein heimliches Gebet erhört worden war. Schon kurz vor deiner Geburt hatte er mir gesagt, daß du seinem Weg folgen werdest. Später, mein Sohn, erfuhren deine Schwester Roma und ich von deiner Vision des Großen Lichts, denn wir hatten dich vom Nebenzimmer aus beobachtet, als du regungslos auf deinem Bett saßest. Dein kleines Gesicht leuchtete, und deine Stimme drückte eiserne Entschlossenheit aus, als du davon sprachst, zum Himalaja zu gehen und Gott zu suchen. Auf diese Weise, lieber Sohn, erfuhr ich, daß dein Weg abseits von allem weltlichen Ehrgeiz liegt. Dann aber erhielt ich noch eine weitere Bestätigung, und dieses seltsamste aller Erlebnisse ist es, das mich jetzt auf meinem Totenbett zu dieser Botschaft drängt. Es handelt sich um eine Begegnung mit einem Weisen im Pandschab. Als wir noch in Labor lebten, kam eines Morgens der Diener in mein Zimmer und sagte: »Gnädige Frau, ein fremder Sadhu3 ist hier und verlangt, die »Mutter von Mukunda« zu sprechen.« Diese einfachen Worte berührten mich tief, und ich ging sofort hinaus, um den Besucher zu begrüßen. Als ich mich zu seinen Füßen neigte, fühlte ich, daß dieser Sadhu ein echter Gottgesandter war. 3 Sadhu = ein Einsiedler, der sich der Askese und geistigen Disziplin unterwirft 23 Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett »Mutter, sprach er, die großen Meister lassen dir sagen, daß deine Lebenszeit auf Erden bald abgelaufen ist. Deine nächste Krankheit wird auch deine letzte sein.4« Daraufhin folgte ein längeres Schweigen, während dessen ich jedoch keine Furcht, sondern nur großen Frieden empfand. Schließlich fuhr er fort: »Du sollst ein besonderes Silberamulett in Obhut nehmen, das ich dir heute aber noch nicht geben will. Um die Wahrheit meiner Worte zu beweisen, wird sich der Talisman morgen, während du meditierst, in deinen Händen materialisieren. Auf deinem Totenbett mußt du deinem ältesten Sohn Ananta den Auftrag erteilen, das Amulett ein Jahr lang aufzubewahren und es dann deinem zweiten Sohn zu übergeben. Mukunda wird die Bedeutung des Talismans, der von den großen Meistern kommt, verstehen. Er soll ihn zu der Zeit empfangen, da er bereit ist, allem weltlichen Ehrgeiz zu entsagen und seine Suche nach Gott zu beginnen. Wenn das Amulett nach einigen Jahren seinen Zweck erfüllt hat, wird es wieder entschwinden. Selbst wenn er es in dem entlegensten Versteck aufbewahrt, muß es wieder an seinen Ursprungsort zurückkehren.« Ich bot dem Heiligen Almosen an5 und verneigte mich ehrfürchtig vor ihm. Er segnete mich zum Abschied, nahm meine Gabe jedoch nicht an. Am nächsten Abend, als ich mit gefalteten Händen meditierte, materialisierte sich ein silbernes Amulett zwischen meinen Fingern, genau wie der Sadhu vorausgesagt hatte. Es fühlte sich kühl und glatt an. Über zwei Jahre habe ich es sorgfältig aufbewahrt und übergebe es jetzt Ananta. Trauere nicht um mich, denn ich werde von meinem großen Guru in die Unendlichkeit heimgeführt. Leb wohl, mein Kind! Möge die Kosmische Mutter dich beschützen!« Mit dem Empfang des Amuletts kam eine plötzliche Erleuchtung über mich, und viele schlummernde Erinnerungen wurden wach. Der mit Sanskrit-Zeichen bedeckte, runde Talisman war von seltsamer, altertümlicher Art. Ich wußte, daß er von meinen Lehrern aus vergangenen Leben kam, die unsichtbar meine Schritte lenkten. Auch barg er noch ein anderes Geheimnis, das ich hier jedoch nicht enthüllen darf.6 Wie der Talisman schließlich in einer für mich besonders schweren Zeit wieder verschwand und wie sein Verlust das Nahen meines Gurus ankündigte, soll in diesem Kapitel noch nicht berichtet werden. 4 Als ich durch diese Worte meiner Mutter erfuhr, daß sie geheime Kenntnis von ihrem frühzeitigen Tod gehabt hatte, verstand ich zum ersten Mal, warum sie sich so sehr mit den Hochzeitsvorbereitungen für Ananta beeilt hatte. Als Mutter hatte sie den natürlichen Wunsch gehabt, dem Hochzeitszeremoniell beizuwohnen, was ihr allerdings nicht mehr vergönnt war. 5 Ein Brauch, der die Achtung vor den Sadhus zum Ausdruck bringt. 6 Das Amulett war astraler Herkunft; und da solche Gegenstände, organisch gesehen, nur von vorübergehender Dauer sind, müssen sie schließlich wieder von der Erde zurückgezogen werden. (Siehe Kapitel 43) 24 Der Tod meiner Mutter und das geheimnisvolle Amulett Doch der kleine Junge, dessen Pläne, zum Himalaja zu gelangen, ständig durchkreuzt wurden, reiste auf den Flügeln des Amuletts täglich in weite Fernen. Der Talisman war mit einem Mantra (einem heiligen Vers) beschriftet. Nirgendwo ist die Macht der Töne und der menschlichen Stimme (Vach) so gründlich erforscht worden wie in Indien. So hat z.B. die Om-Schwingung, die das ganze Universum durchdringt (das »Wort« oder das »große Wasserrauschen«, das in der Bibel erwähnt wird), drei Manifestationen oder Gunas: die der Schöpfung, die des Fortbestands und die des Untergangs (Taittiriya-Upanishad 1, 8). Bei einem jeden Wort, das man ausspricht, kommt eine der drei Eigenschaften des Om zur Wirkung. Dies ist der tiefere Grund für das in allen heiligen Schriften enthaltene Gebot, daß der Mensch die Wahrheit sprechen soll. Bei korrekter Aussprache sandte das Sanskrit-Mantra des Amuletts eine machtvolle geistige Schwingung aus. Das vorbildlich aufgebaute Sanskrit-Alphabet besteht aus 50 Buchstaben, von denen jeder eine feststehende, unveränderliche Aussprache hat. George Bernard Shaw schrieb in seiner geistreichen Art eine Abhandlung über das auf dem Lateinischen aufgebaute und phonetisch unzulängliche englische Alphabet, in welchem sich 26 Buchstaben vergeblich bemühen, den vielen Lauten gerecht zu werden. Mit seiner üblichen Kompromißlosigkeit (»Selbst wenn die Einführung eines neuen Alphabets für die englische Sprache einen Bürgerkrieg auslösen sollte .... würde ich es nicht bedauern.«) dringt Bernard Shaw darauf, ein neues Alphabet mit 42 Buchstaben einzuführen. (Siehe sein Vorwort zu Wilsons The Miraculous Birth of Language, Philosophical Library, New York) Ein solches Alphabet würde annähernd dem phonetisch einwandfreien Sanskrit-Alphabet entsprechen, das mit seinen 50 Buchstaben jede falsche Aussprache verhindert. Ein Fund von Siegeln im Indus-Tal hat verschiedene Gelehrte dazu veranlaßt, die bisher bestehende Theorie, Indien habe sein Sanskrit-Alphabet semitischen Quellen »entliehen«, fallenzulassen. Vor kurzem sind einige große Hindu-Städte bei Mohenjo Daro und Harappa ausgegraben worden. Sie zeugen von einer Hochkultur, »welche eine weit zurückliegende Geschichte auf indischem Boden gehabt haben muß und uns in eine entlegene Epoche zurückführt, deren Datum nur vermutet werden kann.« (Sir John Marshall; aus seinem Buch Mohenio-Daro and the Indus Civilization, 1931)
Wenn die Theorie der Hindus über eine seit ältester Vorzeit bestehende menschliche Kultur auf diesem Planeten stimmt, so erklärt sich daraus auch, daß Sanskrit als älteste Sprache der Welt die vollkommenste ist. »Abgesehen von seinem Alter«, bemerkte Sir William Jones, der Gründer der Asiatischen Gesellschaft, »besitzt das Sanskrit eine bewundernswerte Struktur, die vollkommener als das Griechische und umfassender als das Lateinische ist und an Ausdrucksfeinheit beide übertrifft.« »Seit der Wiederbelebung des Studiums der Antike«, heißt es in der Encyclopedia Americana, »hat es kein Ereignis in der Kulturgeschichte gegeben, dem eine ähnliche Bedeutung zukommt wie der Wiederentdeckung des Sanskrit (durch abendländische Gelehrte) in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Sprachwissenschaft, die vergleichende Grammatik und Mythologie sowie die Religionswissenschaft verdanken ihr Entstehen alle der Entdeckung des Sanskrit oder wurden zumindest weitgehend vom Studium des Sanskrit beeinflußt.«
»Vater, wenn ich dir verspreche, bestimmt wieder nach Hause zurückzukommen, darf ich dann eine Besichtigungsreise nach Benares machen?« Vater hatte stets Verständnis für meine große Reiselust und ließ mich schon als kleinen Jungen viele Städte und Pilgerorte besuchen, wobei ich gewöhnlich von einigen meiner Freunde begleitet wurde. Seine Stellung als Eisenbahnbeamter kam der wanderlustigen Familie nicht wenig zugute, denn er besorgte uns jedesmal Fahrkarten erster Klasse, die uns ein angenehmes Reisen ermöglichten. Vater versprach also, sich meine Bitte zu überlegen. Am nächsten Tag rief er mich zu sich und überreichte mir eine Rückfahrkarte nach Benares, einige Rupienscheine und zwei Briefe. »Ich habe einem meiner Freunde aus Benares, Kedar Nath Babu, ein berufliches Angebot zu machen, habe aber leider seine Adresse verlegt. Doch ich hoffe, daß du ihm diesen Brief durch unseren gemeinsamen Freund Swami Pranabananda zustellen lassen kannst. Der Swami ist mein Bruderschüler und hat eine hohe geistige Entwicklungsstufe erreicht, so daß du von seiner Bekanntschaft profitieren wirst. Der zweite Brief soll dir als Einführungsschreiben dienen.« Dann fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu: »Aber nicht mehr von zu Hause durchbrennen, verstanden?« Ich machte mich mit der Begeisterung meiner zwölf Jahre auf den Weg (wenn auch das Alter meine Freude an neuen Schauplätzen nicht gemindert hat). In Benares angekommen, suchte ich sofort das Haus des Swamis auf. Die Eingangstür stand offen, und so ging ich hinein und stieg zum ersten Stockwerk empor, wo ich einen länglichen, saalähnlichen Raum betrat. Dort erblickte ich auf einer Estrade einen stämmigen Mann im Lotossitz. Er war nur mit einem Lendentuch bekleidet, hatte einen kahlen Kopf und ein faltenloses, glatt rasiertes Gesicht. Ein glückseliges Lächeln spielte um seine Lippen. Er begrüßte mich sofort wie einen alten Freund und zerstreute damit meine Bedenken, daß ich ihn gestört haben könnte. 29 Der Heilige mit den zwei Körpern
Dann brach der Heilige die Unterhaltung plötzlich ab und verfiel in eine feierliche Starre, wobei sein Ausdruck etwas Sphinxhaftes annahm. Zuerst glänzten seine Augen, als ob sie etwas Interessantes beobachteten, und wurden dann ausdruckslos. Sein Schweigen brachte mich in Verlegenheit, denn bis jetzt hatte er mir noch nicht gesagt, wo ich Vaters Freund finden würde. Leicht beunruhigt schaute ich mich in dem kahlen Raum um, in dem sich außer uns beiden niemand befand. Schließlich blieb mein Blick an seinen hölzernen Sandalen hängen, die vor der Estrade lagen. 30 Der Heilige mit den zwei Körpern
Wiederum verfiel er in unergründliches Schweigen. Als meine Taschenuhr anzeigte, daß dreißig Minuten vergangen waren, erhob sich der Swami plötzlich. »Ich glaube, Kedar Nath Bahn nähert sich der Tür«, sagte er. Gleich darauf hörte ich jemanden die Treppe heraufkommen und war auf einmal völlig verwirrt. Meine Gedanken jagten wild durcheinander: »Wie kommt es, daß Vaters Freund ohne irgendeinen Boten hierher gerufen wurde? Der Swami hat seit meiner Ankunft doch zu niemandem als mir gesprochen!« Augenblicklich verließ ich den Raum und lief die Stufen hinunter. Auf halbem Wege begegnete ich einem hageren Mann von mittlerer Größe und heller Hautfarbe, der sehr in Eile zu sein schien. »Seid Ihr Kedar Nath Babu?« fragte ich mit erregter Stimme.»Ja. Bist du etwa Bhagabatis Sohn, der hier auf mich gewartet hat?« fragte er, indem er mich freundlich anlächelte. »Wie kommt Ihr hierher, Sir?« Seine unerklärliche Anwesenheit verwirrte mich und rief leichten Unwillen in mir hervor. »Heute geschehen lauter geheimnisvolle Dinge. Vor einer knappen Stunde, als ich gerade mein Bad im Ganges genommen hatte kam Swami Pranabananda auf mich zu. Ich habe keine Ahnung, woher er wissen konnte, daß ich mich dort befand. »Bhagabatis Sohn wartet in meiner Wohnung auf dich«, sagte er. »Willst du mit mir kommen?« Ich stimmte freudig zu. Doch als wir Hand in Hand vorwärtsgingen, konnte ich zu meinem Erstaunen kaum Schritt mit dem Swami halten, obgleich er schwere Holzsandalen an den Füßen hatte und ich diese festen Wanderschuhe trage. 1 Choto Mahasaya (wörtlich: »Kleiner Herr«). So wurde ich von mehreren indischen Heiligen angeredet. 31 Der Heilige mit den zwei Körpern
»Wir sind uns im vorigen Jahr ein paar mal begegnet, aber nicht in letzter Zeit. Darum habe ich mich sehr gefreut, ihn heute am Bade-Ghat wiederzusehen.« »Entweder höre ich nicht richtig - oder ich verliere den Verstand! Seid Ihr ihm in einer Vision begegnet, oder habt ihr ihn tatsächlich gesehen, seine Hand angefaßt und seine Schritte gehört?« »Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst«, sagte er, indem er vor Ärger leicht errötete, »ich lüge doch nicht! Siehst du das denn nicht ein: nur durch den Swami konnte ich doch erfahren, daß du hier auf mich wartest.« »Aber, dieser Mann, Swami Pranabananda, hat sich nicht einen Augenblick lang von der Stelle gerührt, seit ich vor etwa einer Stunde ankam.« Und dann platzte ich mit der ganzen Geschichte heraus und wiederholte ihm unsere Unterhaltung. Mit weit geöffneten Augen hörte er mir zu. »Leben wir wirklich in diesem materiellen Zeitalter, oder träumen wir? Nie habe ich gedacht, daß ich einmal Zeuge eines solchen Wunders sein würde. Ich hielt diesen Swami nur für einen durchschnittlichen Menschen und sehe nun, daß er einen zweiten Körper materialisieren und durch ihn wirken kann.« Gemeinsam betraten wir das Zimmer des Heiligen. Kedar Nath Babu wies auf die Holzsandalen, die vor der Estrade lagen.
32 Der Heilige mit den zwei Körpern Als sich der Besucher vor ihm verneigte, lächelte der Heilige mir belustigt zu. »Warum bist du über all dies so verblüfft? Die verborgene Einheit aller Dinge, die zur Welt der Erscheinungen gehören, hat für den echten Yogi nichts Geheimnisvolles an sich. Ich kann z.B. jederzeit meine Jünger im entfernten Kalkutta sehen und mich mit ihnen unterhalten. Und sie können auf ähnliche Weise jedes grobstoffliche Hindernis überwinden.« Wahrscheinlich wollte der Swami ein geistiges Feuer in meinem Herzen entfachen und hatte sich deshalb herabgelassen, mir etwas von seinen astralen Fähigkeiten (dem Hellsehen und Hellhören)2 zu erzählen. Statt Begeisterung empfand ich jedoch nur ehrfürchtige Scheu. Da es mir bestimmt war, Gott mit Hilfe eines anderen Gurus - Swami Sri Yukteswar, dem ich noch nicht begegnet war - zu finden, verspürte ich keinerlei Neigung, Pranabananda als meinen Lehrer anzunehmen. Zweifelnd blickte ich zu ihm auf und fragte mich, ob er es wirklich selbst sei oder nur sein Doppelgänger. 2 Die Naturwissenschaften bestätigen auf ihre eigene Weise die Gültigkeit jener Gesetze, die von den Yogis auf dem Wege der Geisteswissenschaften entdeckt wurden. So hat man z.B. am 26. November 1934 an der Königlichen Universität zu Rom den Beweis geliefert, daß der Mensch über Fernsehkräfte verfügt. »Dr. Guiseppe Calligaris, Professor der Neurologie und Psychologie, übte auf verschiedene Stellen des menschlichen Körpers einen Druck aus, worauf die betreffende Versuchsperson eine genaue und ausführliche Beschreibung von Personen und Gegenständen abgeben konnte, die sich jenseits der Wand befanden. Dr. Calligaris erklärte den anwesenden Professoren, daß die Versuchsperson in dem Augenblick, da gewisse Hautstellen gereizt werden, übersinnliche Eindrücke empfängt, die sie dazu befähigen, auch außer Sichtweite liegende Gegenstände zu erblicken. Um die Versuchsperson in die Lage zu versetzen, Dinge jenseits der Wand zu erkennen, drückte Prof. Calligaris ungefähr 15 Minuten lang auf eine Stelle rechts des Brustkorbs. Dr. Calligaris erklärte ferner, daß die Versuchspersonen - sobald gewisse Stellen des Körpers gereizt werden - Gegenstände aus jeglicher Entfernung erkennen können, ganz gleich, ob sie sie vorher gesehen haben oder nicht.« 33 Der Heilige mit den zwei Körpern Der Meister versuchte, meine Bedenken zu zerstreuen, indem er mir einen seelenvollen Blick zuwarf und mit Begeisterung einiges über seinen Guru zu erzählen begann. »Lahiri Mahasaya war der größte Yogi, dem ich je begegnet bin. Er war die fleischgewordene Gottheit.« Wenn sogar sein Jünger willentlich einen zweiten Körper materialisieren kann, dachte ich bei mir, welches Wunder gibt es dann, das der Meister nicht vollbringen könnte? »Ich will dir sagen, wie unvergleichlich die Hilfe eines Gurus ist. Damals pflegte ich gemeinsam mit einem anderen Jünger jede Nacht acht Stunden zu meditieren; tagsüber arbeiteten wir in einem Büro der Eisenbahngesellschaft. Mir fiel es jedoch schwer, mich auf meine berufliche Tätigkeit zu konzentrieren; ich sehnte mich danach, meine ganze Zeit nur noch Gott zu widmen. Acht Jahre lang hielt ich es so aus und meditierte die halben Nächte lang. Ich hatte wunderbare Ergebnisse und unbeschreibliche göttliche Wahrnehmungen. Doch immer noch lag ein dünner Schleier zwischen mir und dem Unendlichen. Selbst bei übermenschlicher Anstrengung blieb mir die letzte, unwiderrufliche Vereinigung versagt. Eines Abends suchte ich Lahiri Mahasaya auf und bat ihn um seine göttliche Fürsprache. Die ganze Nacht hindurch ließ ich in meinem Flehen nicht nach.« 34 Der Heilige mit den zwei Körpern »Engelhafter Guru, meine seelische Qual ist so groß, daß ich das Leben so nicht länger ertragen kann; ich muß dem Göttlichen Geliebten von Angesicht zu Angesicht begegnen.« »Was kann ich da tun? Du mußt eben tiefer meditieren.« »Ich flehe Euch an, mein Gott und Meister, der Ihr in materialisierter, körperlicher Gestalt vor mir sitzt. Segnet mich, damit ich Euch in Eurer unendlichen Form erblicke!« Da streckte Lahiri Mahasaya mit segnender Geste die Hand aus. »Geh jetzt und meditiere. Ich habe bei Brahma3 Fürsprache für dich eingelegt.« »Erhobenen Geistes kehrte ich nach Hause zurück. In der Meditation dieser Nacht erreichte ich das brennend ersehnte Ziel meines Lebens: nun erfreue ich mich ununterbrochen meiner geistigen Pension. Seit jenem Tage hat sich der segensreiche Schöpfer nie wieder hinter dem Schleier der Täuschung vor mir verborgen gehalten.« Pranabanandas Antlitz erstrahlte in einem überirdischen Glanz. Der Friede einer anderen Welt drang in mein Herz, und alle Furcht war verflogen. Da vertraute mir der Heilige noch etwas an: Einige Monate später kehrte ich zu Lahiri Mahasaya zurück, um ihm für sein großes Gnadengeschenk zu danken. Dabei brachte ich ein anderes Problem zur Sprache:
3 Brahma = Gott in Seiner Eigenschaft als Schöpfer; von der Sanskritwurzel brih = sich ausdehnen. Als im Jahre 1857 Emersons Gedicht »Brahma«, im Atlantic Monthly erschien, waren die meisten Leser befremdet. Emerson aber bemerkte erheitert: »Sie sollen Jehovah« anstatt »Brahma« sagen, dann werden sie sich nicht weiter wundern.« 35 Der Heilige mit den zwei Körpern
Am nächsten Tage stellte ich meinen Antrag. Der Arzt fragte mich nach dem Grund meines vorzeitigen Ersuchens. »Mitten bei der Arbeit habe ich öfters eine überwältigende Empfindung in der Wirbelsäule, die bis in den Kopf hinaufsteigt.4 Mein ganzer Körper wird davon erfaßt, so daß ich meine Arbeit abbrechen muß.« »Ohne jede weitere Frage stellte mir der Arzt eine Bescheinigung aus, in der er dringend meine Pensionierung empfahl, die man mir auch bald darauf gewährte. Ich weiß, daß der Arzt und die Eisenbahnbeamten - darunter dein Vater - durch den göttlichen Willen Lahiri Mahasayas gelenkt wurden. Sie folgten automatisch dem geistigen Befehl des großen Gurus und gaben mir somit die Gelegenheit, in ständiger Vereinigung mit dem Göttlichen Geliebten zu leben.« 4 Die erste Berührung mit dem GEIST findet - während tiefer Meditation - in der Wirbelsäule und später auch im Gehirn statt. Die plötzlich erlebte Glückseligkeit ist überwältigend, doch der Yogi lernt, ihre äußeren Symptome zu beherrschen. Als ich Pranabananda begegnete, war dieser schon ein erleuchteter Meister. Doch seine berufliche Laufbahn hatte er viele Jahre vorher beendet, als er den höchsten Zustand des Nirvikalpa-Samadhi noch nicht erreicht hatte. In diesem höchsten, unwiderruflichen Bewußtseinszustand fällt es dem Yogi nicht mehr schwer, seine irdischen Pflichten zu erfüllen. Nach seiner Pensionierung schrieb Pranabananda die Pranabgita, einen tiefgründigen Kommentar zur Bhagavad-Gita, der in Hindi und Bengali erschienen ist. Die Fähigkeit, in mehr als einem Körper zu erscheinen, ist ein Siddhi (eine durch Yoga erlangte Fähigkeit), das in Patanjalis Yoga-Sutras erwähnt wird. Das Phänomen, gleichzeitig in zwei Körpern zu erscheinen, ist seit Jahrhunderten bei vielen Heiligen beobachtet worden. In dem Buch über Therese Neumann von A.P. Schimberg wird verschiedentlich berichtet, wie diese große christliche Heilige der Neuzeit vor entfernt lebenden Personen, die ihrer Hilfe bedurften, erschienen ist und mit ihnen gesprochen hat. 36 Der Heilige mit den zwei Körpern Nach dieser ungewöhnlichen Enthüllung zog sich Swami Pranabananda wieder in längeres Schweigen zurück. Als ich zum Abschied ehrfurchtsvoll seine Füße berührte, segnete er mich. »Du wirst den Weg des Yoga und der Entsagung gehen. Später werde ich dich mit deinem Vater wiedersehen.« Beide Voraussagen haben sich nach Jahren erfüllt5. Bei einbrechender Dunkelheit machte ich mich mit Kedar Nath Babu auf den Heimweg und übergab ihm Vaters Brief, den er unter einer Straßenlaterne las. »Dein Vater schlägt mir vor, einen Büroposten bei der Eisenbahngesellschaft in Kalkutta anzunehmen. Wie schön wäre es, sich wenigstens schon auf eine der Pensionen, die Swami Pranabananda genießt, freuen zu können. Aber es geht nicht, ich kann Benares unmöglich verlassen. Und über einen zweiten Körper verfüge ich leider noch nicht.« 5 Siehe Kapitel 27
»Verlass den Klassenraum unter irgendeinem Vorwand, nimm eine Droschke und laß in der Gasse halten - aber so, daß niemand dich von unserem Haus aus sehen kann!« So lauteten meine letzten Anweisungen an meinen Schulfreund Amar Mitter, der die Absicht hatte, mich zum HimaIaja zu begleiten. Unsere Flucht war für den folgenden Tag geplant; doch wir mußten vorsichtig zu Werke gehen, da mein Bruder Ananta mich stets im Auge behielt. Er hegte den berechtigten Verdacht, daß ich mich eifrig mit Fluchtplänen beschäftigte, und wollte diese unbedingt durchkreuzen. Das Amulett hatte bereits seine Wirkung auf mich ausgeübt und begann eine Art geistiger »Gärung« in mir hervorzurufen. In den schneebedeckten Bergen des Himalaja hoffte ich dem Meister zu begegnen, der mir so oft in meinen Visionen erschienen war. Unsere Familie lebte jetzt in Kalkutta, wo Vater eine Dauerstellung erhalten hatte. Dem patriarchalischen indischen Brauch zufolge wohnte Ananta mit seiner Frau in unserem Haus an der Garparstraße. Dort meditierte ich täglich in einem kleinen Mansardenzimmer, um mich geistig auf die Suche nach Gott vorzubereiten. Der denkwürdige Morgen war gekommen und brachte als böses Omen einen starken Regenguß. Sowie ich die Räder der Pferdedroschke auf der Straße hörte, band ich geschwind ein Paar Sandalen, zwei Lendentücher, eine Gebetskette, Lahiri Mahasayas Bild und meine Bhagavad-Gita in eine Decke zusammen und warf das Bündel aus meinem im zweiten Stockwerk gelegenen Fenster hinab. Dann lief ich die Treppe hinunter und stürzte an meinem Onkel vorbei, der gerade an der Tür Fische einkaufte.
»Warum so aufgeregt?« fragte er, indem er mich argwöhnisch musterte. Ich lächelte ihn möglichst harmlos an und trat auf die Gasse hinaus, wo ich mein Bündel aufnahm und mich, vorsichtig wie ein Verschwörer, Amar näherte. Unser erstes Ziel war Chandni Chauk, das Einkaufszentrum. Schon seit Monaten hatten wir unser Taschengeld gespart, um uns englische Kleidung kaufen zu können. Da ich wußte, daß mein schlauer Bruder sehr gut den Detektiv spielen konnte, wollten wir ihn durch die europäische Kleidung überlisten. Auf dem Weg zum Bahnhof holten wir meinen Vetter Jotin Ghosh ab (genannt Jatinda), der ein Neubekehrter war und sich ebenfalls nach einem Guru im Himalaja sehnte. Wir überreichten ihm seinen neuen Anzug, in den er sogleich hineinschlüpfte. Nun glaubten wir, gut getarnt zu sein, und ein stolzes Triumphgefühl bemächtigte sich unser. »Alles, was wir noch brauchen, sind Leinenschuhe«, sagte ich und führte meine Gefährten zu einem Geschäft, in dem Schuhe mit Gummisohlen ausgestellt waren. »Lederartikel, die durch das Schlachten von Tieren gewonnen werden, dürfen nicht auf diese heilige Reise mitgenommen werden.« Damit blieb ich auf der Straße stehen, um den Ledereinband von meiner Bhagavad-Gita und den Lederriemen von meinem Sola Topi (englischen Tropenhelm) abzunehmen. Auf dem Bahnhof kauften wir uns Fahrkarten nach Burdwan, von wo aus wir nach Hardwar, das am Fuße des Himalaja liegt, weiterfahren wollten. Sobald sich der Zug in voller Fahrt befand, begann ich meinen Gefährten von all dem Wunderbaren zu erzählen, das uns erwartete. »Stellt euch nur vor.., rief ich aus, bald werden wir von den Meistern eingeweiht und dürfen die Ekstase des kosmischen Bewußtseins erleben! Dann wird unser Körper von einem so starken Magnetismus erfüllt, daß die wilden Tiere in unserer Gegenwart ganz zahm werden. Die Tiger sind dann unsere Hauskatzen und lassen sich von uns streicheln!« Dieses
Zukunftsbild, das mich buchstäblich in Entzücken versetzte, brachte mir
von Amar ein begeistertes Lächeln ein. Doch Jatinda wandte den Blick ab
und schaute durch das Fenster auf die vorbeisausende Landschaft. 39 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Wir wollen unser Geld in drei Teile teilen«, schlug Jatinda nach einem längeren Schweigen vor. »Jeder von uns kauft sich seine Fahrkarte in Burdwan selbst; dann schöpft niemand auf dem Bahnhof Verdacht, daß wir zusammen fortgelaufen seien.« Arglos stimmte ich zu. Bei Einbruch der Dämmerung traf unser Zug in Burdwan ein. Jatinda ging als erster ins Fahrkartenbüro, während Amar und ich auf dem Bahnsteig sitzen blieben. Wir warteten eine Viertelstunde lang und begannen dann, nach ihm Ausschau zu halten - doch vergeblich! Verzweifelt riefen wir seinen Namen in alle Himmelsrichtungen; aber er schien von der geheimnisvollen Dunkelheit, die den kleinen Bahnhof umgab, verschluckt worden zu sein. Ich war derart erschüttert, daß ich innerlich vollkommen erstarrte. Wie konnte Gott nur ein solch tragisches Ereignis zulassen! Das romantische Abenteuer meiner ersten, sorgfältig geplanten Flucht, die mich zu Ihm führen sollte, schien plötzlich auf grausame Weise zunichte gemacht. »Amar, wir müssen nach Hause fahren«, sagte ich und begann zu weinen wie ein Kind. »Jatindas treuloses Verschwinden ist ein böses Vorzeichen. Diese Reise ist zum Scheitern verurteilt.« »Ist das deine Liebe zu Gott? Kannst du nicht mal diese kleine Prüfung bestehen, die Gott dir durch einen treulosen Freund auferlegt?« Amars Bemerkung, wir hätten lediglich eine göttliche Prüfung zu bestehen, festigte mich wieder einigermaßen. Wir stärkten uns mit den berühmten Burdwaner Süßwaren, Sitabhog (Nahrung für die Göttin) und Motichur (Klümpchen süßer Perlen), und fuhren nach einigen Stunden über Barely nach Hardwar weiter. Als wir am folgenden Tag in Moghul-Serai umsteigen mußten, besprachen wir auf dem Bahnsteig eine wichtige Angelegenheit. »Amar, es kann sein, daß wir bald von irgendeinem Eisenbahnbeamten ins Verhör genommen werden. Ich unterschätze nämlich die Findigkeit meines Bruders nicht. Aber ganz gleich, was dabei herauskommt, die Unwahrheit sage ich nicht!« 40
Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Alles, was ich von dir verlange, Mukunda, ist, daß du dich ruhig verhältst und weder lachst noch grinst, während ich spreche.« In diesem Augenblick kam bereits ein europäischer Bahnhofsbeamter auf mich zu und schwenkte ein Telegramm in der erhobenen Hand, dessen Herkunft ich sofort erraten konnte. »Habt ihr Streit zu Hause gehabt, daß ihr fortgelaufen seid?« »Nein!« Ich war froh, daß die Art seiner Fragestellung mir erlaubte, diese bestimmte Antwort zu geben. Kein Streit hatte mich veranlaßt, auf diese unkonventionelle Art fortzulaufen, sondern nur »göttlichste Melancholie«, das wußte ich. Daraufhin wandte sich der Beamte an Amar. Es fiel mir schwer, während des folgenden geistreichen Wortgefechts ernst zu bleiben und die vorgeschriebene stoische Ruhe zu bewahren. »Wo ist der dritte junge?« fragte der Mann, indem er seine Stimme mit voller Autorität erschallen ließ. »Komm schon und sag die Wahrheit!« »Sir, ihr tragt doch eine Brille. Könnt Ihr nicht sehen, daß wir nur zwei sind?« antwortete Amar mit frechem Lächeln. »Ich bin leider kein Magier und kann daher keinen dritten jungen herbeizaubern!« Sichtlich verwirrt durch dieses dreiste Verhalten, suchte der Beamte nach einem neuen Angriffspunkt. »Wie heißt du?« »Ich heiße Thomas und bin der Sohn einer englischen Mutter und eines zum Christentum bekehrten indischen Vaters.«
»Ich nenne ihn Thompson.« Bei diesen Worten hatte meine innere Heiterkeit ihren Höhepunkt erreicht; ich wandte mich eiligst ab und ging auf den Zug zu, der - wie durch ein Eingreifen der Vorsehung! - bereits zur Abfahrt pfiff. Amar folgte mit dem Beamten, der in seiner Leichtgläubigkeit so zuvorkommend war, uns in ein europäisches Abteil zu stecken. Offensichtlich tat es ihm weh, zwei halb-englische Jungen in einem Abteil für Eingeborene reisen zu sehen. Nachdem er sich höflich verabschiedet hatte, warf ich mich in den Sitz zurück und lachte aus vollem Halse. Amars Gesicht drückte unverhohlene Befriedigung aus, weil es ihm gelungen war, einen erfahrenen europäischen Beamten hinters Licht zu führen. 41 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja Auf dem Bahnsteig hatte ich es fertiggebracht, das Telegramm, das von meinem Bruder Ananta kam, zu entziffern. Es lautete wie folgt: »Drei bengalische Jungen in englischer Kleidung nach Hardwar via Moghul-Serai geflohen. Bitte sie bis zu meiner Ankunft festzuhalten. Großzügige Belohnung für Ihre Dienste.« »Amar, ich hatte dir ausdrücklich gesagt, daß du den unterstrichenen Fahrplan nicht zu Hause liegenlassen sollst«, sagte ich mit vorwurfsvollem Blick. »Mein Bruder muß ihn dort gefunden haben.« Schuldbewußt gab mein Freund sein Versehen zu. Der Zug hielt kurz in Barely, wo Dwarka Prasad (Sohn des Hauswirts) uns mit einem Telegramm von Ananta erwartete. Dwarka tat sein möglichstes, uns zurückzuhalten; doch ich überzeugte ihn davon, daß wir unsere Flucht nicht aus Unbesonnenheit unternommen hatten. Als ich ihn jedoch aufforderte, mit uns zum Himalaja zu kommen, schlug er es, genau wie damals, ab. In der folgenden Nacht, als unser Zug auf dem Bahnhof stand und ich schon halb eingeschlafen war, wurde Amar wieder von einem Beamten geweckt und ausgefragt. Aber auch dieser wurde ein Opfer der hybriden Zauberformel von »Thomas und Thompson«. Bei Morgengrauen fuhren wir siegreich in Hardwar ein, wo die majestätischen Berge uns einladend aus der Ferne grüßten. Eilig stürzten wir aus dem Bahnhof hinaus ins Freie und mischten uns unter die Menschenmenge. Zuallererst legten wir wieder einheimische Kleider an, da Ananta auf irgendeine Weise hinter das Geheimnis unserer europäischen Verkleidung gekommen sein mußte. Dennoch lastete ein schwerer seelischer Druck auf mir; ich hatte bereits eine Vorahnung von dem, was kommen würde. 42 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja Wir hielten es für ratsam, Hardwar sofort zu verlassen und kauften uns daher Fahrkarten nach dem weiter nördlich gelegenen Rishikesh, das seit jeher durch die Fußspuren vieler Meister geheiligt worden ist. Ich war bereits in den Zug gestiegen, als Amar noch auf dem Bahnsteig einherschlenderte und plötzlich von einem Polizisten angerufen wurde. Gleich darauf führte der unwillkommene Beamte uns beide zum Bungalow der Polizeiwache, wo er uns unser Geld abnahm und höflich erklärte, daß es seine Pflicht sei, uns bis zur Ankunft meines älteren Bruders festzuhalten. Als der Beamte erfuhr, daß wir beiden Ausreißer vorgehabt hatten, zum Himalaja zu fliehen, erzählte er uns eine seltsame und fesselnde Geschichte. Ihr brennt also darauf, den Heiligen zu begegnen. Aber ich sage euch, daß ihr gewiß keinem heiligeren Mann begegnen könnt als dem, den ich erst gestern aufgesucht habe. Vor fünf Tagen sah ich ihn, zusammen mit einem Kameraden, zum ersten Mal. Wir patrouillierten den Ganges entlang, um Ausschau nach einem Mörder zu halten, der sich als Sadhu verkleidet hatte, um die Pilger auszurauben. Unser Befehl lautete, ihn tot oder lebendig zu fangen. Plötzlich erblickten wir nicht weit von uns entfernt eine Gestalt, die der Beschreibung des Verbrechers genau entsprach. Als er unseren Befehl, stehen zu bleiben, ignorierte, liefen wir ihm nach, um ihn zu überwältigen. Ich näherte mich ihm von hinten und holte so schwungvoll mit der Axt aus, daß ich ihm den rechten Arm fast gänzlich vom Körper abhieb. Ohne aufzuschreien oder auch nur einen Blick auf die grausige Wunde zu werfen, setzte der Fremde zu unserem Erstaunen seinen raschen Gang fort. Als wir schließlich vor ihn hinsprangen, sprach er ruhig:
Da erkannte ich, daß ich einen göttlichen Weisen verletzt hatte und bereute meine Tat zutiefst. Um Vergebung flehend, warf ich mich zu seinen Füßen nieder und bot ihm mein Turbantuch an, um das heftig hervorstürzende Blut zu stillen. »Mein Sohn, das war nur ein verzeihlicher Irrtum«, sprach der Heilige, indem er mich freundlich anblickte. »Geh nur und mach dir keine Vorwürfe. Die Göttliche Mutter wird sich meiner annehmen.« Damit schob er seinen herabbaumelnden Arm in den Stumpf, und er blieb tatsächlich haften; auch das Bluten hörte erstaunlicherweise auf. 43 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Suche mich nach drei Tagen unter diesem Baum hier auf; bis dahin werde ich vollends geheilt sein, so daß du dir keine Gewissensbisse mehr zu machen brauchst.« Gestern nun ging ich mit meinem Kameraden zu der angegebenen Stelle, wo uns der Sadhu erwartete und uns seinen Arm untersuchen ließ. Dieser wies nicht die geringste Narbe - nicht einmal die Spur einer Verletzung auf. »Ich bin jetzt auf dem Wege nach Rishikesh und werde von dort in die einsamen Gegenden des Himalaja ziehen«, sagte er. Dann segnete er uns und ging schnell davon. »Diese heilige Begegnung hat mein Leben vollkommen verwandelt.« Der Beamte endete seinen Bericht mit einem frommen Ausruf. Augenscheinlich hatte ihn dieses Erlebnis auf eine bisher unbekannte Weise erschüttert. Mit feierlicher Geste überreichte er mir einen Zeitungsausschnitt, in dem über dieses Wunder berichtet wurde. Wie in den meisten sensationellen Zeitungsberichten (an denen es leider auch in Indien nicht fehlt) hatte der Reporter leicht übertrieben und erklärt, der Sadhu sei so gut wie enthauptet gewesen. Amar und ich bedauerten lebhaft, dem großen Yogi, der seinem Verfolger in ganz ähnlicher Weise wie Christus vergeben hatte, nicht begegnet zu sein. Indien, das seit den letzten zwei Jahrhunderten in materieller Hinsicht ein armes Land ist, besitzt noch immer einen unerschöpflichen geistigen Reichtum. Es hat geistige »Wolkenkratzer«, die selbst von weltlichen Menschen, wie diesem Polizisten, gelegentlich am Wegrand entdeckt werden können. Wir dankten dem Beamten dafür, daß er uns die unfreiwillige Wartezeit mit seiner wunderbaren Geschichte verkürzt hatte. Wahrscheinlich wollte er uns zu verstehen geben, daß er mehr Glück gehabt hatte als wir; denn er war ohne jegliche Anstrengung einem erleuchteten Heiligen begegnet, während unsere ernsthafte Suche nicht zu Füßen eines Meisters, sondern in einer nüchternen Polizeiwache endete. So nahe waren wir nun dem Himalaja und doch - als Gefangene - so weit von ihm entfernt! Um so mehr drängte es mich, meine Freiheit wiederzugewinnen. Und so machte ich Amar mit einem ermutigenden Lächeln folgenden Vorschlag: 44 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Sobald sich die erste Gelegenheit bietet, versuchen wir uns fortzustehlen und gehen einfach zu Fuß nach Rishikesh.« Doch mein Gefährte war pessimistisch geworden, seit wir unseren finanziellen Rückhalt verloren hatten. »Wenn wir zu Fuß durch dieses gefährliche Dschungelgebiet gehen, landen wir wahrscheinlich nicht in der Stadt der Heiligen, sondern im Magen eines Tigers!« Ananta und Amars Bruder trafen nach drei Tagen ein. Amar begrüßte seinen Bruder liebevoll und mit sichtlicher Erleichterung. Doch ich war unversöhnlich und überschüttete Ananta mit bitteren Vorwürfen. »Ich verstehe, wie dir zumute ist«, sagte mein Bruder besänftigend. »Alles, was ich von dir verlange, ist, daß du mich nach Benares begleitest, wo wir einen weisen Mann aufsuchen wollen, und dann mit mir nach Kalkutta zurückkehrst, um unseren bekümmerten Vater für einige Tage zu besuchen. Danach könnt ihr hier eure Suche nach einem Meister fortsetzen.« Da mischte sich Amar in die Unterhaltung und sagte, daß er nicht die Absicht habe, mit mir nach Hardwar zurückzukehren. Er genoß die Nestwärme der Familie. Ich aber wußte, daß ich meine Suche nach einem Guru niemals aufgeben würde. Mit dem nächsten Zug fuhren wir nach Benares, wo ich eine erstaunliche und sofortige Antwort auf mein Gebet erhielt. Ananta hatte sich einen gescheiten Plan ausgedacht. Ehe er mich in Hardwar abholte, hatte er seine Reise in Benares unterbrochen und einen Mann, der als Autorität auf dem Gebiet der heiligen Schriften galt, gebeten, mit mir zu reden. Der Pandit sowie sein Sohn hatten Ananta versprochen, mir davon abzuraten, ein Sannyasi2 zu werden. Ananta führte mich also zum Haus dieses Pandits, wo ein junger Mann von recht aufdringlichem Wesen mich auf dem Hof begrüßte. Er verwickelte mich in ein langes, philosophisches Gespräch und behauptete, hellseherische Fähigkeiten zu haben und mir deshalb abraten zu müssen, Mönch zu werden. 2 Sannyasi = wörtlich: »Entsagender«; aus den Sanskritwurzeln »beiseite werfen« 45 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Du wirst dauernd Fehlschläge erleben und Gott niemals finden, wenn du darauf bestehst, dich deinen irdischen Pflichten zu entziehen. Ohne weltliche Erfahrungen kannst du dein Karma3 nicht sühnen.«Ich aber antwortete mit den unsterblichen Worten der Bhagavad-Gita4: »Selbst jemand mit dem schlimmsten Karma, der unaufhörlich über Mich meditiert, überwindet schnell die Wirkungen seiner früheren schlechten Taten. Er wird zu einem hochherzigen Menschen, der bald immerwährenden Frieden erlangt. Sei gewiß: der Gottsucher, der sein Vertrauen auf Mich setzt, geht nie zugrunde!« Die eindringlichen Warnungen des jungen Mannes hatten meine Überzeugung jedoch ein wenig erschüttert. Und so betete ich schweigend und mit tiefer Inbrunst zu Gott: »Gib mir bitte Klarheit und antworte mir hier und jetzt, ob ich ein Leben der Entsagung oder ein weltliches Leben führen soll.« Gleich darauf bemerkte ich einen Sadhu von edler Gestalt, der vor dem Gartentor stehen geblieben war. Offensichtlich hatte der Fremde meine lebhafte Unterhaltung mit dem selbstherrlichen Hellseher mit angehört, denn er rief mich zu sich. Ich fühlte eine gewaltige Kraft von seinen stillen Augen ausgehen. »Mein Sohn, höre nicht auf diesen Nichtwisser. Der Herr hat mir aufgetragen, dir als Antwort auf dein Gebet zu versichern, daß der einzige Weg für dich in diesem Leben derjenige der Entsagung ist.« Voller Erstaunen und Dankbarkeit vernahm ich diese entscheidende Botschaft und lächelte ihn freudig an. »Laß dich nicht mit diesem Mann ein!« rief der »Nichtswisser« mir vom Hof aus zu. Da erhob der Heilige seine Hand zum Segen und ging langsam davon. »Der Sadhu ist genauso verrückt wie du!« Diese liebenswürdige Bemerkung kam von dem grauhaarigen Pandit, der mich ebenso finster anblickte wie sein Sohn. »Ich habe gehört, daß auch er seine Familie verlassen hat und auf der ungewissen Suche nach Gott ist.« 3 Karma = die Auswirkungen ehemaliger
Handlungen, die man in diesem oder einem früheren Leben begangen hat.
Aus der Sanskritwurzel kri = tun. 46 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja Da wandte ich mich ab und erklärte Ananta, daß ich mich nicht länger mit unseren Gastgebern zu unterhalten wünsche. Mein Bruder war zwar enttäuscht, willigte aber ein, daß wir sofort abreisten; und bald darauf saßen wir im Zug nach Kalkutta. »Herr Detektiv, wie hast du eigentlich ausfindig gemacht, daß ich mit zwei anderen Gefährten geflohen bin?« machte ich meiner lebhaften Neugier Luft. Ananta lächelte schadenfroh. »In deiner Schule sagte man mir, daß Amar die Klasse verlassen habe und nicht wiedergekommen sei. Da suchte ich am nächsten Morgen seine Familie auf und entdeckte dort einen unterstrichenen Fahrplan. Amars Vater wollte gerade in den Wagen steigen und unterhielt sich mit dem Kutscher.« »Mein Sohn fährt heute morgen nicht mit zur Schule«, sagte er seufzend, »er ist spurlos verschwunden!«, woraufhin der Mann erwiderte: »Ich habe von einem anderen Kutscher gehört, daß Euer Sohn und noch zwei andere in europäischer Kleidung zum Howrah-Bahnhof gefahren und dort in den Zug gestiegen sind. Sie haben dem Kutscher ihre Lederschuhe geschenkt.« »So hatte ich also drei Anhaltspunkte: den Fahrplan, das Trio und die englische Kleidung.« Ich hörte mir Anantas Bericht mit gemischten Gefühlen an. Unsere Großzügigkeit dem Kutscher gegenüber war nicht ganz angebracht gewesen. »Selbstverständlich telegraphierte ich sofort an die Bahnhofsvorsteher aller Stationen, die Amar auf dem Fahrplan angekreuzt hatte. Er hatte auch Barely unterstrichen, und darum telegraphierte ich deinem Freund Dwarka. Aufgrund weiterer Erkundigungen in unserer Nachbarschaft stellte ich fest, daß unser Vetter Jatinda eine Nacht lang vermißt wurde, aber am folgenden Morgen in europäischer Kleidung wieder aufgetaucht war. Ich suchte ihn auf und lud ihn zum Essen ein, was er - ziemlich entwaffnet durch meine Liebenswürdigkeit - auch annahm und mir arglos folgte. Auf dem Wege führte ich ihn an einer Polizeiwache vorbei, wo er von mehreren Beamten umringt wurde, die ich vorher wegen ihrer grimmigen Erscheinung ausgesucht hatte. Unter ihren drohenden Blicken gestand Jatinda schließlich alles und erklärte uns sein rätselhaftes Verhalten.« 47 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Ich begann die Fahrt zum Himalaja in erhobener geistiger Stimmung«, sagte er, »und dachte mit großer Begeisterung daran, wie wir den Meistern begegnen würden.« Doch als Mukunda sagte: »Während unserer Ekstase in den Höhlen des Himalaja werden wir die Tiger in Bann schlagen, so daß sie wie Hauskatzen um uns herumsitzen«, überlief es mich eiskalt, und ich fühlte, wie mir der Schweiß auf die Stirn trat. »Was aber«, dachte ich, »wenn unsere geistige Verzückung nicht machtvoll genug ist, um die heimtückischen Tiger zu verwandeln? Ob sie sich dann auch noch wie Hauskatzen verhalten? Im Geiste sah ich mich schon im Magen eines Tigers, in den ich aber nicht mit einem Male, sondern Stück für Stück hineinbefördert würde.« Mein Ärger über Jatindas Verhalten verflog augenblicklich, und ich lachte hell auf. Dieser humorvolle Bericht entschädigte mich für alle Qualen, die mein Vetter mir verursacht hatte. Und ich muß gestehen, daß ich mit leichter Genugtuung feststellte, daß auch Jatinda nicht ohne eine Begegnung mit der Polizei davongekommen war. »Ananta5, du bist der geborene Spürhund!« Mein belustigter Blick war nicht ganz ohne Bitterkeit. »Ich werde Jatinda sagen, wie erleichtert ich bin, daß er uns nicht aus Treulosigkeit, sondern nur aus »Selbsterhaltungstrieb« verlassen hat.« Als ich nach Hause zurückkehrte, bat Vater mich auf rührende Weise, meine Wanderlust wenigstens so lange im Zaum zu halten, bis ich die höhere Schule beendet hatte. Während meiner Abwesenheit hatte er sich liebevoll um einen Ausweg bemüht und einen heiligen Pandit, Swami Kebalananda, gebeten, regelmäßig in unser Haus zu kommen. »Der Weise soll dein Sanskritlehrer sein«, sagte Vater zuversichtlich. 5 Ich redete ihn stets mit Ananta-da an. Da ist eine Silbe, die Respekt ausdrückt und welche die jüngeren Geschwister dem Namen ihres ältesten Bruders anhängen. 48 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja Er hoffte, mein religiöses Verlangen dadurch stillen zu können, daß er mich von einem gelehrten Philosophen unterrichten ließ. Doch das Blatt wendete sich ganz unmerklich. Denn mein neuer Lehrer war weit davon entfernt, trockenes, intellektuelles Wissen zu vermitteln und entfachte das glimmende Feuer meiner Gottessehnsucht nur noch mehr. Vater wußte nicht, daß Swami Kebalananda ein weit fortgeschrittener jünger Lahiri Mahasayas war. Der unvergleichliche Guru hatte durch seinen unwiderstehlichen göttlichen Magnetismus Tausende von Jüngern angezogen. Später erfuhr ich, daß Lahiri Mahasaya Kebalananda oft einen Rishi oder erleuchteten Weisen genannt hatte.6 Das schöne Antlitz meines Lehrers war von dichten Locken umrahmt. Seine dunklen Augen waren offen und klar wie die eines Kindes. Alle Bewegungen seines schmächtigen Körpers waren von ruhiger Bestimmtheit. Er war stets freundlich und liebenswürdig und mit seinem Bewußtsein fest im Unendlichen verankert. Viele unserer gemeinsamen glücklichen Stunden verbrachten wir in tiefer Kriya-Meditation. Kebalananda war eine bekannte Autorität auf dem Gebiet der alten Shastras - der heiligen Bücher. Seine Gelehrsamkeit hatte ihm den Titel eines »Shastri Mahasaya« eingebracht, mit dem er gewöhnlich auch angeredet wurde. Meine eigenen Fortschritte im Sanskrit waren jedoch nicht nennenswert, denn ich nahm jede Gelegenheit wahr, um die prosaische Grammatik zu umgehen und über Yoga oder über Lahiri Mahasaya zu sprechen. Eines Tages erzählte mir mein Lehrer zu meiner großen Freude einige seiner Erlebnisse mit dem Meister. 6 Als ich Kebalananda begegnete, gehörte er noch nicht dem Swami-Orden an und wurde allgemein »Shastri Mahasaya« genannt. Um jedoch eine Verwechslung mit dem Namen »Lahiri Mahasaya« und »Meister Mahasaya«, (Kapitel 9) zu vermeiden, nenne ich meinen Sanskritlehrer hier nur bei seinem Mönchsnamen Swami Kebalananda. Kürzlich ist eine Biographie über ihn in bengalischer Sprache erschienen. Kebalananda wurde 1863 im Khulna-Bezirk Bengalens geboren und gab seinen Körper im Alter von 68 Jahren in Benares auf. Sein bürgerlicher Name war Ashutosh Chatterji. 49 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Ich hatte das seltene Glück, zehn Jahre lang in der Nähe Lahiri Mahasayas zu wohnen; sein Haus in Benares war das Ziel meiner allabendlichen Wallfahrt. Der Guru hielt sich stets in einem kleinen Besuchszimmer im vorderen Teil des Erdgeschosses auf. Dort saß er in Lotosstellung auf einem hölzernen Sitz ohne Lehne, während die Jünger ihn im Halbkreis umringten. Seine Augen, die vor göttlicher Freude sprühten, waren immer halb geschlossen und blickten durch das innere Teleskop in eine Sphäre ewiger Glückseligkeit. Nur selten sprach er für längere Zeit. Doch gelegentlich richtete er den Blick auf einen Schüler, der seine Hilfe brauchte, und dann strömten seine heilenden Worte gleich einer Lichtflut hervor. Ein unbeschreiblicher Friede kam über mich, sobald ich den Blick des Meisters auf mir ruhen fühlte. Ich wurde von seinem Fluidum durchdrungen wie vom Duft einer göttlichen Lotosblume. Ihm nahe sein zu dürfen, selbst wenn ich tagelang kein Wort mit ihm wechselte, war ein Erlebnis, das mich von Grund auf verwandelte. Wenn meine Konzentration durch irgendein unsichtbares Hindernis beeinträchtigt wurde, meditierte ich zu Füßen des Gurus. Dort erreichte ich mit Leichtigkeit die erhabensten Bewußtseinszustände, die mir in Gegenwart anderer Lehrer versagt blieben. Der Meister war Gottes lebendiger Tempel, dessen geheime Türen sich allen aufrichtigen Jüngern öffneten. Wenn Lahiri Mahasaya die heiligen Schriften auslegte, tat er es nicht mit trockener Gelehrsamkeit, sondern tauchte mühelos in die »göttliche Bibliothek« hinein, um dann aus dem Brunnen seiner Allwissenheit einen unerschöpflichen Reichtum an Worten und Gedanken hervorsprudeln zu lassen. Er besaß den goldenen Schlüssel, der die geheimen Tore der Veden7 öffnete und die seit vielen Jahrhunderten verschüttete Philosophie und Wissenschaft wieder ans Licht brachte. Wenn er gebeten wurde, die verschiedenen Bewußtseinsstufen zu erläutern, die in den alten Texten erwähnt werden, willigte er lächelnd ein. 7 Veden = Über hundert kanonische Bücher der alten vier Veden sind noch erhalten. In seinem Journal äußert sich Emerson wie folgt über das vedische Gedankengut: »Es ist so erhaben wie das Feuer, wie die Nacht oder wie ein windstilles Meer. Es enthält jede erdenkliche religiöse Empfindung und die erhabenen Sittenlehren, die man in jeder großen Dichtung findet ... Es nützt nichts, das Buch beiseite zu legen; selbst wenn ich mich nur dem Wald oder dem Boot auf dem Wasser anheimgebe, so macht die Natur sogleich einen Brahmanen aus mir. Ewige Notwendigkeit, ewiger Ausgleich, unendliche Macht, ungebrochenes Schweigen ... Das ist ihr Glaubensbekenntnis. Sie sagt mir, daß Frieden und Reinheit und vollkommene Selbstaufgabe die Universalmittel sind, die uns von aller Sünde erlösen und uns in die Seligkeit der Acht Götter heimführen.« 50 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja »Ich werde mich in diesen Zustand hineinversetzen und euch dann sagen, was ich erlebe.« Hierin bestand der grundlegende Unterschied zwischen ihm und anderen Lehrern, welche die Schriften nur auswendig lernen und dann über abstrakte Dinge sprechen, die sie nicht selbst erfahren haben. Oft stellte der wortkarge Guru einem in der Nähe sitzenden Jünger folgende Aufgabe: »Erläutere bitte diese heiligen Verse so, wie du sie verstehst. Ich will deine Gedanken leiten, damit du die richtige Deutung findest.« Auf diese Weise wurden viele von Lahiri Mahasayas Wahrnehmungen - oft mit ausführlichen Kommentaren seiner Schüler versehen - niedergeschrieben. Der Meister war gegen jede Vergewaltigung des Glaubens. »Worte sind nichts als die äußere Schale«, pflegte er zu sagen. »Nur wenn ihr selbst in tiefer Meditation die Freude Gottes erlebt, werdet ihr von Seiner Gegenwart überzeugt sein.« Ganz gleich, worin die Probleme seiner Jünger bestehen mochten, der Guru riet ihnen jedes mal, sie durch die Kriya-Yoga-Technik zu lösen. »Dieser Yoga-Schlüssel wird seine Wirksamkeit auch dann behalten, wenn ich nicht mehr körperlich unter euch bin, um euch zu leiten. Man kann diese Technik nicht einbinden, ins Regal stellen und vergessen wie theoretische Textbücher. Übt euren Kriya-Yoga beharrlich; seine verborgene Kraft wird sich nur in der Praxis offenbaren.« Kebalananda schloß seinen Bericht mit folgendem aufrichtigen Zeugnis: »Ich selbst halte den Kriya für das wirksamste Mittel zur Selbstbefreiung, das die Menschheit jemals auf ihrer Suche nach dem Unendlichen entwickelt hat. In Heiligen wie Lahiri Mahasaya und einer Anzahl seiner Jünger, die alle diese befreiende Technik übten, hat sich der in allen Menschen verborgene Gott sichtbar verkörpert.« 51 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja Einst vollbrachte Lahiri Mahasaya in Gegenwart Kebalanandas ein ähnliches Wunder wie Christus. Als mein heiliger Lehrer mir diese Geschichte erzählte, gingen seine Augen in weite Ferne, und der aufgeschlagene Sanskrittext blieb unbeachtet. Ein blinder Jünger Lahiri Mahasayas mit Namen Ramu erweckte immer mein besonderes Mitgefühl. Sollten seine Augen nie das Licht erblicken, obgleich er unserem Meister, der im vollen Glanz des Göttlichen erstrahlte, so treulich diente? Eines Morgens nahm ich mir vor, mit Ramu zu sprechen. Dieser jedoch saß stundenlang neben seinem Guru und fächelte ihm geduldig mit dem selbstgemachten Fächer aus Palmenblättern Kühlung zu. Als der Jünger endlich den Raum verließ, folgte ich ihm.
»Das ist allerdings etwas anderes, Ramu. Gottes Heilkraft kennt keine Grenzen. Er, der die Sterne und jede Zelle unseres Körpers in geheimnisvollem Glanz erstrahlen läßt, kann auch deinen Augen das Sehvermögen schenken.« Damit berührte der Meister Ramus Stirn zwischen den Augenbrauen8.
8 Der Sitz des »einfältigen« oder geistigen Auges. Im Tode richtet sich das Bewußtsein des Menschen meist auf diese heilige Stelle - eine Tatsache, die den nach oben gekehrten Blick der Toten erklärt. 9 Rama = Der heilige Titelheld des Sanskrit-Epos Ramayana 52 Meine vereitelte Flucht zum Himalaja Und wahrhaftig, nach einer Woche erblickte Ramu zum ersten Male das liebliche Antlitz der Natur. Der allwissende Guru hatte seinem Jünger mit untrüglicher Intuition den Rat gegeben, er solle den Namen Ramas wiederholen, den er mehr als alle anderen Heiligen verehrte. Ramus Glaube war der mit Hingabe gepflügte Boden, in dem die vom Guru gesäte Saat der Heilung aufgehen konnte.« Kebalananda schwieg einige Augenblicke und spendete seinem Guru dann noch ein weiteres Lob. »Bei allen Wundern, die Lahiri Mahasaya vollbrachte, wies er unmißverständlich darauf hin, daß er niemals das eigene Ich10 für die Ursache hielt. Dadurch aber, daß er sich der heilenden Urkraft vorbehaltlos öffnete, ermöglichte er es ihr, ungehindert durch ihn hindurchzufließen. Die zahllosen menschlichen Körper, die Lahiri Mahasaya auf wunderbare Weise heilte, wurden schließlich bei der Totenverbrennung ein Opfer der Flammen. Doch die schweigende geistige Erweckung, die er bewirkte, die christusähnlichen Jünger, die er heranbildete - das sind seine unvergänglichen Wunder.« Ich bin nie ein Sanskritgelehrter geworden; denn Kebalananda lehrte mich eine göttlichere Syntax. 10 Das Ich (Ahamkara, wörtlich »ich tue« ist der Ursprung des Dualismus und der scheinbaren Trennung zwischen Mensch und Schöpfer. Ahamkara bringt die menschlichen Wesen unter den Einfluß der Maya (kosmischen Täuschung), so daß das Subjekt (ich) fälschlicherweise als Objekt erscheint und die Geschöpfe sich für den Schöpfer halten. Denn er
erkennt, daß er nicht selber wirkt ... 54 Kapitel
5: Ein »Parfüm-Heiliger«
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allem sieht er nur der Sinne Spiel
Mit Sinnesgegenständen. Auch wer erkennt, daß das, was die Natur Hervorbringt, nur durch die Natur geschieht, Daß nicht die Seele handelnd auftritt, sondern Nur zusieht und besitzt, auch der sieht klar. In Meiner Gottheit bin Ich ungeboren, Unsterblich, ewig, und der Herr von allem, Was da geboren wird und lebt, und dennoch Wird Meine Form geboren, kommt und geht. Dem flücht'gen Bild im Spiegel der Natur Drück' Ich den Stempel Meiner Menschheit auf Durch Meines hohen Geistes Zauberkraft. Wohl ist es schwer, den Schleier zu durchdringen, Den Zauberkreis der wechselnden Natur, Der dir, o Prinz, Mein Angesicht verhüllt; Doch wer zu Mir allein sich wendet, der Erhebt sich über ihn und kommt zu Mir. Bhagavad-Gita (aus Edwin Arnolds
englischer Übersetzung ins Deutsche
übertragen von Dr. Franz Hartmann 55 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau »Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.«1Ich aber besaß diese Weisheit Salomos, die mich hätte trösten können, noch nicht, sondern schaute auf jedem Ausflug, den ich unternahm, suchend umher, in der Hoffnung, das Antlitz des mir bestimmten Gurus zu erblicken. Doch unsere Wege sollten sich nicht eher kreuzen, als bis ich die höhere Schule beendet hatte. Zwischen meiner Flucht mit Amar zum Himalaja und dem bedeutsamen Tag, da Sri Yukteswar in mein Leben trat, lagen zwei ganze Jahre. Während dieser Zeit begegnete ich einer Anzahl von Weisen - dem »Parfüm-Heiligen«, dem »Tiger Swami«, Nagendra Nath Bhaduri, Meister Mahasaya und dem berühmten bengalischen Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose. Meine Begegnung mit dem »Parfürn-Heiligen« hatte zwei Vorspiele - ein harmonisches und ein humoristisches. »Gott ist einfach. Alles andere ist kompliziert. Suche keine absoluten Werte in der relativen Welt der Natur.« Diese Worte, deren unumstößliche Wahrheit mich angenehm berührte, trafen mein Ohr, als ich schweigend vor einem Tempelbildnis der Kali2 stand. Ich wandte mich um und erblickte einen hochgewachsenen Mann, dessen Gewand (oder besser: Gewandlosigkeit) ihn als einen wandernden Sadhu kennzeichnete. 1 Prediger 3, 1 2 Kali ist das ewige Naturgesetz. In der Überlieferung wird sie als ein vierarmiges Weib dargestellt, das auf der liegenden Gestalt des Gottes Shiva - der Unendlichkeit - steht; denn alle Tätigkeit der Natur, d.h. der Welt der Erscheinungen, hat ihren Ursprung im unsichtbaren GEIST. Kalis vier Arme symbolisieren ihre vier wichtigsten Eigenschaften- zwei wohltätige und zwei zerstörerische - und bringen das dualistische Wesen der Materie oder Schöpfung zum Ausdruck. 56 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau »Ihr habt wahrhaftig meine Gedanken durchschaut«, sagte ich mit dankbarem Lächeln. »Das Nebeneinander von segenbringenden und furchterregenden Erscheinungen in der Natur, wie sie durch Kali versinnbildlicht werden, hat schon klügere Köpfe als den meinen verwirrt.« »Und nur wenige werden ihr Geheimnis lösen. Das Leben gleicht einer Sphinx, die jeder Intelligenz das herausfordernde Rätsel von Gut und Böse aufgibt. Da sich die meisten Menschen jedoch um keine Lösung bemühen, müssen sie, wie dereinst in Theben, ihre Unkenntnis mit dem Leben bezahlen. Hie und da erhebt sich eine einzelne, überragende Gestalt, die keine Niederlage gelten läßt und hinter der zwiespältigen Maya3 die eine, unteilbare Wahrheit erkennt.«
»Ich habe mich lange in aufrichtiger Selbstbetrachtung geübt - ein äußerst schmerzvolles Verfahren, das jedoch zur Wahrheit führt. Wenn man sich einer schonungslosen Selbstprüfung unterzieht und seine eigenen Gedanken ununterbrochen beobachtet, wird das eigene Selbstbewußtsein in seinen Grundfesten erschüttert. Doch eine solch ehrliche Selbstanalyse bringt mit mathematischer Sicherheit echte Seher hervor. Der andere Weg aber, »auf dem man sich selbst Ausdruck verleiht« und nach persönlicher Anerkennung strebt, verführt die Menschen zum Egoismus, so daß sie sich das Recht nehmen, Gott und das Universum auf ihre eigene Weise zu deuten.« »Selbstverständlich zieht sich die demütige Wahrheit zurück, wenn sie solch selbstherrlicher Originalität begegnet.« 3 Maya = Kosmische Täuschung. Wörtlich: »die Messende«. Maya ist die der Schöpfung innewohnende magische Kraft, die im Unbegrenzten und Unteilbaren scheinbare Begrenzungen und Teilungen hervorruft. Nachstehendes Gedicht von Emerson trägt den Titel »Maya«:
Die Netze, die sie webt, sind zahllos, Unerschöpflich ihre heitren Bilder, Die Schleier über Schleier häufen. Ihrem Zauber verfallen alle, Die
danach dürsten, getäuscht zu werden.
57
Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau »Kein
Mensch wird die ewigen
Wahrheiten verstehen, bevor er sich nicht von jeder Anmaßung befreit
hat. Auf dem menschlichen Geist liegt jahrhundertealter Schlamm, in dem
es von zahllosen abstoßenden Trugbildern wimmelt. In dem Augenblick, da
sich der Mensch zum ersten Male gegen seine inneren Feinde erhebt,
erscheinen ihm alle Kämpfe auf den Schlachtfeldern bedeutungslos. Denn
hier handelt es sich nicht um menschliche Feinde, die sich von einer
starken Armee bezwingen lassen, sondern um die überall vorhandenen,
ruhelosen Soldaten primitiver Lust, die den Menschen selbst im Schlaf
verfolgen und jeden von uns mit ihren heimtückischen, vergifteten
Waffen zu schlagen versuchen. Wie töricht sind diejenigen, die ihre
Ideale begraben und sich dem allgemeinen Schicksal ausliefern. Kann man
sie anders als Schwächlinge, Holzköpfe und Nichtswürdige nennen?«
Der Weise schwieg einen Augenblick und sagte dann ausweichend:
58 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau »Nur der oberflächliche Mensch läßt sich von seinem eigenen Schmerz überwältigen und verliert dabei das Gefühl für die Leiden anderer.« Die strengen Gesichtszüge des Sadhus hatten sich merklich gemildert. »Wer jedoch schonungslose Selbstkritik übt, wird auch sein Mitgefühl für alle anderen vertiefen und dadurch sein eigenes kleines ich mit all seinen Forderungen vergessen. Nur aus einem solchen Boden kann echte Gottesliebe erwachsen. Schließlich wendet sich das Geschöpf wieder dem Schöpfer zu, wenn auch nur deshalb, um angstvoll zu fragen: »Warum, Herr, warum?« Die demütigenden Geißelhiebe des Schmerzes treiben den Menschen zu guter Letzt in die Gegenwart des Unendlichen, dessen Schönheit allein ihn verlocken sollte.« Ich befand mich mit dem Weisen im Kalighat-Tempel von Kalkutta, den ich wegen seiner berühmten Kunstschätze aufgesucht hatte. Doch mit einer wegwerfenden Handbewegung tat meine Zufallsbekanntschaft all die prunkvollen Schätze ab. »Mauersteine und Mörtel können nicht singen; unser Herz öffnet sich nur dem Lied menschlichen Daseins.« Wir schlenderten dem Eingangsportal zu, von dem uns die Sonne einladend entgegenglänzte; unaufhörlich strömte eine Menge von Gläubigen herein und hinaus. »Du bist noch jung«, sagte der Weise, indem er mich nachdenklich musterte. »Auch Indien ist jung. Die ehrwürdigen Rishis4 haben uns unumstößliche Richtlinien für einen geistigen Lebenswandel hinterlassen. Diese alten Überlieferungen enthalten alles, was unser Zeitalter und unser Land brauchen. Noch heute wird Indien durch diese Erziehungsgrundsätze geprägt, die keineswegs veraltet, sondern den Tücken des Materialismus gewachsen sind. Seit Jahrtausenden - d.h., seit viel längerer Zeit, als die verwirrten Gelehrten auszurechnen gewillt sind - hat die große Skeptikerin Zeit~ die Gültigkeit der Veden bestätigt. Betrachte diese als dein Erbe!« Als ich mich ehrfürchtig von dem beredten Sadhu verabschiedete, prophezeite er mir: »Du wirst heute, nachdem du den Tempel verlassen hast, noch etwas Außergewöhnliches erleben.« Ich verließ das Tempelgelände und wanderte ziellos umher. 4 Die Rishis (wörtlich: »Seher«) sind die Verfasser der aus einer nicht mehr zu ermittelnden grauen Vorzeit stammenden Veden. 59 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau Als ich um die Straßenecke bog, stieß ich mit einem alten Bekannten zusammen, der für seine Redseligkeit bekannt war und seine Opfer nicht so leicht wieder losließ. »Ich will dich nicht lange aufhalten«, versicherte er mir, »wenn du mir schnell erzählst, was du in den Jahren, die wir uns nicht gesehen haben, alles erlebt hast.«
Doch er hielt mich an der Hand fest und quetschte mich aus wie eine Zitrone. Ich verglich ihn in Gedanken mit einem hungrigen Wolf, denn je mehr ich ihm erzählte, um so gieriger schnappte er nach weiteren Neuigkeiten. Heimlich bat ich die Göttin Kali, mich unter irgendeinem passenden Vorwand entkommen zu lassen. Kurz darauf verließ mich mein Begleiter völlig unvermittelt. Ich atmete erleichtert auf und beschleunigte meinen Gang, um nicht noch einmal von seinem Redeschwall überflutet zu werden. Als ich erneut Schritte hinter mir hörte, begann ich zu laufen, ohne mich umzusehen. Doch mit einem Sprung war der Bursche wieder neben mir und schlug mir vergnügt auf die Schulter. »Ich habe ganz vergessen, dir von Gandha Baba (dem »Parfürn-Heiligen«) zu erzählen, der das Haus dort drüben mit seiner Anwesenheit beehrt.« Damit wies er auf ein Gebäude, das nur wenige Meter entfernt lag. »Du mußt ihn unbedingt kennen lernen, denn er ist riesig interessant. Es wird ein außergewöhnliches Erlebnis für dich sein. Auf Wiedersehen!« Und dann verließ er mich tatsächlich. Mir fiel sogleich die Vorhersage des Sadhus vom Kalighat Tempel ein, die einen ganz ähnlichen Wortlaut gehabt hatte. Gespannt trat ich in das Haus und wurde in ein geräumiges Empfangszimmer geführt, wo eine Anzahl Leute nach orientalischer Sitte auf einem dicken, orangefarbigen Teppich saß. Ehrfurchtsvolles Flüstern ertönte neben mir: »Siehst du dort Gandha Baba auf dem Leopardenfell? Er kann jeder duftlosen Blume den natürlichen Duft irgendeiner anderen Blume verleihen oder eine verwelkte Blüte wieder beleben oder von der Haut irgendeines beliebigen Menschen herrlichen Wohlgeruch ausströmen lassen.« 60 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau Ich schaute den Heiligen direkt an; und sogleich faßte er mich ins Auge. Er war bärtig und von plumper Gestalt, hatte eine dunkle Haut und große, glänzende Augen. »Mein Sohn, ich freue mich, daß du gekommen bist. Sage rnir, was du dir wünschst. Möchtest du irgendein Parfüm haben?« »Wozu denn?- Ich fand seine Frage recht kindisch.« »Um das Wunder zu erleben, dich an jedem beliebigen Duft zu erfreuen.« »Ihr macht Euch also Gott dienstbar, um Düfte hervorzubringen?« »Und warum nicht? Gott erzeugt die Düfte sowieso.«»Ja, aber Er erschafft zarte Blütenkelche, und zwar immer wieder neue. Könnt Ihr auch Blumen materialisieren?« »Das kann ich. Aber gewöhnlich erzeuge ich nur Düfte, kleiner Freund.« »Dann werden die Parfümfabriken bald pleite machen.«»Ich beeinträchtige den Handel in keiner Weise. Mein Ziel besteht nur darin, die Allmacht Gottes zu beweisen.« »Sir, ist es nötig, Gott zu beweisen? Vollbringt Er nicht überall und in allen Dingen Seine Wunder?« »Allerdings. Doch auch wir sollten etwas von Seiner schöpferischen Vielfalt offenbaren.« »Wie lange habt Ihr dazu gebraucht, um Eure Kunst zu erlernen?« »Zwölf Jahre.«»Um mit einer astralen Technik Düfte hervorzubringen? Ich bin der Ansicht, verehrter Heiliger, daß Ihr zwölf Jahre Eures Lebens vergeudet habt; denn die Düfte, die Ihr erzeugt, könnt Ihr für wenige Rupien in jedem Blumengeschäft kaufen.« »Der Duft vergeht mit der Blume.«»Und jeder Duft vergeht im Tode. Warum soll ich mir das wünschen, was nur die Sinne erfreut?« »Du erfreust meinen Geist, kleiner Philosoph. Streck nun mal deine rechte Hand aus.« Dabei machte er eine segnende Geste. Ich befand mich ungefähr in einem Meter Abstand von Gandha Baba, und niemand anders saß so dicht neben mir, daß er mich hätte anfassen können. Ich streckte meine Hand aus die der Yogi nicht berührte. 61 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau »Welches Parfüm möchtest du?« Zu meiner großen Überraschung drang sofort berückender Rosenduft aus der Mitte meiner Handfläche. Ich lächelte und nahm eine weiße, duftlose Blume aus einer Vase. »Könnt Ihr diese duftlose Blume mit Jasmingeruch durchdringen?« »So sei es!« Und sofort stieg Jasminduft aus den Blütenblättern auf. Ich dankte dem Wundertäter und setzte mich neben einen seiner Schüler, der mir erzählte, daß Gandha Baba, dessen eigentlicher Name Vishuddhananda war, viele seiner erstaunlichen Yoga-Kunststücke von einem Meister in Tibet gelernt hätte. Dieser tibetanische Yogi, so versicherte er mir, hätte ein Alter von über tausend Jahren erreicht. »Sein Jünger Gandha Baba vollbringt die Duftkunststücke jedoch nicht immer mit ein paar einfachen Worten, wie du es eben erlebt hast«, fuhr der Schüler mit sichtbarem Stolz auf seinen Meister fort. »Seine Methoden können recht verschieden sein und richten sich ganz nach der Mentalität des einzelnen. Oh, er ist wunderbar! In Kalkutta gehören viele der Intellektuellen zu seinem Schülerkreis.« Ich war innerlich fest entschlossen, mich nicht dazuzugesellen. Ein allzu »wunderbarer« Guru war nicht das, was ich suchte. Und so verabschiedete ich mich höflich dankend von Gandha Baba. Als ich gemächlich nach Hause schlenderte, dachte ich über die drei verschiedenartigen Begegnungen nach, die mir dieser Tag gebracht hatte. Als ich in unser Haus trat, begegnete mir meine Schwester Uma an der Tür. »Du wirst ja geradezu modisch, daß du dich parfümierst!« Schweigend forderte ich sie auf, an meiner Handfläche zu riechen. »Was für ein herrlicher Rosenduft - und so ungewöhnlich stark!« 62 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau Ich fand das Ganze eher »stark ungewöhnlich« und hielt ihr die mit astralem Duft versehene Blüte unter die Nase. »Oh, ich habe Jasmin so gern!« rief sie aus und nahm die Blume in die Hand. Doch gleich darauf drückte ihr Gesicht drollige Verwunderung aus, als sie mehrmals an der großen Blume roch, die als duftlos bekannt war. Ihre Reaktion befreite mich von dem Verdacht, Gandha Baba habe mich in einen autosuggestiven Zustand versetzt, so daß nur ich den Duft wahrgenommen hätte. Später erfuhr ich von einem meiner Freunde, Alakananda, daß der »Parfüm-Heilige« auch noch eine andere Fähigkeit besaß, die ich den hungernden Millionen der Welt wünschen würde. »Ich befand mich anläßlich einer besonderen Feier mit etwa hundert anderen Gästen in Gandha Babas Haus in Burdwan«, erzählte Alakananda. »Da der Yogi angeblich Gegenstände aus dem Äther materialisieren konnte, fragte ich lachend, ob er uns auch außer der Jahreszeit Mandarinen beschaffen könnte. Sofort blähten sich die Luchis5, die auf allen Bananenblatt-Tellern lagen, auf, und wir fanden in jeder der Teighüllen eine geschälte Mandarine. Ich biß etwas ängstlich in meine hinein, doch sie schmeckte köstlich.« Jahre später erfuhr ich durch eigene Verwirklichung, wie Gandha Baba diese Materialisationen zustande brachte. Die Methode ist für die hungernden Menschenmassen dieser Weit leider nicht erlernbar. Die verschiedenen Sinnesreize, auf die der Mensch reagiert, die des Tastsinns, Geschmacks, Gesichts, Gehörs und Geruchs, werden durch die verschiedenen Schwingungen der Elektronen und Protonen hervorgerufen. Diese Schwingungen wiederum werden durch Prana (Biotronen) reguliert, d.h. durch subtile Lebenskräfte oder Energien, die feiner als Atome sind und als Intelligenzträger gelten können, denn sie enthalten die jeweiligen Ideensubstanzen der fünf Sinne. 5 Luchi = Flaches, rundes indisches Brot63 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau Gandha Baba, der sich durch bestimmte Yoga-Übungen mit der pranischen Kraft in Verbindung setzen konnte, besaß die Fähigkeit, die Schwingungsstruktur der Biotronen so zu verändern, daß diese das gewünschte Resultat hervorbrachten. Seine Parfüms, Früchte und anderen Gegenstände waren tatsächliche Materialisationen, d.h. Verdichtungen irdischer Schwingungen, und keine durch Hypnose hervorgerufenen Wahrnehmungen. Ärzte machen von der Hypnose (einer Art geistigen Chloroforms) Gebrauch, und zwar dann, wenn der Patient durch andere Betäubungsmittel gefährdet scheint und es sich nur um kleinere Operationen handelt. Wer sich jedoch oft der Hypnose unterzieht, kann durch die negative psychologische Wirkung, die sie hervorruft, Schaden leiden; mit der Zeit werden sogar seine Gehirnzellen zerrüttet. Die Hypnose bedeutet ein Eindringen in die Bewußtseinssphäre eines anderen Menschen.6 Ihre vorübergehenden Wirkungen haben nichts mit den Wundern gemein, die von den Menschen mit göttlicher Verwirklichung vollbracht werden. Wahre Heilige, die in Gott erwacht sind, können durch ihren Willen, der sich in Harmonie mit dem Willen des Kosmischen Traumschöpfers7 befindet, tatsächliche Veränderungen in dieser Traumwelt bewirken. Wundertaten, wie sie der »Parfüm-Heilige« vollbrachte, sind zwar aufsehenerregend, aber vom geistigen Standpunkt aus wertlos. Da sie kaum einen anderen Zweck als den der Unterhaltung erfüllen, lenken sie nur von der ernsthaften Suche nach Gott ab. 6 Die abendländische Psychologie beschränkt sich mehr oder weniger auf die Erforschung des Unterbewußtseins und der geistigen Krankheiten, die mit Seelenheilkunde und Psychoanalyse behandelt werden. Aber der Ursprung und die Entwicklung der normalen Geisteszustände sowie der normalen Gefühls- und Willensäußerungen werden kaum erforscht. Dieses fundamentale Fachgebiet ist jedoch von der indischen Philosophie nie übergangen worden. Die Sankhya- und Yoga-Systeme enthalten eine genaue Klassifizierung der verschiedenen Übergänge von einem Geisteszustand zum anderen; ferner werden die typischen Funktionen des Buddhi (unterscheidenden Intellekts), des Ahamkara (Ich-Bewußtseins) und des Manas (Verstandes- oder Sinnesbewußtseins) erklärt. 7 »Das Universum wird durch jedes seiner Partikel vertreten. Alles ist aus der einen, geheimen Substanz erschaffen. Die Welt formt sich in einem Tautropfen zur Kugel ... Die wahre Lehre von der Allgegenwart besagt, daß Gott mit allen Seinen Teilen in jedem Moos und jedem Spinngewebe erscheint.« Aus Compensation (Ausgleich) von Emerson 64 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau Das Zurschaustellen übernatürlicher Kräfte wird von den Meistern verurteilt. Der persische Mystiker Abu Said lachte einst über gewisse Fakire (mohammedanische Asketen), die stolz waren, auf dem Wasser zu wandeln, in der Luft zu schweben und jede beliebige Entfernung überbrücken zu können. »Auch ein Frosch ist im Wasser zu Hause«, bemerkte Abu Said mit gutmütigem Spott. »Auch die Krähe und der Aasgeier fliegen mit Leichtigkeit durch die Luft. Und der Teufel ist gleichzeitig in Ost und West gegenwärtig. Nur derjenige ist ein wahrer Mensch, der gegen jedermann gerecht ist, ruhig seinen Geschäften nachgeht und Gott dabei keinen Augenblick vergißt.8« Ein andermal gab der große persische Lehrer seiner Meinung über einen religiösen Lebenswandel wie folgt Ausdruck: »Lege beiseite, was du im Kopf hast (egoistische Wünsche und Bestrebungen); verteile großzügig, was du in Händen hast; und schrecke nie vor den Schlägen des Schicksals zurück!« 8 »Seinen Geschäften nachgehen, Gott jedoch niemals vergessen!« Der ideale Zustand ist der, in dem Hand und Herz harmonisch zusammenarbeiten. Einige abendländische Schriftsteller behaupten, das Ziel der Hindus bestehe in Weltflucht, Untätigkeit und einer antisozialen Zurückgezogenheit. In Wirklichkeit aber bietet der vierfältige Weg, den die Veden vorzeichnen, der Masse der Menschen einen idealen Ausgleich. Ihm zufolge soll man die Hälfte seiner Zeit dem Studium und dem Unterhalt der Familie und die andere Hälfte den Meditationsübungen und Betrachtungen widmen. Abgeschiedenheit ist notwendig, wenn man sich fest im Selbst verankern will. Ist dies erreicht, kehren die Meister in die Welt zurück, um der Menschheit zu dienen. Selbst Heilige, die keine sichtbare Arbeit leisten, tun der Welt durch ihre Gedanken und heiligen Schwingungen mehr Gutes als unerleuchtete Menschen durch ihre eifrige humanitäre Tätigkeit. Die großen Meister bemühen sich, jeder auf seine Art und oft gegen bittere Opposition, ihren Mitmenschen selbstlos zu dienen, sie zu erwecken und zu erheben. Kein religiöses oder gesellschaftliches Ideal der Hindus ist nur vom negativen Standpunkt aus zu verstehen. Ahimsa (Nichtverletzen), welches im Mahabharata als »vollendete Tugend«, (sakalo Dharma) bezeichnet wird, ist insofern eine positive Lehre, als jemand, der seinen Mitmenschen nicht hilft, ihnen in irgendeiner Weise schadet. In der
Bhagavad-Gita (111, 4- 7) wird darauf hingewiesen, daß es der
natürlichen Veranlagung des Menschen entspricht, tätig zu sein.
Trägheit ist demnach nichts anderes als »falsche Tätigkeit«. 65 Ein »Parfüm-Heiliger« stellt seine Wunder zur Schau Weder der unparteiische Weise im Kalighat-Tempel noch der in Tibet geschulte Parfüm-Yogi hatte meine Sehnsucht nach einem Guru stillen können. Mein Herz brauchte keinen Vormund, um zu wissen, wem es seine Anerkennung spenden sollte. Um so spontaner aber war sein Beifall, wenn es von innen her den Antrieb dazu erhielt. Als ich endlich meinem Meister begegnete, lehrte er mich allein durch sein erhabenes Beispiel, was wahre menschliche Größe ist. Niemand
entrinnt (Aus Edwin Arnolds englischer Übersetzung ins Deutsche übertragen von Dr. Franz Hartmann)
Diese willkommene Einladung kam von Chandi, einem meiner Schulfreunde. Ich brannte natürlich darauf, dem Heiligen zu begegnen, der, ehe er Mönch wurde, mit bloßen Händen Tiger eingefangen und bezwungen hatte, denn meine jugendliche Begeisterung über seine außergewöhnlichen Heldentaten war groß. Der nächste Tag brachte winterliche Kälte; doch Chandi und ich machten uns frohgemut auf den Weg. Nach längerem, vergeblichem Umhersuchen in Bhowanipur, einem Vorort Kalkuttas, hatten wir das richtige Haus gefunden. An der Tür hingen zwei Eisenringe, die ich heftig aneinanderschlug. Ungeachtet dieses Lärms näherte sich uns der Diener mit gemächlichen Schritten und gab uns durch sein ironisches Lächeln zu verstehen, daß radaulustige Besucher die Ruhe im Hause eines Heiligen nicht zu stören vermochten. Wir fühlten den stummen Vorwurf und waren dankbar, eingelassen zu werden. Die nicht endenwollende Wartezeit erfüllte uns jedoch mit Besorgnis. Geduld ist eines der ungeschriebenen Gesetze Indiens, denen sich jeder Wahrheitssucher fügen muß. Oft läßt ein Meister den Besucher absichtlich lange warten, um festzustellen, wie ernst es ihm mit der Begegnung ist - eine psychologische List, die im Abendland häufig von Ärzten und Zahnärzten angewandt wird. 67 Der Tiger-Swami Endlich forderte der Diener Chandi und mich auf, ihm zu folgen, und führte uns in ein Schlafgemach, wo der berühmte Sohong1 Swami auf seinem Bett saß. Der Anblick seines gewaltigen Körpers verschlug uns die Sprache. Stumm standen wir da, während uns die Augen fast aus dem Kopf traten. Nie zuvor hatten wir einen solchen Brustkorb und solch fußballähnliche Armmuskeln gesehen. Das wilde und doch friedliche Gesicht des Swamis ruhte auf einem mächtigen Nacken und war von wallenden Locken, Bart und Schnurrbart umrahmt. in seinen leuchtenden dunklen Augen lag etwas Taubenhaftes und zugleich Tigerartiges. Er war bis auf ein Tigerfell, das seine muskulösen Lenden umgab, unbekleidet. Nachdem wir die Sprache wiedererlangt hatten, grüßten wir den Mönch und drückten unsere Bewunderung für seinen in der Raubtierarena bewiesenen Heldenmut aus. »Könnt Ihr uns bitte sagen, wie es möglich ist, den bengalischen Königstiger, das gefährlichste Raubtier des Dschungels, mit bloßen Händen zu bezwingen?« »Tiger zu bekämpfen, Jungens, ist eine Kleinigkeit für mich. Ich könnte es heute noch, wenn es nötig wäre.« Dabei gab er ein kindliches Lachen von sich. »Ihr seht die Tiger als Tiger an. Für mich aber sind sie nur Miezekätzchen.« »Swamiji2, ich kann vielleicht meinem Unterbewußtsein einreden, daß die Tiger nur Kätzchen sind; ob die Tiger es aber ebenfalls glauben?« »Kraft ist natürlich auch nötig. Man kann nicht von einem kleinen Kind erwarten, daß es einen Tiger bezwingt, nur weil es ihn für eine Hauskatze hält. Meine starken Hände genügen mir als Waffe.« Dann forderte er uns auf, mit ihm in den Hof hinunterzugehen, wo er gegen eine Mauerkante schlug. Ein Ziegel fiel krachend zu Boden, so daß man den Himmel deutlich durch das Loch hindurchschimmern sah. Ich taumelte überrascht zurück. Wer mit einem Schlag einen festgemauerten Ziegel aus einer massiven Steinwand hauen kann, dachte ich, muß wohl auch in der Lage sein, den Tigern die Zähne einzuschlagen. 1 Sohong war sein Mönchsname. Im Volksmund aber hieß er nur der »Tiger-Swami«. 2 ji ist eine gebräuchliche Nachsilbe, die Respekt zum Ausdruck bringt und hauptsächlich in der Anrede verwandt wird, wie z.B.: Swamiji, Guruji, Sri Yukteswarji usw. 68
Der Tiger-Swami So mancher Mann, der von einem bengalischen Königstiger angefallen wird, ist trotz seiner Herkuleskräfte vor Schreck wie gelähmt. Der Tiger versetzt den Menschen also in einen kraftlosen Zustand, in dem er sich wie ein hilfloses Kätzchen vorkommt. Ein Mann mit kräftigem Körperbau und unbeugsamer Willenskraft kann den Spieß aber durchaus umkehren und den Tiger davon überzeugen, daß er so wehrlos wie ein Kätzchen ist. Wie oft habe ich genau das getan!« Ich glaubte ohne weiteres, daß der Riese, der da vor mir stand, fähig war, Tiger in Kätzchen zu verwandeln. Augenscheinlich gefiel es ihm, daß wir seinen Belehrungen so ehrfürchtig lauschten, denn er fuhr fort: »Es ist der Geist, der die Muskeln beherrscht. Die Kraft eines Hammerschlags hängt ganz von der aufgewandten Energie ab; und die Kraft des menschlichen Körpers hängt von der Angriffslust und dem Mut des einzelnen ab. Der Körper wird wahrhaftig vom Geist gebildet und erhalten. Durch die tief verwurzelten Instinkte, die man in früheren Leben entwickelt hat, bildet sich in unserem Bewußtsein allmählich die Vorstellung von Kraft oder Schwäche. Hieraus entwickeln sich bestimmte Gewohnheiten, die in der Folge einen erwünschten oder unerwünschten Körper hervorbringen. Jede körperliche Schwäche hat eine geistige Ursache. Es ist ein unheilvoller Kreislauf: Der Körper läßt sich von Gewohnheiten versklaven, und der Geist wird andererseits durch den Körper behindert. Wenn der Meister sich von seinem Diener befehligen läßt, wird dieser despotisch. Ähnlich verhält es sich, wenn der Geist dem Drängen des Körpers nachgibt und sich von ihm versklaven läßt.« Auf unsere Bitte hin willigte der imposante Swami ein, uns etwas aus seinem Leben zu erzählen. »Schon in früher Jugend hatte ich den Ehrgeiz, mit Tigern zu kämpfen. Zwar hatte ich einen stählernen Willen, aber mein Körper war schwach.« 69 Der Tiger-Swami Ich gab einen erstaunten Ausruf von mir, denn es schien kaum faßbar, daß dieser Mann mit den »Atlasschultern« jemals Schwäche gekannt haben sollte. »Durch die unbezwingbare Kraft meiner Gedanken, die sich unentwegt auf Gesundheit und Macht konzentrierten, überwand ich dieses Hindernis schließlich. Ich habe allen Grund, die Überlegenheit des Geistes zu preisen, die meiner Meinung nach der eigentliche Tigerbändiger ist.« »Glaubt Ihr, verehrter Swami, daß ich jemals einen Tiger bezwingen könnte?« Es war das erste und einzige Mal, daß ich von diesem seltsamen Ehrgeiz erfaßt wurde. »Ja«, sagte er lächelnd. »Aber es gibt viele Arten von Tigern. Einige davon halten sich im Dschungel menschlicher Begierden auf. Tiere bewußtlos zu schlagen, bringt uns keinen geistigen Gewinn. Bemühe dich lieber, die Raubtiere in deinem Inneren zu besiegen!« »Dürfen wir erfahren, Sir, was Euch dazu veranlaßt hat, statt wilder Tiger die wilden Leidenschaften zu bändigen?« Da verfiel der Tiger-Swami in längeres Schweigen. Sein Blick ging in weite Ferne und schien die Bilder der Vergangenheit heraufzubeschwören. Ich merkte, wie er innerlich mit sich rang und nicht recht wußte, ob er meiner Bitte nachgeben sollte. Schließlich aber willigte er lächelnd ein. »Als ich auf dem Gipfel meines Ruhmes stand, ließ ich mich vom Hochmut verleiten und nahm mir vor, die Tiger künftig nicht nur zu bekämpfen, sondern auch verschiedene Kunststücke mit ihnen vorzuführen. Ich hatte meinen Ehrgeiz dareingesetzt, die wilden Bestien zu zwingen, sich wie Haustiere zu verhalten. Und so begann ich, öffentliche Vorführungen zu geben, womit ich große Erfolge hatte.
»Mein Sohn, ich muß einmal ernsthaft mit dir reden; denn ich möchte dich gern vor zukünftigem Leid bewahren und verhindern, daß du unter das unbarmherzige Rad von Ursache und Wirkung gerätst.« »Bist du zu einem Fatalisten geworden, Vater? Soll ich etwa aus Aberglauben auf meine erfolgreiche Tätigkeit verzichten?« 70
Der Tiger-Swami »Vater, du versetzt mich wirklich in Erstaunen. Du weißt doch, wie die Tiger sind - schön, aber erbarmungslos. Wer weiß, vielleicht hämmern ihnen meine Schläge etwas mehr Rücksichtnahme in die dicken Schädel ein. Ich bin sozusagen der Meister eines Dschungel-Internats, der den Bestien sanftere Manieren beibringt. Sieh mich bitte nie als einen Tigermörder an, Vater, sondern nur als Tigerbändiger. Wie könnte mir diese gute Tätigkeit Unheil bringen? Zwinge mich bitte nicht, meine Lebensweise zu ändern!« Chandi und ich waren ganz Ohr, denn wir verstanden das Dilemma nur zu gut. In Indien setzen die Kinder dem Willen ihrer Eltern nicht so leicht Widerstand entgegen. »Mit stoischem Schweigen hörte sich Vater meine Erklärungen an«, fuhr der Tiger-Swami fort. Dann machte er mir mit ernsthafter Miene folgende Eröffnung: »Mein Sohn, du zwingst mich dazu, dir von einer unheilvollen Prophezeiung Kenntnis zu geben, die aus dem Mund eines Heiligen kommt. Er näherte sich mir gestern, als ich - wie jeden Tag - auf der Veranda saß und meditierte. »Lieber Freund.«, sagte er, »ich habe eine Botschaft für deinen kampflustigen Sohn. Er soll seine barbarische Tätigkeit einstellen; sonst wird er bei seiner nächsten Begegnung mit einem Tiger schwere Wunden davontragen und monatelang zwischen Leben und Tod schweben. Danach wird er ein neues Leben beginnen und Mönch werden.« »Doch dieser Bericht beeindruckte mich wenig. Ich vermutete, daß Vater in seiner Leichtgläubigkeit irgendeinem Fanatiker zum Opfer gefallen sei.« Bei diesem Geständnis machte der Tiger-Swami eine ungeduldige Handbewegung, als ob er sich einer großen Torheit erinnerte. Dann saß er lange Zeit in finsterem Schweigen da und schien unsere Gegenwart völlig vergessen zu haben. Plötzlich aber nahm er mit gedämpfter Stimme den Faden seiner Erzählung wieder auf: 71 Der Tiger-Swami Nicht lange nach dieser väterlichen Warnung besuchte ich die Hauptstadt von Kutsch-Bihar. Die malerische Landschaft dort war mir noch unbekannt, und so entschloß ich mich, zur Abwechslung einige geruhsame Tage in dieser Gegend zu verbringen. Wie überall, so folgte mir auch hier eine neugierige Menschenmenge auf der Straße nach, und ab und zu fing ich einige ihrer Bemerkungen auf: »Das ist der Mann, der die wilden Tiger bekämpft!«»Seht nur seine Beine - die reinsten Baumstämme!« »Und seht euch sein Gesicht an! Er ist bestimmt eine leibhaftige Inkarnation des Tigerkönigs!« »Ihr wißt, wie die Straßenkinder alle Neuigkeiten ausschreien; und mit welcher Geschwindigkeit werden die sensationellen Nachrichten dann erst durch die Frauen verbreitet! Innerhalb weniger Stunden war die ganze Stadt ob meiner Anwesenheit in Aufruhr. Als ich am Abend etwas ruhen und mich entspannen konnte, hörte ich plötzlich die Hufe galoppierender Pferde, die vor meinem Haus anhielten. Gleich darauf traten mehrere hochgewachsene Polizisten mit Turban in mein Zimmer. Ich schaute sie bestürzt an. Bei diesen Hütern des Gesetzes ist kein Ding unmöglich, dachte ich. Vielleicht wollen sie mich wegen irgendeiner Sache zur Rede stellen, von der ich keine Ahnung habe. Doch die Beamten verneigten sich mit ungewöhnlicher Höflichkeit vor mir.« »Verehrter Herr, wir sind gesandt worden, um Euch im Namen des Fürsten von Kutsch-Bihar willkommen zu heißen. Er würde sich freuen, Euch morgen früh in seinem Palast begrüßen zu können.« »Ich dachte einen Augenblick lang über das Angebot nach. Irgendwie - ich wußte selbst nicht, warum - fühlte ich lebhaftes Bedauern über diese Unterbrechung meiner friedlichen Reise. Doch das demütige Verhalten der Polizisten rührte mich, und so willigte ich ein.« 72
Der Tiger-Swami »All diese Zuvorkommenheit wird mich sicher etwas kosten«, dachte ich mit wachsendem Erstaunen. Nach einigen belanglosen Bemerkungen rückte der Fürst schließlich mit seinem Vorhaben heraus. »Meine Stadt ist voll vom Gerücht, daß ihr mit bloßen Händen wilde Tiger bezwingen könnt. Stimmt das?~
»Mir jedoch erscheint dies recht unglaubwürdig. Ihr seid ein Bengale aus Kalkutta, der sich - wie die übrige Stadtbevölkerung - von weißem Reis ernährt. Gebt es mal offen zu: Habt Ihr nicht nur kraftlose, mit Opium betäubte Tiger bekämpft?« Seine Stimme, die einen provinziellen Tonfall hatte, klang laut und sarkastisch. Ich ignorierte seine beleidigende Frage und würdigte ihn keiner Antwort. »Ich fordere Euch hiermit zum Kampf mit meinem kürzlich eingefangenen Tiger Raja Begum3 heraus. Wenn Ihr ihn erfolgreich niederzwingt, mit einer Kette bindet und den Käfig dann noch in bewußtem Zustand verlassen könnt, sollt Ihr diesen Königstiger als Geschenk erhalten und außerdem noch mehrere tausend Rupien und viele andere Gaben empfangen. Wenn Ihr den Kampf aber verweigert, werde ich Euch im ganzen Lande als Betrüger brandmarken lassen.« 3 Raja Begum = »Fürst-Fürstin«. Der Name bedeutet, daß diese Bestie die Wildheit des Tigers und der Tigerin in sich vereinigte.73 Der Tiger-Swami Seine unverschämten Worte trafen mich wie ein Peitschenhieb, und ärgerlich schleuderte ich ihm meine Zusage ins Gesicht. Da erhob sich der Fürst vor Erregung halb von seinem Sitz, um sogleich mit sadistischem Lächeln wieder darauf zurückzusinken. Ich mußte an die römischen Kaiser denken, die sich am Anblick der wehrlosen Christen in der Raubtierarena zu weiden pflegten. »Der Wettkampf soll heute in einer Woche stattfinden«, sagte er. »Leider kann ich Euch nicht die Erlaubnis geben, den Tiger vorher zu sehen.« Vielleicht hegte der Fürst den Verdacht, daß ich das Tier hypnotisieren oder ihm heimlich Opium geben könnte. Als ich den Palast verließ, stellte ich belustigt fest, daß diesmal der fürstliche Sonnenschirm und die prunkvolle Karosse fehlten. Während der folgenden Woche bereitete ich meinen Körper und Geist systematisch auf die kommende Feuerprobe vor. Durch meinen Diener erfuhr ich, daß allerlei phantastische Gerüchte in Umlauf waren. Die unheilvolle Voraussage, die der Heilige meinem Vater gemacht hatte, war irgendwie bekannt geworden und nahm von Tag zu Tag erschreckendere Formen an. Viele der einfachen Dorfleute glaubten, daß ein böser, von den Göttern verbannter Geist sich als Tiger verkörpert habe, der nachts in dämonenhafter Gestalt sein Unwesen treibe, tagsüber jedoch wieder zum gestreiften Tiger werde. Dieser Tigerdämon sei angeblich dazu auserwählt worden, mich zu demütigen. Eine andere Version dieses Gerüchts lautete, daß die zum Tigerhimmel aufgestiegenen Tiergebete erhört worden seien und daß Raja Begum das Werkzeug sei, durch das ich, der kühne Zweifüßler, der das ganze Tigergeschlecht beleidigt hatte, gestraft werden solle. Ein Mann ohne Fell und Tatzen, der es wagt, einen mit Krallen bewaffneten, mächtigen Tiger herauszufordern! Der zusammengeballte Groll aller gedemütigten Tiere - so sagten die Dorfleute - sei eine ausreichende Triebkraft, um verborgene Gesetze zur Wirkung zu bringen und den Fall des stolzen Tigerbändigers herbeizuführen. 74 Der Tiger-Swami Mein Diener teilte mir ferner mit, daß der Fürst sich als Veranstalter des Nahkampfes zwischen Mensch und Tier in seinem Element fühlte. Er überwachte den Bau eines wetterfesten Pavillons, der mehrere tausend Menschen fassen sollte. In dessen Mitte befand sich Raja Begum in einem riesigen Käfig, der von einem äußeren Sicherheitsgelände umgeben war. Der Gefangene stieß ununterbrochen ein solch furchterregendes Gebrüll aus, daß jedem, der es hörte, das Blut in den Adern gefror. Er wurde nur spärlich gefüttert, damit sein mörderischer Appetit erhalten blieb. Vielleicht rechnete der Fürst damit, daß ich ihm zur Belohnung als Mahlzeit dienen würde. Eine riesige Menschenmenge aus der Stadt und den Vororten kaufte sich bereits Eintrittskarten, denn dieser einzigartige Wettkampf war überall durch Ausrufer bekannt gemacht worden. Als der große Tag herangekommen war, mußten Hunderte wieder umkehren, weil sie keinen Sitzplatz mehr erhielten. Viele brachen durch die Öffnungen des Zeltes hindurch oder drängten sich auf engem Raum hinter der Galerie zusammen. Als sich die Geschichte des Tiger-Swamis ihrem Höhepunkt näherte, wuchs meine Erregung von Minute zu Minute. Auch Chandi saß stumm und wie gebannt da. Unter dem wütenden Gebrüll von Raja Begum und dem Tumult der aufgeregten Menge betrat ich gelassen die Arena. Ich war nur spärlich um die Lenden herum bekleidet; der übrige Körper war unbedeckt. Dann schob ich den Riegel der Tür, die zu dem Sicherheitsgelände führte, zurück und schloß die Tür ruhig hinter mir zu. Der Tiger begann Blut zu riechen, sprang mit donnerndem Getöse gegen das Eisengitter und brüllte mir ein grimmiges Willkommen entgegen. Das Publikum verstummte in mitleidsvoller Furcht; im Vergleich zu dieser rasenden Bestie erschien ich wie ein sanftes Lamm. Im Nu war ich im Käfig. Doch während ich noch die Tür zuschlug, stürzte Raja Begum bereits ungestüm auf mich zu, und meine rechte Hand wurde grauenvoll zerfetzt. Menschliches Blut, der größte Genuß, den ein Tiger kennt, floß in Strömen herab, und die Prophezeiung des Heiligen schien sich zu erfüllen. Dies war die erste ernstliche Verletzung, die ich bei einem solchen Kampf davongetragen hatte; dennoch hatte ich mich nach dem ersten Schock sogleich wieder gefaßt. Indem ich meine blutigen Finger geschwind unter dem Lendentuch verbarg, holte ich mit der linken Hand zu einem knochenzerschmetternden Schlag aus. Die Bestie taumelte zurück, drehte sich im hinteren Teil des Käfigs um sich selbst und sprang, von Krämpfen geschüttelt, nach vorn. Nun regneten meine berühmten Fausthiebe auf ihren Kopf nieder. 75 Der Tiger-Swami Doch die Kostprobe menschlichen Blutes hatte eine solch berauschende Wirkung auf Raja Begum gehabt wie der erste Schluck Wein auf einen Alkoholiker nach langer Abstinenz. Angefeuert von seinem eigenen, ohrenbetäubenden Gebrüll sprang mich das Tier immer tollwütiger an. Weil ich mich mit meiner einen Hand nur unzulänglich verteidigen konnte, war ich gegen seine Tatzen und Krallen nur mangelhaft geschützt. Doch ich erteilte ihm betäubende Vergeltungsschläge. Beide mit Blut befleckt, rangen wir um Leben und Tod. Der Käfig war zur Hölle geworden, und das Blut spritzte in alle Richtungen. Unheimliche Laute des Schmerzes und der Mordgier drangen aus der Kehle der Bestie. »Schießt ihn tot! Bringt den Tiger um!« ertönten Schreie aus dem Publikum. Doch Mensch und Tier bewegten sich so schnell, daß die Kugel eines Wächters fehlging. Ich nahm all meine Willenskraft zusammen, brüllte wild auf und holte zu einem letzten, zerschmetternden Schlag aus. Der Tiger brach zusammen und blieb regungslos liegen.
Der Swami lachte anerkennend und fuhr dann mit seiner spannenden Erzählung fort. Raja Begum war endlich besiegt! Und sein Stolz wurde noch weiter gedemütigt, als ich mit meinen zerfleischten Händen kaltblütig seinen Rachen öffnete und meinen Kopf einen dramatischen Augenblick lang in die gähnende Todesfalle hielt. Dann nahm ich eine Kette vom Boden auf, band den Tiger mit dem Hals an die Gitterstäbe und schritt triumphierend dem Ausgang zu. Doch Raja Begum war von einer Zähigkeit, die seiner vermeintlichen dämonischen Herkunft Ehre machte. Mit einem heftigen Ruck sprengte er die Kette und sprang mich von hinten an. Meine Schulter saß fest in seinem Rachen, und ich fiel ruckartig zu Boden. Doch im Nu hatte ich ihn unter mir festgeklemmt und schlug das tückische Tier mit meinen erbarmungslosen Hieben besinnungslos. Dieses Mal band ich ihn fester an. Dann ging ich langsam aus dem Käfig hinaus. 76 Der Tiger-Swami Gleich darauf umgab mich ein neuer Aufruhr, diesmal aber ein erfreulicher. Der Beifall der Menge erscholl wie aus einer einzigen gigantischen Kehle. Wenn ich auch schlimm zugerichtet war, so hatte ich dennoch die drei Bedingungen erfüllt: den Tiger bewußtlos geschlagen, ihn mit einer Kette gebunden und den Käfig ohne fremde Hilfe verlassen. Außerdem hatte ich die angriffslustige Bestie derart eingeschüchtert und zugerichtet, daß sie die Gelegenheit verpaßt hatte, zuzuschnappen, als ich meinen Kopf in ihren Rachen steckte. Nachdem meine Wunden behandelt worden waren, wurde ich geehrt und mit Girlanden bekränzt. Viele Goldstücke rollten zu meinen Füßen, und in der ganzen Stadt feierte man das Ereignis mehrere Tage lang. Mein Sieg über einen der größten und wildesten Tiger, den man je gesehen hatte, wurde unablässig erörtert. Raja Begum wurde mir, wie versprochen, zum Geschenk gemacht, doch ich empfand keinerlei Triumphgefühl. Eine geistige Wandlung hatte sich in mir vollzogen, und es schien, daß ich beim Verlassen des Käfigs auch die Tür zu meinem weltlichen Ehrgeiz hinter mir zugeschlagen hatte. Es folgte eine schwere Zeit für mich, denn sechs Monate lang schwebte ich infolge einer Blutvergiftung zwischen Leben und Tod. Sobald ich wieder kräftig genug war, um Kutsch-Bihar zu verlassen, kehrte ich in meine Heimatstadt zurück. »Ich weiß nun, daß der heilige Mann, der mir die weise Warnung gab, mein Lehrer ist«, gestand ich meinem Vater demütig ein. »Ach, wenn ich ihn nur finden könnte!« Mein Wunsch war aufrichtig, denn eines Tages traf der Heilige unerwartet bei uns ein. »Genug der Tigerkämpfe«, sagte er zu mir und fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Folge mir jetzt, damit ich dich lehren kann, die Bestien der Unwissenheit zu bekämpfen, die im Dschungel des menschlichen Geistes umherschweifen. Da du an ein Publikum gewöhnt bist, sollst du von nun an eine Schar von Engeln mit deinen Yoga-Künsten unterhalten.« 77 Der Tiger-Swami Und so wurde ich von meinem heiligen Guru in den geistigen Weg eingeweiht. Er öffnete die Tore meiner Seele, die durch langjährigen Mangel an Gebrauch verrostet und verriegelt waren. Bald darauf machten wir uns Hand in Hand auf den Weg zum Himalaja, wo ich meine Schulung erhalten sollte. Dankbar verneigten Chandi und ich uns zu Füßen des Swamis, der uns so viel aus seinem bewegten Leben erzählt hatte. Wir fühlten uns reichlich entschädigt für die lange Wartezeit in dem kalten Empfangszimmer. 78 Kapitel
7: Der
schwebende Heilige
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Ich lächelte ihn freudig an. »Vielleicht kann ich sogar erraten, wer er ist. Meinst du Bhaduri Mahasaya aus der Oberen Ringstraße?« Upendra nickte und schien ein wenig enttäuscht, weil er mir keine Neuigkeit hatte mitteilen können. Meine Freunde wußten nämlich, daß ich nie genug über Heilige hören konnte, und freuten sich deshalb immer, wenn sie mich auf eine neue Fährte setzen konnten. »Der Yogi wohnt ganz in unserer Nähe«, sagte ich, »und ich besuche ihn öfters.« Upendra schien lebhaft interessiert an meinen Worten, so daß ich ihm noch eine weitere vertrauliche Mitteilung machte: »Ich habe ihn erstaunliche Dinge vollbringen sehen. So beherrscht er u.a. meisterhaft die verschiedenen Pranayamas1 des achtfachen Yoga, wie sie von Patanjali2 gelehrt werden. Einmal war ich dabei, als Bhaduri Mahasaya das Bhastrika-Pranayama mit solch erstaunlicher Kraft ausführte, daß es schien, als hätte sich ein Wirbelwind im Zimmer erhoben. Danach hielt er den stürmischen Atem an und verharrte regungslos in einem hohen Zustand des Überbewußtseins3. Diese Atmosphäre des Friedens nach dem Sturm war so eindrucksvoll, daß ich sie nie vergessen werde.« 1 Pranayama = Methoden zur Beherrschung der Lebenskraft (Prana) durch Regulierung des Atems. Das Bhastrika(Lungen)-Pranayama macht den menschlichen Geist beharrlich. 2 Patanjali = Der hervorragendste
Yoga-Interpret des indischen Altertums 79 Der schwebende Heilige »Ich habe gehört, daß der Heilige niemals seine Wohnung verläßt«, sagte Upendra etwas skeptisch. »Das stimmt. Er hat während der letzten zwanzig Jahre nur in seinen vier Wänden gelebt. Doch anläßlich der heiligen Feste lockert er diese selbstauferlegte Regel etwas und begibt sich auf den Bürgersteig vor seinem Haus. Dort wird er sogleich von einer Schar Bettler umringt, denn der heilige Bhaduri ist weit und breit wegen seines weichen Herzens bekannt...« »Wie kann er aber frei in der Luft schweben und dem Gesetz der Schwerkraft trotzen?« »Der Körper eines Yogis verliert nach bestimmten Pranayamas seine grobstoffliche Beschaffenheit. Dann ist er in der Lage zu schweben oder wie ein Frosch umherzuhüpfen. Selbst Heilige, die keine Yoga-Techniken üben, haben sich bekanntlich im Zustand göttlicher Hingabe vom Boden erhoben.« »Ich möchte gern mehr über diesen Weisen erfahren. Gehst du regelmäßig zu seinen Abendversammlungen?« fragte Upendra, aus dessen Augen Neugier blitzte. 80 Der schwebende Heilige »Ja, ich gehe öfters hin. Und ich freue mich immer über seinen weisen Humor. Manchmal allerdings störe ich die feierliche Atmosphäre durch mein fortwährendes Lachen. Der Heilige nimmt es mir zwar nicht übel, aber seine Jünger durchbohren mich mit ihren Blicken.« Am selben
Nachmittag kam ich auf meinem Heimweg von der Schule an Bhaduri
Mahasayas Einsiedelei vorbei und entschloß mich, ihn zu besuchen. Der
Yogi war für die Allgemeinheit nicht zugänglich. Im Erdgeschoß seines
Hauses wohnte ein einzelner Jünger, der streng darauf achtete, daß sein
Meister nicht gestört wurde. Dieser Schüler, der sich gern wie ein
Wachtmeister aufführte, richtete die formelle Frage an mich, ob ich
»bestellt« worden sei. Sein Guru erschien gerade zur rechten Zeit, um
zu verhindern, daß ich kurzerhand vor die Tür gesetzt wurde. Ich folgte Bhaduri Mahasaya zu einem spartanisch einfachen Gemach im obersten Stockwerk, das er nur selten verließ. Die Meister ignorieren oft das bunte, weltliche Panorama, das erst später, wenn es der Vergangenheit angehört, in das richtige Blickfeld gerückt wird. Zu den Zeitgenossen eines Weisen gehören nicht nur solche, die in der begrenzenden Gegenwart leben. »Maharishi4, Ihr seid der erste Yogi, von dem ich weiß, daß er nie sein Haus verläßt.« »Gott läßt Seine Heiligen manchmal auf ungewöhnlichem Boden wachsen, damit wir nicht denken, daß Er irgendeinem Regelzwang unterliege.« 4 Maharishi = Großer Weiser 81 Der schwebende Heilige Mit diesen Worten setzte sich der Weise in die Lotosstellung. Sein Körper vibrierte vor Energie; obgleich er in den Siebzigern war, sah man ihm weder sein Alter noch seine sitzende Lebensweise an. Er hatte das Antlitz eines Rishis, so wie es in den altüberlieferten Texten beschrieben wird. Sein Haupt mit langem Barthaar war edel geformt, seine Gestalt aufrecht und kräftig und sein Blick fest in der Allgegenwart verankert. Wir versanken beide in einen meditativen Zustand. Nach einer Stunde rief mich seine sanfte Stimme ins Bewußtsein zurück. »Du gehst oft in einen Zustand tiefen Schweigens ein; hast du aber schon Anubhava5 erlangt?« Mit diesen Worten wollte er mir andeuten, daß ich Gott mehr lieben solle als die Meditation. »Verwechsle nie die Technik mit dem Ziel«, fügte er hinzu. Dann bot er mir einige Mangos an. Mit dem ihm eigentümlichen geistreichen Humor, der mich bei seinem sonst so ernsten Wesen entzückte, bemerkte er: »Die meisten Menschen fühlen sich mehr zum Jala-Yoga (Vereinigung mit der Nahrung) als zum Dhyana-Yoga (Vereinigung mit Gott) hingezogen.« Dieses yogische Wortspiel versetzte mich in unbändige Heiterkeit. »Wie du lachen kannst!« sagte er, während er mich zärtlich anblickte. Sein Antlitz war stets ernst, wenn auch von einem leicht ekstatischen Lächeln verklärt. In seinen großen Lotosaugen lag versteckte göttliche Heiterkeit. »Diese Briefe kommen aus dem fernen Amerika«, sagte der Weise, während er auf mehrere dicke Umschläge wies, die auf einem Tisch lagen. »Ich stehe mit verschiedenen Gesellschaften dieses Landes, die sich für Yoga interessieren, in Briefwechsel. Sie entdecken Indien jetzt aufs neue, und zwar mit einem besseren Orientierungssinn als dereinst Kolumbus. Ich freue mich, wenn ich ihnen helfen kann, denn die Yoga-Wissenschaft gehört - ebenso wie das Tageslicht - der ganzen Menschheit.« 5 Anubhava = Tatsächliche Wahrnehmung Gottes 82 Der schwebende Heilige »Was die Rishis als wesentlich
für die Erlösung der Menschheit erkannt haben, braucht für das
Abendland nicht verwässert zu werden. Morgen- und Abendland sind sich
innerlich zutiefst verwandt, wenn auch jedes äußerlich einen anderen
Entwicklungsweg gegangen ist. Doch weder Ost noch West werden gedeihen
können, wenn sie sich nicht in der einen oder anderen Form einer
Disziplin unterwerfen, wie sie durch Yoga geboten wird.« 83 Der schwebende Heilige »Maharishi, wollt Ihr nicht ein Buch über Yoga schreiben, aus dem alle Menschen Nutzen ziehen können?« »Meine Aufgabe besteht darin, Jünger auszubilden. Diese sowie deren Schüler werden meine lebenden Werke sein, die gegen jede unnatürliche Auslegung der Kritiker gefeit sind.« Bis zum Abend blieb ich mit dem Yogi allein; dann trafen seine Jünger ein, und Bhaduri Mahasaya hielt einen seiner einzigartigen Vorträge. Gleich einer sanften Flut schwemmten seine Worte allen intellektuellen Schutt hinweg und lenkten die Gedanken seiner Zuhörer zu Gott empor. Er trug seine eindrucksvollen Gleichnisse in einem gewählten Bengali vor. An jenem Abend sprach Bhaduri über Mirabai - eine mittelalterliche Prinzessin aus Rajputana, die sich ganz vom höfischen Leben zurückgezogen hatte, um in der Gesellschaft von Heiligen zu leben - und erläuterte in diesem Zusammenhang verschiedene philosophische Kernfragen. Ein bekannter Sannyasi, Sanatana Goswami, hatte sich geweigert, Mirabai zu empfangen, weil sie eine Frau war. Als man ihm jedoch ihre Antwort überbrachte, gab er sich demütig geschlagen. »Sage dem Meister«, hatte sie ihm ausrichten lassen, »ich hätte nicht gewußt, daß es außer Gott noch ein anderes männliches Wesen im Universum gebe. Sind wir vor ihm nicht alle weiblich?« (Den heiligen Schriften zufolge ist Gott die einzige positive, schöpferische Urkraft, während Seine Schöpfung nichts weiter als die passive Maya ist.) Mirabai hat viele religiöse Lieder verfaßt, die sich noch heute in Indien großer Beliebtheit erfreuen. Eines von ihnen will ich hier übersetzen: Könnte man Gott
durch tägliches Baden erkennen, 84 Der schwebende Heilige Einige der Schüler legten Rupien in Bhaduris Pantoffeln, die neben ihm auf dem Boden standen, während er in der Yoga-Stellung saß. Dieser in Indien übliche, ehrfürchtige Brauch bedeutet, daß der Jünger dem Guru seine materiellen Güter zu Füßen legt. In Wirklichkeit aber ist es Gott selbst, der die Seinen durch dankbare Freunde versorgen läßt. »Meister, Ihr seid wunderbar!« bemerkte einer der Schüler beim Abschied, indem er begeistert zu dem patriarchalischen Weisen aufblickte. »Ihr habt Reichtum und Bequemlichkeit aufgegeben, um Gott zu suchen und uns Seine Weisheit zu vermitteln.« Es war allgemein bekannt, daß Bhaduri Mahasaya in seiner Jugend auf eine beträchtliche Erbschaft verzichtet hatte, um sein Leben ganz dem Weg des Yoga zu weihen. »Der Fall ist genau umgekehrt«, sagte der Heilige mit sanftem Vorwurf. »Ich habe ein paar armselige Rupien und billige Vergnügungen gegen das Kosmische Reich ewig währender Glückseligkeit eingetauscht. Wie könnte ich mir dabei etwas versagt haben? Ich freue mich, wenn ich meinen Reichtum mit anderen teilen kann. Ist das etwa ein Opfer? Die eigentlichen Entsagenden sind die kurzsichtigen weltlichen Menschen, die um des armseligen irdischen Flitterwerks willen auf unvergleichliche göttliche Reichtümer verzichten.« Ich lachte still in mich hinein, als ich diese paradoxe Ansicht über den Begriff »Entsagung« hörte, die jeden heiligen Bettler in einen Krösus verwandelt und die stolzen Millionäre zu unbewußten Märtyrern macht. »Das göttliche Gesetz sorgt weit besser für unsere Zukunft als alle Versicherungsgesellschaften.« Diese Schlußworte des Meisters brachten seinen praktischen, auf Erfahrung beruhenden Glauben zum Ausdruck. »Die Welt ist voll von ängstlichen Menschen, deren Stirn von Sorgen zerfurcht ist und die sich an äußere Sicherheiten klammern. Er jedoch, der uns vom ersten Atemzug an mit Luft und Milch versorgt hat, wird auch Mittel und Wege finden, um Seine Kinder am Leben zu erhalten.« 85 Der schwebende Heilige Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, den Heiligen täglich nach Schulschluß zu besuchen. Mit schweigender Bereitwilligkeit half er mir »Anubhava« zu erreichen. Eines Tages zog er jedoch in die Ram-Mohan-Roy-Straße um und rückte somit aus unserer Nachbarschaft fort. Seine getreuen Jünger hatten ihm eine neue Einsiedelei gebaut, die unter dem Namen »Nagendra Math«6 bekannt wurde. Ich will an dieser Stelle die letzten Worte wiedergeben, die Bhaduri Mahasaya zu mir sprach, obgleich ich meiner Erzählung damit um mehrere Jahre vorgreife. Kurz vor meiner Abreise nach der westlichen Hemisphäre suchte ich ihn auf und kniete demütig vor ihm nieder, um seinen Abschiedssegen zu empfangen. »Geh nach Amerika, mein Sohn, und nimm die Würde des alten Indien als dein Wappenschild mit. Der Sieg steht dir an der Stirn geschrieben, und die großherzigen Menschen im fernen Lande werden dich freudig willkommen heißen.« 6 Sein vollständiger Name war Nagendranath Bhaduri. Ein Math ist, genau genommen, ein Kloster; doch manchmal wird auch ein Ashram oder eine Einsiedelei so genannt. Von den »schwebenden Heiligen« der christlichen Welt ist u.a. der im 17. Jahrhundert lebende heilige Joseph von Cupertino bekannt geworden. Seine Wundertaten wurden von vielen Augenzeugen bestätigt. Die Geistesabwesenheit des hl. Joseph war in Wirklichkeit göttliche Sammlung. Seine Klosterbrüder ließen sich bei ihren täglichen Mahlzeiten nie von ihm bedienen, weil er oft mitsamt dem Geschirr zur Decke aufstieg. Der Heilige war also einzigartig ungeeignet für irgendein irdisches Amt, da er sich nie für längere Zeit auf der Erde halten konnte. Oft genügte der Anblick einer heiligen Statue, um den hl. Joseph aufwärts schweben zu lassen. Dann konnte man die beiden Heiligen - den einen aus Stein und den anderen aus Fleisch - hoch in der Luft umeinander kreisen sehen. Die hl. Theresia von Avila, deren Seele sich zu höchsten Höhen aufschwang, empfand das Emporschweben ihres Körpers als äußerst störend. Vergeblich suchte sie, die mit vielen organisatorischen Aufgaben betraut war, ihre »erhebenden« Erlebnisse zu verhindern. »Alle kleinen Vorsichtsmaßnahmen sind umsonst«, schrieb sie, »wenn der Herr es anders haben will.« Der Körper der hl. Theresia, der in einer Kirche von Alba (Spanien) aufgebahrt liegt, ist bis heute - vier Jahrhunderte nach ihrem Tode - noch nicht verwest und sendet einen blumenhaften Duft aus. Zahllose Wunder haben sich an diesem Ort zugetragen.
Diese herausfordernde Bemerkung, die ich zufällig auffing, kam von einem der Professoren, die zusammen auf dem Bürgersteig diskutierten. Ich gesellte mich sogleich zu ihnen und muß zu meinem Leidwesen gestehen, daß dies vielleicht aus einem gewissen Nationalstolz geschah. Ich kann jedoch nicht leugnen, daß ich jedes mal lebhaftes Interesse zeige, wenn ich höre, daß Indien nicht nur in der Metaphysik, sondern auch in der Physik eine führende Rolle spielen kann.
Da erklärte mir der Professor bereitwillig: »Bose ist der erste, der einen drahtlosen Fritter sowie ein Instrument, das die Brechung elektromagnetischer Wellen anzeigt, erfunden hat. Doch der indische Wissenschaftler war nicht daran interessiert, seine Erfindungen kommerziell auszuwerten, und befaßte sich bald mehr mit der organischen als mit der anorganischen Welt. Seine umwälzenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Pflanzenphysiologie übertreffen sogar noch seine Errungenschaften auf dem der Physik.« Nachdem ich dem Professor höflich gedankt hatte, fügte dieser noch hinzu: »Der große Wissenschaftler ist mein Kollege an der Presidency-Universität.« Am nächsten Tag suchte ich den Weisen in seiner Wohnung auf, die in der Garparstraße lag, nicht weit von unserem Haus entfernt. Schon seit langem hatte ich ihn ehrfurchtsvoll aus der Ferne bewundert. Der ernste und zurückhaltende Botaniker begrüßte mich äußerst herzlich. Er war ein gutaussehender, kräftiger Mann in den Fünfzigern mit dichtem Haar, breiter Stirn und dem abwesenden Blick eines Träumers. Seine präzise Ausdrucksweise zeugte von jahrelanger wissenschaftlicher Tätigkeit. 87 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose »Ich bin erst vor kurzem von einer Forschungsreise nach dem Westen zurückgekehrt, wo ich mit mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften Verbindung aufgenommen habe«, teilte er mir mit. »Sie alle zeigten lebhaftes Interesse an den von mir erfundenen, hochempfindlichen Instrumenten, mit denen die unteilbare Einheit allen Lebens nachgewiesen werden kann1.« Der Bose-Crescograph ermöglicht eine zehnmillionenfache Vergrößerung, während das Mikroskop nur einige tausend Male vergrößert. Wohl hat dieses der Biologie einen bedeutenden Aufschwung gegeben; der Crescograph aber eröffnet ihr ungeahnte Möglichkeiten.« »Es ist zum großen Teil Euer Verdienst, Sir, daß sich Ost und West dank der objektiven Wissenschaft nähergekommen sind.« »Ich erhielt meine Ausbildung in Cambridge. Wie bewundernswert ist doch die abendländische Methode, alle Theorien durch exakte Experimente zu beweisen oder zu widerlegen. Dieses empirische Verfahren sowie meine Neigung zur Innenschau, die mein morgenländisches Erbteil ist, haben es mir ermöglicht, seit langem unzugängliche Gebiete der Natur zu erforschen. Die graphischen Darstellungen meines Crescographen2 können selbst den größten Skeptiker davon überzeugen, daß die Pflanzen ein empfindsames Nervensystem und ein wandlungsfähiges Gefühlsleben haben. Liebe, Haß, Freude, Furcht, Lust, Schmerz, Erregbarkeit, Erstarrung und zahllose andere Reaktionen auf bestimmte Reize gibt es bei den Pflanzen ebenso wie bei den Tieren.« 1 »Jede Wissenschaft muß transzendent sein, um bestehen zu können. Die Botanik ist im Begriff, sich die richtige Theorie anzueignen - und bald werden es Brahmas Avatare sein, die der Naturwissenschaft als Textbücher dienen.« Emerson 2 Crescograph = von dem lateinischen Wort crescere »zunehmen« abgeleitet. Bose wurde für die Erfindung seines Crescographen und andere Entdeckungen im Jahre 1917 zum Ritter geschlagen. 88 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose »Der eine Pulsschlag des Lebens, der das ganze Weltall durchdringt, kann von nun an nicht mehr als dichterische Einbildung gelten, Sir. Ich kannte einen Heiligen, der es nie übers Herz brachte, eine Blume zu pflücken. »Soll ich den Rosenstrauch seiner stolzen Schönheit berauben? Soll ich durch meinen rohen Eingriff seine Würde verletzen?« Seine feinfühligen Worte werden durch Eure Entdeckungen buchstäblich bestätigt.« »Der Dichter steht in einem innigen Verhältnis zur Wahrheit, während der Wissenschaftler sich ihr nur unbeholfen nähert. Besuche mich einmal in meinem Laboratorium, um dich mit eigenen Augen von der Arbeitsweise des Crescographen zu überzeugen.« Dankbar nahm ich die Einladung an und verabschiedete mich. Später erfuhr ich, daß der Botaniker die Presidency-Universität verlassen hatte, um in Kalkutta ein Forschungsinstitut zu errichten. Als das Bose-Institut eröffnet wurde, wohnte ich der Einweihungsfeier bei. Hunderte von begeisterten Menschen wanderten durch die Anlage. Ich freute mich an der geistigen Symbolik und der geschmackvollen Einrichtung dieses neuen Heimes der Wissenschaft. Das jahrhundertealte Eingangstor stammt aus einem entfernt gelegenen Heiligtum. Hinter einem Lotosteich3 steht eine aus Stein gemeißelte weibliche Figur mit einer Fackel in der Hand; sie bringt die Achtung der Inder vor der Frau, der unsterblichen Lichtträgerin, zum Ausdruck. Ein kleiner Tempel im Garten ist dem Absoluten geweiht, das sich jenseits der Welt der Erscheinungen befindet. Das Fehlen jeglicher Altarbilder soll an die Unkörperlichkeit des Göttlichen gemahnen. Boses Ansprache an diesem großen Tag hätte ebensogut von einem erleuchteten Rishi des Altertums stammen können. 3 Die Lotosblume gilt von jeher als göttliches Symbol in Indien. Ihre sich öffnenden Blütenblätter deuten die Entfaltung der Seele an, und ihre aus dem Schlamm aufsteigende reine Schönheit versinnbildlicht eine hohe geistige Verheißung. 89 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose »Ich weihe dieses Institut heute nicht nur als ein Laboratorium, sondern auch als einen Tempel ein.« Sein feierlicher Ernst nahm die Zuhörer in dem dichtbesetzten Auditorium sichtlich gefangen. »Im Verlauf meiner Forschungen geriet ich unbeabsichtigt in das Grenzgebiet zwischen Physik und Physiologie. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, daß die Grenzlinien allmählich verschwanden und immer mehr Berührungspunkte zwischen dem Lebenden und Nichtlebenden auftauchten. Die anorganische Materie zeigte sich durchaus nicht als gefühllos, sondern erzitterte unter der Einwirkung verschiedenartiger Kräfte. Eine universelle Reaktionsfähigkeit schien Metalle, Pflanzen und Tiere unter ein gemeinsames Gesetz zu bringen. Sie alle zeigten im wesentlichen dieselben Ermüdungs- und Depressionserscheinungen, dieselbe Fähigkeit, sich zu erholen oder sich zu erregen, und den Verlust jeglichen Gefühls beim Eintritt des Todes. Diese erstaunliche Universalität erfüllte mich mit Ehrfurcht, und bald darauf gab ich der Königlichen Akademie voller Hoffnung meine Ergebnisse bekannt - Ergebnisse, die durch Experimente bewiesen worden waren. Doch die anwesenden Physiologen rieten mir, meine Forschungen auf das Gebiet der Physik zu beschränken, auf dem ich schon sichere Erfolge erzielt hatte, und nicht in ihr Territorium einzudringen. Ich war, ohne es zu wissen, in das Gebiet eines unbekannten Kastensystems geraten und hatte gegen dessen Etikette verstoßen. Als weiterer Faktor spielte hier noch ein instinktives Vorurteil der Theologen mit, die Unwissenheit mit Glauben verwechseln. Es wird oft vergessen, daß Gott, der uns in diese sich ständig neu entfaltende, geheimnisvolle Welt hineingestellt hat, uns auch den Wunsch eingegeben hat, zu fragen und zu verstehen. Ich habe erfahren, daß das Leben eines Jüngers der Wissenschaft endlosen Kampf bedeutet. Er muß sein Leben freudig zum Opfer bringen und Gewinn und Verlust, Erfolg und Mißerfolg gleichmütig hinnehmen. 90 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose Mit der Zeit jedoch wurden meine Theorien und praktischen Ergebnisse von den führenden wissenschaftlichen Gesellschaften der ganzen Welt akzeptiert und damit zugleich der bedeutende Beitrag Indiens auf dem Gebiet der Wissenschaft anerkannt.4 Hat sich der indische Geist jemals mit irgendwelchen Nichtigkeiten oder Begrenzungen zufriedengegeben? Dieses Land hat sich aufgrund seiner ununterbrochenen, lebendigen Tradition und seiner sich ständig erneuernden Kraft in zahllosen Entwicklungsphasen behauptet. Immer wieder haben sich Inder erhoben, die auf die Gunst des Augenblicks verzichteten und nach der Verwirklichung höchster Ideale strebten - und zwar nicht durch passive Entsagung, sondern durch aktive Bemühungen. Der Schwächling, der jeden Konflikt meidet und nichts erreicht, hat auch nichts, dem er entsagen könnte. Nur wer gekämpft und gesiegt hat, kann die Welt mit den Früchten seiner gewonnenen Erfahrungen bereichern. Die Versuche, die im Bose-Laboratorium über die Reaktionsfähigkeit der Materie und die überraschenden Entdeckungen im Pflanzenleben bereits durchgeführt werden, haben die Forschungsgebiete der Physik, Physiologie, Medizin, Landwirtschaft und sogar der Psychologie erheblich erweitert. Probleme, die bis dahin als unlösbar galten, sind nun in den Bereich experimenteller Forschung gerückt. Große Erfolge können jedoch nicht ohne peinliche Genauigkeit erzielt werden. Daher konstruierte ich eine Reihe von hochempfindlichen Instrumenten und Apparaten, die Sie hier - von Gehäusen geschützt - in der Eingangshalle sehen können. Sie zeugen von unseren langjährigen Bemühungen, den trügerischen Schein zu durchbrechen und in die unsichtbare Wirklichkeit vorzustoßen; sie zeugen von der unermüdlichen Arbeit, Ausdauer und Findigkeit, die wir brauchten, um die Grenzen des sogenannten Menschenmöglichen zu überschreiten. Alle produktiven Wissenschaftler sind zu der Erkenntnis gekommen, daß der menschliche Geist das eigentliche Laboratorium ist, in dem die hinter allen täuschenden Erscheinungen liegenden Gesetze der Wahrheit entdeckt werden. 4 »Wir glauben, daß kein Studiengebiet - vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften - auf den größeren Universitäten als vollwertig gelten kann, solange es keinen gründlich geschulten Spezialisten für indisches Gedankengut einbezieht. Wir sind ferner der Meinung, daß jede Universität, die ihre Studenten für ein intelligentes Wirken in der Welt, in der sie leben sollen, vorbereiten will, in ihrer Dozentenschaft einen kompetenten Gelehrten für das Fachgebiet der indischen Kultur haben muß. (Auszüge aus einem Artikel von Prof. W. Norman Brown von der Universität Pennsylvanien; erschienen im Mai 1939 im Bulletin des American Council of Learned Societies, Washington D.C.) 91 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose Die Vorlesungen, die hier gehalten werden, sollen nicht nur Wissen aus zweiter Hand vermitteln, sondern über neue Entdeckungen berichten, die zum ersten Mal in diesen Sälen vorgeführt werden. Durch regelmäßige Veröffentlichungen über die an unserem Institut geleistete Arbeit sollen diese Beiträge Indiens in alle Welt gehen und Allgemeingut werden; denn wir werden keine Patente darauf anmelden. Es läßt sich nicht mit dem Geist unserer Kultur vereinbaren, unser Wissen zu profanieren, um persönlichen Gewinn daraus zu ziehen. Ferner ist es mein Wunsch, daß die Einrichtungen dieses Institutes soweit wie möglich auch den Forschern anderer Länder zur Verfügung stehen. Auf diese Weise will ich versuchen, an die Tradition meines Landes anzuknüpfen, die bereits vor 2500 Jahren begonnen hat, als Indien auf seinen alten Universitäten Nalanda und Taxila Gelehrte aus allen Teilen der Welt willkommen hieß. Obgleich die Wissenschaft weder dem Morgen- noch dem Abendland gehört, sondern in ihrer Universalität als international gelten muß, ist Indien besonders dafür geeignet, große Beiträge zu leisten.5 Die glühende indische Einbildungskraft, die aus einer Anzahl sich scheinbar widersprechender Tatsachen eine neue Ordnung herzustellen vermag, wird durch systematische Konzentrationsübungen im Zaum gehalten; und diese innere Disziplin ermöglicht es dem Geist, mit unendlicher Geduld nach der Wahrheit zu forschen.« 5 Die atomare Struktur der Materie war den alten Hindus wohlbekannt. Eines der sechs Systeme der indischen Philosophie ist das Vaisesika (von der Sanskritwurzel Visesas = atomare Individualität). Der vor 2800 Jahren lebende Aulukya, der auch Kanada (der »Atomesser«) genannt wurde, war einer der hervorragendsten Interpreten des Vaisesika. In einem Artikel von Tara Mata in der Zeitschrift East-West vom April 1934 wurde folgende Übersicht über das im Vaisesika enthaltene Wissen gegeben: »Obgleich die moderne »Atomtheorie« allgemein als jüngste wissenschaftliche Entdeckung gilt, wurde sie schon in alter Zeit von Kanada, dem »Atornesser« aufs genaueste erläutert. Das Sanskritwort Anu kann in der Tat mit »Atom« übersetzt werden, was auf griechisch soviel wie »ungeschnitten« oder unteilbar heißt. Andere wissenschaftliche Vaisesika-Abhandlungen aus der Zeit vor Christus behandeln folgende Themen: 1. Die Bewegung der Magnetnadeln, 2. den Kreislauf des Wassers in den Pflanzen, 3. den inaktiven und formlosen Akash oder Äther als Übertragungsmittel subtiler Kräfte, 4. das Feuer der Sonne als Ursache aller anderen Wärmeformen, 5. Wärme als Ursache molekularer Veränderungen, 6. das Gesetz der Schwerkraft, bedingt durch die besondere Eigenart der Erdatome, die ihnen Anziehungs- oder Schwerkraft verleiht, 7. die kinetische Energie, die stets von der Masse und der Geschwindigkeit eines sich bewegenden Körpers abhängig ist, 8. die Auflösung des Universums durch den Zerfall der Atome, 9. die Ausstrahlung von Wärme und Licht, die darin besteht, daß sich unendlich kleine Teilchen mit unvorstellbarer Geschwindigkeit nach allen Richtungen ausbreiten (die moderne kosmische Strahlentheorie), und 10. die Relativität von Zeit und Raum. Nach der Lehre des Vaisesika ist die Welt aus Atomen entstanden, die ihrem Wesen, d.h. ihrer ursprünglichen Beschaffenheit nach, ewig sind und sich ständig in einem vibrierenden Zustand befinden ... Die kürzliche Entdeckung, derzufolge jedes Atom ein Miniatur-Sonnensystem darstellt, wäre für die alten Vaisesika-Philosophen nichts Neues gewesen, denn ihre kleinste mathematische Zeiteinheit (Kala) bestand in der Spanne, in der ein Atom seinen eigenen Raum durchmißt. 92 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose Tränen traten in meine Augen, als der Wissenschaftler diese Schlußworte sprach. Ist »Geduld« nicht wahrhaftig ein Synonym für Indien und beschämt sowohl die Zeit als auch die Historiker? Kurz nach der Eröffnung besuchte ich das Forschungsinstitut wieder; und getreu seinem Versprechen führte mich der große Botaniker in sein ruhiges Laboratorium. Ach will jetzt den Crescographen an diesem Farn befestigen. Die Vergrößerung ist ungeheuer. Könnte man das Kriechen einer Schnecke im gleichen Maße beschleunigen, so würde sich das Tier mit der Geschwindigkeit eines Eilzuges vorwärtsbewegen. Ich richtete
den Blick gespannt auf die Leinwand, die das vergrößerte schattenhafte
Bild des Farns wiedergab. Die winzigsten Lebensvorgänge wurden nun
deutlich sichtbar - und die Pflanze begann äußerst langsam vor meinen
erstaunten Augen zu wachsen. Da berührte der Wissenschaftler die Spitze
des Farns mit einem kleinen Metallstab, und die sich vor meinen Augen
entfaltende Pantomime kam zu einem plötzlichen Stillstand, nahm ihren
beredten Rhythmus aber sogleich wieder auf, als der Stab entfernt wurde. 93 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose »Du siehst, wie der geringste äußere Eingriff sich nachteilig auf die empfindsamen Gewebe auswirkt«, bemerkte Bose. »Paß auf! Ich werde die Pflanze jetzt chloroformieren und ihr dann ein Gegenmittel geben.« Die Wirkung des Chloroforms brachte jedes Wachstum zum stillstand, während das Gegenmittel wiederbelebend wirkte. Diese Entwicklungsvorgänge auf der Leinwand fesselten mich mehr als der spannendste Film. Mein Gefährte (der hier die Rolle des Bösewichts spielte) durchstach den Farn mit einem spitzen Instrument; sogleich drückte sich durch krampfartiges Flattern eine Schmerzempfindung aus. Als er daraufhin mit einer Rasierklinge einen Teil des Stengels durchschnitt, bewegte sich der Schatten heftig, um dann beim endgültigen Eintritt des Todes stillzustehen. »Ich habe einen Baum erfolgreich umpflanzen können, indem ich ihn zuvor chloroformierte. Gewöhnlich sterben diese Könige des Waldes bald nach ihrer Umpflanzung ab.« Ein glückliches Lächeln huschte über Boses Gesicht, als er mir von diesem Lebensrettungsmanöver berichtete. »Durch die mit meinen empfindlichen Apparaten erzielten graphischen Darstellungen ist bewiesen worden, daß die Bäume ein Kreislaufsystem haben; die Bewegung ihres Saftes entspricht dem Blutdruck in den Tierkörpern. Das Aufsteigen des Saftes läßt sich nämlich nicht durch eine der üblichen mechanischen Ursachen wie etwa Kapillarität erklären. Mit Hilfe des Crescographen ist nun bewiesen worden, daß es sich bei dieser Erscheinung um die Tätigkeit lebender röhrenförmiger Zellen handelt, die den Baum in Längsrichtung durchziehen und die Funktion eines Herzens ausüben, indem sie peristaltische Wellen aussenden. Je schärfer unser Wahrnehmungsvermögen wird, um so deutlicher erkennen wir, daß es nur einen universellen Plan gibt, der allen Lebensformen zugrunde liegt.« Dann wies der große Wissenschaftler auf ein anderes Bose-Instrument. »Ich will jetzt verschiedene Versuche mit einem verzinnten Eisenblech ausführen. Die Lebenskraft in den Metallen reagiert auf schädliche Reizmittel ganz anders als auf heilsame, was durch entsprechende Tintenmarkierungen aufgezeichnet wird.« 94 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose Gespannt verfolgte ich die graphischen Darstellungen, die in charakteristischen Wellenlinien den inneren Bau der Atome wiedergaben. Als der Professor Chloroform auf das Eisenblech tat, hörten die vibrierenden Aufzeichnungen auf; doch als das Metall allmählich seinen Normalzustand wiedererlangte, setzten sie erneut ein. Dann wandte der Professor ein Ätzmittel an. Während das Leben in dem Blech zitternd verlöschte, schrieb die Nadel dramatisch das Todeszeichen in der Kurve.»Mit Hilfe der »Bose-Instrumente«, fuhr der Wissenschaftler fort, »ist bewiesen worden, daß Metalle, wie z.B. der Stahl, den man zur Herstellung von Scheren und Maschinen verwendet, nach langer Beanspruchung Ermüdungserscheinungen zeigen, jedoch nach einer gewissen Ruhepause wieder leistungsfähig sind. Auch elektrischer Strom oder hoher Druck kann die Lebensschwingung in den Metallen ernstlich gefährden oder sogar vernichten.« Ich schaute mir die zahlreichen im Raum stehenden Erfindungen an - beredte Zeugen eines unermüdlichen Forschergeistes. »Sir, es ist schade, daß Eure wunderbaren Erfindungen nicht vermehrt in der Landwirtschaft ausgewertet werden. Könnte man nicht mit einigen Apparaten Laborversuche machen, um festzustellen, was für eine Wirkung die verschiedenen Düngemittel auf das Wachstum der Pflanzen haben?« »Du hast ganz recht. Künftige Generationen werden größeren Nutzen aus den Bose-Instrumenten ziehen. Der Wissenschaftler selbst erntet nur selten den Lohn für seine Bemühungen. Ihm genügt die Freude, schöpferisch dienen zu können.« Als ich mich mit lebhaften Dankesworten von dem unermüdlich tätigen Weisen verabschiedete, dachte ich bei mir: »Ob sich die Fruchtbarkeit dieses genialen Geistes wohl jemals erschöpft?« Die nachfolgenden Jahre brachten keinen Rückgang seiner Leistungen. Bose erfand ein neues, kompliziertes Instrument - den »klingenden Kardiographen« - mit dem er ausgedehnte Versuche an zahlreichen indischen Pflanzen anstellte und auf diese Weise eine Reihe nützlicher Heilmittel entdeckte. Der Kardiograph ist mit einer solchen Exaktheit konstruiert worden, daß er Zeiteinheiten von einer hundertstel Sekunde anzeigt. Seine Tonaufnahmen geben unwahrscheinlich winzige Schwingungen in den pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebensformen wieder. Der große Botaniker sagte voraus, daß man seinen Kardiographen später dazu benutzen werde, Vivisektionen (Eingriff an einem lebenden Tier) an Pflanzen anstatt an Tieren durchzuführen. 95 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose »Wenn man die Aufzeichnungen über die Wirkung eines Medikaments, das gleichzeitig einer Pflanze und einem Tier verabreicht wurde, miteinander vergleicht, gelangt man zu überraschend ähnlichen Ergebnissen«, erklärte er. »Alles, was im Menschen vor sich geht, ist bereits andeutungsweise in der Pflanze vorhanden. Deshalb werden die Versuche mit den Pflanzen dazu beitragen, sowohl das Leiden der Menschen als auch das der Tiere zu mindern.« Später wurden Boses bahnbrechende Entdeckungen in der Pflanzenwelt durch andere Wissenschaftler ergänzt. So berichtete z.B. die New York Times über die im Jahre 1938 an der Columbia-Universität geleistete Arbeit folgendes: Im Laufe der letzten Jahre ist man zu der Feststellung gelangt, daß in dem Augenblick, wo die Nerven Empfindungen ins Gehirn oder in andere Körperteile leiten, winzige elektrische Impulse ausgelöst werden. Diese Impulse sind nun durch hochempfindliche Galvanometer gemessen und durch moderne Vergrößerungsapparate millionenfach vergrößert worden. Bis jetzt hat man noch keine zuverlässige Methode gefunden, um den Verlauf dieser Impulse in den Nervenfasern lebender Tiere und Menschen zu untersuchen, was an der hohen Geschwindigkeit liegt, mit der sich diese Impulse fortbewegen. Wie die Doktoren Cole und Curtis berichten, entdeckten sie, daß die einzelnen länglichen Zellen der Süßwasserpflanze Nitella (die oft für Goldfischaquarien benutzt wird) mit denen einzelner Nervenfasern identisch sind. Außerdem entdeckten sie, daß die Nitella-Fasern, sobald sie erregt werden, elektrische Wellen erzeugen, die - mit Ausnahme ihrer Geschwindigkeit - in jeder Beziehung den Wellen gleichen, die von tierischen und menschlichen Nervenfasern ausgesandt werden. Die elektrischen Nervenimpulse der Pflanzen sind bedeutend langsamer als die der Tiere. Aus diesem Grunde haben sich die Forscher der Columbia-Universität diese Entdeckung zunutze gemacht, um Zeitlupenaufnahmen von dem Verlauf elektrischer Nervenimpulse zu machen. Die Nitella-Pflanze könnte daher zu einer Art »Stein von Rosette« werden, der es ermöglicht, die sorgfältig bewahrten Geheimnisse im Grenzland zwischen Geist und Materie zu entziffern.« 96/97/98 Indiens großer Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose Der Dichter Rabindranath Tagore war dem indischen Wissenschaftler und Idealisten in treuer Freundschaft verbunden. Ihm widmete der liebenswerte bengalische Sänger folgende Verse: Rufe,
o Einsiedler, mit den verbürgten Worten
Des alten Sama-Hymnus: Erhebe dich! Erwache! Rufe dem Mann, der mit shastrischem Wissen sich rühmt, Ruf diesem närrischen Prahler, Der durch pedantischen Wortstreit Umsonst sich müht, Rufe ihm zu, hinauszutreten Vor das Antlitz der freien Natur, Der unermeßlichen Erde. Laß diesen Ruf vor Deinen Gelehrten erschallen, Und laß sie alle Sich um Dein Feueropfer versammeln. Dann wird Indien, user uraltes Land, Heimfinden zu sich selbst, Zu seiner redlichen Arbeit, Zu seinen Pflichten, seinen Visionen Und seiner ernsthaften Meditation. Laß es noch einmal still und ohne Begierde, Ohne Ehrgeiz und voller Reinheit Als Lehrmeister aller Länder Auf seinem erhabenen Throne sitzen.6 6 Nach der Fassung von Manmohan
Ghosh, der dieses Gedicht von Rabindranath Tagore aus dem Bengalischen
ins Englische übersetzt hat; die englische Fassung wurde in der
Zeitschrift The Visvabharati Quarterly, Shantiniketan, Indien,
veröffentlicht.
Der in Tagores Gedicht erwähnte »Sama-Hymnus« ist einer der vier Veden. Die anderen drei sind der Rig-Veda, der Yajur-Veda und der Atharva-Veda. Diese heiligen Texte erläutern das Wesen des Schöpfergottes Brahma, der im Menschen eine individualisierte Ausdrucksform (Atma = Seele) annimmt. Die Sanskritwurzel des Wortes Brahma ist brih = »sich ausdehnen«, was die vedische Auffassung von der göttlichen Kraft spontanen Wachstums, dem Hervorbrechen schöpferischer Tätigkeit ausdrückt. Es heißt, daß der Kosmos - gleich einem Spinnennetz - aus Brahma hervorging (vikurute). Die bewußte Verschmelzung von Atma und Brahma - d.h. von Seele und GEIST - macht den eigentlichen Inhalt der Veden aus. Der Vedanta - eine Zusammenfassung der Veden - hat bereits viele große abendländische Denker begeistert. So schrieb z.B. der französische Historiker Victor Cousin: »Wenn wir die denkwürdigen philosophischen Werke des Orients - und besonders Indiens - aufmerksam lesen, entdecken wir dort Wahrheiten von solcher Tiefe ..., daß wir uns gezwungen sehen, vor der Philosophie des Morgenlandes die Knie zu beugen und in ihr die Wiege der Menschheit, die Geburtsstätte der höchsten Philosophie zu sehen.« Und Schlegel bemerkte: »Auch die höchste Philosophie der Europäer, der Idealismus der Vernunft, so wie ihn griechische Selbstdenker aufstellten, würde wohl, an die Fülle der Kraft und des Lichts in dem orientalischen Idealismus der Religion gehalten, nur als ein schwacher prometheischer Funke gegen die volle himmlische Glut der Sonne erscheinen.« (»Über die Sprache und Weisheit der Inder«) In der reichhaltigen Literatur Indiens sind die Veden (Wurzel: vidd »wissen«) die einzigen Texte, die keinen Verfasser aufweisen. Der Rig-Veda (X 90, 9) schreibt seine Hymnen und Erzählungen einem göttlichen Ursprung zu und berichtet uns (11139, 2), daß sie aus »grauer Vorzeit stammen und später in eine neue Sprache gekleidet wurden. Da die Veden den Rishis (Schern) von einem Zeitalter zum anderen durch göttliche Offenbarungen mitgeteilt wurden, heißt es, daß sie Nityatva, d.h. »zeitlose Gültigkeit« besitzen. Die Veden waren ursprünglich Laut-Offenbarungen, die von den Rishis »unmittelbar gehört« (shruti) wurden, und enthalten im wesentlichen Lieder und Rezitationen. Die 100.000 Verse der Veden wurden also mehrere jahrtausende lang nicht niedergeschrieben, sondern mündlich durch die Brahmanen-Priester weitergegeben. Weder Papier noch Stein sind gegen die zeitlich bedingten Zersetzungserscheinungen gefeit. Die Veden aber haben sich von einem Zeitalter zum anderen erhalten, weil die Rishis die Überlegenheit des Geistes über die Materie kannten und wußten, daß die geistige Art der Überlieferung die beste ist. Denn was ließe sich mit den »Tafeln. des Herzens« vergleichen? Indem die
Brahmanen sich die besondere Reihenfolge (Anupurvi) der vedischen
Worte, die phonologischen Regeln der Lautzusammensetzung (Sandhi) und
die Beziehung der Buchstaben zueinander (Sanatana) merkten und indem
sie mit bestimmten mathematischen Methoden die Genauigkeit der
auswendig gelernten Texte überprüften, haben sie die ursprüngliche
Reinheit der Veden seit grauer Vorzeit bewahrt. jede Silbe (Akshara)
eines vedischen Wortes hat eine bestimmte Wirkung und Bedeutung. 99 Kapitel 09: Der glückselige Heilige Lahiri Mahasaya Top »Setze dich bitte, kleiner Herr! Ich spreche gerade mit meiner Göttlichen Mutter.« In ehrfurchtsvollem Schweigen hatte ich zum ersten Male den Wohnraum Meister Mahasayas betreten, und seine engelhafte Erscheinung blendete mich fast. Mit seinem weißen, seidigen Bart und den großen glänzenden Augen schien er die Verkörperung der Reinheit selbst. Sein erhobenes Kinn und die im Schoß gefalteten Hände verrieten mir, daß mein plötzliches Erscheinen ihn mitten in seiner Andacht gestört hatte. Seine schlichten Begrüßungsworte hatten eine unerwartet heftige Wirkung auf mich, so wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Bis dahin war mir der Tod meiner Mutter und die bittere Trennung von ihr als das höchste Ausmaß des Schmerzes erschienen. Jetzt aber empfand ich die Trennung von meiner Göttlichen Mutter als eine unerträgliche geistige Qual. Jammernd fiel ich vor ihm nieder. »Kleiner Herr, beruhige dich«, sagte der Heilige in mitfühlender Besorgnis. Ich aber umklammerte wie ein verzweifelter Schiffbrüchiger seine Füße, die mir das einzige Rettungsfloß zu sein schienen. »Heiliger Meister, legt bitte Fürsprache für mich ein. Fragt die Göttliche Mutter, ob auch ich Gnade vor Ihren Augen finde.« Ein solch heiliges Versprechen wird nicht leicht gegeben; darum sah sich der Meister gezwungen zu schweigen. Ich zweifelte nicht im geringsten daran, daß Meister Mahasaya in einem vertrauten Verhältnis zur Mutter des Universums stand, und es war tief demütigend für mich zu erkennen, daß ich mit sehenden Augen blind war, während der fehlerlose Blick des Heiligen Sie in diesem selben Augenblick wahrnehmen konnte. Ungeachtet seiner sanften Ermahnungen hielt ich seine Füße hartnäckig fest und flehte ihn immer wieder um seine Vermittlung an. 100 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer »Ich will der Geliebten Mutter deine Bitte vortragen«, sagte der Meister schließlich mit einem zögernden, aber mitfühlenden Lächeln. Was für eine geheimnisvolle Macht lag in diesen wenigen Worten, daß sie mich sogleich von meinem heftigen Schmerz und meinem göttlichen Heimweh befreiten? »Sir, haltet Euer Versprechen! Ich komme bald wieder, um Ihre Botschaft zu hören!« Freudige Erwartung schwang in meiner Stimme, obgleich ich soeben noch herzzerreißend geschluchzt hatte. Während ich die lange Treppenflucht hinunterlief, wurde ich plötzlich von Erinnerungen überwältigt. In diesem Haus an der Amherst-Straße 50 - jetzt der Wohnsitz Meister Mahasayas - hatte einst unsere Familie gelebt. Hier war meine Mutter gestorben; hier hatte der Kummer um die entschwundene menschliche Mutter mir fast das Herz gebrochen, und hier war mein Geist soeben durch die Abwesenheit der Göttlichen Mutter gekreuzigt worden. Geheiligte Wände! Stumme Zeugen meiner tiefsten Schmerzen und meiner endgültigen Heilung! Eiligen Schrittes kehrte ich zu unserem Haus in der Garparstraße zurück, wo ich mich in mein kleines Mansardenzimmer zurückzog und bis 10 Uhr abends meditierte. Da wurde die Dunkelheit der warmen indischen Nacht plötzlich durch eine wundersame Vision erhellt. Von überirdischem Glanz umgeben stand die Göttliche Mutter vor mir. Ihr zärtlich lächelndes Antlitz war die Schönheit selbst. »Immer habe ich dich geliebt. Immer werde ich dich lieben!« Während die himmlischen Laute noch in der Luft verhallten, entschwand Sie. Kaum hatte sich die Sonne am folgenden Morgen erhoben, als ich Meister Mahasaya auch schon meinen zweiten Besuch abstattete. Ich stieg die Treppen des Hauses empor, das so viele bittere Erinnerungen für mich barg, und blieb vor seinem im dritten Stockwerk gelegenen Zimmer stehen. Der Türknauf war mit einem Tuch umwickelt, zweifellos ein Hinweis, daß der Heilige nicht gestört werden wollte. 101 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer Während ich noch unschlüssig dastand, öffnete der Meister mir eigenhändig die Tür. Ich kniete zu seinen heiligen Füßen nieder, setzte aber aus einer spielerischen Laune heraus eine ernste Miene auf, um meine gehobene Stimmung zu verbergen. »Sir, ich muß gestehen, daß ich ein wenig früh gekommen bin, um Eure Botschaft zu hören. Hat die Göttliche Mutter irgend etwas über mich gesagt? -
Das war alles, was er sagte. Anscheinend vermochte mein geheuchelter Ernst ihn nicht zu beeindrucken.
»Mußt du mich wirklich prüfen?« Seine ruhigen Augen waren voller Verständnis. »Kann ich der Versicherung, die du gestern abend um 10 Uhr von der Wunderbaren Mutter selbst erhalten hast, heute morgen noch ein einziges Wort hinzufügen?« Meister Mahasaya verstand es meisterhaft, meine ungestüme Seele im Zaum zu halten. Wiederum warf ich mich ihm zu Füßen; doch diesmal vergoß ich nur noch Tränen des Glücks. »Dachtest du etwa, daß deine tiefe Hingabe nicht imstande wäre, das Herz der Gnadenvollen Mutter zu bewegen? Sie, die du sowohl in menschlicher als auch in göttlicher Form angebetet hast, konnte deinen verzweifelten Ruf niemals unbeantwortet lassen.«
1 Dies sind respektvolle Titel, mit denen er gewöhnlich angeredet wurde. Sein eigentlicher Name war Mahendra Nath Gupta. Er unterzeichnete seine literarischen Werke stets nur mit einem »M«. 102 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer »Ich bin nicht dein Guru«, sagte er zu mir. »Du wirst ihm etwas später begegnen und unter seiner Anleitung lernen, deine göttliche Liebe und Hingabe in die Sprache seiner unergründlichen Weisheit zu übertragen.« Jeden Spätnachmittag fand ich mich jetzt in der Amherst Straße ein; mich verlangte nach Meister Mahasayas göttlichem Kelch, der bis zum Rande gefüllt war und seine Tropfen täglich auf mich überfließen ließ. Nie zuvor hatte ich mich mit solch uneingeschränkter Ehrfurcht vor jemandem verneigt. Ich empfand es sogar als ein unvergleichliches Vorrecht, denselben Boden betreten zu dürfen, der von Meister Mahasayas Füßen geheiligt worden war. Eines Abends brachte ich ihm eine Blumengirlande. »Sir, darf ich Euch diese Champak-Girlande umhängen? Ich habe sie eigens für Euch geflochten.« Doch er wandte sich scheu ab und weigerte sich wiederholt, diese Ehrung anzunehmen. Als er aber bemerkte, wie sehr er mich dadurch enttäuschte, willigte er schließlich lächelnd ein. »Da wir beide die Göttliche Mutter lieben, darfst du die Girlande um diesen Körpertempel hängen - als eine Gabe für Sie, die in unserem Inneren wohnt.« In seinem umfassenden Geist blieb kein Raum für irgendwelche selbstsüchtigen Erwägungen. »Wir wollen morgen nach Dakshineswar fahren und den Kali-Tempel aufsuchen, der für immer durch meinen Guru geheiligt worden ist.« Meister Mahasaya war ein Jünger des christusähnlichen Meisters Sri Ramakrishna Paramahansa. 103 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer Am folgenden Morgen legten wir die vier Meilen mit einem Boot auf dem Ganges zurück und betraten dann den neunkuppeligen Tempel der Kali. Dort ruhen die Gestalten Shivas und der Göttlichen Mutter Kali auf einem silbergetriebenen Lotos, dessen tausend Blütenblätter mit größter Sorgfalt ausgehämmert sind. Meister Mahasayas Antlitz drückte selige Entrücktheit aus; er war ganz und gar in den inneren Anblick der Geliebten Mutter versunken. Als er leise Ihren Namen sang, wollte mir das Herz vor Seligkeit fast zerspringen. Später wanderten wir durch das heilige Tempelgelände und hielten uns eine Weile in einem Tamariskenhain auf. Das besondere Manna, das von diesem Baum abgesondert wird, war ein Sinnbild für die himmlische Nahrung, die Meister Mahasaya austeilte. Während er mit seinen göttlichen Anrufungen fortfuhr, saß ich still und regungslos im Gras zwischen den rosa gefiederten Tamariskenblüten. Zeitweilig verließ ich meinen Körper und schwebte zu überirdischen Höhen empor. Dies war die erste von vielen Pilgerfahrten nach Dakshineswar, die ich in Begleitung des heiligen Lehrers unternahm. Durch ihn lernte ich die Lieblichkeit Gottes in der Form der Mutter - oder der Göttlichen Gnade - kennen. Dieser kindliche Heilige fühlte sich wenig von der väterlichen Natur Gottes - der Göttlichen Gerechtigkeit - angezogen, denn ein streng mathematisches Urteilen war seinem sanften Wesen fremd. »Er ist das irdische Urbild eines himmlischen Engels«, dachte ich liebevoll, während ich ihn eines Tages beim Beten beobachtete. Seine Augen - seit langem mit der paradiesischen Reinheit vertraut - blickten ohne den geringsten Vorwurf oder Tadel auf diese Welt herab. Sein Körper und Geist, seine Worte und Handlungen brachten die innere Harmonie und Einfachheit seiner Seele zum Ausdruck. Jedesmal, wenn der Heilige einen weisen Rat erteilte, fügte er hinzu: »Mein Meister sagte mir dies.« Dadurch wollte er den Anschein vermeiden, daß der Rat von ihm persönlich stamme. Er identifizierte sich so sehr mit Sri Ramakrishna, daß er sogar seine Gedanken nicht mehr als seine eigenen betrachtete. Eines Abends wanderte ich mit dem Heiligen Hand in Hand um den Häuserblock seiner Schule. Meine Freude wurde jedoch getrübt, als wir einem Bekannten begegneten, der sehr von sich eingenommen war und uns mit einem endlosen Wortschwall überschüttete. 104 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer »Ich sehe, daß dir dieser Mann nicht zusagt«, flüsterte mir der Heilige zu, ohne daß unser überheblicher Begleiter, der sich an seinem eigenen Monolog berauschte, ihn hörte. »Ich habe es der Göttlichen Mutter gesagt, und sie hat Verständnis für unsere bedauerliche Lage. Sobald wir das rote Haus dort drüben erreichen, wird sie ihn an eine dringende Angelegenheit erinnern.« Meine Blicke hingen wie festgebannt an dem rettenden Haus. Und wahrhaftig! Als wir das rote Tor erreichten, wandte sich der Mann plötzlich ohne jede weitere Erklärung um und ging davon. Er hatte weder seinen Satz beendet noch sich von uns verabschiedet. Friede breitete sich über die gestörte Atmosphäre aus. Ein andermal wanderte ich allein in der Nähe des Howrah-Bahnhofs und blieb einige Augenblicke vor einem Tempel stehen, um dort mit stummer Kritik eine Gruppe von Männern zu beobachten, die heftig ihre Trommeln und Zimbeln schlugen und aus voller Kehle ein Lied heruntersangen. »Wie mechanisch und gefühllos sie den Namen Gottes wiederholen«, dachte ich. Plötzlich erblickte ich zu meinem Erstaunen Meister Mahasaya, der sich mir mit raschen Schritten näherte.
Der Heilige überhörte meine Frage und antwortete statt dessen auf meine Gedanken. »Meinst du nicht auch, kleiner Herr, daß der Name des geliebten Gottes immer angenehm klingt, ganz gleich, ob er aus dem Mund eines Unwissenden oder eines Weisen kommt?« Dabei legte er zärtlich den Arm um meine Schultern und trug mich sogleich wie auf einem Zauberteppich in die barmherzige Göttliche Gegenwart. »Möchtest du gern ein Bioskop (Kino) sehen?« fragte Meister Mahasaya mich eines Nachmittags. Ich war verblüfft, daß der sonst so zurückgezogene Meister mich hierzu aufforderte; denn mit »Bioskop« bezeichnete man damals das Filmtheater in Indien. Ich willigte jedoch ein, weil ich mich über jede Gelegenheit freute, mit ihm zusammensein zu können. Nach einem flotten Spaziergang betraten wir die Universitätsanlagen. Mein Begleiter deutete auf eine Bank, die am Ufer des Goldighi (Teiches) stand. 105 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer »Wir wollen uns hier ein paar Minuten niedersetzen. Mein Meister hat mir geraten, jedesmal, wenn ich eine Wasserfläche sehe, eine Weile zu meditieren. Denn die Stille des Wasserspiegels erinnert uns an die unendliche Stille Gottes. So wie sich alle Dinge im Wasser widerspiegeln, so spiegelt sich das ganze Universum im See des Kosmischen GEISTFS wider, sagte mein Gurudeva2.« Bald darauf betraten wir einen Hörsaal der Universität, wo gerade ein Vortrag gehalten wurde. ich fand ihn entsetzlich langweilig, wenn er auch gelegentlich durch Lichtbilder - die aber ebenso uninteressant waren! - unterbrochen wurde. »Das also ist das Bioskop, das der Meister mir zeigen wollte«, dachte ich mit leichter Ungeduld. Iich wollte den Heiligen jedoch nicht dadurch verletzen, daß ich mir meine Langeweile anmerken ließ. Er aber hatte meine Gedanken durchschaut und flüsterte mir vertraulich zu: »Ich sehe, kleiner Herr, daß dir das Bioskop nicht gefällt. Ich habe es der Göttlichen Mutter gesagt, und wir tun ihr beide leid. Darum will sie sogleich für kurze Zeit das Licht ausgehen lassen, damit wir unbemerkt entkommen können.« Sowie er sein Flüstern beendet hatte, wurde der Raum plötzlich in Dunkelheit gehüllt, und der Professor, dessen scharfe Stimme einen Augenblick lang erstaunt verstummte, bemerkte: »Die elektrische Leitung im Saal scheint defekt zu sein.« Unterdessen hatten Meister Mahasaya und ich die Schwelle schon überschritten. Als ich vom Flur aus zurückschaute, sah ich, daß der Raum wieder erleuchtet war. »Das Bioskop hat dich enttäuscht, kleiner Herr, aber ich kann dir ein anderes zeigen, das dir besser gefallen wird.« Wir standen auf dem Bürgersteig vor dem Universitätsgebäude, als der Heilige diese Worte zu mir sprach und mir dabei oberhalb des Herzens leicht auf die Brust schlug. 2 Gurudeva = Göttlicher Lehrer, das gebräuchliche Sanskritwort für den geistigen Lehrer. Deva (Gott) in Verbindung mit Guru (erleuchteter Lehrer) drückt tiefe Ehrfurcht und Achtung aus. Ich habe es im Englischen einfach mit Master (Meister) übersetzt. 106 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer Augenblicklich setzte eine verwandelnde Stille ein. So wie ein Tonfilm plötzlich zum Stummfilm werden kann, wenn der Lautsprecher versagt, so wurde mit einem Male jeder irdische Lärm durch die Göttliche Hand zum Schweigen gebracht. Die Fußgänger, die Busse und Autos, die Ochsenkarren und Pferdedroschken mit ihren eisenbeschlagenen Rädern - sie alle glitten lautlos an mir vorbei. Ich erblickte die Szenen, die sich hinter und neben mir abspielten, ebenso mühelos wie die Szenen vor mir - so als ob ich ein allgegenwärtiges Auge besäße. Das ganze geschäftige Treiben in diesem kleinen Ausschnitt von Kalkutta zog ohne den geringsten Laut an mir vorüber. 107 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer Ähnlich wie man unter einer dünnen Schicht Asche das Feuer glimmen sieht, sah ich, wie dieses Panorama von einem matten Glanz durchdrungen war. Mein eigener Körper schien nur noch einer der vielen Schatten zu sein - mit dem Unterschied, daß er regungslos war, während die anderen Schatten lautlos hin- und herglitten. Mehrere meiner Freunde kamen auf mich zu und gingen vorüber; obgleich sie mich direkt anblickten, erkannten sie mich nicht. Diese einzigartige Pantomime versetzte mich in einen unbeschreiblichen ekstatischen Zustand. In tiefen Zügen trank ich aus einer seligen Quelle. Plötzlich erhielt meine Brust einen weiteren sanften Schlag von Meister Mahasayas Hand, und der Höllenlärm der Welt brach erneut über mich herein. Ich taumelte, als sei ich grausam aus einem himmlischen Traum gerissen worden. Der berauschende Wein befand sich wieder außer Reichweite. »Kleiner Herr, ich sehe, daß das zweite Bioskop3 mehr nach deinem Geschmack war«, sagte der Heilige lächelnd. Ich wollte aus Dankbarkeit vor ihm niederknien, doch er sagte: »Das darfst du jetzt nicht mehr tun. Du weißt, daß Gott auch in deinem Tempel wohnt. Ich lasse es nicht zu, daß die Göttliche Mutter mit deinen Händen meine Füße berührt.« Wer den unscheinbaren Meister und mich beobachtet hätte, als wir uns langsam von dem belebten Bürgersteig entfernten, würde uns wahrscheinlich der Trunkenheit verdächtigt haben. Mir war, als ob selbst die Abendschatten göttlich trunken wären und unsere Seligkeit teilten. Während ich mit unzulänglichen Worten versuche, der grenzenlosen Güte Meister Mahasayas gerecht zu werden, frage ich mich, ob er und andere Heilige, die meinen Weg kreuzten, wohl gewußt haben, daß ich Jahre später in einem westlichen Land etwas über ihr Leben und ihre große Liebe zu Gott schreiben würde. Ihre Hellsichtigkeit würde mich jedenfalls nicht überraschen und sicher auch nicht meine Leser, die mir bis hierher gefolgt sind. 3 In Webster's New International Dictionary (Wörterbuch) aus dem Jahr 1934 wird unter Bioskop als »seltene Bedeutung« angeführt: »Eine Ansicht des Lebens; das, was eine solche vermittelt.« Das von Meister Mahasaya gewählte Wort war daher besonders zutreffend.108 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer Heilige aller Religionen haben durch die einfache Methode, sich den Kosmischen Geliebten ständig im Innern zu vergegenwärtigen, Gottverwirklichung erlangt. Da das Absolute »ohne Eigenschaften« (nirguna) und »unfaßbar« (acintya) ist, hat der menschliche Geist oder die menschliche Sehnsucht Es sich stets in der Form einer Universellen Mutter vorzustellen versucht. Die Verschmelzung des Theismus (des Glaubens an einen persönlichen Gott) mit der Philosophie des Absoluten ist eine Errungenschaft hinduistischen Denkens, die in den Veden und der Bhagavad-Gita zum Ausdruck kommt. Diese »Versöhnung der Gegensätze« befriedigt sowohl das Herz als auch den Verstand. Bhakti (Hingabe) und Jnana (Weisheit) sind im Grunde ein und dasselbe. Denn prapatti (in Gott Zuflucht suchen) und sharanagati (auf das göttliche Erbarmen vertrauen) sind in Wirklichkeit Wege der höchsten Erkenntnis. Die Demut Meister Mahasayas und aller anderen Heiligen entspringt der Erkenntnis ihrer völligen Abhängigkeit (Seshatva) von Gott, dem einzigen Leben und dem einzigen Richter. Da die wahre Natur Gottes Glückseligkeit ist, erlebt der Mensch, der sich mit Ihm in Harmonie befindet, die ihm angeborene grenzenlose Freude der Seele. »Die erste Leidenschaft der Seele und des Willens ist die Freude!4« 4 Johannes vom Kreuz. Der Körper dieses liebenswerten christlichen Heiligen, der 1591 starb, wurde 1859 ausgegraben und in unverwestem Zustand vorgefunden, Sir Francis Younghusband berichtet (im Atlantic Monthly, Dezember 1936), wie er selbst einmal die kosmische Freude erlebt hat: »Etwas kam über mich, was weit mehr war als Erhebung oder Heiterkeit. Ich wurde von einer solch intensiven Freude erfaßt, daß ich außer mir war. Und im selben Augenblick, da ich diese unbeschreibliche und fast unerträgliche Freude fühlte, kam mir die Offenbarung, daß diese Welt im wesentlichen gut ist. Ich hegte keinen Zweifel daran, daß die Menschen im Grunde ihres Herzens gut sind und daß all ihre schlechten Eigenschaften nur an der Oberfläche liegen.« 109 Der glückselige Heilige und sein kosmisches Abenteuer Gottesfürchtige aller Zeitalter haben sich der Mutter mit kindlichem Vertrauen genähert und uns versichert, daß Sie ständig Ihr Spiel mit ihnen treibt. Im Leben Meister Mahasayas offenbarte sich dieses göttliche Spiel sowohl bei bedeutenden als auch bei unbedeutenden Ereignissen. Denn in Gottes Augen ist nichts groß oder klein. Hätte Er das Atom nicht mit solcher Genauigkeit konstruiert, wie könnte der Himmel die königliche Wega (hellster Stern im Sternbild Leier) und den stolzen Arkturus (Stern) tragen? Unterscheidungen von »wichtig« und »unwichtig« sind dem Herrn gewiß unbekannt, denn wenn nur eine Stecknadel fehlte, bräche der ganze Kosmos zusammen. Die Göttliche Mutter ist die Ausdrucksform Gottes, die in der Schöpfung tätig ist: Shakti oder die Kraft des transzendenten Herrn. Je nach den Eigenschaften, die Sie zum Ausdruck bringt, hat man Ihr viele Namen gegeben. Die eine Hand ist erhoben und segnet das ganze Universum; in den anderen Händen hält Sie Gebetsperlen, die Hingabe symbolisieren, Seiten der heiligen Schriften, die Gelehrsamkeit und Weisheit versinnbildlichen, und einen Krug mit geweihtem Wasser als Zeichen der Reinigung.110 Kapitel 10: Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Top »Der Glaube an Gott kann jedes Wunder vollbringen, nur eines nicht: daß man ein Examen besteht, ohne fleißig studiert zu haben.« Ärgerlich klappte ich das -inspirierende- Buch zu, das ich in einem müßigen Augenblick zur Hand genommen hatte. »Die Ausnahme, die der Verfasser da macht, beweist, wie sehr es ihm an Glauben mangelt«, dachte ich. »Bedauernswerter Mensch! Er scheint große Hochachtung vor den Studenten zu haben, die bis in die Nacht hinein arbeiten.« Ich hatte Vater
versprochen, die höhere Schule zu absolvieren; doch ich kann nicht
behaupten, fleißig gewesen zu sein. Die Monate waren dahingegangen,
ohne daß ich mich viel in der Schule hatte sehen lassen; dafür suchte
ich um so öfter die einsamen Bade-Ghats von Kalkutta auf. Die dort in
der Nähe liegenden Leichenverbrennungsstätten, die besonders bei Nacht
schauerlich wirken, üben eine besondere Anziehungskraft auf den Yogi
aus. Wer das Unsterbliche Selbst finden will, darf nicht vor ein paar
hohlen Schädeln zurückschrecken. An diesen unheimlichen, mit Knochen
besäten Stätten wird einem die Unzulänglichkeit alles Menschlichen
offenbar, und so sahen meine Nachtwachen ganz anders aus als die
eines Studierenden. 112 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar »Heda, Mukunda! Ich bekomme dich dieser Tage kaum noch zu sehen!« rief mich eines Nachmittags ein Klassenkamerad in der Garparstraße an. »Wie geht's, Nantu? Mein Fernbleiben von der Schule hat mich dort in eine recht fatale Lage gebracht.« Durch seinen freundlichen Blick ermutigt, schüttete ich ihm mein Herz aus. Nantu, der ein hervorragender Schüler war, lachte herzlich denn meine Lage hatte wirklich etwas Komisches an sich. »Du bist völlig unvorbereitet auf die Prüfung«, sagte er. »Ich glaube, ich muß dir helfen.« Seine einfachen Worte klangen mir wie eine göttliche Verheißung, und bald suchte ich meinen Freund voller Hoffnung in seiner Wohnung auf. Er zeigte mir bereitwillig die Lösungen verschiedener Aufgaben, die vermutlich in der Prüfung vorkommen würden. »Diese Fragen sind die Fallen, die den Prüflingen gestellt werden. Präge dir die Antworten gut ein, dann wirst du glimpflich davonkommen.« Es war spät in der Nacht, als ich - von ungewohnter Gelehrsamkeit strotzend - den Heimweg antrat. Aufrichtigen Herzens betete ich darum, daß ich mein Wissen während der folgenden kritischen Tage beibehalten möge. Nantu hatte mir verschiedene Sachgebiete eingepaukt, jedoch in der Eile meinen Sanskritkursus vergessen. Eindringlich machte ich Gott auf dieses Versehen aufmerksam. Am nächsten Morgen unternahm ich einen forschen Spaziergang, um mein neu erworbenes Wissen zu verdauen. Als ich mir den Weg abkürzen wollte und über ein mit Unkraut bewachsenes Eckgrundstück schritt, fiel mein Blick auf ein paar lose, bedruckte Blätter. Ein triumphierender Griff, und in meiner Hand befanden sich Sanskritverse! Ich suchte sofort einen Pandit (brahmanischer Gelehrter) auf, der mir bei meiner Interpretation, die recht lückenhaft war, helfen sollte. Er las mir auch sogleich mit erhobener Stimme die Verse in der alten, melodischen Sprache vor1. 1 Sanskrita = geschliffen, vollkommen. Sanskrit ist die älteste aller indogermanischen Sprachen. Sein Alphabet wird Devanagari (wörtlich: »göttliche Stätte«) genannt. »Wer meine Grammatik kennt, der kennt Gott.« Mit diesen Worten zollte Panini, ein großer Philologe des indischen Altertums, der mathematischen und psychologischen Vollkommenheit des Sanskrit seine Anerkennung. Wer die Sprache bis zu ihrem Ursprung verfolgt, muß in der Tat allwissend werden. 113 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar »Diese ausgefallenen Verse können dir aber unmöglich bei deiner Sanskritprüfung helfen«, meinte der Gelehrte skeptisch, als er mir die Blätter zurückgab. Und doch verdankte ich es nur der Kenntnis dieses Gedichtes, daß ich am nächsten Tag meine Sanskritprüfung bestand. Dank der meisterhaften Hilfe Nantus erhielt ich auch in allen anderen Fächern die erforderlichen Mindestzensuren. Vater freute sich, daß ich Wort gehalten und die höhere Schule beendet hatte. Ich aber dankte sogleich meinem Himmlischen Vater, denn nur Er hatte mir Nantu zugeführt und mich auf meinem Spaziergang auf das schuttbeladene Grundstück geleitet. Spielerisch hatte Er diese doppelte Rettungsaktion inszeniert, um mir zur rechten Zeit zu helfen. Kurze Zeit darauf fiel mir wieder das Buch in die Hände, dessen Verfasser die Priorität Gottes im Prüfungssaal abgestritten hatte. Mit innerer Belustigung dachte ich: »Es würde ihn nur noch mehr verwirren, wenn ich ihm erzählte, daß das Meditieren inmitten von Leichen ein abgekürztes Studienverfahren ist.« Im Bewußtsein meiner neuen Würde bereitete ich mich nun unverhohlen darauf vor, mein Elternhaus zu verlassen. Ich hatte mich, gemeinsam mit meinem Freund Jitendra Mazumdar2, entschlossen, in eine Einsiedelei (Sri Bharat Dharma Mahamandal) zu Benares3 einzutreten, um dort meine geistige Schulung zu empfangen. 2 Dies war nicht Jatinda Jotin Ghosh), den wir wegen seiner rechtzeitigen Abneigung gegen Tiger in Erinnerung haben. 3 Seit Indien seine Unabhängigkeit gewann, sind viele Worte, die während der britischen Oberhoheit anglisiert worden waren, wieder in die ursprüngliche Schreibweise zurückverwandelt worden. Daher wird Benares jetzt meist als Varanasi bezeichnet oder mit dem noch älteren Namen Kashi. 114 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Eines Tages aber überkam mich bei dem Gedanken an die bevorstehende Trennung von meiner Familie große Traurigkeit. Seit Mutters Tod hatte ich mich mit besonderer Zärtlichkeit meiner beiden jüngeren Brüder Sananda und Bishnu und meiner jüngsten Schwester Thamu angenommen. Ich eilte zu meinem Zufluchtsort, der kleinen Mansarde, die schon viele Phasen meines stürmischen Sadhana4 mit angesehen hatte. Zwei Stunden lang strömten die Tränen, dann fühlte ich mich wunderbar erleichtert - als sei ich durch einen alchimistischen Läuterungsprozeß gegangen. Jedes Gefühl von Anhänglichkeit5 war verschwunden, und ich war fest entschlossen, nur noch Gott - den einzig wahren Freund - zu suchen. »Ich will dich noch ein letztes Mal bitten, mich und deine trauernden Geschwister nicht zu verlassen«, sagte Vater mit betrübter Miene, als ich vor ihm stand, um seinen Segen zu empfangen. »Verehrter Vater, wie kann ich meine Liebe zu dir in Worte fassen? Aber noch größer ist meine Liebe zum Himmlischen Vater, der mir einen solch vollkommenen irdischen Vater gegeben hat. Laß mich gehen, damit ich eines Tages mit höheren göttlichen Erkenntnissen zu dir zurückkehre.« Nachdem Vater mir widerstrebend seine Einwilligung gegeben hatte, machte ich mich auf den Weg, um Jitendra nachzureisen, der sich schon in der Einsiedelei zu Benares befand.Dort wurde ich herzlich von dem jungen Oberhaupt, Swami Dayananda, begrüßt. Er war von hoher, schlanker Gestalt und hatte ein vergeistigtes Antlitz, so daß ich mich gleich zu ihm hingezogen fühlte. In seinem blassen Gesicht spiegelte sich eine buddhaähnliche Gelassenheit. 4 Sadhana = Weg, oder anfänglicher Weg, der zu Gott führt5 Die heiligen Schriften der Hindus lehren, daß Anhänglichkeit an die Familie eine Täuschung sein kann, und zwar dann, wenn sie den Gottsucher davon abhält, den Geber aller Gaben - zu denen auch die Familienangehörigen und nicht zuletzt das Leben selbst zählen - zu suchen. Jesus lehrte das gleiche mit ähnlichen Worten: »Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.« Matthäus 10, 37 115 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Ich stellte mit Freuden fest, daß mein neues Heim ebenfalls ein Mansardenzimmer hatte, wo ich während der Morgen- und Abendstunden meditieren konnte. Die Bewohner des Ashrams jedoch, die nicht viel von Meditationsübungen hielten, waren der Meinung, daß ich meine ganze Zeit organisatorischen Aufgaben widmen müsse; sie waren sehr mit meiner Büroarbeit zufrieden, die ich jeden Nachmittag erledigte. »Beeile dich nicht allzusehr, Gott zu finden«, rief mir ein Bruderschüler spöttisch nach, als er mich eines Morgens früh in die Mansarde hinaufsteigen sah. Ich suchte daraufhin Dayananda in seinem kleinen Studierzimmer auf, dessen Fenster einen Ausblick auf den Ganges boten. »Swaraiji, ich weiß nicht recht, was hier von mir verlangt wird. Ich bemühe mich um ein unmittelbares Gotteserleben. Ohne Ihn können mich weder Zugehörigkeit zu einem Glauben noch gute Werke befriedigen.« Der Geistliche in seiner orangefarbenen Robe gab mir einen liebevollen Klaps. Dann erteilte er einigen in der Nähe stehenden Jüngern eine scheinbare Rüge, indem er sagte: »Laßt Mukunda in Ruhe. Er wird sich schon an unsere Lebensweise gewöhnen.« Ich war höflich genug, meine Zweifel zu verschweigen. Unterdessen verließen die anderen Schüler den Raum, ohne vom Tadel sichtlich geknickt zu sein. Nun wandte sich Dayananda wieder mir zu: »Mukunda, ich habe bemerkt, daß dein Vater dir regelmäßig Geld schickt. Sende es ihm bitte zurück, denn du brauchst hier keines. Und eine weitere disziplinarische Vorschrift betrifft das Essen: selbst wenn du Hunger hast, erwähne es nicht!« Ich weiß nicht, ob ich wie ein Verschmachtender dreinblickte, ich weiß nur, daß ich großen Hunger hatte. Die erste Mahlzeit in der Einsiedelei wurde um 12 Uhr mittags eingenommen; ich aber war von Hause aus gewohnt, um 9 Uhr morgens ausgiebig zu frühstücken. Diese dreistündige Wartezeit erschien mir von Tag zu Tag unerträglicher. Vorüber waren die goldenen Tage von Kalkutta, wo ich dem Koch wegen einer Verspätung von 10 Minuten Vorwürfe machen konnte. Um meinen Appetit beherrschen zu lernen, unternahm ich schließlich ein 24stündiges Fasten. Mit desto größerer Vorfreude erwartete ich danach das nächste Mittagsmahl. 116 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Doch
Jitendra überbrachte mir
eine niederschmetternde Nachricht: »Dayanandajis Zug hat Verspätung;
wir warten daher mit dem Essen, bis er kommt. Als Willkommensgruß für
den Swami, der zwei Wochen lang unterwegs gewesen war, hatte man
besondere Leckerbissen vorbereitet, und ein appetitanregendes Aroma
erfüllte bereits die Luft. Da dies alles war, was mir geboten wurde,
mußte ich mit meinem Stolz auf mein gestriges Fasten vorliebnehmen.
»Lieber Gott, laß den Zug schneller fahren!« Das Schweigegebot, das mir Dayananda auferlegt hatte, bezog sich gewiß nicht auf den Himmlischen Versorger! Doch die Göttliche Aufmerksamkeit schien auf andere Dinge gerichtet zu sein. Träge schlichen die Uhrzeiger dahin und zeigten eine Stunde nach der anderen an, bis es schließlich Abend geworden war. Da endlich trat unser Leiter zur Tür herein, und ich begrüßte ihn mit unverhohlener Freude. »Dayanandaji will zuerst baden und meditieren, darum können wir noch nicht auftragen.« Wieder war es Jitendra, der mir diese Hiobsbotschaft überbrachte. Ich war nahe am Zusammenbrechen. Mein junger Magen der an solche Entbehrungen nicht gewöhnt war, erhob heftigen Protest. Bilder von Opfern des Hungertodes, die ich einst gesehen hatte, zogen schemenhaft an mir vorüber. »Der nächste Hungertod in Benares wird sogleich in dieser Einsiedelei stattfinden«, dachte ich. Doch um 9 Uhr abends entging ich dem drohenden Verhängnis. Ambrosische Aufforderung! Im Rückblick auf jene Abendmahlzeit muß ich sagen, daß sie zu den erfreulichsten Stunden meines Lebens gehört. Obgleich ich mich auf meinen Teller konzentrierte, fand ich dennoch Zeit, Dayananda zu beobachten, der ziemlich geistesabwesend aß. Im Gegensatz zu mir schien er über alle materiellen Freuden erhaben zu sein. »Swamiji, wart Ihr nicht hungrig?« fragte ich unseren Leiter, als ich mich nach einer überreichlichen Mahlzeit allein mit ihm in seinem Arbeitszimmer befand. 117 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar »Doch«, sagte er. »Ich habe die letzten vier Tage weder gegessen noch getrunken, denn wenn ich in der Eisenbahn sitze, die mit den fremden Schwingungen weltlicher Menschen erfüllt ist, nehme ich nie etwas zu mir. Hierin befolge ich strikt die la shastrischen6 Mönchsregeln meines Ordens. Gewisse organisatorische Probleme machen mir augenblicklich zu schaffen; darum habe ich heute mein Essen vernachlässigt. Wozu die Eile? Morgen werde ich darauf achten, daß ich eine ordentliche Mahlzeit zu mir nehme.« Dabei lachte er fröhlich. Ein beklemmendes Schamgefühl begann in mir aufzusteigen. Und doch konnte ich diesen qualvollen Tag nicht so leicht vergessen und wagte daher noch eine weitere Frage: »Swamiji, mir ist nicht ganz klar, inwieweit ich Euren Rat befolgen soll. Angenommen, daß ich niemals um Nahrung bitte und daß niemand mir etwas gibt; dann würde ich ja vor Hunger sterben.« »Dann stirb!« lautete die alarmierende Antwort, welche die Luft erzittern ließ. »Stirb, wenn es sein muß, Mukunda. Aber glaube niemals, daß du von Nahrung und nicht von der Kraft Gottes lebst. Er, der jede Art von Nahrung erschaffen und uns den Appetit gegeben hat, wird Seine Kinder auch zu erhalten wissen. Bilde dir nicht ein, daß du von Reis ernährt wirst oder daß du von Geld und Menschen abhängig bist. Können sie dir etwa helfen, wenn Gott dein Leben zurückfordert? Sie sind nichts weiter als Seine Werkzeuge. Oder kannst du die Nahrung in deinem Magen aus eigener Kraft verdauen? Gebrauche das Schwert der Unterscheidungskraft, Mukunda! Sprenge die irdischen Fesseln und erkenne den Urgrund aller Dinge!« 6 Von Shastras, wörtlich: »Heilige Bücher«, die in vier Kategorien aufgeteilt sind: Shruti, Smriti, Purana und Tantra. In diesen umfangreichen Werken werden alle Aspekte des religiösen und gesellschaftlichen Lebens sowie die Gebiete der Rechtswissenschaft, Medizin, Architektur, Kunst usw. behandelt. Die Shrutis sind die »direkt vernommenen« oder »offenbarten« Werke - die Veden. Die Smritis oder »im Gedächtnis bewahrten« Kenntnisse wurden bereits in ferner Vergangenheit niedergeschrieben und stellen die ältesten Epen der Welt dar: das Mahabharata und das Ramayana. Die Puranas (18 an der Zahl) sind, wörtlich genommen, »aus alten Zeiten stammende« Allegorien, und Tantras bedeutet wörtlich »Riten« oder »Rituale«. Diese Abhandlungen enthalten tiefe, von einer weitschweifenden Symbolik verschleierte Wahrheiten. 118 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Diese Worte schnitten tief in meine Seele ein. Verschwunden war die alte Wahnvorstellung, daß sich die Seele den Forderungen des Körpers unterwerfen müsse. In jenem Augenblick kostete ich die All-Genügsamkeit des GEISTES. In wie vielen fremden Städten, die ich später bereisen mußte, hatte ich Gelegenheit, von dieser in der Einsiedelei zu Benares empfangenen Lehre Gebrauch zu machen! Der einzige kostbare Besitz, den ich aus Kalkutta mitgebracht hatte, war das silberne Amulett des Sadhus, das meine Mutter mir hinterlassen hatte. Jahrelang hatte ich es gehütet und hielt es nun sorgfältig in meinem Zimmer versteckt. Eines Morgens wollte ich mich wieder am Anblick des Talismans erfreuen und öffnete das verschlossene Kästchen. Obgleich das versiegelte Kuvert unangetastet schien, war das Amulett verschwunden. Betrübt riß ich den Umschlag auf, um mich zu vergewissern. Doch getreu der Vorhersage des Sadhus hatte es sich wieder im Äther, aus dem es gekommen war, aufgelöst. Mein Verhältnis zu den Schülern Dayanandas verschlechterte sich von Tag zu Tag. Alle Hausbewohner fühlten sich durch meine bewußte Absonderung befremdet und verletzt. Mein striktes Festhalten an der Meditation, dem einzigen Ideal, um dessentwillen ich meiner Familie und allem weltlichen Ehrgeiz entsagt hatte, brachte mir von allen Seiten engstirnige Kritik ein. In meiner tiefen seelischen Qual suchte ich eines Morgens das Mansardenzimmer auf und nahm mir fest vor, so lange zu beten, bis ich eine Antwort erhielt. »Barmherzige Mutter des Alls, lehre Du mich selbst durch Visionen oder sende mir einen Guru!« Stunden vergingen, ohne daß meine von Schluchzen unterbrochenen Gebete erhört wurden. Plötzlich aber fühlte ich mich - sogar körperlich - in eine unermeßlich weite Sphäre emporgehoben. »Dein Meister kommt noch heute!« erklang eine göttliche Frauenstimme, die von überall und nirgends herzukommen schien. 119 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar In diesem Augenblick wurde mein übernatürliches Erlebnis durch einen Ruf unterbrochen, der allerdings aus einer ganz bestimmten Richtung kam. Ein junger Priester mit dem Spitznamen Habu rief mich aus der Küche im unteren Stockwerk. »Mukunda! Schluß mit dem Meditieren! Wir brauchen dich für eine Besorgung.« Zu jeder anderen Zeit hätte ich vielleicht eine ungeduldige Antwort gegeben. Heute aber wischte ich mir die Tränen aus dem verschwollenen Gesicht und kam ohne weiteres herunter. Habu führte mich zu einem entfernt gelegenen Marktplatz im bengalischen Stadtteil von Benares. Die unbarmherzige indische Sonne stand noch nicht im Zenit, als wir unsere Einkäufe in den Bazars machten und uns durch eine bunte Menschenmenge von Hausfrauen, Fremdenführern, Priestern, einfach gekleideten Witwen, würdigen Brahmanen und die allgegenwärtigen heiligen Stiere schoben. Während wir uns mühsam unseren Weg bahnten, wandte ich plötzlich den Kopf und betrachtete mit prüfendem Blick eine unauffällige, enge Gasse. Ein christusähnlicher Mann im ockerfarbenen Swami-Gewand stand regungslos am Ende der Gasse. Der Heilige kam mir sogleich altvertraut vor, und einen Augenblick lang verschlang ich ihn mit meinen Blicken. Doch dann kamen mir wieder Zweifel. »Du verwechselst diesen wandernden Mönch mit irgendeinem Bekannten.«, dachte ich. »Geh weiter, Träumer.« Nach zehn Minuten aber fühlte ich plötzlich eine bleierne Schwere in den Beinen, so daß ich mich kaum vorwärts bewegen konnte. Als ich mich mühsam umwandte, verhielten sich meine Füße sofort wieder normal. Doch sobald ich die entgegengesetzte Richtung einschlug, fühlte ich wiederum das unerklärliche Gewicht in den Beinen. »Der Heilige zieht mich magnetisch zu sich«, dachte ich und drückte Habu kurz entschlossen meine Pakete in den Arm. Er hatte das merkwürdige Manöver meiner Füße verwundert beobachtet und brach jetzt in lautes Lachen aus.
Meine innere Erregung war jedoch so groß, daß ich nicht antworten konnte; und so lief ich, ohne ein Wort zu sagen, davon. 120 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Wie von Flügeln getragen, eilte ich denselben Weg zurück, bis ich die enge Gasse erreicht hatte. Mein Blick fiel sofort auf die ruhige Gestalt, die unverwandt in meine Richtung schaute. Noch ein paar ungeduldige Schritte, und ich lag zu seinen Füßen. »Gurudeva!« Dies war dasselbe göttliche Antlitz, das ich in zahllosen Visionen erblickt hatte - derselbe löwenartige Kopf mit dem zugespitzten Bart und dem wallenden Haar, dieselben stillen Augen, die so oft im Dunkel meiner nächtlichen Träume aufgetaucht waren und mir etwas zu versprechen schienen, was ich nie ganz verstanden hatte. »Endlich bist du gekommen, mein Kind!« Ein über das andere Mal wiederholte mein Guru diese Worte in bengalischer Sprache, während tiefe Freude in seiner Stimme schwang. »Wie viele Jahre habe ich auf dich gewartet!« Wir schwiegen in stiller Übereinstimmung, denn jede weitere Äußerung schien überflüssig. Es war ein Lied ohne Worte, das vom Herzen des Meisters zum Herzen des Jüngers floß. Mit unumstößlicher Gewißheit spürte ich, daß mein Guru mit Gott vereint war und mich zu Ihm führen werde. Blasse Erinnerungen an vergangene Inkarnationen dämmerten in mir auf und lichteten den Schleier, der bis dahin über meinem Leben gehangen hatte. Das gewaltige Drama der Zeit mit ihren sich ständig wiederholenden Zyklen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft rollte vor meinem inneren Auge ab. Dies war nicht das erste Mal, daß ich zu seinen heiligen Füßen lag! Da nahm der Guru mich bei der Hand und führte mich zu seiner derzeitigen Wohnung im Rana-Mahal-Bezirk der Stadt. Er hatte einen athletischen Körper und bewegte sich festen Schrittes vorwärts. Trotz seiner fast 55 Jahre besaß er die Energie und Tatkraft eines jungen Mannes. Seine schönen großen Augen waren dunkel und von unergründlicher Weisheit. Das leicht gelockte Haar milderte sein majestätisches Antlitz, das zugleich Kraft und Güte ausstrahlte. Als wir zu dem steinernen Balkon des am Ganges gelegenen Hauses emporstiegen, sagte er liebevoll:
121 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar »Ach möchte bei Euch Weisheit und Gottverwirklichung finden, Sir. Das sind Eure wahren Schätze, auf die ich es abgesehen habe.« Die Schatten der Abenddämmerung senkten sich bereits herab, als mein Meister endlich wieder sprach. In seinen Augen lag unaussprechliche Zärtlichkeit.
Welch unvergeßliche Worte! Ein Vierteljahrhundert sollte vergehen, bis ich wieder von ihm hören durfte, daß er mich liebte. Gefühlvolle Äußerungen waren seinem Wesen fremd; sein unermeßliches Herz liebte das Schweigen. »Willst du mir dieselbe bedingungslose Liebe schenken?« fragte er, indem er mich mit kindlichem Vertrauen anblickte.
»Gewöhnliche Liebe ist selbstsüchtig und haftet an Begierde und Genuß. Göttliche Liebe aber ist bedingungslos, grenzenlos und unvergänglich. Die verwandelnde Kraft reiner Liebe hebt alle Unruhe des menschlichen Herzens für immer auf.« Und demütig fügte er hinzu: »Solltest du mich jemals vom Zustand der Gottverwirklichung herabfallen sehen, so mußt du meinen Kopf auf deinen Schoß nehmen und versuchen, mich zu dem Kosmischen Geliebten, den wir beide anbeten, zurückzuführen.« Als es dunkel wurde, erhob er sich und führte mich ins Haus. Während wir Mangos und eine Mandelspeise aßen, flocht er einige Bemerkungen in die Unterhaltung ein, aus denen ich ersah, wie genau er meine Eigenarten kannte. Seine erhabene Weisheit und seine natürliche Demut, die vollkommen miteinander in Einklang standen, erfüllten mich mit Ehrfurcht. »Traure nicht deinem Amulett nach; es hat seinen Zweck erfüllt.« Anscheinend konnte der Guru, gleich einem göttlichen Spiegel, mein ganzes Leben überblicken. »Die Freude, in Eurer lebendigen Gegenwart sein zu dürfen, Meister, bedarf keines Symbols mehr.« »Es ist an der Zeit, daß wir eine Änderung vornehmen, denn in der Einsiedelei bist du nicht am richtigen Platz.« Ich hatte ihm keinerlei Angaben über mein Leben gemacht; und jetzt schienen sie überflüssig zu sein. Durch sein natürliches, allem Pathos abholdes Verhalten gab mir der Meister zu verstehen, daß er keine erstaunten Ausrufe über seine Hellsichtigkeit wünsche. 122 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar »Du solltest nach Kalkutta zurückkehren. Warum willst du deine Angehörigen von deiner Liebe zur Menschheit ausschließen?« Sein Vorschlag entsetzte mich. Meine Familie hatte nämlich meine Rückkehr vorausgesagt, obgleich ich mich allen brieflichen Bitten gegenüber taub gestellt hatte. »Laß den jungen Vogel ruhig zum metaphysischen Himmel emporfliegen«, hatte Ananta bemerkt. »Die Flügel werden ihm in der drückenden Atmosphäre schon lahm werden. Schließlich wird er auf unser Haus niederschießen, demütig seine Flügel falten und sich im Nest der Familie zur Ruhe setzen.« Diesen abschreckenden Vergleich hatte ich noch frisch in Erinnerung und war daher fest entschlossen, niemals in Richtung Kalkutta »niederzuschießen«. »Meister, nach Hause gehe ich nicht zurück. Sonst aber will ich Euch überallhin folgen. Gebt mir bitte Euren Namen und Eure Adresse.« »Swami Sri Yukteswar Giri. Mein Hauptsitz ist in Serampur, wo ich in der Rai-Ghat-Gasse eine Einsiedelei habe. Ich bin hier nur ein paar Tage bei meiner Mutter zu Besuch.« Staunend wurde mir bewußt, welch ein kompliziertes Spiel Gott doch mit Seinen Kindern treibt. Serampur liegt nur 20 Kilometer von Kalkutta entfernt, und dennoch hatte ich meinen Guru in dieser Gegend niemals zu Gesicht bekommen. Wir mußten beide in die alte Stadt Kashi (Benares) fahren, die so viele heilige Erinnerungen an Lahiri Mahasaya birgt, um uns zu begegnen. Auch ist diese Stadt durch Buddha, Shankaracharya7 und viele andere christusähnliche Yogis geheiligt worden. »In vier Wochen wirst du zu mir zurückkehren.« Zum ersten Male klang Sri Yukteswars Stimme streng. »Jetzt, da ich von meiner ewigen Liebe und meiner Wiedersehensfreude gesprochen habe, nimmst du dir heraus, meine Wünsche zu mißachten. Beim nächsten Mal wirst du mein Interesse erst von neuem wecken müssen, denn ich nehme dich nicht ohne weiteres als Jünger an. Meine Schulung ist streng, und ich verlange absoluten Gehorsam.« 7 Shankaracharya (Shankara), der bedeutendste Philosoph Indiens, war ein Jünger von Govinda Jati und dessen Guru, Gaudapada. Shankara schrieb einen berühmt gewordenen Kommentar über ein Werk Gaudapadas, Mandukya Karika. Mit unvergleichlicher Logik und in einem gefälligen, geschliffenen Stil legt Shankara den Vedanta ganz und gar im Geist des Advaita (Nicht-Zweiheit, Monismus) aus. Der große Monist verfaßte auch Gedichte, die von seiner Liebe und Hingabe zeugen. Sein »Gebet an die Göttliche Mutter zur Vergebung der Sünden« hat folgenden Kehrreim: »Gibt es auch viele schlechte Söhne, so gab es doch nie eine schlechte Mutter.« 123 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Ein Jünger Shankaras, Sanandana, schrieb einst einen Kommentar zu den Brahma-Sutras (Philosophie des Vedanta). Das Manuskript wurde durch Feuer vernichtet, doch Shankara (der es nur einmal durchgesehen hatte) wiederholte es seinem Jünger Wort für Wort. Dieser Text, der als Panchapadika bekannt geworden ist, dient den Gelehrten bis zum heutigen Tag als Studienmaterial. Der Cheia Sanandana erhielt später aufgrund eines wunderbaren Erlebnisses einen neuen Namen. Als er eines Tages am Flußufer saß, hörte er, wie Shankara ihn vom gegenüberliegenden Ufer aus rief, und ging daraufhin sofort ins Wasser. Sein Glaube wurde unverzüglich belohnt, denn unter seinen Füßen bildeten sich sogleich eine Anzahl von Lotosblumen, die Shankara in dem tosenden Fluß materialisiert hatte. Danach wurde der Jünger nur noch Padmapada (der Lotosfüßige) genannt. Im Panchapadika spricht Padmapada des öfteren mit tiefer Liebe und Ehrfurcht von seinem Guru. Shankara selbst schrieb die folgenden unvergleichlichen Zeilen: »Nichts in den drei Welten läßt sich mit einem wahren Guru vergleichen. Wenn es den Stein der Weisen wirklich gäbe, so könnte er nur Eisen in Gold - nicht aber Eisen in einen zweiten Stein der Weisen verwandeln. Der verehrte Lehrer dagegen hebt den Jünger, der zu seinen Füßen Zuflucht sucht, auf die gleiche Stufe, auf der er selber steht. Darum ist ein Guru etwas Unvergleichliches, ja Überirdisches.« (Hundert Verse, 1) Shankara war nicht nur ein Heiliger, sondern - was selten gleichzeitig der Fall ist - auch ein Gelehrter und ein Mann der Tat. Obgleich er nur 32 Jahre alt wurde, verbrachte er einen großen Teil seines Lebens damit, ganz Indien zu durchwandern und überall seine Lehre des Advaita zu verbreiten. Millionen von begeisterten Menschen versammelten sich überall, um die weisen, trostreichen Reden dieses barfüßigen jungen Mönches zu hören. Shankaras reformatorische Bemühungen führten auch zur Neugründung des alten Swami-Mönchsordens (Kapitel 24). Außerdem gründete er in vier verschiedenen Gebieten Indiens - Maisur im Süden, Puri im Osten, Dwarka im Westen und Badrinath im nördlichen Himalaja - je einen Math (klösterliche Bildungsstätte). Diese vier Maths des großen Monisten, die in großzügiger Weise von den Fürsten und dem Volk unterhalten wurden, erteilten freien Unterricht in Sanskrit, Logik und der Vedanta-Philosophie. Mit der Gründung seiner Maths in vier verschiedenen Gegenden beabsichtigte Shankara, das ganze Land vom religiösen und nationalen Standpunkt aus zu vereinigen. Genau wie früher findet der fromme Hindu auch heute noch in den Chaultries und Sattrams (Ruheplätzen), die an den Pilgerstraßen liegen und vom Gemeinwesen unterhalten werden, freie Unterkunft und Verpflegung. 124 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar Ich schwieg hartnäckig. Mein Guru durchschaute meine Schwierigkeit sofort.
»Ich gehe nicht zurück!« »Du wirst in 30 Tagen zurückkehren.« »Niemals!« Ohne die durch meinen Widerspruch entstandene Spannung beseitigt zu haben, neigte ich mich ehrfürchtig zu seinen Füßen und ging davon. Als ich durch das nächtliche Dunkel zur Einsiedelei zurückwanderte, fragte ich mich, warum diese wundersame Begegnung so disharmonisch enden mußte. Oh, die zwiefache Waagschale der Maya, die jede Freude mit einem Kummer aufwiegt! Mein junges Herz war noch nicht geschmeidig genug für die verwandelnde Hand meines Gurus. Am nächsten Morgen bemerkte ich, daß das Verhalten der Ashrambewohner mir gegenüber noch feindseliger geworden war. Sie vergällten mir die Tage mit ihren ständigen Grobheiten. Drei Wochen später verließ Dayananda den Ashram, um an einer Konferenz in Bombay teilzunehmen, und über mich Unglücklichen brach die Hölle herein. »Mukunda ist ein Schmarotzer, der die Gastfreundschaft der Einsiedelei genießt, ohne irgend etwas dafür zu leisten.« Als ich diese Bemerkung hörte, bedauerte ich zum ersten Male, daß ich Vaters Geld zurückgeschickt hatte. Schweren Herzens suchte ich meinen einzigen Freund Jitendra auf. »Ich gehe fort. Übermittle Dayanandaji bitte meine ehrfürchtigen Grüße, wenn er zurückkehrt.« »Ich bleibe auch nicht hier, denn ich habe mit meinen Meditationsversuchen nicht viel mehr Glück gehabt als du«, sagte Jitendra mit entschlossener Miene. 125 Ich begegne meinem Meister Sri Yukteswar »Ich bin neulich einem christusähnlichen Heiligen begegnet, der in Serampur wohnt. Laß uns zu ihm gehen!« Und so bereitete sich der »Vogel« darauf vor, in gefährlicher Nähe von Kalkutta »niederzuschießen«. 126 Kapitel 11: Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban Top »Es geschehe dir nur recht, Mukunda, wenn Vater dich enterbte! Wie töricht du dein Leben wegwirfst!« Mit dieser Strafpredigt wurde ich von meinem älteren Bruder empfangen, als ich mit Jitendra, frisch vom Zug kommend (frisch ist zuviel gesagt, denn wir waren beide staubbedeckt), bei ihm eintraf. Ananta wohnte nicht mehr in Kalkutta, sondern war in die alte Stadt Agra versetzt worden, wo er einen Posten als Hauptbücherrevisor bei der Regierung übernommen hatte. »Du weißt sehr wohl, Ananta, daß ich mein Erbteil nur beim Himmlischen Vater suche.« »Zuerst das Geld - und dann Gott. Wer weiß, ob das Leben nicht zu lang wird.« »Zuerst Gott! Das Geld ist Sein Sklave. Wer kann sagen, ob das Leben nicht zu kurz ist?« Es war das Erfordernis des Augenblicks, das mir diese Antwort eingab, und kein bestimmtes Vorgefühl. (Leider starb Ananta schon in jungen Jahren.') »Eine Weisheit, die du wahrscheinlich aus der Einsiedelei mitgebracht hast. Wie ich aber sehe, hast du Benares verlassen.« Anantas Augen blitzten vor Genugtuung; er hoffte noch immer, den flüchtigen Vogel ins Nest der Familie zurückzulocken. »Mein Aufenthalt in Benares war nicht umsonst. Ich habe dort alles gefunden, wonach mein Herz sich gesehnt hat. Und du kannst sicher sein, daß es weder dein Pandit noch sein Sohn war!« In Erinnerung an dieses Erlebnis mußten wir beide lachen; denn Ananta konnte nicht umhin zuzugeben, daß er damals in Benares einen recht kurzsichtigen »Hellseher« ausgesucht hatte. 1 Siehe Kapitel 25 127 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Und was sind deine weiteren Pläne, mein wanderlustiger Bruder?« »Jitendra hat mich dazu überredet, mit ihm nach Agra zu fahren, damit wir uns den herrlichen Taj Maha2 ansehen«, erklärte ich. »Danach fahren wir zu meinem Guru, den ich vor kurzem gefunden habe und der eine Einsiedelei in Serampur hat.« Ananta nahm uns gastfreundlich auf und sorgte für unsere Bequemlichkeit. Ich bemerkte jedoch, wie seine Augen an diesem Abend mehrmals nachdenklich auf mir ruhten. »Ich kenne diesen Blick«, dachte ich. »Er ist dabei, irgend einen Plan auszuhecken.« Am nächsten Morgen während des Frühstücks sollte ich dann auch das Ergebnis erfahren. »Du fühlst dich also recht unabhängig von Vaters Geld«, bemerkte Ananta mit harmloser Miene und griff damit das heikle Thema unserer gestrigen Unterhaltung wieder auf.
»Das sind leere Worte. Bisher bist du stets behütet gewesen. Wie wäre es aber, wenn du dich plötzlich gezwungen sähest, auf die Unsichtbare Hand zu vertrauen, um Nahrung und Unterkunft zu finden? Dann würdest du bald mit der Bettelschale durch die Straßen ziehen!« »Niemals! Ich würde den Vorübergehenden nicht mehr vertrauen als Gott. Er braucht Seine Kinder nicht betteln zu lassen, sondern kann tausend andere Hilfsquellen ersinnen.« »Noch mehr schöne Reden! Was würdest du aber zu meinem Vorschlag sagen, deine großsprecherische Philosophie auf dem Boden der Tatsachen zu erproben?« »Damit wäre ich einverstanden. Oder meinst du etwa, daß Gott nur in unserer Einbildung existiert?« »Wir werden sehen. Du wirst noch heute Gelegenheit haben, meinen Horizont zu erweitern - oder aber dich zu meiner Ansicht zu bekehren.« Ananta machte eine dramatische Pause und fuhr dann ernst und bedächtig fort: 2 Das weltberühmte Mausoleum 128
Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Ich
schlage vor, daß du mit deinem Bruderschüler Jitendra heute morgen
nach dem nahe gelegenen Brindaban fährst. Ihr dürft keine einzige Rupie
mitnehmen; ihr dürft weder um Nahrung noch um Geld betteln; ihr dürft
eure Lage niemandem schildern; ihr dürft dabei aber keine Mahlzeit
auslassen und nicht in Brindaban hängen bleiben. Wenn ihr vor
Mitternacht zu meinem Bungalow zurückkehrt und alle Bedingungen erfüllt
habt, werde ich der erstaunteste Mann in ganz Agra sein.«
»Ich nehme die Herausforderung an!« sagte ich, ohne im Herzen auch nur eine Sekunde zu zögern. Dankbar dachte ich daran, wie viele Ereignisse in meinem Leben von Gottes unmittelbarer Hilfe zeugten: meine Heilung von der Cholera, als ich das Bild von Lahiri Mahasaya anrief; das spielerische Geschenk der beiden Drachen, das ich auf dem Dach in Lahor erhalten hatte; der rechtzeitige Empfang des Amuletts während meiner tiefen Verzweiflung in Barely; die wichtige Botschaft des Sadhus auf dem Hof des Pandits in Benares; die Vision der Göttlichen Mutter und Ihre unvergeßlichen Worte der Liebe, Ihr sofortiges Eingreifen durch Meister Mahasaya, dem ich mich in meiner kindlichen Verwirrung anvertraut hatte; die Belehrung in letzter Minute, die mir zum Reifezeugnis verhalf; und die letzte und höchste Gnade - mein lebendiger Meister, der aus dem Nebel meiner jahrelangen Träume aufgetaucht war. Nie würde ich zugeben, daß meine »Philosophie« sich auf dem rauhen Versuchsgelände der Welt nicht bewähren könne. »Deine Bereitwilligkeit macht dir Ehre«, sagte Ananta »Ich werde euch sogleich an den Zug bringen.« Dann wandte er sich an Jitendra, der mit offenem Mund zugehört hatte. »Du mußt als Zeuge, und höchstwahrscheinlich auch als zweites Opfer, mitfahren!« Eine halbe Stunde später waren Jitendra und ich je im Besitz einer einfachen Fahrkarte nach Brindaban. In einem abgelegenen Winkel des Bahnhofs führte Ananta eine Leibesvisitation an uns durch und stellte befriedigt fest, daß wir keine verborgenen Schätze bei uns hatten. Unsere einfachen Dhotis3 verdeckten nur das Allernotwendigste. 3 Das Dhoti-Tuch wird um die Hüften geknotet und bedeckt die Beine. 129 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban Als der Glaube sich jedoch auf das wichtige Gebiet der Finanzen zu erstrecken begann, erhob mein Freund Einspruch: »Ananta, gib mir zur Sicherheit wenigstens ein oder zwei Rupien mit; dann kann ich dir telegraphieren, falls irgend etwas passiert.« »Jitendra!« rief ich im Ton tiefster Entrüstung aus. »Ich gehe nicht auf die Prüfung ein, wenn du auch nur die geringste Summe mitnimmst!« »Das Klingen von Münzen hat etwas Beruhigendes an sich«, meinte Jitendra, sagte aber auf meinen strengen Blick hin nichts mehr. »Ich bin kein Unmensch, Mukunda«, bemerkte Ananta da mit einem Anflug von Demut. Vielleicht plagte ihn das Gewissen, weil er zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in eine fremde Stadt schickte - vielleicht schämte er sich auch, weil er in religiösen Dingen so skeptisch war. »Wenn du durch Zufall oder Gnade diese Prüfung in Brindaban bestehen solltest, werde ich dich bitten, mich als deinen jünger anzunehmen und in den geistigen Weg einzuweihen.« Dieses Versprechen war völlig traditionswidrig und nur der ungewöhnlichen Situation zuzuschreiben. In Indien folgt der ältere Bruder nur selten seinen jüngeren Geschwistern, weil diese ihm fast denselben Respekt und Gehorsam erweisen wie dem Vater. Ich hatte jedoch keine Zeit mehr, etwas zu erwidern, denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Jitendra verharrte in düsterem Schweigen, während wir Meile um Meile zurücklegten. Endlich rührte er sich, beugte sich vor und kniff mich an einer empfindlichen Stelle. »Ich sehe noch kein Zeichen, daß Gott für unsere nächste Mahlzeit sorgt.« »Sei still, ungläubiger Thomas. Der Herr bereitet schon alles für uns vor.« »Kannst du auch dafür sorgen, daß Er sich beeilt? Ich bin schon jetzt am Verhungern, wenn ich nur daran denke, was uns bevorsteht. Übrigens habe ich Benares verlassen, um das Taj-Mausoleum zu besichtigen, und nicht, um selbst in einem Mausoleum zu landen.« 130 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Beruhige dich, Jitendra. Haben wir nicht zum ersten Mal Gelegenheit, das wunderbare Brindaban4 kennenzulernen? Ich freue mich unbändig darauf, den heiligen Boden zu betreten, über den einst Sri Krishna gewandelt ist.« Auf der vorletzten Station öffnete sich die Tür zu unserem Abteil, und zwei Herren nahmen Platz. »Habt ihr Freunde in Brindaban, Jungens? - fragte der Fremde, der mir gegenüber saß und sich überraschenderweise für uns zu interessieren schien. »Das geht Sie nichts an«, sagte ich nicht gerade höflich, indem ich den Blick abwandte. »Ihr seid sicher von zu Hause durchgebrannt, weil euch der Dieb aller Herzen5 bezaubert hat. Ich bin selbst eine religiöse Natur und werde auf jeden Fall dafür sorgen, daß ihr zu essen bekommt und bei dieser unerträglichen Hitze Unterkunft findet.« »Das ist sehr freundlich von ihnen, Sir, aber lassen Sie uns bitte allein. Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß wir von zu Hause fortgelaufen sind.« Keine weitere Unterhaltung folgte, bis der Zug hielt. Doch sobald Jitendra und ich ausgestiegen waren, hakten unsere Reisegefährten sich bei uns ein und winkten einer Pferdedroschke. Vor einer stattlichen Einsiedelei, die inmitten eines gepflegten Gartens lag und von immergrünen Bäumen umrahmt war, hielten wir an. Unsere Wohltäter waren anscheinend hier bekannt, denn wir wurden von einem lächelnden jungen Mann ohne jede Frage in das Empfangszimmer geführt. Bald darauf gesellte sich eine vornehm aussehende, ältere Dame zu uns. »Gauri Ma, die Fürsten können zu ihrem großen Bedauern nicht kommen«, sagte einer der Herren zu der Gastgeberin des Ashrams. Im letzten Augenblick kam etwas dazwischen, und sie lassen sich entschuldigen. Aber wir bringen Euch zwei andere Gäste mit, die wir im Zug kennen gelernt haben. Ich fühlte mich sofort zu ihnen hingezogen, weil es zweifellos Anhänger Sri Krishnas sind. 4 Brindaban an der Yarnuna ist das Jerusalem der Hindus. Hier vollbrachte der Avatar Sri Krishna seine Wundertat zum Segen der ganzen Menschheit. 5 Hari, ein Kosename für Krishna, der oft von seinen Anhängern gebraucht wird. 131 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Lebt wohl, junge Freunde«, riefen unsere Bekannten uns dann zu, indem sie sich zum Gehen wandten. »So Gott will, werden wir uns wiedersehen.« Gauri Ma begrüßte uns mit mütterlichem Lächeln. »Seid mir willkommen«, sagte sie. »Ihr hättet euch keinen besseren Tag aussuchen können, denn ich erwartete zwei königliche Schutzherren dieser Einsiedelei. Es wäre schade gewesen, wenn meine Kochkünste keine Anerkennung gefunden hätten.« Diese liebevollen Worte hatten eine überraschende Wirkung auf Jitendra; er brach in Tränen aus. Das gefürchtete Schicksal, das ihn in Brindaban erwartete, entpuppte sich als wahrhaft königliche Bewirtung. Diese plötzliche innere Umstellung war zu viel für ihn. Unsere Gastgeberin schaute ihn etwas neugierig an, machte jedoch keinerlei Bemerkung. Vielleicht hatte sie schon ähnliche Anwandlungen bei Jugendlichen erlebt. Als das Essen angekündigt wurde, führte Gauri Ma uns in den Speiseraum, der von lieblichem Gewürzduft erfüllt war. Dann verschwand sie in der anliegenden Küche. Auf diesen Augenblick hatte ich gewartet. Ich suchte mir dieselbe Stelle an Jitendras Körper aus und gab ihm den schmerzhaften Kniff zurück. »Zweifelnder Thomas, der Herr hat alles vorbereitet, und sogar recht schnell!« Da erschien unsere Gastgeberin wieder, diesmal mit einem Punkha (Fächer). Während wir uns auf den kostbaren Kissen am Boden niederließen, fächelte sie uns nach orientalischer Sitte Kühlung zu. Die Jünger des Ashrams liefen hin und her und tischten nicht weniger als 30 Gänge auf. Dies konnte nicht mehr als »Mahlzeit«, sondern nur als »auserlesenes Festmahl« bezeichnet werden. Seit Jitendra und ich auf diesem Planeten lebten, hatten wir noch nie solche Delikatessen gekostet. »Dies sind in der Tat Speisen, die eines Fürsten wert sind, verehrte Mutter. Ich kann mir nicht denken, was Euren königlichen Schutzherren wichtiger erscheinen konnte als ein solches Bankett. Diesen Tag werden wir in unserem ganzen Leben nicht vergessen.« 132 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban Da wir durch Anantas Bedingungen zum Schweigen gezwungen waren, konnten wir der liebenswürdigen Dame leider nicht erklären, warum wir einen ganz besonderen Grund zur Dankbarkeit hatten. Doch unsere Aufrichtigkeit war überzeugend. Wir erhielten zum Abschied ihren Segen und die verlockende Einladung, den Ashram wieder zu besuchen. Draußen herrschte eine unerträgliche Hitze. Ich suchte mit meinem Freund unter einem majestätischen Cadamba-Baum am Tor des Ashrams Zuflucht. Dort gerieten wir in einen heftigen Wortwechsel, weil Jitendra wieder von Zweifeln angefallen wurde. »Du hast mir da etwas Schönes eingebrockt! Unsere Mittagsmahlzeit haben wir nur einem glücklichen Zufall zu verdanken. Wie können wir ohne einen Heller in der Tasche die Stadt besichtigen? Und wie willst du mich jemals zum Haus deines Bruders zurückbringen?« »Jetzt, wo dein Magen voll ist, vergißt du Gott sehr schnell«, sagte ich vorwurfsvoll, wenn auch ohne Bitterkeit. Wie leicht vergißt doch der Mensch die göttlichen Gunstbeweise! Dabei gibt es niemanden, dem nicht gewisse Gebete erfüllt worden wären. »Eines werde ich nie vergessen, und das ist meine Torheit, mich mit einem Tollkopf, wie du es bist, in dieses Abenteuer eingelassen zu haben.« »Beruhige dich, Jitendra! Derselbe Herr, der uns gespeist hat, wird uns auch Brindaban zeigen und uns nach Agra zurückführen.« Da näherte sich uns raschen Schrittes ein schmächtiger, junger Mann von sympathischem Aussehen. Als er unseren Baum erreicht hatte, blieb er stehen und verneigte sich vor mir.
Was bei einem Inder kaum möglich ist, geschah: Jitendras Gesicht wurde plötzlich leichenblaß. Ich aber lehnte das Angebot höflich ab. 133 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Ihr werdet mich doch nicht abweisen?« Dieser erschrockene Ausruf des Fremden hätte unter anderen Umständen bestimmt komisch gewirkt.
»Ihr seid mein Guru«, sagte er, während er mich vertrauensvoll anblickte. »Als ich heute Mittag meine gewohnte Andacht hielt, erschien mir der geliebte Herr Krishna in einer Vision und zeigte mir zwei einsame Gestalten unter diesem Baum. Das eine Gesicht war Eures - das meines Meisters, das ich schon oft in meinen Meditationen erblickt habe. Es wäre eine große Freude für mich, wenn Ihr meine bescheidenen Dienste annehmen würdet.« 134 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Auch ich freue mich, daß Ihr mich gefunden habt. Weder Gott noch die Menschen haben uns verlassen.« Obgleich ich ruhig sitzen blieb und dem eifrigen jungen Mann zulächelte, warf ich mich innerlich Gott zu Füßen. »Liebe Freunde, darf ich die Ehre haben, Euch in mein Haus zu bitten?« »Das ist sehr gütig von Euch; aber es läßt sich leider nicht einrichten. Wir sind bereits Gäste meines Bruders in Agra.« »Dann gebt mir wenigstens Gelegenheit, Euch Brindaban zu zeigen, damit ich eine Erinnerung an diesen Tag habe.« Ich stimmte freudig zu. Der junge Mann nannte uns seinen Namen, Pratap Chatterji, und rief eine Pferdedroschke herbei. Dann besichtigten wir den Madanamohana-Tempel und andere Schreine, die Sri Krishna geweiht sind. Es war bereits Abend, als wir unsere Andacht in den verschiedenen Tempeln beendet hatten. »Entschuldigt mich bitte einen Augenblick, damit ich etwas Sandesh6 besorge.« Damit betrat Pratap einen Laden in der Nähe des Bahnhofs, während Jitendra und ich die breite Hauptstraße entlangschlenderten, die jetzt während der verhältnismäßig kühlen Tageszeit ziemlich belebt war. Unser Freund blieb einige Zeit fort und kehrte dann mit allerlei Süßspeisen zurück. »Erlaubt mir bitte, dieses religiöse Vorrecht für mich in Anspruch zu nehmen«, sagte Pratap, indem er mich bittend anlächelte und mir ein Bündel Rupienscheine sowie zwei Fahrkarten nach Agra überreichte, die er soeben gekauft hatte. Während ich die Gabe dankend entgegennahm, gedachte ich ehrfurchtsvoll der von Ananta verspotteten Unsichtbaren Hand, die so großzügig gewesen war, daß sie uns weit mehr als das Notwendige gegeben hatte. Danach suchten wir eine einsame Stelle in der Nähe des Bahnhofs auf. »Pratap, ich will dich in die Kriya-Technik einweihen, die von Lahiri Mahasaya, dem größten Yogi der Neuzeit, gelehrt wurde. Diese Technik wird dein Guru sein.« 6 Sandesh = Eine indische Süßspeise 135 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban In einer halben Stunde war die Einweihung beendet. »Kriya ist dein Chintamani7« erklärte ich dem neuen Schüler. »Wie du siehst, ist diese Technik einfach; dennoch beschleunigt sie unsere geistige Entwicklung erheblich. Die heiligen Schriften der Hindus lehren, daß wir uns ständig wiederverkörpern müssen und eine Million Jahre benötigen, um uns von der Maya zu befreien. Diese von der Natur gesetzte Zeitspanne wird durch den Kriya-Yoga beträchtlich verkürzt. Genauso, wie man den Pflanzen zu schnellerem Wachstum verhelfen kann (was Jagadis Chandra Bose bewiesen hat), so kann auch die seelische Entwicklung des Menschen durch wissenschaftliche Methoden beschleunigt werden. Wenn du diese Technik beharrlich übst, wirst du dem Guru aller Gurus immer näherkommen.« »Ich bin unendlich glücklich, endlich den Yoga-Schlüssel gefunden zu haben, nach dem ich so lange gesucht habe«, sagte Pratap mit bewegter Stimme. »Diese wirksame Technik wird mir zweifellos helfen, die Fesseln der Sinne zu sprengen und für höhere Sphären reif zu werden. Die Erscheinung von Sri Krishna heute morgen konnte ja nur das Allerbeste für mich bedeuten.« Eine Weile blieben wir noch in schweigendem Einvernehmen sitzen und gingen dann langsam zum Bahnhof. Große Freude erfüllte mein Herz, als ich den Zug bestieg; doch für Jitendra war dies ein Tag der Tränen. Während ich mich liebevoll von Pratap verabschiedete, versuchten meine beiden Gefährten vergeblich, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Auf der Rückfahrt vergoß Jitendra weitere Tränenbäche, diesmal aber nicht aus Mitleid mit sich selbst, sondern aus Reue. »Wie kleingläubig ich gewesen bin! Mein Herz war wie versteinert! In Zukunft werde ich nie wieder an Gottes Schutz zweifeln!« Kurz vor Mitternacht betraten die beiden »Aschenputtel«, die ohne einen Pfennig »ausgesetzt« worden waren, Anantas Schlafzimmer. Genau wie er vorausgesagt hatte, starrte er uns entgeistert an. Ohne ein Wort zu sagen, ließ ich meine Rupienscheine auf den Tisch flattern. 7 Chintamani = Eine mythologische Gemme (Edelstein), der die Macht zugesprochen wird, Wünsche zu erfüllen. Ebenfalls ein Name Gottes. 136 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Jitendra, sag die Wahrheit,« rief Ananta in scherzhaftem Ton aus. »Hat dieser Bursche nicht einen Überfall ausgeführt?« Als dann die ganze Geschichte zutage kam, wurde das Gesicht meines Bruders immer ernster und schließlich sogar feierlich. »Das Prinzip von Angebot und Nachfrage reicht in höhere Gefilde, als ich mir hätte träumen lassen«, sagte er mit einer inneren Begeisterung, die ich nie zuvor an ihm wahrgenommen hatte. »Zurn ersten Male verstehe ich, warum du so gleichgültig gegen weltliches Hab und Gut bist.« Trotz der späten Stunde bestand mein Bruder darauf, Diksha8 in den Kriya-Yoga zu empfangen; und so mußte der »Guru« Mukunda in einer einzigen Nacht die Verantwortung für zwei unerwartete »Jünger« auf sich nehmen. Das Frühstück am folgenden Morgen wurde - im Gegensatz zum vorherigen Tag - in großer Harmonie eingenommen. Lächelnd sagte ich zu Jitendra: »Du sollst nicht um den Taj betrogen werden. Wir wollen ihn heute besichtigen, ehe wir nach Serampur weiterfahren.« Nachdem wir uns von Ananta verabschiedet hatten, suchten wir die Zierde von Agra - den Taj Mahal - auf. Mit seinem weißen, in der Sonne schimmernden Marmor und seinen symmetrischen Linien wirkt er wie ein Traumgebilde. Dunkle Zypressen, glatte Rasenflächen und stille Lagunen bilden den vollendet schönen Hintergrund. Das Innere mit seinen filigranartigen Schnitzereien, die mit Halbedelsteinen besetzt sind, ist von erlesener Schönheit. Zierliche Girlanden und Spiralen quellen in verschlungenen Ornamenten aus dem braunen und violetten Marmor hervor. Das aus der Kuppel kommende Licht fällt auf die Ehrenmäler des Kaisers Shah Jehan und der Königin seines Herzens: Mumtaz-i-Mahal. Doch genug der Besichtigungen! Ich sehnte mich nach meinem Guru. Bald darauf saßen Jitendra und ich wieder im Zug, der uns gen Süden - nach Bengalen führte. 8 Diksha = Geistige Einweihung; aus der Sanskrit-Verbwurzel diksh = sich widmen 137 Zwei junge Burschen ohne einen Pfennig in Brindaban »Mukunda, ich habe es mir anders überlegt, denn ich habe meine Familie seit Monaten nicht gesehen. Vielleicht suche ich deinen Meister später einmal in Serampur auf.« Und so verließ mich mein Freund, den ich - milde gesagt - als wankelmütig bezeichnen möchte, in Kalkutta. Ich aber erreichte bald mit der Kleinbahn Serampur, das 20 Kilometer weiter nördlich liegt. Wie groß war jedoch mein Erstaunen, als ich feststellte, daß 28 Tage seit der Begegnung mit meinem Guru vergangen waren. »In vier Wochen wirst du zu mir zurückkehren!« Und hier war ich und stand klopfenden Herzens auf seinem Hof in der stillen Rai-Ghat-Gasse. Zum ersten Male betrat ich die Einsiedelei, wo ich den größten Teil der nächsten zehn Jahre mit Indiens Jnanavatar, der »Inkarnation der Weisheit« verbringen sollte. 138 Kapitel 12: Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Top »Du bist also gekommen?« begrüßte mich Sri Yukteswar, der auf einem Tigerfell in seinem Balkonzimmer saß. Seine Stimme klang kühl, seine Miene war unbewegt. »Ja, lieber Meister, ich bin gekommen, um Euch zu folgen.« Mit diesen Worten kniete ich nieder und berührte seine Füße.
»Das hört sich besser an. Jetzt kann ich die Verantwortung für dein Leben übernehmen.« »Ich übergebe Euch diese Last gern, Meister.« »Meine erste Forderung ist also, daß du zu deiner Familie zurückkehrst. Ich möchte, daß du deine Ausbildung fortsetzt und dich an der Universität Kalkutta immatrikulieren läßt.« »Wenn Ihr es wünscht, Meister«, sagte ich, indem ich mein Entsetzen zu verbergen suchte. Sollten mich die verhaßten Bücher in alle Ewigkeit verfolgen? Zuerst Vater - und nun Sri Yukteswar! »Später wirst du in westliche Länder reisen, und die Menschen dort werden empfänglicher für die alte Weisheit Indiens sein, wenn der fremde Hindu-Lehrer einen akademischen Grad besitzt.« »Ihr wißt es am besten, Guruji.« Meine trübe Stimmung war verflogen. Wenn mir auch der Gedanke an die westlichen Länder fernlag und irgendwie unverständlich schien, so überwog doch der Wunsch, den Meister durch meinen Gehorsam zufrieden zu stellen, in diesem Augenblick alles andere.
»Wenn möglich, jeden Tag, Meister. Dankbar will ich mich in allen Einzelheiten Eurer Führung überlassen - jedoch unter einer Bedingung.« 139 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters
»Daß ihr mir Gott offenbart!« Nun folgte ein Wortgefecht, das etwa eine Stunde lang anhielt. Das Wort eines Meisters ist unwiderruflich und wird daher nicht leicht gegeben. Ein derartiges Versprechen öffnet einem das Tor zu unermeßlichen metaphysischen Bereichen, und ein Guru muß tatsächlich in einem vertrauten Verhältnis zum Schöpfer stehen, um Ihn dazu bewegen zu können, sich zu offenbaren. Ich fühlte, daß Sri Yukteswar Gottverwirklichung besaß, und war daher fest entschlossen, als sein Jünger mir das zunutze zu machen. »Du hast ein anspruchsvolles Wesen«, sagte der Meister. Doch dann siegte sein Mitgefühl, und er gab mir seine endgültige Zustimmung:
Ich fühlte, wie eine schwere Last von mir abfiel. Die ungewisse Suche war nun vorbei; ich hatte Zuflucht bei einem wahren Guru gefunden. »Komm, ich will dir die Einsiedelei zeigen«, sagte der Meister, indem er sich von seinem Tigerfell erhob. Als ich im Raum umherblickte, bemerkte ich an der Wand ein mit Jasminzweigen bekränztes Bild.
»Ja, mein göttlicher Guru!« Große Ehrfurcht schwang in Sri Yukteswars Stimme. »Er war der größte aller Menschen und Yogis, denen ich auf meiner Suche nach Gott begegnet bin.« Schweigend verneigte ich mich vor dem vertrauten Bild und dankte dem unvergleichlichen Meister, der mich von Kindheit an gesegnet und meine Schritte bis zu dieser Stunde gelenkt hatte, aus tiefster Seele. Dann führte mich der Guru durch das ganze Gebäude und über das Grundstück. Die Einsiedelei bestand aus einem geräumigen und fest gebauten, alten Haus, dessen Hof von einer massiven Säulenhalle umgeben war. Die Mauern waren mit Moos bewachsen, und auf dem flachen, grauen Dach flatterten Tauben umher, die ungeniert das Logis mit uns teilten. Der hintere Teil des Gartens war besonders anziehend durch seine Brot-, Mango- und Bananenbäume. Die nach drei Seiten des Hofes hinausliegenden Zimmer des oberen Stockwerks hatten überdachte Balkons. Ein geräumiger Saal im Erdgeschoß mit einem hohen, von Kolonnaden gestützten Gewölbe diente hauptsächlich als Versammlungsraum während des jährlichen Durgapuja-Festes1, wie mir der Meister sagte. Eine schmale Treppe führte zu Sri Yukteswars Wohnzimmer, dessen kleiner Balkon auf die Straße hinausging. Der Ashram war einfach möbliert; alles war schlicht, sauber und praktisch. Auch mehrere Stühle, Bänke und Tische europäischen Stils waren vorhanden. 1 »Anbetung der Durga«, das größte Fest des bengalischen Jahres, das im Monat Asvina (September-Oktober) gefeiert wird und neun Tage dauert. Durga, wörtlich »die Unnahbare«, ist eine Ausdrucksform der Göttlichen Mutter (Shakti), der weiblichen schöpferischen Kraft. Traditionsgemäß ist sie die Zerstörerin alles Bösen. 140 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Der Meister bat mich, über Nacht dazubleiben, und zwei Jünger, die im Ashram geschult wurden, servierten uns ein Curry-Gericht mit Gemüse. »Guruji, erzählt mir etwas aus Eurem Leben«, bat ich, indem ich mich auf eine Strohmatte neben seinem Tigerfell niederließ. Die freundlichen Sterne schienen ganz nah über dem Balkon zu flimmern. »Mein bürgerlicher Name war Priya Nath Karar. Ich bin hier in Serampur geboren2, wo mein Vater ein wohlhabender Geschäftsmann war. Er hinterließ mir dieses Haus meiner Vorfahren, das jetzt meine Einsiedelei ist. Ich habe keinen regelmäßigen Schulunterricht erhalten; ich fand ihn langweilig und oberflächlich. Als junger Mann gründete ich eine eigene Familie und habe eine Tochter, die jetzt verheiratet ist. Meine mittleren Jahre verbrachte ich unter der segensreichen Führung Lahiri Mahasayas. Als meine Frau starb, trat ich in den Swami-Orden ein und erhielt den neuen Namen Sri Yukteswar Giri3 . Das ist mein einfacher Lebenslauf. - Der Meister lächelte über mein erwartungsvolles Gesicht. 2 Sri Yukteswar wurde am 10. Mai 1855 geboren. 3 Yukteswar bedeutet »mit Ishwara (ein Name Gottes) vereint«. Giri ist die Bezeichnung für einen der zehn Zweige des Swami-Ordens. Sri bedeutet »heilig« und ist kein Name, sondern ein respektvoller Titel. 141 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Wie alle biographischen Skizzen hatten seine Worte nur die äußeren Tatsachen geschildert, ohne den inneren Menschen zu enthüllen. »Guruji, ich hätte gern einige Geschichten aus Eurer Kindheit gehört.« »Ich will dir ein paar erzählen, die eine besondere Moral enthalten.« Sri Yukteswar zwinkerte verschmitzt, als er diese warnende Ankündigung machte. »Meine Mutter versuchte mir einmal Angst einzujagen, indem sie mir von einem Geist erzählte, der in einem dunklen Zimmer hauste. Ich lief sofort in das betreffende Zimmer und war enttäuscht, den Geist nicht anzutreffen. Meine Mutter erzählte mir nie wieder eine ähnliche Schauergeschichte. Moral: Sieh der Furcht ins Angesicht, dann wird sie dich nicht mehr schrecken können! Eine andere Kindheitserinnerung betrifft meine Liebe zu dem häßlichen Hund unseres Nachbarn. Wochenlang hielt ich das ganze Haus in Aufruhr, um in den Besitz dieses Hundes zu gelangen. Obgleich man mir ein viel schöneres Tier in Aussicht stellte, war ich gegen alle Ratschläge taub. Moral: Anhänglichkeit macht blind und verleiht dem Wunschobjekt einen falschen Heiligenschein. Eine dritte Geschichte handelt von der Plastizität des jugendlichen Geistes. Gelegentlich hörte ich meine Mutter die Bemerkung machen: »Wer als Angestellter bei jemand arbeitet ist ein Sklave.« Diese Worte hatten sich meinem Geist so unauslöschlich eingeprägt, daß ich selbst nach meiner Heirat alle Stellenangebote ausschlug. Ich bestritt meinen Lebensunterhalt dadurch, daß ich mein Erbteil in Grund und Boden anlegte. Moral: Die empfänglichen Ohren der Kinder sollten nur gute und positive Ratschläge hören; denn die frühesten Kindheitseindrücke bleiben lange im Gedächtnis haften.« Nach diesen Worten versank der Meister in tiefes Schweigen. Gegen Mitternacht führte er mich zu einer schmalen Bettstelle, und ich schlief die erste Nacht unter dem Dach meines Gurus fest und süß. Am folgenden Morgen weihte mich Sri Yukteswar in den Kriya-Yoga ein. Ich hatte die Technik bereits von zwei anderen Jüngern Lahiri Mahasayas erhalten - von Vater und von meinem Lehrer Swami Kebalananda. Doch der Meister besaß die Macht, mich durch seine Berührung zu verwandeln. Ein großes Licht ergoß sich über mich - wie der Glanz zahlloser Sonnen, die zusammen aufflammen. Ich wurde bis ins Innerste von einer unbeschreiblichen Glückseligkeit durchflutet. 142 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Erst am späten Nachmittag des folgenden Tages konnte ich mich dazu entschließen, die Einsiedelei zu verlassen. »Du wirst in 30 Tagen zurückkehren!« Diese Vorhersage des Meisters kam mir wieder in den Sinn, als ich mein Elternhaus in Kalkutta betrat. Keiner meiner Angehörigen machte die von mir befürchteten spitzen Bemerkungen über die Heimkehr des »hochfliegenden Vogels.« Ich stieg zu meinem kleinen Mansardenzimmer empor und betrachtete es wie einen lieben Freund. »Du bist Zeuge meiner Meditationen und meiner Tränen und aller Krisen meines Sadhana gewesen. Nun endlich habe ich meinen göttlichen Lehrer gefunden und den sicheren Hafen erreicht.« »Mein Sohn, ich freue mich für uns beide«, sagte Vater, als wir am Abend still beieinander saßen. »Du hast deinen Guru auf ebenso wunderbare Weise gefunden wie ich damals den meinen; denn wir stehen beide unter dem heiligen Schutz Lahiri Mahasayas. Dein Meister ist kein unerreichbarer Heiliger im HimaIaja, sondern wohnt hier in der Nähe. Das bedeutet, daß meine Gebete erhört worden sind und daß du mir auf deiner Suche nach Gott nicht für immer aus den Augen gerückt bist.« Vater freute sich ebenfalls darüber, daß ich meine akademische Ausbildung fortsetzen werde, und traf alle nötigen Vorbereitungen. Am nächsten Tag wurde ich an der Scottish-Church-Universität in Kalkutta, die ganz in unserer Nähe lag, immatrikuliert. Es folgten glückliche Monate. Meine Leser werden zweifellos den begründeten Verdacht hegen, daß ich mich in den Vorlesungssälen nur selten sehen ließ. Dagegen übte die Einsiedelei zu Serampur eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. Der Meister erhob auch keinen Einspruch gegen meine ständige Anwesenheit und erwähnte die Vorlesungen zu meiner Beruhigung nur selten. Obgleich es offensichtlich war, daß ich nie einen Gelehrten abgeben würde, brachte ich es dennoch fertig, von Zeit zu Zeit befriedigende Noten zu erhalten, die mich zur Fortsetzung des Studiums berechtigten. 143 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Das Leben im Ashram floß gleichmäßig dahin und brachte nur selten eine Änderung. Mein Guru erwachte vor Morgengrauen. Noch im Liegen oder auf dem Bett sitzend ging er in den Zustand des Samadhi4 ein. Es war höchst einfach festzustellen, wenn der Meister erwacht war: sein gewaltiges Schnarchen brach plötzlich ab5. Es folgten ein oder zwei Seufzer, zuweilen eine körperliche Bewegung - und dann der lautlose Zustand der Atemlosigkeit; er befand sich in tiefer Yoga-Ekstase. Es wurde nicht gefrühstückt, denn zuerst kam ein langer Spaziergang am Ganges. Oh, diese morgendlichen Wanderungen mit meinem Guru - wie lebendig sie mir in Erinnerung sind! Oft noch sehe ich mich an seiner Seite dahingehen, während die Morgensonne den Strom erwärmt und er uns mit seiner klangvollen Stimme tiefe Weisheit vermittelt. Dann folgte ein Bad und anschließend das Mittagsmahl, das nach den täglichen Anweisungen des Meisters von einigen Jüngern zubereitet wurde. Mein Guru war Vegetarier, hatte aber, ehe er Mönch wurde, auch Eier und Fisch gegessen. Er empfahl seinen Schülern eine möglichst einfache Kost, die sich nach ihrer jeweiligen Konstitution richtete. Der Meister aß nur wenig. Oft bestand seine Mahlzeit aus Reis, der mit Gelbwurz, Spinat oder Rübensaft gefärbt und leicht mit Büffel-Ghee (geklärter Butter) übergossen war. Ein andermal aß er Linsen-Dal oder Channa-Curry6 mit Gemüse. Zum Nachtisch gab es Reispudding mit Mangos, Apfelsinen oder Saft von den Brotbaumfrüchten. Am Nachmittag kamen gewöhnlich Besucher. Ein steter Strom von Menschen ergoß sich aus der Welt in die stille Einsiedelei. Mein Guru behandelte alle Gäste gütig und zuvorkommend. In den Augen eines Meisters, der sich aufgrund eigener Verwirklichung nicht mehr mit dem Körper oder dem kleinen Ich, sondern nur noch mit seiner allgegenwärtigen Seele identifiziert, sind sich alle Menschen auffallend ähnlich. 4 Samadhi = wörtlich: »zusammenführen«. Samadhi ist ein überbewußter Zustand der Glückseligkeit, in dem sich der Yogi der Einheit seiner individuellen Seele mit dem Kosmischen GEIST bewußt wird. 5 Schnarchen ist, nach Ansicht der Physiologen, ein Zeichen vollkommener Entspannung.6 Dal ist eine dicke Suppe aus Erbsen und anderen Hülsenfrüchten. Channa ist ein weißer Käse aus frisch geronnener Milch, der oft in Würfel geschnitten und zusammen mit Curry und Kartoffeln gekocht wird. 144 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Die Unvoreingenommenheit der Heiligen wurzelt in ihrer Weisheit. Da sie nicht mehr unter dem Einfluß der zwiespältigen Maya stehen, sind sie auch frei von den Zuneigungen und Abneigungen, die das Urteilsvermögen aller unerleuchteten Menschen beeinträchtigen. Sri Yukteswar erwies den Wohlhabenden, Einflußreichen und Gebildeten keine besondere Aufmerksamkeit; noch achtete er jemanden gering, weil dieser arm oder unwissend war. Er respektierte die Worte eines Kindes, wenn sie von Weisheit zeugten, und ignorierte öffentlich manchen eingebildeten Pandit. Um 8 Uhr gab es Abendbrot, an dem gelegentlich auch Gäste teilnahmen, die noch dageblieben waren. Mein Guru zog sich nie zurück, um allein zu essen; keiner verließ seinen Ashram hungrig oder unbefriedigt. Auch wenn unerwartete Besucher kamen, geriet Sri Yukteswar niemals in Verlegenheit. Unter seiner praktischen Anleitung zauberten die Jünger aus wenigen Nahrungsresten ein Bankett hervor. Und dennoch war er sparsam; seine bescheidenen Mittel reichten weit. »Lebt nie über eure Verhältnisse«, sagte er oft. »Verschwendung bringt stets Verdruß.« Ob es sich um Unterhaltung und Bewirtung der Gäste, um Bauprojekte und Reparaturen oder um andere praktische Dinge handelte, der Meister offenbarte in allem, was er tat, seinen originellen, schöpferischen Geist. In den stillen Abendstunden hörten wir oft eine seiner Ansprachen, mit denen er uns unvergängliche geistige Schätze vermittelte. Jede Äußerung war von tiefer Weisheit geprägt. Seine Rede zeichnete sich durch überlegene Selbstsicherheit aus - sie war einzigartig! Er sprach, wie ich nie wieder jemanden habe sprechen hören. Ehe er seine Gedanken in das äußere Gewand der Sprache kleidete, wog er sie auf der inneren Waage seiner Unterscheidungskraft ab. Gleich einem zarten Hauch drang die Essenz der Wahrheit aus seiner Seele und erfüllte den ganzen Raum, ja schien fast körperlich wahrnehmbar. Ich war mir stets bewußt, daß ich mich einer lebendigen Verkörperung Gottes gegenüber befand. Das Gewicht seiner Göttlichkeit beugte mein Haupt ganz von selbst vor ihm nieder. 145 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Wenn die Gäste bemerkten, daß Sri Yukteswar sich in der Betrachtung des Unendlichen verlor, verwickelte er sie sogleich in eine Unterhaltung. Es war nicht seine Art, eine Pose einzunehmen oder seine innere Versunkenheit zur Schau zu stellen. Da er jederzeit eins mit Gott war, brauchte er keine besondere Zeit, um sich mit Ihm in Verbindung zu setzen. Ein erleuchteter Meister hat die Stufen der Meditation bereits hinter sich gelassen. »Die Blume verblüht, die Frucht muß treiben.« Oft aber fahren die Heiligen absichtlich mit ihren geistigen Übungen fort, um ihren Jüngern ein Beispiel zu geben. Gegen Mitternacht fiel mein Guru oft mit kindlicher Natürlichkeit in leichten Schlummer. Sein Lager mußte nicht besonders hergerichtet werden. Oft legte er sich ohne Kissen auf das schmale Sofa nieder, vor dem sein viel benutztes Tigerfell lag. Nicht selten hielt eine philosophische Diskussion die ganze Nacht an. Jeder Jünger konnte sie durch sein geistiges Interesse auslösen. Ich fühlte dann keine Müdigkeit, kein Verlangen nach Schlaf; die lebendigen Worte des Meisters genügten mir. »Oh, es dämmert schon! Laßt uns zum Ganges hinuntergehen!« So endete manche Nacht geistiger Erbauung. Während meiner ersten Monate im Ashram erteilte mir Sri Yukteswar eine heilsame Lehre, die für mich den Höhepunkt meiner bisherigen Schulung bedeutete: »Wie man die Moskitos überlistet.« Zu Hause pflegten wir nachts immer Moskitonetze aufzuspannen. Wie ich jedoch beunruhigt feststellte, wurde diese Vorsichtsmaßnahme in der Einsiedelei nie getroffen. Dabei waren die Insekten in Massen vertreten, so daß ich von Kopf bis Fuß zerstochen wurde. Mein Guru hatte Mitleid mit mir: »Kauf dir ein Netz und bring mir auch eins mit«, sagte er und fügte lachend hinzu: »Wenn du nur eins für dich kaufst, stürzen sich die Moskitos alle auf mich!« Dankbaren Herzens kam ich dieser Aufforderung nach. Von da an gab mir der Guru jedes mal, wenn ich über Nacht in Serampur blieb, den Auftrag, die Netze aufzuspannen. 146 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Eines Abends jedoch, als wir von einem Schwarm Moskitos umgeben waren, versäumte der Meister, seine gewohnte Anweisung zu geben. Besorgt lauschte ich dem unheilverkündenden Summen der Insekten. Als ich mich schließlich ins Bett legte, sandte ich ein Stoßgebet in die ungefähre Richtung der Moskitos. Eine halbe Stunde später hustete ich absichtlich, um die Aufmerksamkeit meines Gurus zu erwecken. Die Moskitostiche und vor allem das unaufhörliche Summen, mit dem die Insekten ihren blutdürstigen Ritus vollzogen, machten mich fast wahnsinnig. Doch der Meister reagierte nicht darauf, sondern blieb unbeweglich liegen. Vorsichtig näherte ich mich ihm und stellte fest, daß er überhaupt nicht atmete. Es war das erste Mal, daß ich ihn aus nächster Nähe im Yoga-Trancezustand erblickte, und mir wurde unheimlich. »Sein Herz schlägt nicht mehr«, dachte ich und hielt ihm einen Spiegel unter die Nase. Kein Atemhauch war darauf zu erkennen. Um mich doppelt zu vergewissern, hielt ich ihm minutenlang mit den Fingern Mund und Nase zu. Sein Körper war kalt und regungslos. Bestürzt lief ich zur Tür, um Hilfe herbeizuholen. »So! Du bist ja ein vielversprechender Experimentator! Meine arme Nase!« rief der Meister da, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. »Warum gehst du nicht zu Bett? Soll sich etwa die ganze Welt deinetwegen ändern? Ändere dich selbst und befreie dich von dem Moskito-Komplex!« Mit hängendem Kopf kehrte ich in mein Bett zurück; und kein Insekt wagte sich mehr in meine Nähe. Da verstand ich, daß der Guru die Netze nur meinetwegen hatte besorgen lassen; er selbst kannte keine Furcht vor Moskitos. Er konnte sich innerlich immun machen oder durch Anwendung bestimmter Yoga-Methoden verhindern, daß sie ihn stachen. »Er hat mir ein Beispiel geben wollen«, dachte ich. »Das ist der Yoga-Zustand, den ich erreichen muß.« Ein echter Yogi kann jederzeit ins Überbewußtsein eingehen und trotz der vielen Ablenkungen, die es immer auf dieser Erde geben wird - z.B. dem Summen der Insekten oder dem grellen Tageslicht, in diesem Zustand verharren. Im ersten Stadium des Samadhi (Savikalpa) reagiert der Gottsucher auf keine äußeren Sinnesreize mehr, wird aber durch Laute und Bilder aus der inneren Welt entschädigt, die selbst das ursprüngliche Eden7 an Herrlichkeit übertreffen. 7 Die Fähigkeiten eines allgegenwärtigen Yogis, der ohne Gebrauch seiner Sinnesorgane sehen, schmecken, riechen, fühlen und hören kann, werden im Taittiriya Aranyaka wie folgt beschrieben: »Der blinde Mann durchbohrte die Perle; der fingerlose zog einen Faden hindurch; der halslose trug sie; und der stumme lobte sie.« 147 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Die lehrreichen Moskitos waren auch der Anlaß einer weiteren Lektion, die ich schon früh im Ashram erhielt. Es war um die Zeit der Abenddämmerung, als mein Guru in seiner unnachahmlichen Weise die heiligen Schriften auslegte. Ich saß friedlich zu seinen Füßen, als ein unverschämter Moskito in das Idyll einbrach und meine Aufmerksamkeit beanspruchte. Als er seine giftige »Injektionsnadel« in meinen Schenkel bohrte, erhob ich automatisch die Hand zur Rache. Doch dann schob ich die Hinrichtung auf, weil mir gerade in diesem Augenblick ein Aphorismus des Patanjali über Ahimsa8 (Nicht-Verletzen) einfiel.
»Mit Ahimsa meint Patanjali, daß man den Wunsch zu töten überwinden muß.« Sri Yukteswar las in meiner Seele wie in einem aufgeschlagenen Buch. »Diese Welt ist nicht so eingerichtet, daß man Ahimsa wortwörtlich befolgen kann. Die Menschen sehen sich oft gezwungen, schädliche Tiere auszurotten. Doch sie stehen unter keinem ähnlichen Zwang, Zorn oder Haß zu empfinden. Alle Lebewesen haben dasselbe Recht, die Luft der Maya zu atmen. Der Heilige, der die Geheimnisse der Schöpfung entschleiert hat, lebt auch in Harmonie mit den zahllosen rätselhaften Ausdrucksformen der Natur. Jeder Mensch wird diese Wahrheit erkennen, sobald er seine Zerstörungslust überwunden hat.« 8 »In der Gegenwart eines Menschen, der Meisterschaft in Ahimsa (Gewaltlosigkeit) erlangt hat, kann keine Feindschaft [zu irgendeinem Lebewesen] entstehen.« Yoga-Sutras 11, 35 148 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Guruji, soll man lieber sich selbst opfern, als ein wildes Tier zu töten?« »Nein, der menschliche Körper ist wertvoller, weil er aufgrund seiner einzigartigen Gehirn- und Rückenmarkszentren die höchste Entwicklungsmöglichkeit bietet. Diese Zentren ermöglichen es dem fortgeschrittenen Yogi, das Göttliche in Seinen erhabensten Ausdrucksformen zu erfassen und zu offenbaren. Keiner niedrigeren Lebensform ist dies möglich. Es stimmt zwar, daß der Mensch eine gewisse Schuld auf sich lädt, wenn er gezwungen ist, ein Tier oder ein anderes Lebewesen zu töten. Doch die heiligen Shastras lehren andererseits, daß man sich schwer gegen das karmische Gesetz vergeht, wenn man sein Leben leichtfertig aufs Spiel setzt.« Ich atmete erleichtert auf; denn es geschieht nicht allzu oft, daß man durch die heiligen Schriften in seinen natürlichen Instinkten bestärkt wird. Meines Wissens begegnete der Meister niemals einem Leoparden oder Tiger aus nächster Nähe. Doch einmal befand er sich einer giftigen Kobra gegenüber, die er nur durch die Kraft seiner Liebe besiegte. Der Vorfall trug sich in Puri zu, wo mein Guru eine Einsiedelei am Meer hatte. Prafulla, ein kleiner Jünger, den Sri Yukteswar noch während seiner letzten Lebensjahre annahm, war Zeuge dieser Begebenheit und erzählte sie mir später mit folgenden Worten: »Wir saßen draußen im Freien, nicht weit vom Ashram entfernt, als eine vier Fuß lange Kobra - ein erschreckender Anblick - ganz in unserer Nähe auftauchte. Mit zornig gespreiztem Hut stürzte sie auf uns zu. Der Meister empfing sie mit einem fröhlichen Ausruf, als ob es sich um ein kleines Kind handle. Ich erstarrte fast, als ich sah, wie Sri Yukteswarji rhythmisch mit den Händen zu klatschen begann9, um die unheimliche Besucherin zu unterhalten. Regungslos blieb ich sitzen und sandte inbrünstige Stoßgebete zum Himmel. Die Schlange, die sich jetzt dicht vor dem Meister befand, rührte sich nicht mehr und schien von seinem zärtlichen Gebaren wie magnetisiert. Der erschreckende Hut sank allmählich zusammen; dann glitt die Schlange zwischen Sri Yukteswarjis Füßen hindurch und verschwand im Gebüsch. 9 Die Kobra greift sofort jeden in ihrer Reichweite befindlichen Gegenstand an, der sich bewegt. Daher ist vollkommene Regungslosigkeit meist das einzige Rettungsmittel. Die Kobra wird in Indien, wo sie jährlich an die 5000 Todesfälle verursacht, allgemein gefürchtet. 149 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Wie es kam, daß die Kobra den Meister nicht angriff, als er die Hände bewegte, war mir damals unbegreiflich,« sagte Prafulla abschließend. »Doch später wurde mir klar, daß unser göttlicher Guru völlig frei von der Furcht war, irgendein Lebewesen könne ihn verletzen.« Eines Nachmittags während meiner ersten Zeit im Ashram bemerkte ich, daß Sri Yukteswar mich mit durchdringendem Blick musterte.
Seine Worte berührten einen wunden Punkt, denn meine eingesunkenen Augen und meine abgemagerte Gestalt gefielen mir selbst nicht. Seit frühester Kindheit litt ich an chronischer Verdauungsschwäche. Viele Fläschchen mit Stärkungsmitteln standen auf dem Regal meines Zimmers zu Hause, doch keines von ihnen hatte mir geholfen. Gelegentlich fragte ich mich deprimiert, ob das Leben in einem solch ungesunden Körper überhaupt lebenswert sei. »Die Wirkung der Medikamente ist begrenzt; doch Gottes schöpferische Lebenskraft ist unbegrenzt. Glaube daran, und du wirst gesund und kräftig werden.« Die Worte des Meisters überzeugten mich augenblicklich, und ich gewann die feste Zuversicht, daß diese Wahrheit sich auch auf mein eigenes Leben anwenden ließ. Kein anderer Heiler (und ich hatte viele ausprobiert) hatte die Fähigkeit besessen, einen solch tiefen Glauben in mir zu erwecken. Von Tag zu Tag wurde ich nun gesünder und kräftiger. Sri Yukteswars geheimer Segen bewirkte, daß ich innerhalb zweier Wochen beträchtlich an Gewicht zunahm, was mir in den vergangenen Jahren trotz aller Bemühungen nicht möglich gewesen war. Meine Magenbeschwerden waren für immer verschwunden. 150 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Später durfte ich noch öfter Augenzeuge vieler göttlicher Heilungen sein, die mein Guru in Fällen von Zuckerkrankheit, Fallsucht, Tuberkulose und Lähmungen bewirkte. »Vor vielen Jahren hatte auch ich den Wunsch, an Gewicht zuzunehmen«, sagte mir der Meister, kurz nachdem er mich geheilt hatte. »Ich war zum ersten Male nach längerer Krankheit aufgestanden, um Lahiri Mahasaya in Benares zu besuchen.« »Meister, sagte ich, ich bin schwer krank gewesen und habe stark abgenommen.« »Ich sehe, Yukteswar«, daß du dich selbst krank gemacht hast und jetzt glaubst, daß du abgemagert seist.« Diese Antwort entsprach in keiner Weise meinen Erwartungen. Mein Guru fügte jedoch ermutigend hinzu: »Laß sehen - ich glaube bestimmt, daß es dir morgen besser geht.« Mein empfänglicher Geist faßte seine Worte als heimlichen Hinweis auf, daß er mich heilen wollte. Als ich ihn am nächsten Morgen aufsuchte, rief ich ihm freudestrahlend zu: Guruji, heute geht es mir viel besser!« »Tatsächlich! Heute hast du dich gestärkt.« »Nein, Meister, wandte ich ein. Ihr seid es, der mir geholfen hat. Dies ist das erste Mal seit Wochen, daß ich etwas Kraft in mir fühle.« »Allerdings; du hast immerhin eine schwere Krankheit hinter dir, und dein Körper ist noch nicht widerstandsfähig genug. Wer weiß, wie es morgen sein wird?« Bei dem bloßen Gedanken an einen möglichen Rückfall überfiel mich ein Schauder. Am nächsten Morgen konnte ich mich kaum zu Lahiri Mahasayas Haus hinschleppen. 10 Lahiri Mahasaya sagte in Wirklichkeit »Thya« (der Vorname des Meisters) und nicht »Yukteswar« (sein Mönchsname, den er während Lahiri Mahasayas Lebzeiten noch nicht angenommen hatte. Siehe Seite 140). An dieser wie auch an anderen Stellen des Buches steht jedoch »Yukteswar«, damit der Leser nicht durch die verschiedenen Namen verwirrt wird. 151 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Meister, heute geht es mir wieder sehr schlecht.« Der Guru blickte mich belustigt an. »So! Du hast dich also wieder krank gemacht!« Da aber war meine Geduld zu Ende. »Gurudeva«, sagte ich, »ich glaube, Ihr habt Euch die ganze Zeit lustig über mich gemacht. Ich weiß nicht, warum Ihr meinen ehrlichen Worten keinen Glauben schenkt.« »Es sind wirklich nur deine Gedanken, die dich abwechselnd krank und gesund gemacht haben«, sagte mein Guru, indem er mich liebevoll anblickte. »Du siehst, wie dein Gesundheitszustand sich genau nach deinen unterbewußten Erwartungen gerichtet hat. Gedanken sind Kräfte - genau wie die Elektrizität oder die Schwerkraft. Der menschliche Geist ist ein Funke des allmächtigen Bewußtseins Gottes. Ich wollte dir lediglich zeigen, daß alles, woran dein machtvoller Geist fest glaubt, sofort eintrifft.« Da ich wußte, daß Lahiri Mahasaya niemals leere Worte machte, fragte ich ihn ehrfürchtig: »Meister, wenn ich glaube, daß ich gesund bin und mein früheres Gewicht wiedererlangt habe, wird es dann geschehen?« »Es ist bereits in diesem Augenblick geschehen«, sagte mein Guru ernst, indem er mich fest anblickte. Sofort fühlte ich nicht nur einen Zuwachs an Kräften, sondern auch an Gewicht. Lahiri Mahasaya versank daraufhin in tiefes Schweigen. Nachdem ich einige Stunden zu seinen Füßen meditiert hatte, kehrte ich zu meiner Mutter zurück, bei der ich während meines Aufenthalts in Benares wohnte. Sie traute ihren Augen nicht, als sie mich sah. »Was ist denn mit dir geschehen, mein Sohn? Hast du die Wassersucht?« rief sie aus. Denn mein Körper sah genauso voll und kräftig aus wie vor meiner Krankheit. Ich wog mich und stellte fest, daß ich an einem Tag 50 Pfund zugenommen hatte; und dieses Gewicht habe ich seither gehalten. Meine Freunde und Bekannten, die mich vorher in abgemagertem Zustand gesehen hatten, waren vor Staunen fassungslos. Einige waren von diesem Wunder so beeindruckt, daß sie ein neues Leben begannen und Jünger von Lahiri Mahasaya wurden. 152 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Mein in Gott erwachter Guru wußte, daß diese Welt nichts als ein manifestierter Traum des Schöpfers ist. Da er sich seiner Einheit mit dem Göttlichen Träumer völlig bewußt war, konnte er die Traumatome dieser Welt der Erscheinungen jederzeit materialisieren oder entmaterialisieren oder sie beliebig neu zusammensetzen.11 »Das ganze Universum ist bestimmten Gesetzen unterworfen«, sagte Sri Yukteswar abschließend. »Die Kräfte, die das sichtbare, von der Wissenschaft erforschbare Universum regieren, werden Naturgesetze genannt. Doch es gibt feinere Gesetze, welche die verborgenen geistigen Ebenen und die inneren Bereiche des Bewußtseins regieren; diese können von der Yoga-Wissenschaft erforscht werden. Nicht der Physiker, sondern der erleuchtete Meister kennt das wahre Wesen der Materie. Aufgrund dieses Wissens konnte Christus das Ohr des Knechtes heilen, das einer seiner Jünger abgeschlagen hatte.« 12 Mein Guru war ein unvergleichlicher Interpret der heiligen Schriften. Viele meiner glücklichsten Stunden verbrachte ich damit, seinen Erläuterungen zuzuhören. Aber er verschwendete seine Worte nie an solche, die unaufmerksam oder uninteressiert waren. Eine unruhige Bewegung oder die geringste Geistesabwesenheit genügten, um ihn mitten im Satz abbrechen zu lassen. »Du hörst nicht richtig zu«, bemerkte Sri Yukteswar eines Nachmittags, indem er seine Rede unterbrach. Wie gewöhnlich hatte er schonungslos meine Gedanken verfolgt. »Guruji!« sagte ich entrüstet. »Ich habe mich nicht gerührt und nicht einmal die Augenlider bewegt; ich kann jedes Eurer Worte wiederholen.«
11 »Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr's empfangen werdet, so wird's euch werden.« (Markus 11, 24) In Gott erwachte Meister wie Lahiri Mahasaya sind durchaus in der Lage, ihre göttlichen Erkenntnisse auf einen ihrer fortgeschrittenen Jünger - in diesem Falle Sri Yukteswar - zu übertragen. 12 »Und einer aus ihnen schlug des Hohenpriesters Knecht und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Jesus aber antwortete und sprach: Lasset sie doch so machen! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn.« Lukas 22, 50-51 153 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Diese kaum formulierten Gedanken waren mir tatsächlich - wenn auch mehr unterbewußt - durch den Kopf gegangen. Ich schaute ihn reumütig an. »Was mache ich mit einem Meister, der meine flüchtigsten Gedanken durchschaut?« »Du hast mir das Recht dazu gegeben. Die subtilen Wahrheiten, die ich erkläre, kannst du nur mit hundertprozentiger Konzentration erfassen. Wenn es nicht nötig ist, dringe ich nicht in den geheimen Gedankenbereich anderer ein. Jeder Mensch hat das Recht, sich in der privaten Sphäre seiner Gedanken aufzuhalten. Selbst Gott tritt dort nicht ungebeten ein; viel weniger würde ich es wagen.«
»Deine architektonischen Träume werden sich später verwirklichen. Jetzt aber bist du zum Lernen hier?« In seiner schlichten Art hatte mir der Guru hiermit ganz beiläufig drei wichtige Ereignisse meines Lebens prophezeit. Schon seit frühester Kindheit waren vor meinem inneren Auge immer wieder die verschwommenen Bilder von drei Gebäuden aufgetaucht, jedes von ihnen in einer anderen Landschaft. Diese Visionen verwirklichten sich später in der von Sri Yukteswar angegebenen Reihenfolge. Zuerst gründete ich eine Knabenschule in Ranchi, dann das amerikanische Mutterzentrum auf einem Hügel in Los Angeles, und schließlich eine Einsiedelei in Encinitas (Kalifornien) unmittelbar am Pazifik. Der Meister maßte sich niemals an zu sagen: »Ich prophezeie dir dieses oder jenes«, sondern machte etwa folgende Andeutung: »Meinst du nicht, daß es so kommen könnte?« Doch in seinen einfachen Worten lag eine prophetische Kraft. Er brauchte sie nie zu widerrufen, denn seine leicht verschleierten Voraussagen trafen unweigerlich ein. Sri Yukteswar war von Natur aus zurückhaltend und nüchtern und erging sich nie - wie viele einfältige Visionäre - in vagen Andeutungen. Er stand mit beiden Beinen fest auf der Erde, während sein Haupt in den Himmel ragte. Praktische Menschen erregten seine Bewunderung. »Heiligkeit bedeutet nicht Dummheit, und göttliche Wahrnehmungen machen den Menschen nicht unbeholfen«, pflegte er zu sagen. »Wer der Tugend tatkräftig Ausdruck verleiht, wird auch seinen Verstand aufs höchste entwickeln.« 154 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Mein Guru sprach nur ungern über die transzendenten Bereiche. Das einzig »Wunderbare« an ihm war seine vollkommene Einfachheit. In der Unterhaltung vermied er alle aufsehenerregenden Anspielungen, ließ aber um so mehr seine Taten sprechen. Es gibt Lehrer, die viel über Wunder sprechen, aber keines vollbringen können. Sri Yukteswar erwähnte die feinstofflichen Gesetze nur selten; insgeheim aber wandte er sie nach Belieben an. »Ein Erleuchteter vollbringt nur dann Wunder, wenn das innere Gesetz es ihm gebietet«, erklärte der Meister. »Es liegt nicht in Gottes Willen, die Geheimnisse Seiner Schöpfung allen unterschiedslos zu enthüllen13. Außerdem hat jeder Mensch das Recht, von seinem freien Willen Gebrauch zu machen. Ein Heiliger wird niemandem diese Unabhängigkeit streitig machen.« Der Grund für Sri Yukteswars übliche Schweigsamkeit lag in seinen tiefen Wahrnehmungen des Unendlichen. Im Gegensatz zu anderen Lehrern, die keine Selbst-Verwirklichung besitzen, verbrachte er seine Zeit nicht mit endlosen »Offenbarungen«. Ein Hindu-Sprichwort lautet: »In einem oberflächlichen Menschen verursachen die kleinen Fische der Gedanken lebhafte Wellen; in einem tiefen Geist rufen die Wale der Inspiration kaum ein Kräuseln hervor.« Da mein Guru sich stets so unauffällig wie möglich verhielt, sahen nur wenige seiner Zeitgenossen einen Übermenschen in ihm. Das Sprichwort »Wer seine Weisheit nicht verbergen kann, ist ein Narr« trifft gewiß nicht auf meinen stillen und unergründlichen Meister zu. Obgleich Sri Yukteswar, wie alle anderen, als Mensch geboren wurde, hatte er sich längst mit dem Herrscher von Raum und Zeit vereinigt. Bei ihm verschmolzen Menschliches und Göttliches in eins, und ich erkannte, daß jede Trennungslinie, welche die geistig träge Menschheit hier zu sehen glaubt, illusorisch ist. 13 »Ihr sollt das Heiligtum nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, auf daß sie dieselben nicht zertreten mit ihren Füßen und sich wenden und euch zerreißen.« Matthäus 7, 6155 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Jedesmal, wenn ich die heiligen Füße Sri Yukteswars berührte, durchlief mich ein andächtiger Schauer. Ein Jünger, der seinen Meister ehrfurchtsvoll berührt, kann geistig von ihm magnetisiert werden. Dabei wird ein feiner Strom erzeugt, der oft die Spuren der unerwünschten Gewohnheiten im Gehirn beseitigt und die tief verwurzelten weltlichen Neigungen schwächt. Dann lüftet sich - zumindest für einen Augenblick - der geheime Schleier der Maya und gewährt einen Einblick in die glückselige Wirklichkeit. Mein ganzer Körper wurde von einer läuternden Glut durchdrungen, wenn ich nach indischer Sitte vor meinem Guru niederkniete. »Selbst wenn Lahiri Mahasaya schwieg«, sagte der Meister, »oder wenn er sich über andere als rein religiöse Themen unterhielt, vermittelte er mir dennoch unvergleichliches Wissen.« Einen ganz ähnlichen Einfluß übte Sri Yukteswar auf mich aus. Wenn ich in gedrückter oder gleichgültiger Stimmung zum Ashram kam, vollzog sich bald eine unmerkliche Wandlung mit mir. Ich brauchte meinen Guru nur anzublicken, und schon kam eine wohltuende Ruhe über mich. Jeder Tag, den ich bei ihm verbringen durfte, brachte mir neuen Reichtum an Freude, Frieden und Weisheit. Niemals sah ich ihn einer Täuschung anheimfallen oder irgendeiner Gemütsbewegung wie Gier, Ärger oder menschlicher Anhänglichkeit Raum geben. »Die Dunkelheit der Maya naht heimlich heran. Laßt uns nach innen gehen, wo wir wirklich zu Hause sind.« Mit diesen mahnenden Worten hielt der Meister seine Jünger fortwährend zur Kriya-Yoga-Übung an. Neue Schüler fragten sich manchmal, ob sie es überhaupt wert seien, Yoga zu üben. »Vergeßt die Vergangenheit«, pflegte Sri Yukteswar sie zu trösten. »Die hinter uns liegenden Leben weisen manche Schandflecke auf. Solange der Mensch noch nicht fest im Göttlichen verankert ist, wird sein Verhalten immer unberechenbar sein. Alles wird sich in Zukunft zum Besten wenden, wenn ihr jetzt die nötigen geistigen Anstrengungen macht.« 156
Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Alle Ashrambewohner liebten und verehrten ihren Guru. Er brauchte nur leicht in die Hände zu klatschen, und schon waren sie an seiner Seite. Wenn er sich schweigend nach innen zurückzog, wagte niemand zu sprechen. Doch wenn sein fröhliches Lachen erklang, betrachteten ihn die Kinder als einen der ihren. Nur selten bat Sri Yukteswar jemanden um einen persönlichen Dienst; auch akzeptierte er die Dienste eines Chelas nur dann, wenn dieser sie ihm freudig anbot. Der Meister wusch seine Kleider selbst aus, wenn die Jünger vergaßen, ihm diesen Liebesdienst zu erweisen. Seine übliche Kleidung war das traditionelle Swami-Gewand. Im Haus trug er Schuhe ohne Schnürbänder, die nach einem Brauch der Yogis aus Tiger- oder Hirschfell hergestellt waren. Sri Yukteswar sprach fließend englisch, französisch, Bengali und Hindi und besaß außerdem gute Sanskritkenntnisse. Geduldig brachte er seinen Jüngern einige selbsterdachte, geniale Methoden bei, um ihnen das Studium des Englischen und des Sanskrit zu erleichtern. Der Meister schenkte seinem Körper nur wenig Beachtung. Andererseits vernachlässigte er ihn aber auch nicht. Er vertrat den Standpunkt, daß das Göttliche sich durch körperliche und geistige Gesundheit Ausdruck verleiht. Alle extremen Maßnahmen lehnte er ab. Einem Jünger, der besonders lange fasten wollte, sagte er lachend: »Wirf dem Hund ruhig einen Knochen hin!«14 Sri Yukteswar erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit; ich kann mich nicht entsinnen, ihn jemals unpäßlich gesehen zu haben15. Er achtete weltliche Bräuche und erlaubte seinen Schülern daher, auf Wunsch ärztlichen Rat einzuholen. »Das Werk der Ärzte besteht darin«, sagte er, »den Körper durch die von Gott geschaffenen physikalischen Gesetze zu heilen.« Doch er pries die Überlegenheit der geistigen Therapie und sagte wiederholt: »Weisheit ist die beste Heilquelle.« 14 Mein Guru hielt das Fasten für die beste natürliche Entschlackungsmethode. Dieser Jünger jedoch war zu sehr mit seinem Körper beschäftigt. 15 Er erkrankte einmal in KaseIhmir, als ich nicht bei ihm war. (Siehe Kapitel 21) 157 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Seinen Chelas gab er folgenden Rat: »Der Körper ist ein trügerischer Freund; gebt ihm nur das, was er braucht, und nicht mehr. Schmerz und Lust sind vorübergehende Zustände; gewöhnt euch daran, alle Gegensätze ruhig hinzunehmen, während ihr gleichzeitig versucht, euch ihrem Einfluß zu entziehen. Die Kraft der Einbildung ist so groß, daß sie sowohl Krankheit als auch Gesundheit hervorrufen kann. Selbst wenn ihr krank seid, glaubt nicht an die Wirklichkeit eurer Krankheit, denn ein unbeachteter Gast zieht sich bald wieder zurück.« Unter den Jüngern des Meisters waren auch viele Ärzte. »Wer Physiologie studiert hat, soll danach einen Schritt weitergehen und die Wissenschaft der Seele studieren«, sagte er ihnen. »Hinter der körperlichen Form verbirgt sich ein feiner geistiger Mechanismus.«16 16 Ein beherzter Mediziner, Char les Robert Richet, der den Nobelpreis für Physiologie erhielt, schrieb folgendes: »Die Metaphysik ist noch keine öffentlich anerkannte Wissenschaft, wird es aber dereinst sein ... In Edinburgh wagte ich vor hundert Physiologen die Behauptung, daß unsere fünf Sinne nicht die einzigen Erkenntniswerkzeuge sind und daß unsere Intelligenz auch auf anderen Wegen Bruchteile der Wahrheit empfängt ... Daß eine Tatsache selten ist, berechtigt noch lange nicht zu der Annahme, daß sie nicht existiert. Soll man ein Sachgebiet etwa deshalb nicht studieren, weil es schwierig ist? ... Diejenigen, welche die okkulte Wissenschaft der Metaphysik verspotten, werden dereinst genauso beschämt sein wie jene, die über die Chemie lästerten und behaupteten, daß jedes Forschen mach dem Stein der Weisen illusorisch sei ... Was Grundsätze anbelangt, so brauchen wir uns nur an Lavoisier, Claude Bernard und Pasteur zu halten, die sich immer und überall auf Experimente beriefen. Darum begrüßen wir die neue Wissenschaft, die dem menschlichen Denken eine neue Richtung weisen wird.« 158 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Sri Yukteswar riet seinen Schülern, die Tugenden des Abend- und Morgenlandes in sich zu vereinen. Er selbst war in seinen äußeren Gewohnheiten ein ausgesprochener Abendländer; innerlich aber war er der geistige Orientale. Er pries das Abendland für seine Fortschrittlichkeit, Gründlichkeit und Hygiene und das Morgenland für seine religiösen Ideale, denen es seit Jahrhunderten seinen geistigen Nimbus zu verdanken hat. Disziplin war mir von Hause aus nichts Ungewohntes. Vater war streng, Ananta oft hart. Sri Yukteswars Schulung jedoch kann nicht anders als drastisch bezeichnet werden. Mein Guru, der in allen Dingen nach Vollkommenheit strebte, war seinen Jüngern gegenüber überkritisch, ganz gleich, ob es sich um wichtige Angelegenheiten oder um kleine Vergehen im Betragen handelte. »Gute Manieren ohne Aufrichtigkeit gleichen einer schönen, aber toten Frau«, sagte er bei entsprechenden Anlässen. »Aufrichtigkeit ohne Manieren gleicht dem Messer eines Chirurgen, das zwar seine Wirkung tut, aber äußerst unangenehm ist. Doch Ehrlichkeit, gepaart mit Höflichkeit, ist nicht nur heilsam, sondern auch bewundernswert.« Der Meister schien mit meinen geistigen Fortschritten zufrieden zu sein, denn er machte nur selten eine Bemerkung darüber. Doch wegen anderer Dinge machte er mir häufig Vorwürfe. Meine hauptsächlichen Fehler waren Geistesabwesenheit, zeitweilige traurige Stimmungen, Nichtbeachtung gewisser Anstandsregeln und gelegentlicher Mangel an Methodik. »Nimm dir ein Beispiel an deinem Vater Bhagabati, der ein vorbildlich ausgeglichenes Leben führt und seine Arbeit richtig einzuteilen weiß«, sagte mein Guru. Die beiden Jünger Lahiri Mahasayas waren sich bald nach meinem ersten Besuch in der Einsiedelei begegnet und schätzten einander sehr. Beide hatten ihr inneres Leben auf geistigen Granit gebaut, der vom Wechsel der Zeiten nicht berührt wird. Von einem Lehrer meiner Kindheit hatte ich einige irrige Ansichten übernommen. Ein Chela, so wurde mir damals gesagt, brauche sich nicht allzu gründlich mit seinen irdischen Pflichten zu befassen. Wenn ich die mir übertragenen Aufgaben vernachlässigte oder nicht sorgfältig genug ausführte, wurde ich nie getadelt. Die menschliche Natur folgt derartigen Anweisungen nur allzu gern. Doch unter der strengen Zucht des Meisters erwachte ich recht bald aus meinem angenehmen Traum der Verantwortungslosigkeit. 159 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Diejenigen, die zu gut für diese Welt sind, befinden sich schon längst in einer anderen«, bemerkte Sri Yukteswar eines Tages. »Solange du die freie Luft der Erde atmest, bist du ihr auch zu Dank verpflichtet und mußt ihr gewisse Dienste leisten. Nur wer den atemlosen Zustand17 erreicht hat, ist den Gesetzen des Kosmos nicht mehr unterworfen.« Und trocken fügte er hinzu: »Ich werde nicht versäumen, dir mitzuteilen, wenn du diese höchste Vollkommenheit erreicht hast.« Mein Guru ließ sich durch nichts bestechen, nicht einmal durch Liebe. Er übte keine besondere Nachsicht mit denen, die, wie ich, freiwillig als Jünger zu ihm gekommen waren. Ob der Meister mit mir allein oder von Schülern und Fremden umgeben war, immer sagte er alles frei heraus und tadelte streng. Nicht das geringste Abgleiten in Oberflächlichkeit, nicht die kleinste Inkonsequenz entging seiner Kritik. Diese das Ich zermalmende Behandlung war schwer zu ertragen, doch ich war fest entschlossen, mir von Sri Yukteswar alle Eigenwilligkeiten austreiben zu lassen. Während er an dieser gigantischen Umformung arbeitete, erzitterte ich viele Male unter dem Gewicht seiner disziplinarischen Hammerschläge. »Wenn dir meine Worte nicht passen, steht es dir jederzeit frei zu gehen«, versicherte mir der Meister. »Ich will nichts anderes als deinen Fortschritt. Bleibe nur, wenn du fühlst, daß du dadurch gewinnst.« Ich bin unendlich dankbar für die demütigenden Hiebe, die er meiner Eitelkeit versetzte. Manchmal war mir zumute, als ob er - metaphorisch gesehen - jeden kranken Zahn in meinem Kiefer entdeckte und ihn mit der Wurzel ausrisse. Die harte Schale des Egoismus läßt sich ohne rauhe Eingriffe nur schwer entfernen. Sobald er aber beseitigt ist, kann sich das Göttliche, das vergeblich durch die von Selbstsucht versteinerten Herzen zu fließen versucht, ungehindert Bahn brechen. 17 Samadhi = Überbewußtsein 160 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Sri Yukteswars Intuition war unfehlbar. Oft ignorierte er unsere Bemerkungen und antwortete statt dessen auf unsere unausgesprochenen Gedanken. Die Worte, die man spricht, und die Gedanken, die sich dahinter verbergen, können oft grundverschieden sein. »Versucht, durch eure innere Ruhe die Gedanken zu erfühlen, die hinter dem Wirrwarr menschlicher Worte liegen«, sagte mein Guru. Was der göttliche Scharfsinn schonungslos aufdeckt, ist oft peinlich für weltliche Menschen. Bei oberflächlichen Schülern war der Meister daher nicht beliebt. Doch die einsichtsvollen, von denen es immer nur wenige gibt, verehrten ihn zutiefst. Ich wage zu behaupten, daß Sri Yukteswar der beliebteste Guru in ganz Indien hätte sein können, wenn er in seinen Äußerungen nicht so offen und kompromißlos gewesen wäre. »Ich mache es denen, die sich von mir schulen lassen wollen, nicht leicht«, gestand er mir einmal. »Doch das ist meine Art. Finde dich damit ab oder nicht! Ich mache keine Kompromisse. Du wirst später viel gütiger zu deinen Jüngern sein, denn deine Art ist anders. Ich versuche sie allein im Feuer der Strenge zu läutern, und das verursacht Brandwunden, die der gewöhnliche Mensch nicht ertragen kann. Doch auch die sanftere Methode der Liebe hat die Kraft, andere zu verwandeln. Die strengen wie die milden Methoden sind gleich wirkungsvoll, wenn sie mit Weisheit angewandt werden. - Und er fügte hinzu: »Du wirst später in fremde Länder gehen, wo man kein Verständnis für die rauhe Behandlung des Ichs hat. Nur ein Lehrer, der über ungewöhnliche Anpassungsfähigkeit, Geduld und Nachsicht verfügt, kann die Botschaft Indiens im Abendland verbreiten.« (Ich will nicht erwähnen, wie oft ich in Amerika an diese Worte des Meisters habe denken müssen!) Obgleich mein freimütiger Guru zu seinen Lebzeiten keine große Anhängerschaft hatte, lebt sein Geist dennoch fort, denn die Zahl aufrichtiger Schüler, die seiner Lehre folgen, nimmt immer mehr zu. Krieger wie Alexander der Große trachten danach, die Welt zu erobern; Meister wie Sri Yukteswar dagegen erobern das unermeßliche Reich der menschlichen Seele. 161 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Es war des Meisters Art, die kleinen, belanglosen Schwächen seiner Jünger wie schwerwiegende Vergehen darzustellen. Eines Tages kam mein Vater nach Serampur, um Sri Yukteswar seine Aufwartung zu machen. Wahrscheinlich hatte er gehofft, daß mein Guru einige anerkennende Worte über mich sagen werde, und war daher entsetzt, nur einen langen Bericht über meine Unvollkommenheiten zu hören. Er eilte auf der Stelle zu mir und sagte: »Aus den Bemerkungen deines Gurus muß ich schließen, daß du ein völliger Versager bist!« Dabei wußte er nicht, ob er lachen oder weinen solle. Der einzige Anlaß, der zu jener Zeit Sri Yukteswars Unwillen hervorrief, war die Tatsache, daß ich trotz seiner sanften Warnung versucht hatte, einen bestimmten Mann auf den geistigen Weg zu führen. Voller Entrüstung suchte ich sogleich meinen Guru auf. Er empfing mich mit niedergeschlagenen Augen, als ob er sich seiner Schuld bewußt wäre. Es war das einzige Mal, daß sich der göttliche Löwe mir gegenüber so demütig verhielt, und diesen einzigartigen Augenblick kostete ich bis zur Neige aus. »Guruji, warum habt Ihr mich bei meinem Vater so hart angeklagt? War das gerecht?« »Ich will es nicht wieder tun«, sagte der Meister einlenkend. Sofort war ich entwaffnet. Wie bereitwillig dieser große Mann seinen Fehler zugab! Obgleich der Meister meinem Vater nie wieder seinen inneren Frieden raubte, fuhr er dennoch fort, mich jederzeit, wenn er es für angebracht hielt, schonungslos zu »sezieren«. Einige der neuen Jünger versuchten Sri Yukteswar oft nachzuahmen, indem sie andere ständig kritisierten. Sie glaubten, weise wie der Guru zu sein - Musterexemplare einwandfreier Unterscheidungskraft. Aber wer angreift, muß sich auch verteidigen können. Sobald der Meister in aller Öffentlichkeit einige analytische Pfeile in ihre Richtung schoß, flohen diese tadelsüchtigen Schüler eilends davon. »Charakterschwächen,
die nicht einmal milde Kritik vertragen, gleichen wunden Stellen des
Körpers, die bei der leisesten Berührung zusammenzucken«, lautete Sri
Yukteswars belustigter Kommentar über die entflohenen Schüler. 162 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Viele Jünger haben bereits eine vorgefaßte Meinung von einem Guru und beurteilen dementsprechend all seine Worte und Handlungen. Solche Personen beklagten sich oft darüber, daß sie Sri Yukteswar nicht verstanden. »Ebensowenig verstehst du Gott«, antwortete ich einem von ihnen. »Wenn du einen Heiligen verstehen könntest, wärest du selber einer!« Können wir, die wir von Abermillionen Geheimnissen umgeben sind und jede Sekunde die unerklärbare Luft einatmen, uns anmaßen, das unergründliche Wesen eines Meisters sofort zu verstehen? Neue Schüler kamen und gingen meistens wieder. Diejenigen, die nach einem leichten Weg suchten und sogleich Mitgefühl und liebevolle Anerkennung ihrer Leistungen erwarteten, fanden in der Einsiedelei nicht das, was sie suchten. Der Meister bot seinen Jüngern Schutz und Zuflucht in alle Ewigkeit; doch viele Schüler waren so habsüchtig, daß sie obendrein noch Balsam für ihr liebes Ich verlangten. Und so reisten sie wieder ab und zogen es vor, die zahllosen Demütigungen des Lebens hinzunehmen, anstatt selber Demut zu lernen. Sri Yukteswars sengende Strahlen, das freie, durchdringende Sonnenlicht seiner Weisheit waren ein zu machtvolles Heilmittel für ihre kranke Seele. Deshalb suchten sie sich einen weniger anspruchsvollen Lehrer, der sie mit seinen schmeichelnden Worten einlullte und im unruhigen Schlaf der Täuschung verharren ließ. Während meiner ersten Monate im Ashram war ich äußerst empfindlich gegen den scharfen Tadel des Meisters. Bald aber merkte ich, daß er seine mündlichen »Vivisektionen« nur an solchen Jüngern durchführte, die ihn, ebenso wie ich, um seine Disziplin gebeten hatten. Wenn irgendein Schüler zu empfindlich war und Einspruch erhob, hüllte sich Sri Yukteswar in Schweigen, ohne verletzt zu sein. Seine Worte waren niemals zornig, sondern stets unpersönlich und voller Weisheit. Besucher, die gelegentlich zum Ashram kamen, wurden jedoch nicht vom Meister zurechtgewiesen. Selbst wenn ihre Schwächen offensichtlich waren, machte er nur selten eine Bemerkung darüber. Aber seinen Schülern gegenüber, die ihn um seine Führung gebeten hatten, fühlte Sri Yukteswar große Verantwortung. Ein Guru, der es unternimmt, das rohe Erz der vom ich verblendeten Menschheit umzuformen, muß in der Tat Mut haben. Diese Unerschrockenheit der Heiligen entspringt ihrem Mitgefühl mit der von der Maya verwirrten Menschheit - den strauchelnden Blinden dieser Welt. 163 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Nachdem ich meine anfängliche Empfindlichkeit überwunden hatte, stellte ich fest, daß ich viel weniger getadelt wurde. Auf fast unmerkliche Weise wurde der Meister mir gegenüber bedeutend milder. Mit der Zeit riß ich alle Schranken des rationalistischen Denkens und der unterbewußten18 Vorbehalte nieder, hinter denen sich die menschliche Persönlichkeit gewöhnlich verschanzt. Die Belohnung dafür war eine mühelose Übereinstimmung mit meinem Guru. Ich fand ihn vertrauensvoll und nachsichtig und fühlte seine schweigende Liebe. Da er jedoch von Natur zurückhaltend war, brachte er seine Zuneigung nie in Worten zum Ausdruck. Ich selbst hatte eine vorwiegend hingebungsvolle Natur. Daher verwirrte es mich am Anfang, daß mein von Jnana durchdrungener Guru scheinbar der Bhakti19 entbehrte und sich vorwiegend in Gedankenbildern erging, die ich als mathematisch und gefühlsarm empfand. Als ich mich jedoch auf seine Wesensart einstellte, merkte ich, daß meine Hingabe an Gott keineswegs nachließ, sondern sich eher noch vertiefte. Ein erleuchteter Meister ist durchaus in der Lage, jeden seiner Jünger individuell zu leiten und dessen natürliche Neigungen zu berücksichtigen. 18 »Unser bewußtes und unterbewußtes Sein wird vom Überbewußtsein gekrönt«, sagte der Rabbi Israel H. Levinthal bei einem Vortrag in New York. »Vor vielen Jahren wies der englische Psychologe F. W. H. Myers darauf hin, daß sich tief verborgen in unserem Wesen sowohl ein Schutthaufen als auch eine Schatzkammer befindet. Im Gegensatz zur Psychologie, die alle ihre Nachforschungen auf das Unterbewußtsein des Menschen richtet, beschäftigt sich die neue Psychologie des Überbewußtseins mit der Schatzkammer - mit jenem Bereich, der allein die großen, selbstlosen und heroischen Taten des Menschen zu erklären vermag.« 19 Jnana (Weisheit) und Bhakti (Hingabe) sind zwei der meistbegangenen Wege, die zu Gott führen.164
Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Während meiner ersten Sommer-Semesterferien hatte ich Gelegenheit, das unparteiische Urteil des Meisters zu bewundern. Schon lange hatte ich mich auf diese ungestörten Monate mit meinem Guru gefreut. »Du sollst die Aufsicht über die Einsiedelei übernehmen«, sagte Sri Yukteswar, der sich über die Begeisterung freute, die ich bei meiner Ankunft zeigte. »Deine Aufgabe besteht darin, Gäste zu empfangen und die Tätigkeit der anderen Jünger zu überwachen.« Vierzehn Tage später wurde Kumar, ein junger Dorfbewohner aus Bengalen, zur Schulung in die Einsiedelei aufgenommen. Da er auffallend intelligent war, gewann er rasch die Zuneigung des Meisters. Aus irgendeinem unerklärlichen Grunde war Sri Yukteswar dem neuen Schüler gegenüber wenig kritisch. Nachdem der neue Junge einen Monat lang bei uns gewesen war, erklärte mir der Meister eines Tages: »Mukunda, laß Kumar von jetzt an deine Pflichten übernehmen und kümmere du dich selbst um das Kochen und Saubermachen.« Kumar, dem seine neue Position zu Kopf gestiegen war, entwickelte sich bald zu einem Haustyrannen. In schweigender Auflehnung kamen die anderen Jünger weiterhin zu mir, um täglich meinen Rat einzuholen. Nachdem dieser Zustand drei Wochen lang angehalten hatte, fing ich zufällig eine Unterhaltung zwischen Kumar und dem Meister auf. »Mukunda ist unmöglich«, beschwerte sich der Junge. »Ihr habt mich zum Aufseher bestimmt, und dennoch gehen sie alle zu ihm und gehorchen ihm!« »Eben deshalb habe ich ihn in die Küche und dich ins Empfangszimmer gesetzt, damit du einsehen lernst, daß ein richtiger Führer nicht den Wunsch hat, zu herrschen, sondern zu dienen«, erwiderte Sri Yukteswar. Sein scharfer Ton war Kumar fremd. »Du wolltest Mukundas Amt haben, konntest dich aber dessen nicht würdig erweisen. Übernimm jetzt wieder deine frühere Arbeit als Küchengehilfe.« 165 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Nach diesem demütigenden Zwischenfall zeigte der Meister Kumar gegenüber wieder dieselbe ungewöhnliche Nachsicht. Wer kann das Geheimnis der Anziehungskraft ergründen? Kumar war für unseren Guru - wenn auch nicht für die anderen Jünger - ein Quell des Ergötzens. Obgleich der neue Junge unverkennbar Sri Yukteswars Lieblingsschüler war, fühlte ich keinerlei Unwillen darüber. Selbst die Meister haben ihre persönlichen Eigenheiten, was das Drama das Lebens so abwechslungsreich macht. Nebenerscheinungen dieser Art haben mich nie berühren können. Außerdem suchte ich bei Sri Yukteswar größere Schätze als äußere Anerkennung. Eines Tages sprach Kumar ohne jeden Grund sehr gehässig zu mir, so daß ich tief verletzt war. »Du platzt bald vor lauter Aufgeblasenheit«, sagte ich und fügte warnend hinzu: »Wenn sich dein Verhalten nicht ändert, wird man dich eines Tages auffordern, den Ashram zu vertassen.« Ich war intuitiv von der Wahrheit meiner Worte überzeugt. Kumar jedoch lachte spöttisch und wiederholte meine Bemerkung dem Guru, der gerade ins Zimmer trat. Ich erwartete mit Sicherheit, gescholten zu werden, und zog mich still in eine Ecke zurück. Doch der Meister sagte mit ungewöhnlicher Kühle: »Vielleicht hat Mukunda recht.« Ein Jahr später fuhr Kumar zu einem Besuch nach Hause, um seine Familie wiederzusehen. Er ignorierte die stumme Mißbilligung Sri Yukteswars, der niemals gebieterisch in das Handeln seiner Jünger eingriff. Als der Junge nach einigen Monaten in die Einsiedelei zurückkehrte, hatte er sich sichtlich zu seinem Nachteil verändert. Das war nicht mehr der stattliche Kumar mit dem klaren, heiteren Antlitz. Vor uns stand ein gewöhnlicher Bauernjunge, der sich kürzlich eine Menge schlechter Gewohnheiten angeeignet hatte. Da ließ der Meister mich zu sich rufen, um den Fall mit mir zu besprechen; er war zu der traurigen Erkenntnis gekommen, daß der Junge sich jetzt nicht mehr für das klösterliche Leben in der Einsiedelei eigne. 166 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Mukunda, ich überlasse es dir, Kumar mitzuteilen, daß er den Ashram morgen verlassen soll; ich kann es nicht.« Tränen standen in Sri Yukteswars Augen, doch er faßte sich sogleich wieder. »Der Junge wäre nie so tief gefallen, wenn er auf mich gehört hätte; statt dessen ist er fortgegangen und in schlechte Gesellschaft geraten. Er hat meine schützende Hand zurückgewiesen; darum muß die unbarmherzige Welt noch sein Guru sein.« Kumars Abreise brachte mir keinerlei Genugtuung. Traurig fragte ich mich, wie jemand, der die Macht besessen hatte, die Liebe eines Meisters zu gewinnen, so schnell weltlichen Versuchungen anheimfallen konnte. Das Verlangen nach Wein und sexuellen Vergnügungen ist dem Menschen angeboren; um an diesen Freuden Gefallen zu finden, braucht er kein höheres Wahrnehmungsvermögen. Die Sinnenreize gleichen dem immergrünen Oleander (siehe links): seine rosafarbenen Blüten strömen einen süßen Duft aus, und doch ist jeder Teil dieser Pflanze giftig20. Das Reich der Heilung liegt im Inneren des Menschen; dort erwartet ihn das wahre Glück, das er - blind, wie er ist - in tausend anderen Richtungen sucht. »Ein scharfer Verstand ist wie ein zweischneidiges Schwert, das man richtig und falsch handhaben kann«, sagte der Meister einmal, indem er auf Kumars regen Intellekt anspielte. »Es gleicht einem Messer, mit dem man den Furunkel der Unwissenheit entfernen oder sich selbst enthaupten kann. Erst wenn der Mensch die geistigen Gesetze nicht mehr zu umgehen versucht, kann er seine Intelligenz in die richtigen Bahnen leiten.« Mein Guru hatte sowohl männliche als auch weibliche Jünger und behandelte sie alle wie seine Kinder. Er machte keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, weil er in allen Menschen nur die Seele sah. 20 »Im Wachzustand versucht der Mensch auf jede erdenkliche Weise, den größtmöglichen Genuß aus den Sinnenfreuden zu ziehen; doch wenn seine Sinnesorgane ermüden, vergißt er selbst die einfachsten Bedürfnisse und sinkt in tiefen Schlaf, wo er Ruhe in der Seele, in seiner eigenen Natur findet«, schrieb Shankara, der große Kenner des Vedanta. »Die Glückseligkeit jenseits der Sinne ist daher spielend leicht zu erreichen und ist den stets in Abscheu endenden Sinnenfreuden weit überlegen.« 167 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »lm Schlaf wißt ihr nicht, ob ihr Mann oder Frau seid«, sagte er. »Ebenso wie ein Mann, der auf der Bühne die Rolle einer Frau spielt, dadurch nicht selbst zur Frau wird, so bleibt auch die Seele, die sich als Mann oder Frau verkörpert, unverändert. Die Seele ist das unwandelbare, vollkommene Ebenbild Gottes.« Sri Yukteswar mied die Frauen nicht, noch machte er ihnen den Vorwurf, die Ursache des »Sündenfalls« zu sein. Er behauptete, daß auch die Frauen der Versuchung durch das andere Geschlecht ausgesetzt seien. Einst fragte ich den Meister, warum ein großer Heiliger des Altertums die Frauen als das »Tor zur Hölle« bezeichnet hatte. »Wahrscheinlich hat ihm irgendein Mädchen in seiner Jugend den Kopf verdreht«, erwiderte mein Guru ironisch. »Sonst hätte er nicht das weibliche Geschlecht, sondern seine eigene Unbeherrschtheit dafür verantwortlich gemacht.« Wenn ein Besucher es wagte, zweideutige Geschichten in der Einsiedelei zu erzählen, reagierte der Meister mit eisigem Schweigen. »Laßt euch nicht von einem hübschen Gesicht in die Falle locken und dadurch unnötigen Qualen aussetzen«, sagte er seinen Jüngern. »Wie können die Sklaven der Sinne in dieser Welt glücklich werden? Alle höheren Freuden entgehen ihnen, wenn sie im Schlamm der Sinne waten. Wer seinen Trieben freien Lauf läßt, verliert jedes feinere Unterscheidungsvermögen.« Alle Schüler, die ernsthaft bemüht waren, sich der Macht der Maya zu entziehen und ihren sexuellen Trieb zu beherrschen, erhielten von Sri Yukteswar verständnisvolle Ratschläge. »Genauso, wie der Hunger einen bestimmten Zweck erfüllt, die Gier aber verurteilt werden muß, so ist es auch mit dem Geschlechtstrieb. Er wurde uns von der Natur allein zum Zweck der Fortpflanzung und nicht zur Befriedigung unersättlicher Begierden gegeben«, sagte er. »Befreit euch jetzt von allen falschen Wünschen; sonst werden sie euch auch noch später verfolgen, nachdem der Astralkörper sich von der physischen Hülle gelöst hat. Selbst wenn das Fleisch schwach ist, muß der Geist stark bleiben. Jedesmal, wenn ihr von Versuchungen angefallen werdet, müßt ihr ihnen durch eure objektive Einstellung und eiserne Willenskraft Widerstand leisten. Jede natürliche Leidenschaft läßt sich bezwingen! 168 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Bewahrt eure Kräfte. Seid wie das tiefe Meer, das die Ströme der Sinne schweigend in sich aufnimmt. Wer seine Begierden jeden Tag von neuem nährt, untergräbt seinen inneren Frieden. Sie gleichen Löchern in einem Reservoir, durch die das lebenswichtige Wasser austropft und im Wüstensand des Materialismus versickert. Die falschen sinnlichen Wünsche sind unsere ärgsten Widersacher, die uns daran hindern, wahres Glück zu finden. Schreitet wie Löwen der Selbstbeherrschung durch diese Welt und laßt euch nicht auf ein Katz- und Mausspiel mit den trügerischen Sinnen ein!« Wer Gott wirklich liebt, wird schließlich von allem Zwang der Instinkte befreit. Er sehnt sich nicht mehr nach menschlicher Liebe, sondern nur noch nach der Liebe Gottes, die allgegenwärtig und darum einzigartig ist. Sri Yukteswars Mutter lebte im Rana-Mahal-Bezirk von Benares, wo ich meinen Guru zum ersten Male besucht hatte. Obgleich sie freundlich und gütig war, hatte sie dennoch einen eigenwilligen Kopf. Eines Tages, als ich auf ihrem Balkon stand, fing ich eine Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn auf. In seiner ruhigen, vernünftigen Art versuchte der Meister ihr etwas zu erklären. Doch anscheinend hatte er keinen Erfolg, denn sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nein, mein Sohn, geh jetzt nur! Deine weisen Worte taugen nicht für mich. Ich bin nicht deine Jüngerin.« Und Sri Yukteswar zog sich ohne jede weitere Gegenrede zurück wie ein gescholtenes Kind. Diese große Achtung, die er vor seiner Mutter empfand, auch wenn sie sich so unvernünftig zeigte, rührte mich tief. Sie sah in ihm nur ihren kleinen Jungen und nicht den Weisen. Dieser an sich unbedeutende Zwischenfall entbehrte nicht eines gewissen Reizes, denn er verschaffte mir einen weiteren Einblick in das ungewöhnliche Wesen meines Gurus, der äußerlich unnachgiebig, innerlich aber tief demütig war. Die klösterliche Regel verbietet es dem Swami, mit der Welt in Verbindung zu bleiben, nachdem er ihr öffentlich entsagt hat. Aus diesem Grunde darf er auch keine religiösen Feiern innerhalb der Familie veranstalten, was zu den Pflichten eines Hausvaters gehört. Shankara jedoch, der den alten Swami-Orden reorganisierte, hielt sich nicht an diese Vorschrift. Als seine geliebte Mutter starb, verbrannte er ihren Körper in einem himmlischen Feuer, das seiner erhobenen Hand entsprang. 169 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Auch Sri Yukteswar ignorierte dieses Verbot, wenngleich in weniger aufsehenerregender Weise. Als seine Mutter starb, leitete er am heiligen Ganges in Benares die Einäscherungsfeier und speiste viele Brahmanen, wie es der Brauch von einem Familienoberhaupt verlangt. Die shastrischen Verbote sollen dem Swami helfen, sich nicht mehr mit seinem ehemaligen begrenzten Wirkungskreis zu identifizieren. Shankara und Sri Yukteswar jedoch, die mit ihrem ganzen Sein im überpersönlichen GEIST aufgegangen waren, benötigten keine helfenden Regeln mehr. Zuweilen läßt ein Meister eine Regel absichtlich außer acht, um zu zeigen, daß ihr tieferer Sinn wichtiger ist als die äußere Form. So raufte z.B. Jesus am Sabbat Ähren aus und sagte den unverbesserlichen Kritikern: »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen.«21 Mit Ausnahme
der heiligen Schriften las Sri Yukteswar nur wenig. Und dennoch war er
stets mit den neuesten Entdeckungen der Wissenschaft und anderen
modernen Errungenschaften vertraut.22
Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter und ließ sich gern auf einen
Meinungsaustausch mit seinen Gästen ein, wobei die verschiedensten
Themen zur Sprache kamen. Die Schlagfertigkeit und das ansteckende
Lachen meines Gurus belebten jede Unterhaltung. Obgleich der Meister
oft ernst war, wirkte er nie finster. »Wer Gott sucht, braucht sein
Angesicht nicht zu verstellen«, pflegte er zu sagen, indem er auf ein
Bibelwort23 anspielte. »Gott zu
finden, bedeutet das Ende aller Sorgen!« 22 Der Meister konnte sich jederzeit auf die Gedanken anderer einstellen (eine Fähigkeit, die man durch bestimmte Yoga-Übungen erlangt. Sie wird in Patanjalis Yoga-Sutras 111, 19 näher erläutert). Über seine Fähigkeit, als menschliches Radio zu fungieren, und über die Beschaffenheit der Gedanken wird im Kapitel 15 berichtet. 23 Matthäus 6, 16 170 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Unter den Philosophen, Professoren, Rechtsanwälten und Wissenschaftlern, die zum ersten Mal in die Einsiedelei kamen, befanden sich auch einige, die den Meister für einen orthodoxen Frömmler hielten. Oft verriet ein hochmütiges Lächeln oder ein halb belustigter, halb toleranter Blick, daß sie nicht mehr als ein paar fromme Redensarten erwarteten. Sobald sie aber mit Sri Yukteswar ins Gespräch kamen und merkten, daß er auch genaue Kenntnisse auf ihrem Fachgebiet besaß, nahmen sie nur ungern Abschied. Mein Guru war fast immer freundlich und liebenswürdig zu seinen Gästen und hieß sie mit aufrichtiger Herzlichkeit willkommen. Unverbesserliche Egoisten erlitten jedoch manchmal einen heilsamen Schock. ihnen begegnete der Meister entweder mit kalter Gleichgültigkeit oder mit starker Opposition - mit Eis oder Eisen! Einst ließ sich ein bekannter Chemiker in ein Wortgefecht mit Sri Yukteswar ein. Er wollte die Existenz Gottes nicht zugeben, weil die Wissenschaft noch kein Mittel gefunden hatte, Ihn zu beweisen. »Es ist Euch also unbegreiflicherweise nicht gelungen, die Allmacht in Euren Reagenzgläsern zu isolieren«, sagte der Meister mit unbewegtem Blick. »Ich schlage Euch ein anderes Experiment vor: »Beobachtet einmal 24 Stunden lang ununterbrochen Eure Gedanken. Dann werdet Ihr Euch nicht mehr über Gottes Abwesenheit wundern.« Einen ähnlichen Schock erlitt ein berühmter Gelehrter während seines Besuches im Ashram. Er rezitierte mit schallender Stimme Auszüge aus dem Mahabharata, den Upanishaden24 und den Bhasyas (Kommentaren) von Shankara. »Ich warte darauf, daß ihr etwas sagt«, bemerkte Sri Yukteswar forschend, als ob die ganze Zeit Schweigen geherrscht hätte. Der Pandit schien verwirrt. 24 Die Upanishaden oder der Vedanta (wörtlich: »Ende der Veden«) sind verschiedenen Teilen der vier Veden entnommen und stellen eine Zusammenfassung aller wichtigen Lehrsätze des Hinduismus dar. Schopenhauer lobte ihre »tiefen, originellen und erhabenen Gedanken« und sagte: »Der uns durch die Upanishaden eröffnete Zugang zu den Veden ist in meinen Augen der größte Vorzug, den dieses noch junge Jahrhundert vor den früheren aufzuweisen hat.« (Die Welt als Wille und Vorstellung) 171 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters »Zitate haben wir in Hülle und Fülle gehabt«, sagte der Meister, während ich mich vor Lachen nicht halten konnte. Glücklicherweise saß ich - mit respektvollem Abstand - in einer Ecke des Zimmers. »Was habt Ihr nun selbst dazu zu sagen? Welche heiligen Texte habt Ihr wirklich erfaßt und Euch zu eigen gemacht? Auf welche Weise haben diese zeitlosen Wahrheiten Euch innerlich verwandelt? 0der genügt es Euch, wie ein Plattenspieler die Worte anderer zu wiederholen?« »Ich gebe es auf«, sagte der Gelehrte da mit komisch wirkendem Ärger. »Ich besitze keine innere Verwirklichung.« Vielleicht verstand er zum ersten Mal in seinem Leben, daß das korrekte Anbringen eines Kommas kein geistiges Koma aufwiegen kann. »Diese geistlosen Pedanten hatten viel von ihrer Bücherweisheit« bemerkte mein Guru, nachdem der gerügte Besucher fort war. »Für sie ist Philosophie nur ein angenehmer Denksport. Ihre erhabenen Gedanken stehen in keinem Verhältnis zu ihren gewöhnlichen Handlungen und ihrer inneren Disziplinlosigkeit.« Auch bei anderen Gelegenheiten betonte der Meister, daß bloße Bücherweisheit zwecklos sei. »Verwechselt einen umfangreichen Wortschatz nicht mit Wissen«, bemerkte er einmal. »Die heiligen Schriften sind uns insofern dienlich, als sie den Wunsch nach innerer Verwirklichung wachrufen. Sie nützen uns jedoch nur dann, wenn wir einen Abschnitt nach dem anderen langsam verarbeiten. Andernfalls führt ständiges intellektuelles Studium nur zu Eitelkeit, falschem Stolz und unverdauten Kenntnissen.« Daraufhin berichtete Sri Yukteswar, wie er selbst einmal in den heiligen Schriften unterrichtet wurde. Er pflegte eine Waldeinsiedelei im östlichen Bengalen aufzusuchen, wo er den berühmten Lehrer Dabru Ballav beim Unterricht beobachtete. Dessen einfache und zugleich schwierige Methode war im alten Indien weit verbreitet. 172 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Dabru Ballav unterrichtete seine Jünger oft im Freien - in der Einsamkeit des Waldes. Die heilige Bhagavad-Gita lag aufgeschlagen vor ihnen. Ununterbrochen schauten sie eine halbe Stunde lang auf einen Abschnitt und schlossen dann die Augen. Nach einer weiteren halben Stunde gab der Meister eine kurze Erläuterung. Dann meditierten sie wieder eine Stunde lang in unbewegter Stellung. Schließlich fragte der Guru: »Versteht ihr
diesen Abschnitt jetzt?« »Nein, noch nicht ganz. Konzentriert euch nun auf die geistige Kraft dieser Worte, die Indien befähigt hat, sich in jedem Jahrhundert geistig zu erneuern.« Eine weitere Stunde verging in tiefem Schweigen. Dann entließ der Meister die Schüler und wandte sich an Sri Yukteswar: »Kennst du die Bhagavad-Gita?«»Nein, Sir, noch nicht richtig, obgleich ich sie oft gelesen und mich viel mit ihrem Inhalt beschäftigt habe.« »Tausende haben mir eine andere Antwort gegeben«, sagte der große Weise lächelnd, indem er meinen Meister segnend anblickte. »Wer nur mit seinen geistigen Kenntnissen renommieren will, wird kaum Zeit finden, schweigend nach innen zu tauchen, um die kostbaren Perlen der Verwirklichung ans Licht zu bringen.« Im Unterricht mit seinen eigenen Jüngern wandte Sri Yukteswar dieselbe konzentrierte Methode an. »Man nimmt die Weisheit nicht mit den Augen, sondern mit jedem Atom in sich auf«, sagte er. »Wenn ihr eine Wahrheit nicht nur mit dem Verstand, sondern mit eurem ganzen Wesen erfaßt habt, könnt ihr langsam daran denken, für sie einzustehen.« Er machte seine Schüler immer wieder darauf aufmerksam, daß Bücherweisheit allein nicht zu geistiger Verwirklichung führt. »Die Rishis drückten in einem einzigen Satz solch tiefe Gedanken aus, daß die Gelehrten viele Generationen lang damit beschäftigt sind, Kommentare darüber zu schreiben«, sagte er. »Endlose literarische Diskussionen taugen für einen trägen Geist. Gibt es irgendeinen Gedanken, der uns schneller befreit als »Gott ist« - oder sogar nur »Gott«? 173 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Doch der Mensch ist nicht so leicht gewillt, zur Einfachheit zurückzukehren. Einem Intellektuellen kommt es weniger auf »Gott« an als auf ein Prunken mit seinem Wissen. Es schmeichelt seiner Eitelkeit, daß sein Gehirn soviel Gelehrsamkeit fassen kann. Menschen, die sich etwas auf ihren Reichtum oder Rang einbildeten, lernten in der Gegenwart des Meisters oft etwas weit Wertvolleres, nämlich Bescheidenheit. Einmal kam ein ortsansässiger Magistrat in unsere Strandeinsiedelei in Puri und verlangte Sri Yukteswar zu sprechen. Es lag durchaus in der Macht dieses als skrupellos bekannten Mannes, uns des Ashrams zu berauben, und ich erwähnte dies meinem Guru gegenüber. Der Meister setzte sich jedoch mit unnachgiebiger Miene nieder und erhob sich nicht einmal, um den Besucher zu begrüßen. Leicht beunruhigt kauerte ich in der Nähe der Tür am Boden. Sri Yukteswar hatte mir nicht aufgetragen, einen Stuhl für den Magistrat zu holen, so daß dieser mit einer Holzkiste vorliebnehmen mußte. Die offensichtliche Erwartung des Mannes, daß man ihn aufgrund seiner hohen Stellung besonders aufmerksam behandeln würde, erfüllte sich nicht. Dann folgte eine metaphysische Diskussion, in welcher der Gast mehrere Schnitzer beging, weil er die heiligen Schriften nicht richtig auslegte. Je mehr er sich in Widersprüche verwickelte, um so wütender wurde er. »Wißt Ihr, daß ich mein Staatsexamen als Bester bestanden habe?« schrie er schließlich, von aller Vernunft verlassen. »Herr Magistrat, Ihr vergeßt, daß Ihr hier nicht in Eurem Gerichtssaal seid«, erwiderte der Meister ruhig. »Aus Euren kindischen Bemerkungen muß man schließen, daß Ihr nur eine unbedeutende akademische Laufbahn gehabt habt. Außerdem hat ein Universitätsdiplom nichts mit vedischer Verwirklichung zu tun. Heilige werden nicht jedes Semester in Massen erzeugt wie Buchhalter.« Der Besucher schwieg einen Augenblick verblüfft und lachte dann herzlich. »Dies ist meine erste Begegnung mit einem himmlischen Magistrat«, sagte er. Später reichte er einen formellen Antrag ein, den er in der ihm eigenen juristischen Sprache abgefaßt hatte und in dem er bat, »versuchsweise« als Jünger angenommen zu werden. 174 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Wie Lahiri Mahasaya, so riet auch Sri Yukteswar mehreren »unreifen« Schülern davon ab, in den Swami-Orden einzutreten. »Menschen, denen es an göttlicher Verwirklichung fehlt sollten das ockerfarbene Gewand nicht tragen, denn dadurch wird die menschliche Gesellschaft nur irregeführt«, sagten beide Meister. »Vergeßt die äußeren Symbole der Entsagung, die allzu leicht falschen Stolz in euch erwecken können. Wichtig ist vor allem euer täglicher geistiger Fortschritt, und den könnt ihr durch gewissenhaftes Üben des Kriya-Yoga erreichen.« Die Heiligen beurteilen den Wert eines Menschen anhand eines unveränderlichen Kriteriums, das sich wesentlich von den veränderlichen Maßstäben der Welt unterscheidet. Die Menschheit, die sich selbst für so vielschichtig hält, besteht in den Augen eines Meisters nur aus zwei Gattungen: aus den Unwissenden, die Gott nicht suchen, und den Weisen, die Gott suchen. Mein Guru kümmerte sich persönlich um alle Angelegenheiten, die mit der Verwaltung seines Besitzes zusammenhingen. Einige skrupellose Personen versuchten mehrmals, das dem Meister als Erbteil zugesprochene Land für sich zu beanspruchen. Doch mit Beharrlichkeit besiegte Sri Yukteswar all seine Gegner, wobei er es sogar auf eine Gerichtsverhandlung ankommen ließ. Er setzte sich diesen Unannehmlichkeiten nur deshalb aus, um niemals zu einem bettelnden Guru zu werden, der seinen Jüngern zur Last fällt. Die finanzielle Unabhängigkeit meines Meisters trug mit dazu bei, dass er so erschreckend offen und wenig diplomatisch war. Im Gegensatz zu den Lehrern, die ihren Wohltätern schmeicheln müssen, ließ sich mein Guru nicht im geringsten vom Reichtum der Menschen beeinflussen. Niemals hörte ich ihn für einen bestimmten Zweck um Geld bitten oder auch nur eine Andeutung in dieser Richtung machen. Alle Jünger in der Einsiedelei erhielten ihre Schulung unentgeltlich. Eines Tages erschien ein Gerichtsbevollmächtigter im Ashram zu Serampur, um eine Vorladung zu bringen. Kanai, ein Bruderschüler, und ich führten ihn zu unserem Meister. 175 Jahre in der Einsiedelei meines Meisters Das Verhalten dieses Beamten gegen Sri Yukteswar war beleidigend. »Es wird Euch guttun, aus Eurer finsteren Behausung herauszukommen und die saubere Luft des Gerichtssaals einzuatmen«, bemerkte er verächtlich. Ich konnte nicht an mich halten: »Noch eine solch unverschämte Bemerkung, und ihr liegt am Boden!« rief ich aus, indem ich drohend auf ihn zuging. Kanai machte sich ebenfalls empört Luft: »Ihr Lump! Untersteht Euch, diesen heiligen Ashram mit Euren Schmähungen zu entweihen!« Doch der Meister stellte sich schützend vor seinen Lästerer hin und sprach: »Regt euch nicht unnötig auf. Dieser Mann tut nur seine amtliche Pflicht.« Sichtlich verwirrt von diesem unerwarteten Empfang, entschuldigte sich der Beamte höflich und eilte davon. Es war erstaunlich, wie ein Meister mit solch feurigem Willen innerlich so ruhig sein konnte. Auf ihn trifft die vedische Definition eines Gottmenschen zu: »Sanfter als die Blume, wo Güte am Platz ist; stärker als der Donner, wenn es um Grundsätze geht.« Doch es gibt immer Menschen, die - laut Browning - »kein Licht ertragen können, weil sie selbst finster sind«. Gelegentlich glaubte irgendein Außenstehender, einen Grund zur Klage zu haben, und machte Sri Yukteswar bittere Vorwürfe. Dann hörte mein Guru höflich und gelassen zu und prüfte sich ehrlich, um festzustellen, ob irgendein Körnchen Wahrheit an dem Gesagten sei. Bei derartigen Szenen fiel mir stets eine unvergleichliche Bemerkung des Meisters ein: »Einige Leute versuchen dadurch größer zu werden, daß sie anderen den Kopf abschlagen.« Die unerschütterliche Ruhe eines Heiligen ist eindrucksvoller als alle Predigten. »Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker, und der seines Mutes Herr ist, denn der Städte gewinnt.«25 25 Sprüche 16, 32 176
Jahre in der Einsiedelei meines Meisters 177 Kapitel 13: Der Heilige ohne Schlaf Top »Bitte lasst mich zum Himalaja gehen! Ich hoffe, daß es mir dort in der ungestörten Einsamkeit eher gelingen wird, Gott zu finden.« Diese undankbaren Worte richtete ich tatsächlich einmal an meinen Meister. Wie so viele andere Gottsucher war auch ich einer der unvorhergesehenen Täuschungen anheimgefallen und fühlte, daß das Universitätsstudium und die Ashrampflichten eine wachsende Ungeduld in mir hervorriefen. Als mildernder Umstand kann vielleicht gelten, daß ich diesen Vorschlag zu einer Zeit machte, da ich Sri Yukteswar erst sechs Monate kannte und mir seiner überragenden Größe noch nicht voll bewußt war. »Viele Bergbewohner leben im Himalaja, ohne Gott zu kennen«, erwiderte mein Guru einfach und ruhig. »Weisheit muß man bei einem erleuchteten Meister suchen und nicht bei leblosen Bergen.« Ich aber überhörte den deutlichen Hinweis des Meisters, daß er, und nicht irgendein Berg, mein Lehrer sei, und wiederholte meine Bitte. Doch Sri Yukteswar gab mir keine Antwort mehr. Ich legte sein Schweigen als Zustimmung aus - eine recht bequeme, wenn auch fragwürdige Deutung. Noch am selben Abend bereitete ich zu Hause alles für meine Reise vor. ich schnürte mehrere Sachen in eine Decke und mußte dabei an ein ähnliches Bündel denken, das ich vor einigen fahren verstohlen aus meinem Mansardenfenster geworfen hatte. Unwillkürlich drängte sich mir die Frage auf, ob diese Flucht zum Himalaja wohl unter ähnlich ungünstigen Voraussetzungen begann. Damals hatte mich ein geistiges Hochgefühl erfüllt; heute Abend jedoch plagte mich das Gewissen bei dem Gedanken, meinen Guru zu verlassen. 178 Der Heilige ohne Schlaf Am folgenden Morgen suchte ich Behari Pandit, meinen Sanskrit-Professor an der Scottish-Church-Universität, auf. »Sir, Ihr habt mir einmal von einem großen Jünger Lahiri Mahasayas erzählt, mit dem Ihr befreundet seid. Könnt ihr mir bitte seine Adresse geben?« »Du meinst sicher Ram Gopal Muzumdar. Ich nenne ihn den »Heiligen ohne Schlaf«, weil er ständig in einem hellwachen, ekstatischen Bewußtseinszustand lebt. Er wohnt in Ranbajpur in der Nähe von Tarakeswar.« ich dankte dem Pandit und nahm sofort den nächsten Zug nach Tarakeswar. Heimlich hoffte ich, daß mir der »Heilige ohne Schlaf« die Erlaubnis geben werde, in der Einsamkeit des Himalaja zu meditieren, damit ich mein Gewissen beschwichtigen konnte. Von Behari Pandit hatte ich erfahren, Ram Gopal habe seine geistige Erleuchtung dadurch erreicht, daß er viele Jahre lang in den einsamen Höhlen Bengalens gelebt und unentwegt Kriya-Yoga geübt hatte. In Tarakeswar suchte ich einen berühmten Tempel auf, den die Hindus mit derselben Ehrfurcht betreten wie die Katholiken die heilige Grotte von Lourdes in Frankreich. Zahllose Gläubige haben in diesem Tempel Wunderheilungen erlebt, darunter auch einer meiner Familienangehörigen. »Ich saß damals eine ganze Woche lang in diesem Tempel«, erzählte mir meine älteste Tante einmal, »um für deinen Onkel Sarada zu beten, der unter einer chronischen Krankheit litt. Während dieser Zeit hielt ich strenges Fasten ein. Am siebenten Tag materialisierte sich plötzlich ein Kraut in meiner Hand; ich braute einen Tee daraus und gab ihn deinem Onkel zu trinken. Seine Krankheit verschwand augenblicklich und ist nie wiedergekommen.« Ich betrat den heiligen Tempel zu Tarakeswar, dessen Altar nur aus einem runden Stein besteht. Mit seiner kreisförmigen Oberfläche, die keinen Anfang und kein Ende erkennen läßt, versinnbildlicht er das Unendliche. In Indien werden derartig abstrakte Darstellungen selbst von den ungebildeten Bauern verstanden; die Abendländer machen ihnen sogar oft den Vorwurf, nur von Abstraktionen zu leben. Ich selber war in diesem Augenblick ziemlich nüchterner Stimmung und verspürte keine Neigung, mich vor dem Steinsymbol zu verneigen. Gott, so sagte ich mir, kann man nur in der eigenen Seele finden. 179 Der Heilige ohne Schlaf Und so verließ ich den Tempel, ohne die Knie gebeugt zu haben, und wanderte mit raschen Schritten dem abgelegenen Dorf Ranbajpur entgegen. Da ich mir des Weges nicht ganz sicher war, bat ich einen Vorübergehenden um Auskunft, der daraufhin in langes Nachdenken versank. Schließlich antwortete er mit orakelhafter Stimme: »Wenn Ihr an die nächste Kreuzung kommt, müßt Ihr nach rechts abbiegen und dann immer geradeaus gehen.« Ich folgte seinen Anweisungen und wanderte am Ufer eines Kanals entlang. Bald brach die Dunkelheit herein, und am Rande des vor mir liegenden Dschungeldorfes flimmerten Tausende von Leuchtkäfern, während ganz in der Nähe das Heulen der Schakale ertönte. Das Mondlicht war zu schwach, um mir nützlich zu sein, und so strauchelte ich zwei Stunden lang mühsam dahin. Da hörte ich zu meiner Freude das Läuten einer Kuhglocke, und meine wiederholten Rufe lockten schließlich einen Bauern herbei. »Ich bin auf der Suche nach Ram Gopal Babu.«»In unserem Dorf wohnt niemand, der so heißt«, sagte der Mann mürrisch. »Ihr seid sicher ein Detektiv, der nicht mit der Wahrheit heraus will.« Offensichtlich spukten politische Nachrichten in seinem Kopf. Ich bemühte mich, seinen Verdacht zu zerstreuen, indem ich ihm meine Lage so ergreifend wie möglich schilderte. Er führte mich daraufhin auch in sein Haus, wo ich gastfreundlich aufgenommen wurde. »Nach Ranbajpur ist es noch eine ganz schöne Strecke«, sagte er. »Bei der Kreuzung hättet Ihr nach links und nicht nach rechts abbiegen müssen.« Der Mann, der mich zuerst beraten hatte, dachte ich verdrossen, bedeutet entschieden eine Gefahr für die Reisenden. Nach einem köstlichen Mahl, das aus grobkörnigem Reis, Linsen-Dal, Kartoffeln mit Curry und rohen Bananen bestand, begab ich mich in einer kleinen Hütte am Rande des Hofes zur Ruhe. In einiger Entfernung sangen die Dorfleute, begleitet vorn dröhnenden Klang der Mridangas1 und Zymbeln. An Schlaf war jene Nacht nicht zu denken; und so betete ich inbrünstig darum, zu dem abgeschieden lebenden Yogi Ram Gopal geführt zu werden. 1 Mridangas = Handtrommeln, die gewöhnlich zur Begleitung andächtigen Singens (Kirtan) benutzt werden, z.B. bei religiösen Zeremonien oder Prozessionen. 180 Der Heilige ohne Schlaf Als das erste fahle Tageslicht durch die Ritzen der Hütte drang, machte ich mich auf den Weg nach Ranbajpur, der mich über holprige Reisfelder führte. Nur mühsam konnte ich mich über die Stümpfe der abgesichelten, stacheligen Pflanzen und über die trockenen Lehmhügel vorwärtsbewegen. Wenn ich ab und zu einem Bauern begegnete, so versicherte mir dieser jedes Mal, daß mein Ziel »nur noch eine Krosha« (3 km) weit entfernt sei. Sechs Stunden waren vergangen, und die Sonne stand bereits im Mittag; mir aber war zumute, als ob ich ewig eine Krosha weit von Ranbajpur entfernt bleiben würde. Am Nachmittag stapfte ich noch immer in dem endlosen Reisfeld umher, das keinerlei Schutz gegen die sengende Hitze bot; mir war, als ob ich jeden Augenblick zusammenbrechen müßte. Da sah ich einen Mann mit gemächlichen Schritten auf mich zukommen. Ich wagte kaum, meine übliche Frage zu wiederholen, aus Furcht, wieder das monotone »nur noch eine Krosha« zu hören. Der Fremde blieb vor mir stehen. Er war klein und schmächtig und - abgesehen von seinen ungewöhnlich durchdringenden, schwarzen Augen - keine eindrucksvolle Erscheinung. »Ich hatte vor, Ranbajpur zu verlassen, aber da du in guter Absicht herkommst, habe ich auf dich gewartet.« Dabei bewegte er drohend seinen Zeigefinger vor meinem verblüfften Gesicht hin und her. »Du kommst dir wohl sehr gescheit vor, mich einfach so unangemeldet zu überfallen? Dieser Professor Behari hatte kein Recht, dir meine Adresse zu geben.« Da es
vollkommen überflüssig schien, mich diesem Meister vorzustellen, stand
ich nur sprachlos da - ein wenig verletzt durch diesen Empfang. Da
fragte er mich ziemlich schroff: 181 Der Heilige ohne Schlaf »Nun - Er ist in mir und überall.« Sicher konnte er mir meine Verwirrung am Gesicht ablesen.»Allgegenwärtig, was?«, sagte der Heilige, in sich hineinlachend. »Warum hast du es dann unterlassen, junger Herr, dich gestern vor dem Unendlichen zu verneigen, das auch in dem steinernen Symbol von Tarakeswar verkörpert ist?2 Zur Strafe für deinen falschen Stolz bist du von einem Passanten, dem es nicht auf feine Unterscheidungen wie links und rechts ankam, auf den verkehrten Weg geführt worden. Auch heute ist es dir nicht gerade angenehm ergangen.« Ich stimmte ihm von ganzem Herzen zu und staunte über das allsehende Auge, das sich in diesem unscheinbaren Körper verbarg. Eine heilende Kraft ging von dem Yogi aus, so daß ich mich trotz der glühenden Hitze sofort erfrischt fühlte. »Die meisten Gottsucher neigen dazu, ihren Weg zu Gott als den einzig richtigen anzusehen«, sagte er. »Der Weg des Yoga, der uns dazu verhilft, Gott im eigenen Inneren zu finden, ist zweifellos der höchste, wie Lahiri Mahasaya uns versichert hat. Doch wenn wir Gott in uns selbst gefunden haben, können wir ihn auch in der Außenwelt wahrnehmen. Heilige Tempel wie derjenige in Tarakeswar werden mit Recht als geistige Mittelpunkte verehrt.«Dann aber milderte sich der strenge Blick des Heiligen; er schaute mich warm und mitfühlend an und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. »Junger Yogi, ich sehe, daß du deinem Meister davonläufst. Er hat alles, was du brauchst; du mußt zu ihm zurückkehren.« Und er fügte hinzu: »Die Berge können nicht dein Guru sein!« - derselbe Gedanke, den Sri Yukteswar zwei Tage zuvor ausgesprochen hatte! »Kein kosmisches Gesetz zwingt die Meister dazu, ausschließlich in den Bergen zu leben«, fuhr mein Begleiter fort, indem er mir einen belustigten Blick zuwarf. »Der Himalaja in Indien oder Tibet besitzt kein Monopol auf die Heiligen. Was man nicht durch fortgesetzte Bemühungen im eigenen Inneren findet, kann man auch nicht entdecken, wenn man seinen Körper hierhin und dorthin schleppt. Sobald der Gottsucher aber gewillt ist, bis ans Ende der Welt zu gehen, um geistige Erleuchtung zu finden, taucht sein Guru ganz in der Nähe auf.« 2 »Ein Mensch, der sich vor nichts verneigt, kann niemals die Last seiner selbst tragen.« (Aus Der Idiot von Dostojewski) 182 Der Heilige ohne Schlaf Ich stimmte ihm schweigend zu und dachte an mein Gebet in der Einsiedelei zu Benares und meine darauffolgende Begegnung mit Sri Yukteswar in der belebten Gasse. »Hast du ein kleines Zimmer, wo du die Tür hinter dir zuschließen und allein sein kannst?« »Ja.« Mir fiel auf, mit welch verblüffender Schnelligkeit dieser Heilige vom Allgemeinen zum Besonderen schritt. »Das ist deine Höhle«, sagte der Yogi, indem er mir einen erleuchtenden Blick schenkte, den ich nie vergessen werde. »Das ist dein heiliger Berg. Dort wirst du das Reich Gottes finden.« Seine einfachen Worte befreiten mich augenblicklich von meiner jahrelangen Besessenheit, den Himalaja zu erreichen. Hier in einem glühend heißen Reisfeld erwachte ich aus dem Traum der Berge und des ewigen Schnees. »Junger Herr, dein göttlicher Hunger ist lobenswert. Ich fühle mich sehr zu dir hingezogen«, sagte Ram Gopal, indem er meine Hand nahm und mich zu einem seltsamen Weiler (kleine Ansiedlung) inmitten einer Dschungellichtung führte. Die aus Lehmziegeln erbauten Häuser waren mit Palmenzweigen bedeckt und die Eingänge nach ländlicher Sitte mit frischen tropischen Blumen geschmückt. Der Heilige ließ mich auf der Terrasse vor seiner kleinen Hütte Platz nehmen, wo ich im kühlen Schatten der Bambussträucher saß, und reichte mir gesüßten Limettensaft und ein Stück Kandiszucker. Danach traten wir in den Hof und ließen uns dort im Lotossitz nieder. Vier Stunden vergingen in tiefer Meditation. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich im Mondlicht die noch regungslose Gestalt des Yogis. Gerade versuchte ich meinen Magen energisch daran zu erinnern, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, als sich Ram Gopal von seinem Sitz erhob. »Ich sehe, daß du ziemlich ausgehungert bist«, sagte er. 183 Der Heilige ohne Schlaf Dann machte er sich an einem auf dem Hof stehenden Lehmofen zu schaffen und zündete ein Feuer an. Bald darauf aßen wir Reis mit Dal, der auf großen Bananenblättern serviert wurde. Mein Gastgeber hatte jede Hilfe beim Kochen höflich abgelehnt. Das Hindu-Sprichwort: »Der Gast ist Gott«, wird in Indien seit undenklichen Zeiten befolgt. Bei meinen späteren Reisen im Ausland stellte ich erfreut fest, daß man in vielen ländlichen Gegenden dem Gast eine ähnliche Ehre erweist. Bei den Stadtbewohnern dagegen, die täglich einer Menge fremder Gesichter begegnen, ist das Gefühl für die Gastfreundschaft schon abgestumpft. Wie unsagbar fern schienen mir die lärmenden Stätten der Menschen, als ich neben dem Yogi in der Einsamkeit des kleinen Dschungeldorfes saß. Das Innere der Hütte war von einem geheimnisvollen matten Glanz erfüllt. Ram Gopal breitete einige zerrissene Wolldecken am Boden aus, auf denen ich schlafen sollte, und setzte sich selbst auf eine Strohmatte nieder. Überwältigt von seinem geistigen Magnetismus wagte ich eine Bitte an ihn: »Sir, könnt Ihr mir nicht einen Samadhi gewähren?«»Liebes Kind, wie gern würde ich dir diese göttliche Vereinigung vermitteln, doch das ist nicht meine Aufgabe«, sagte der Heilige, indem er mich aus halbgeschlossenen Augen anblickte. »Dein Meister wird dir dieses Erlebnis in Kürze schenken. Im Augenblick ist dein Körper noch nicht ganz darauf eingestellt. Ähnlich wie eine kleine Glühbirne unter hoher elektrischer Spannung durchbrennt, so sind auch deine Nerven nicht vorbereitet auf den kosmischen Strom. Wenn ich dir die göttliche Ekstase jetzt gewährte, würde dein Körper brennen, als ob jede Zelle in Flammen stünde. »Du bittest mich um Erleuchtung«, fuhr der Yogi nachdenklich fort, »während ich mich frage - unbedeutend, wie ich bin, und so wenig, wie ich meditiert habe, - ob es mir gelungen sei, Gott zufrieden zu stellen, und ob ich dereinst vor Seinem Richterstuhl bestehen werde.« »Sir, habt Ihr Gott denn nicht seit langer Zeit und von ganzem Herzen gesucht?« 184 Der Heilige ohne Schlaf »Was ich getan habe, ist nicht viel. Wahrscheinlich hat Behari dir etwas aus meinem Leben erzählt. 20 Jahre habe ich in einer verborgenen Grotte gelebt, wo ich jeden Tag 18 Stunden meditierte. Dann zog ich mich in eine noch einsamere Höhle zurück, wo ich 25 Jahre lang blieb und täglich 20 Stunden in Yoga-Ekstase verbrachte. Ich brauchte keinen Schlaf mehr, denn ich war immer bei Gott. Mein Körper fand in der vollkommenen Stille des Überbewußtseins größere Ruhe als in der unvollkommenen Entspannung des unterbewußten Zustands. Die Muskeln zwar entspannen sich während des Schlafs; doch Herz, Lunge und Kreislauf arbeiten ständig weiter und ruhen nie. Im Zustand des Überbewußtseins dagegen wird die Lebenstätigkeit aller Organe unterbrochen, weil diese dann unmittelbar von der kosmischen Energie aufgeladen werden. Dank solcher Methoden habe ich schon seit Jahren keinen Schlaf mehr gebraucht.« Er fügte hinzu: »Die Zeit wird kommen, da auch du ohne Schlaf auskommen kannst.« »Du meine Güte, Ihr habt so lange meditiert und seid Euch der Gunst des Herrn nicht einmal sicher«, rief ich erstaunt aus. »Was sollen wir armen Sterblichen dann sagen?« »Verstehst du denn nicht, mein lieber Junge, daß Gott die Ewigkeit selbst ist? Es wäre widersinnig zu glauben, daß man Ihn durch 45 Jahre Meditation bis ins letzte ergründen könnte. Babaji versichert uns jedoch, daß selbst ein wenig Meditation uns von der üblichen Furcht vor dem Tode und vor dem Zustand nach dem Tode befreit. Mache nicht die begrenzten Berge zu deinem geistigen Ziel, sondern strebe immer nach höchster göttlicher Vollkommenheit. Wenn du dich ernsthaft bemühst, wirst du dein Ziel erreichen.« Diese
Zukunftsaussicht begeisterte mich so sehr, daß ich ihn um weitere
erleuchtende Worte bat. Da erzählte er mir die wunderbare Geschichte
von seiner ersten Begegnung mit Babaji3,
dem Guru Lahiri Mahasayas. Gegen Mitternacht versank Ram Gopal in
Schweigen, und ich legte mich auf meine Decken nieder. Als ich jedoch
die Augen schloß, sah ich flammende Blitze vor mir aufleuchten,
und die unermeßliche Weite in meinem Inneren verwandelte sich in eine
Sphäre geschmolzenen Lichts. Ich öffnete die Augen und nahm dieselbe
blendende Helligkeit wahr. Das Zimmer wurde zu einem Teil des
unendlichen Gewölbes, das ich in meiner inneren Vision schaute. 185 Der Heilige ohne Schlaf »Warum schläfst du nicht?- fragte der Yogi.»Sir, wie kann ich schlafen, wenn ich von leuchtenden Blitzen umgeben bin, ganz gleich, ob ich die Augen öffne oder schließe?- »Du bist gesegnet, daß du dies erleben darfst; denn die geistigen Strahlungen sind nicht leicht wahrnehmbar«, sagte der Heilige und fügte noch einige liebevolle Worte hinzu. Als der Morgen anbrach, gab mir Ram Gopal etwas Kandiszucker und sagte, daß ich nun gehen müsse. Mir fiel der Abschied von ihm so schwer, daß mir die Tränen über die Wangen liefen. »Ich will dich nicht mit leeren Händen gehen lassen«, sagte der Yogi gütig. »Ich will etwas für dich tun.« Dabei lächelte er und sah mich mit festem Blick an. Sogleich wurde mein Körper regungslos, so daß ich wie festgewurzelt dastand. Ich fühlte Wellen des Friedens von dem Heiligen ausgehen, die mein ganzes Sein überfluteten. Und im selben Augenblick wurde ich von Rückenschmerzen geheilt, die mich seit Jahren wiederholt gequält hatten. Ich fühlte mich wie neugeboren - wie in ein Meer von Licht getaucht -, und meine Tränen versiegten. Nachdem ich Ram Gopals Füße berührt hatte, wanderte ich durch den Dschungel zurück, wo ich mir einen Weg durch das tropische Gewächs und die vielen Reisfelder bahnen mußte. Als ich Tarakeswar erreicht hatte, suchte ich noch einmal den berühmten Tempel auf; diesmal aber warf ich mich der Länge nach vor dem Altar nieder. Da erweiterte sich der runde Stein vor meinem inneren Blick zu einer kosmischen Sphäre: Kreis um Kreis - Zone um Zone, die alle im göttlichen Sein aufgingen. In froher Stimmung bestieg ich eine Stunde später den Zug nach Kalkutta. Und so endete meine Reise nicht in den erhabenen Bergen, sondern in Serampur bei meinem Meister, der Mein Himalaja war. 186 Kapitel 14: Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins Top »Hier bin ich wieder, Guriji!« Mein beschämtes Gesicht verriet mehr als meine Worte. »Komm mit mir in die Küche; wir wollen sehen, ob wir etwas zu essen finden«, sagte Sri Yukteswar. Er verhielt sich so ungezwungen, als seien Stunden und nicht Tage vergangen, seit wir uns gesehen hatten. »Meister, ich habe Euch bestimmt durch meine plötzliche Abreise und meine Pflichtvergessenheit enttäuscht; ich dachte, Ihr würdet ärgerlich auf mich sein.« »Keineswegs! Ärger entspringt nur unerfüllten Wünschen. Da ich aber nie etwas von anderen erwarte, kann auch niemand meinen Wünschen zuwiderhandeln. Ich würde dich nie für meine eigenen Zwecke ausnutzen, denn ich bin nur dann glücklich, wenn ich dich wahrhaft glücklich sehe.« » Guruji, es wird so viel über göttliche Liebe geredet; Ihr aber habt mir heute durch Euer engelhaftes Verhalten ein konkretes Beispiel gegeben. In der Welt vergibt selbst der Vater seinem Sohn nicht so leicht, wenn dieser das elterliche Geschäft ohne vorherigen Bescheid verläßt. Ihr aber zeigt nicht den geringsten Unwillen, obgleich ich Euch durch Nichterledigung vieler meiner Aufgaben in große Verlegenheit gebracht haben muß.« Wir schauten uns schweigend an, und unsere Augen wurden feucht. Eine Welle der Glückseligkeit überflutete mich, und ich fühlte, wie Gott selbst - in Gestalt meines Gurus - die kleine Flamme meines Herzens zum allumfassenden Feuer kosmischer Liebe erweiterte. Einige Tage darauf begab ich mich schon am frühen Morgen in das leere Wohnzimmer des Meisters, um dort zu meditieren. Doch meine widerspenstigen Gedanken verhielten sich wie ein vom Jäger aufgescheuchte Vögel und machten meinen lobenswerten Vorsatz zunichte. 187 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins »Mukunda!« ertönte Sri Yukteswars Stimme da von einem entfernt gelegenen Balkon. Ich war ebenso rebellisch wie meine Gedanken. »Der Meister hält mich immer zum Meditieren an«, murmelte ich vor mich hin, »dann soll er mich auch nicht stören, wenn er weiß, warum ich in dieses Zimmer gekommen bin.« Kurz darauf rief er mich wieder, aber ich schwieg hartnäckig. Beim dritten Mal jedoch klang seine Stimme vorwurfsvoll. »Meister, ich meditiere!« rief ich protestierend.»Ich weiß, wie du meditierst«, rief mein Guru zurück. »Deine Gedanken flattern wie Blätter im Sturm umher. Komm jetzt zu mir herüber!« Ich fühlte mich bloßgestellt und ging traurig und enttäuscht zu ihm hin. »Armer Junge, die Berge können dir nicht geben, wonach du dich sehnst«, sagte der Meister tröstend und voller Zärtlichkeit. Sein Blick war still und unergründlich, als er fortfuhr: »Dein Herzenswunsch soll erfüllt werden!« Sri Yukteswar sprach selten in Rätseln, und so wußte ich nicht, wie ich seine Worte verstehen sollte. Da schlug er mir oberhalb des Herzens sanft auf die Brust. Sogleich stand ich wie festgewurzelt da. Der Atem wurde mir, wie von einem gewaltigen Magneten, aus der Lunge gesogen. Geist und Seele sprengten augenblicklich ihre irdischen Fesseln und strömten gleich einer blendenden Lichtflut aus jeder Pore meines Körpers. Das Fleisch fühlte sich wie abgestorben an, und dennoch war ich im Besitz intensiver Wahrnehmungskraft und wußte, daß ich nie so lebendig gewesen war. Mein Ichbewußtsein beschränkte sich nicht mehr auf den Körper, sondern umfaßte alle mich umgebenden Atome. Menschen aus fernen Straßen tauchten plötzlich in meinem Blickfeld auf, das sich ins Unermeßliche erstreckte. Die Wurzeln der Pflanzen und Bäume schimmerten durch den transparent gewordenen Boden hindurch, und ich konnte den inneren Saftstrom erkennen. 188 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins Die ganze nähere Umgebung lag unverhüllt vor mir da. Meine gewöhnliche Sicht erweiterte sich zur unermeßlichen sphärischen Sicht, so daß ich alles gleichzeitig wahrnehmen konnte. Durch meinen Hinterkopf sah ich einige Menschen bis zum Ende der Rai-Ghat-Gasse hinuntergehen und bemerkte u.a. eine weiße Kuh, die sich gemächlich unserem Hause näherte. Als sie das offene Tor des Ashrams erreicht hatte, sah ich sie wie mit meinen physischen Augen. Auch als sie hinter der Ziegelmauer des Hofes verschwand, konnte ich sie immer noch genau erkennen. Alle Gegenstände innerhalb meines panoramischen Blickfeldes zitterten und vibrierten wie Filmbilder. Mein Körper, der Körper des Meisters, der von Säulen umstandene Hof, die Möbel und der Fußboden, die Bäume und der Sonnenschein begannen sich zeitweise heftig zu bewegen, bis sie sich alle in einem leuchtenden Meer auflösten - ähnlich wie Zuckerkristalle in einem Glas Wasser zergehen, wenn es geschüttelt wird. Das vereinigende Licht und die sich materialisierenden Formen wechselten ständig miteinander ab - eine Metamorphose, die mir das im Universum herrschende Gesetz von Ursache und Wirkung vor Augen führte. Eine überwältigende Freude ergoß sich über die stillen, endlosen Ufer meiner Seele. Ich erkannte, daß der göttliche GEIST unerschöpfliche Glückseligkeit ist und daß Sein Körper aus zahllosen Lichtgeweben besteht. Die sich in meinem Inneren ausbreitende Seligkeit begann Städte, Kontinente, die Erde, Sonnen- und Sternsysteme, ätherische Urnebel und schwebende Universen zu umfassen. Der ganze Kosmos flimmerte wie eine ferne, nächtliche Stadt in der Unendlichkeit meines eigenen Selbst. Das blendende Licht jenseits der scharf gezeichneten Horizontlinie verblaßte leicht an den äußeren Rändern und wurde dort zu einem gleichbleibenden, milden Glanz von unsagbarer Feinheit. Die Bilder der Planeten dagegen wurden von einem gröberen Licht gebildet1. Die göttlichen Strahlen flossen aus einem ewigen Quell nach allen Richtungen und bildeten Milchstraßensysteme, die von einem unbeschreiblichen Glanz verklärt wurden. Immer wieder sah ich, wie sich die schöpferischen Strahlen zu Konstellationen verdichteten und sich dann in ein transparentes Flammenmeer auflösten. In rhythmischem Wechsel gingen Abermillionen Welten in diesem durchsichtigen Glanz auf - wurde das Feuer wieder zum Firmament. 1 Das Licht - als Grundstoff der Schöpfung - wird in Kapitel 30 erläutert 189 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins Ich fühlte, daß das Zentrum dieses Lichthimmels in meinem eigenen Herzen lag - daß es der Kern meiner intuitiven Wahrnehmung war. Strahlender Glanz ergoß sich aus diesem inneren Kern in jeden Teil des Universums. Segensreicher Amrita (Unsterblichkeitstrank der ind. Götter), der Nektar der Unsterblichkeit, pulsierte gleich einer quecksilbrigen Flüssigkeit in mir. Ich hörte das Schöpferwort OM2 - den Laut des vibrierenden kosmischen »Motors«. Plötzlich kehrte der Atem in meine Lunge zurück. Mit fast unerträglicher Enttäuschung fühlte ich, daß ich meine Unermeßlichkeit verloren hatte. Wiederum sah ich mich in einem elenden, körperlichen Käfig eingesperrt, der sich nur schwer zum GEIST aufzuschwingen vermag. Gleich einem verlorenen Sohn war ich aus meiner makrokosmischen Heimat fortgelaufen und hatte mich im beengenden Mikrokosmos eingeschlossen. Mein Guru stand unbeweglich vor mir. Ich wollte ihm aus Dankbarkeit für das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins, das ich seit langem leidenschaftlich herbeigesehnt hatte, zu Füßen fallen. Er aber fing mich auf und sagte ruhig: »Laß dich nicht zu sehr von der Ekstase trunken machen. Für dich gibt es noch viel Arbeit in dieser Welt. Komm, wir wollen den Balkon fegen und dann zum Ganges hinuntergehen.« Ich holte einen Besen herbei, denn ich verstand, daß der Meister mich das Geheimnis eines ausgeglichenen Lebens lehren wollte. Die Seele muß sich über kosmogonische Abgründe hinausschwingen können, während der Körper seinen täglichen Pflichten nachgeht. Als ich etwas später mit Sri Yukteswar spazieren ging, befand ich mich noch immer in einem Zustand unbeschreiblicher Entrücktheit. Unsere beiden Körper glichen zwei Astralbildern, die sich an einem Strom aus reinem Licht entlang bewegten. 2 »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Johannes 1, 1 190 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins »Alle Formen und Kräfte im Universum werden allein vom GEIST Gottes belebt und aufrechterhalten; dennoch befindet Er sich in der glückseligen, unerschaffenen Leere jenseits der vibrierenden Welt der Erscheinungen, wo er uns fern und transzendent scheint«3, erklärte der Meister. »Wer hier auf Erden Selbst-Verwirklichung erlangt hat, führt ein ähnliches Doppelleben. Er erfüllt gewissenhaft seine Aufgaben in der Welt, bleibt dabei aber stets in innere Glückseligkeit versunken. Gott hat alle Menschen aus der grenzenlosen Freude Seines eigenen Seins erschaffen. Obgleich die Menschen, die Er sich zum Bilde geschaffen hat, in einen Körper eingezwängt worden sind, erwartet Gott dennoch, daß sie sich dereinst über alle Sinnestäuschungen erheben und sich wieder mit Ihm vereinigen.« 3 »Denn der Vater richtet niemand; sondern alles Gericht hat er dem Sohn gegeben.« Johannes 5, 22 - »Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündet.« Johannes 1, 18 - »Gott ..., der alle Dinge geschaffen hat durch Jesum Christum ...« - Epheser 3, 9 - »Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater« Johannes 14, 12 - »Aber der Tröster, der heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe.« Johannes 14, 26 Diese Bibelworte beziehen sich auf die Dreifaltigkeit Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist (Sat, Tat, Om in den heiligen Schriften der Hindus). Gottvater ist das Absolute, Unmanifestierte, das jenseits der vibrierenden Schöpfung existiert. Gott, der Sohn, ist das Christusbewußtsein (Brahma oder Kutastha Chaitanya), das innerhalb der vibrierenden Schöpfung besteht; dieses Christusbewußtsein ist die »eingeborene« oder einzige Widerspiegelung des unerschaffenen Unendlichen. Die äußere Offenbarung des allgegenwärtigen Christusbewußtseins wird »Zeuge« (Offenbarung 3, 14), Om, Wort oder Heiliger Geist genannt; dieser ist die unsichtbare göttliche Macht, der einzig Handelnde, die einzige Schöpferkraft, die das ganze Universum durch Schwingungen aufrechterhält. Om, der segensreiche Tröster, kann in der Meditation gehört werden; er enthüllt dem Gottsucher die letzte Wahrheit und »wird euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe«. Johannes 14, 26 191 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins Ich zog viele unvergeßliche Lehren aus meiner kosmischen Vision. Jeden Tag brachte ich nun meine Gedanken zum Schweigen und machte mich innerlich frei von der trügerisch Vorstellung, daß mein Körper eine Masse von Fleisch und Knochen sei, die sich über den festen Boden der Materie bewegt. Ich erkannte, daß der Atem und der ruhelose Geist Sturmwinden gleichen, die das Meer des Lichts aufpeitschen und die stofflichen Wellen - Erde, Himmel, Menschen, Tiere, Vögel und Bäume - hervorrufen. Nur wer diesen Sturm stillt, kann das Unendliche als das all-einige Licht wahrnehmen. Jedesmal, wenn ich diese beiden natürlichen Sturmwinde vollkommen zur Ruhe gebracht hatte, sah ich die vielgestaltigen Wellen der Schöpfung in ein leuchtendes Meer zerfließen - ähnlich wie sich die bewegte See nach dem Sturm wieder glättet. Ein Meister verleiht seinem Jünger das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins erst dann, wenn dieser seinen Geist durch Meditation so weit gefestigt hat, daß ihn die unermeßliche innere Schau nicht mehr überwältigt. Verstandesmäßige Bereitschaft und geistige Aufgeschlossenheit allein genügen nicht. Nur eine entsprechende Ausdehnung des Bewußtseins, die man durch Yoga und hingebungsvolle Bhakti (Yoga der Liebe und des Dienens) erlangt, kann einen darauf vorbereiten, den befreienden Schock der Allgegenwart zu ertragen. Dieses göttliche Erlebnis wird jedem aufrichtigen Gottsucher unweigerlich einmal zuteil werden. Sobald seine Sehnsucht nach Gott so intensiv und magnetisch wird, daß er Ihn in seinen Bewußtseinsbereich ziehen kann, wird er Ihn als Kosmische Vision schauen können. Jahre später schrieb ich nachfolgendes Gedicht »Samadhi«, in dem ich versucht habe, dem Leser eine kleine Vorstellung von diesem seligen Zustand zu geben:
Entschwunden die Schleier von
Licht und Schatten, 192 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Sie existieren nicht mehr! Doch überall gegenwärtig, überall schwebend bin ich. Planeten und Sonnen, Spiralnebel und die Erde, Vulkanausbrüche und Sintflut des jüngsten Gerichts, Der flammende Ofen der Schöpfung Und die Gletscher schweigender Röntgenstrahlen, Das glühende Meer der Elektronen Und die Gedanken der Menschen, Die waren und sind und kommen werden, jeder Grashalm, ich selbst, das ganze Menschengeschlecht, jedes Stäubchen im Universum, Zorn und Habgier, Gutes und Böses, Begierde, Erlösung Sie alle verschling' und verwandle ich Im unermeßlichen Meer meines Blutes, Meines all-einen Seins. Die Glut der Freude, die - oft entfacht durch die Meditation Meine tränenden Augen blendete, Lodert in endlosen Flammen der Seligkeit auf, Verzehrt meine Tränen, mein Fleisch, mein alles! Du bist ich, und ich bin Du! Erkennen, Erkennender und Erkannter sind eins! Ruhige, immerwährende Seligkeit, Ewiges Leben, unvergänglicher Friede, Freude jenseits aller Vorstellungskraft Seligkeit des Samadhi! Kein unterbewußter Zustand und keine Narkose des Geistes, Die mir den freien Rückweg verwehrt; Samadhi erweitert mein Bewußtsein Über die Grenzen des sterblichen Körpers hinaus Bis zu den fernsten Gestaden der Ewigkeit, Wo ich - als das Kosmische Meer Das winzige Ich gewahre, das in mir schwimmt, Und das Raunen aller Atome höre. Die dunkle Erde, die Berge und Täler, Siehe! sie alle schmelzen dahin! Fließende Seen werden zu dampfenden Nebeln, Das Om bläst durch dichten Nebeldunst Und weht die mystischen Schleier beiseite Enthüllt das Lichtmeer der Elektronen, Bis beim Klang der kosmischen Trommel4 Das gröbere Licht in die ewigen Strahlen 4 Om, die schöpferische Schwingung, welche die Struktur der ganzen Schöpfung nach außen projiziert 193 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins
Aus der Freude bin ich gekommen, Aus Freude lebe ich, In heilige Freude gehe ich wieder ein. Geistmeer bin ich, das alle Wellen der Schöpfung trinkt. Erde und Wasser, Dampf und Licht Die vier dichten Schleier Lösen sich auf. ich selbst bin in allen Dingen Und verschmelze mit meinem Großen Selbst. Die launischen Schatten menschlichen Denkens Sind für immer entschwunden, Ungetrübt ist mein geistiger Himmel Unter mir, vor mir, hoch über mir; Ich und die Ewigkeit - ein vereinigter Strahl! Ich selbst, eine winzige Welle des Lachens, Werde zum Meer aller Seligkeit! Sri Yukteswar lehrte mich, dieses glückselige Erlebnis beliebig oft herbeizurufen und es auch anderen, deren Intuition entsprechend entwickelt ist, zu vermitteln5. Während der ersten Monate nach diesem Erlebnis ging ich oft in den Zustand göttlicher Ekstase ein und begriff täglich aufs neue, warum die Upanishaden Gott als Rasa (das Köstlichste) bezeichnen. Eines Morgens kam ich jedoch mit einem Problem zu meinem Meister. »Guruji, wann glaubt Ihr, daß ich Gott finden werde?«»Du hast ihn bereits gefunden.« »Oh, nein, Meister, das glaube ich nicht!« Mein Guru lächelte. »Ich weiß, daß du dir unter Gott keine ehrwürdige Persönlichkeit vorstellst, die in einem unzugänglichen Winkel des Kosmos thront. Anscheinend aber glaubst du, daß jemand, der Gott gefunden hat, fähig sein muß, Wunder zu vollbringen. Aber selbst wenn man Macht über den ganzen Kosmos gewönne, kann Gott sich einem immer noch entziehen. Geistiger Fortschritt läßt sich nicht daran messen, daß jemand übernatürliche Kräfte zur Schau stellt, sondern allein an der Tiefe und Glückseligkeit der Meditation. 5 Ich habe diese Kosmische Vision einer Anzahl von Kriya-Yogis im Morgen- und Abendland vermittelt, darunter auch James Lynn, den eine Abbildung in diesem Buch im überbewußten Zustand des Samadhi zeigt (siehe Abbildung auf Seite 318). 194 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins Gott ist ewig neue Freude. Er kann sich niemals erschöpfen. Wenn du Jahr für Jahr fortfährst, tief zu meditieren, wird Er dich durch Seinen unendlichen Einfallsreichtum bezaubern. Wer, wie du, Gott gefunden hat, wird Ihn nie für irgendein anderes Glück eintauschen; Er ist so verführerisch, daß niemand Ihm den Rang streitig machen kann. Wie schnell werden wir aller irdischen Freuden überdrüssig! Die von unersättlichen Begierden getriebenen Menschen finden nirgendwo wahre Befriedigung, sondern verfolgen ein Ziel nach dem anderen. Dieses »andere«, das sie suchen, ist Gott der Einzige, der ihnen immerwährende Freude schenken kann. Es sind die irdischen Wünsche, die uns aus dem inneren Eden vertreiben; sie gaukeln uns trügerische Freuden vor, die wir irrtümlicherweise für wahres Glück halten. Das verlorene Paradies kann jedoch bald wiedergewonnen werden, wenn wir lernen, über Gott zu meditieren. Da Gott unerschöpflich und ewig neu ist, können wir Seiner nie überdrüssig werden. Oder könnten wir jemals einer sich in alle Ewigkeit erneuernden Glückseligkeit müde werden?« »Jetzt verstehe ich, Meister, warum die Heiligen sagen, Gott sei nicht zu ergründen. Selbst das ewige Leben würde nicht ausreichen, auf den Grund Seines Wesens zu dringen.« »Das stimmt. Und dennoch fühlen wir Seine Liebe und Seine Nähe. Wenn wir uns mit Hilfe des Kriya-Yoga über alle von den Sinnen hervorgerufene Täuschung erhoben haben, erhalten wir in der Meditation einen zweifachen Beweis der Gegenwart Gottes. Der erste überzeugende Beweis Seiner Existenz ist die ewig neue Freude, die jede Faser unseres Seins durchdringt; und der zweite Beweis besteht darin, daß wir in der Meditation unmittelbar von Ihm geführt werden und jedes mal, wenn wir in einer schwierigen Lage sind, die richtige Antwort erhalten.« 195 Das Erlebnis des kosmischen Bewußtseins »Ihr habt mein Problem gelöst, Guruji«, sagte ich mit dankbarem Lächeln. »Ich weiß jetzt, daß ich Gott gefunden habe; denn jedesmal, wenn ich während meiner täglichen Arbeit die Freude der Meditation aus meinem Unterbewußtsein aufsteigen fühle, werde ich bei allem, was ich tue, selbst in unbedeutenden Einzelheiten, richtig geführt.« »Solange die Menschen noch nicht gelernt haben, sich auf den Göttlichen Willen einzustellen, werden sie immer wieder leiden müssen«, sagte der Meister. »Denn was Gott lenkt, entspricht nicht immer dem, was der ichbetonte, intelligente Mensch denkt«. »Gott allein kann unfehlbaren Rat erteilen; denn Er und kein anderer trägt die Last des Kosmos.«196 Kapitel 15: Der Blumenkohldiebstahl Top »Meister, hier ist ein Geschenk für euch! Ich habe diese sechs riesigen Blumenkohlköpfe mit eigenen Händen gepflanzt und mit mütterlicher Sorgfalt großgezogen.« Mit einer zeremoniellen Geste überreichte ich meinem Guru den Korb mit dem Gemüse. »Ich danke dir«, sagte Sri Yukteswar mit anerkennendem Lächeln. »Bewahre sie bitte in deinem Zimmer auf; morgen werde ich ein besonderes Gericht davon machen lassen.« Ich war soeben in Puri1 eingetroffen, um meine Sommerferien in der Strandeinsiedelei meines Gurus zu verbringen. Das vom Meister und seinen Jüngern erbaute zweistöckige, freundliche Haus lag direkt an der Bucht von Bengalen. Am nächsten Morgen wachte ich schon früh auf und fühlte mich angenehm erfrischt durch die salzige Seeluft und den stillen Zauber des Ashrams. Bald darauf hörte ich die melodische Stimme meines Gurus, der nach mir rief. Ich warf einen Blick auf meine kostbaren Blumenkohlköpfe und verbarg sie dann sorgfältig unter meinem Bett. »Wir wollen zum Strand hinuntergehen«, sagte der Meister und begann uns anzuführen. Eine verstreute Gruppe von jungen Schülern, darunter auch ich, folgte ihm. Der Guru sah uns mit leichter Mißbilligung an und sagte dann: »Wenn unsere westlichen Brüder auf eine Wanderung gehen, setzen sie gewöhnlich ihren Stolz darein, in Reih und Glied zu marschieren. Bildet jetzt einmal zwei Reihen und versucht, im Gleichschritt zu gehen.« Sri Yukteswar beobachtete uns, während wir seinem Wunsch nachkamen, und begann dann zu singen: »Jungen marschieren in Reih und Glied, singen ein frohes, munteres Lied.« Ich konnte nicht umhin, den Meister zu bewundern, der so mühelos mit seinen rasch dahinwandernden Schülern Schritt hielt. 1 Pari, das ungefähr 500 km südlich von Kalkutta liegt, ist ein berühmter Wallfahrtsort, in dem jährlich zwei große Feste zu Ehren Krishnas veranstaltet werden - das Snanayatra und das Rathayatra. 197 Der Blumenkohldiebstahl »Halt!«, rief der Guru da plötzlich, indem er mich prüfend anblickte. »Hast du daran gedacht, die Hintertür der Einsiedelei abzuschließen?« »Ich glaube ja, Meister.«Sri Yukteswar schwieg einige Minuten lang, während ein halb unterdrücktes Lächeln um seine Lippen spielte. »Nein«, sagte er schließlich, »du hast es vergessen. Göttliche Betrachtungen sind keine Entschuldigung für äußere Nachlässigkeit. Du hast deine Pflicht, den Ashram zu sichern, vernachlässigt und mußt daher bestraft werden.« Ich dachte, daß er nur einen Scherz machen wollte, als er fortfuhr: »Von deinen sechs Blumenkohlköpfen werden bald nur noch fünf übrig sein.« Dann hieß der Meister uns alle umkehren und bis dicht vor die Einsiedelei zurückmarschieren. »Ruht euch hier ein Weilchen aus«, sagte er. »Und du, Mukunda, schau einmal nach links und behalte die Straße hinter unserem Grundstück im Auge. Dort wird gleich ein gewisser Mann auftauchen, der als Werkzeug deiner Bestrafung dienen soll.« Ich versuchte meinen Ärger über diese rätselhaften Anspielungen zu verbergen. Bald aber erschien tatsächlich ein Bauer auf der Straße, der in grotesker Weise dahintanzte und grotesk mit den Armen schlenkerte. Mit gespannter Neugier verfolgte ich sein lächerliches Gebaren. Als der Mann an eine Wegbiegung kam, wo er unserer Sicht entschwinden mußte, bemerkte Sri Yukteswar: »Jetzt kehrt er gleich um.« Und sofort schlug der Bauer die entgegengesetzte Richtung ein und näherte sich der Rückseite des Ashrams. Auf einem schmalen Sandweg gelangte er zur Hintertür des Gebäudes und ging hinein. Ich hatte sie tatsächlich offen gelassen, wie der Guru behauptet hatte. Kurz darauf trat der Mann wieder heraus und hielt einen meiner kostbaren Blumenkohlköpfe im Arm.198 Der Blumenkohldiebstahl Diesmal jedoch schritt er mit sichtlichem Stolz auf seinen Besitz würdevoll von dannen. Die sich vor meinen Augen abspielende Komödie, in der ich die Rolle des verwirrten Opfers zu spielen schien, hatte mich jedoch nicht so weit aus der Fassung gebracht, daß ich es versäumte, den Dieb empört zu verfolgen. Ich war schon halb auf der Straße, als der Meister mich zurückrief. Er schüttelte sich vor Lachen. »Dieser arme Irre hat sich so sehr nach einem Blumenkohl gesehnt«, erklärte er zwischen Heiterkeitsausbrüchen. »Und da dachte ich, daß es eine gute Idee wäre, ihm einen von deinen schlecht bewachten zu überlassen.« Ich stürzte in mein Zimmer und sah, daß der Dieb, der augenscheinlich von einem Gemüsewahn besessen war, meine goldenen Ringe, meine Taschenuhr und mein Geld, die offen auf der Bettdecke lagen, unberührt gelassen hatte. Statt dessen war er unter das Bett gekrochen, wo sich - allen Blicken verborgen - der Korb mit dem Blumenkohl befand, und hatte dort seinen Herzenswunsch befriedigt. 199 Der Blumenkohldiebstahl Am Abend bat ich Sri Yukteswar, mir den Vorfall zu erklären (der meiner Meinung nach manche Rätsel aufgab). Doch mein Guru schüttelte bedächtig den Kopf. »Eines Tages wirst du es verstehen. Die Wissenschaft wird bald eine Anzahl dieser verborgenen Gesetze entdecken.« Als einige Jahre später alle Welt über die Entdeckung des Radios in Erstaunen geriet, erinnerte ich mich der Vorhersage meines Meisters. Die tief eingewurzelten Vorstellungen von Zeit und Raum waren plötzlich zunichte gemacht; London und Kalkutta konnten jetzt auch in die engste Hütte dringen, und selbst der stumpfsinnigste Geist erhellte sich angesichts der unbestreitbaren Tatsache, daß der Mensch wenigstens in einer Hinsicht allgegenwärtig geworden war. Die geheimnisvolle »Blumenkohl-Komödie« läßt sich am besten an einem radiotechnischen Beispiel erklären2. Mein Guru war ein vollkommenes menschliches Radio. Gedanken sind nichts anderes als äußerst feine Schwingungen, die sich durch den Äther bewegen. Ebenso wie ein richtig eingestelltes Radio das gewünschte musikalische Programm unter tausend anderen Programmen heraussuchen kann, so konnte auch Sri Yukteswar aufgrund seiner Sensibilität unter den zahlreichen menschlichen »Gedankensendern« einen passenden auswählen (nämlich den des schwachsinnigen Mannes, der großes Verlangen nach einem Blumenkohl hatte). Als der Meister während unseres Spaziergangs zum Strand den harmlosen Wunsch dieses Bauern auffing, war er sogleich gewillt, ihn zu erfüllen. Sri Yukteswars göttliches Auge hatte den dahintorkelnden Mann schon lange erblickt, ehe er den Jüngern sichtbar wurde. Und meine Nachlässigkeit beim Abschließen des Ashrams hatte dem Meister eine willkommene Entschuldigung gegeben, mich eines meiner prachtvollen Blumenkohlköpfe zu berauben. Nachdem Sri Yukteswar so als Empfangsgerät gewirkt hatte, machte er sich nun, durch Anwendung seines machtvollen Willens, zur Funkstation oder zum Sender3. Auf diese Weise war es ihm möglich, den Bauern zum Umkehren zu bewegen, ihn in einen bestimmten Raum zu lenken und dort einen einzigen Blumenkohl ergreifen zu lassen. 2 Das im Jahre 1939 erfundene Mikroradiometer enthüllte eine neue Welt bisher unbekannter Strahlen. »Nicht nur der Mensch selbst, sondern auch die scheinbar leblose Materie sendet unaufhörlich Strahlen aus, die dieses Instrument sieht«, berichtete die Associated Press. »Diejenigen, die an Telepathie, das zweite Gesicht und Hellsehen glauben, erhalten durch diese Eröffnung den ersten wissenschaftlichen Beweis von der Existenz unsichtbarer Strahlen, die in der Tat von einem Menschen zum andern wandern. Diese Radioanlage ist in Wirklichkeit ein Radiofrequenzspektroskop. Es wirkt an der kalten, nicht-leuchtenden Materie in gleicher Weise wie das Spektroskop bei der Feststellung der atomaren Beschaffenheit der Fixsterne ... Die Existenz solcher Strahlen, die von allen Menschen und allen Lebewesen ausgehen, wurde von den Wissenschaftlern seit vielen Jahren vermutet. Heute aber haben wir den ersten experimentellen Beweis ihrer Existenz. Diese Entdeckung zeigt, daß jedes Atom und jedes Molekül eine pausenlos arbeitende Funkstation ist ... Die Substanz, aus welcher der menschliche Körper besteht, fährt sogar nach Eintritt des Todes fort, feine Strahlen auszusenden. Die Wellenlänge dieser Strahlen reicht von den kürzesten Radiowellen (wie sie bisher noch nie bei Kurzwellensendern verwandt worden sind) bis zu den längsten. Das Durcheinander dieser Wellen, von denen es Millionen gibt, ist unvorstellbar. Ein einziges großes Molekül kann gleichzeitig 1.000.000 verschieden lange Wellen aussenden. Die längeren dieser Wellen bewegen sich mit der Leichtigkeit und Geschwindigkeit von Radiowellen fort ... Ein erstaunlicher Unterschied zwischen den neuen Radiostrahlen und den bekannten Strahlen, z.B. des Lichts, besteht darin, daß die Radiowellen Tausende von Jahren, also bedeutend länger als z.B. die Lichtstrahlen, von der unbeeinflußten Materie ausgesandt werden.« 3 Siehe Fußnote auf Seite 332 200 Der Blumenkohldiebstahl Wenn der menschliche Geist vollkommen ruhig ist, erwacht die Intuition - die wegweisende Stimme der Seele - ganz von selbst. Fast jeder hat schon die Erfahrung gemacht, daß er zuweilen eine unerklärliche »Vorahnung« hatte, die sich später bewahrheitete, oder daß er seine Gedanken auf einen anderen Menschen übertragen konnte. Sobald der menschliche Geist also die »Störungen« der Ruhelosigkeit beseitigt hat, kann er alle Funktionen eines komplizierten Radiomechanismus ausführen, d.h., er kann Gedanken aussenden oder empfangen oder unerwünschte Gedanken abschalten. Ähnlich wie die Stärke eines Rundfunksenders von der verfügbaren elektrischen Leistung bestimmt wird, so hängt die Wirkungskraft eines menschlichen Radios von der menschlichen Willenskraft ab. Alle Gedankenschwingungen bleiben ewig im Kosmos bestehen. Bei tiefer Konzentration kann ein Meister die Gedanken aller Menschen, der lebenden wie auch der toten, auffangen. Gedanken sind universell und nicht individuell verwurzelt; d.h., eine Wahrheit kann nicht erschaffen, sondern nur wahrgenommen werden. Jeder unrichtige Gedanke ist mehr oder weniger ein Ergebnis mangelnder Unterscheidungskraft. Ziel der Yoga-Wissenschaft ist es also, den Geist zu beruhigen, damit er den unfehlbaren Rat der inneren Stimme vernehmen kann. Durch Rundfunk und Fernsehen ist es möglich geworden, die Stimmen und Erscheinungen weit entfernter Personen gleichzeitig in Millionen Häuser zu bringen. Dies ist die erste zaghafte Andeutung der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß der Mensch ein allgegenwärtiges Geistwesen ist. Wenn auch das barbarische Ich den Menschen ständig zu versklaven sucht, so ist dieser im wesentlichen doch kein raumgebundener Körper, sondern eine allgegenwärtige Seele. 201 Der Blumenkohldiebstahl »Höchst seltsame, wunderbare und unwahrscheinliche Phänomene werden noch zutage treten, über die wir uns, wenn sie einmal bekannt geworden sind, nicht viel mehr wundern werden als über all das, was uns die Wissenschaft im letzten Jahrhundert gelehrt hat«, erklärte der Physiologe und Nobelpreisträger Charles Robert Richet4. »Es wird allgemein angenommen, daß die Phänomene, die wir jetzt ohne weiteres hinnehmen, uns deshalb nicht in Erstaunen versetzen, weil wir sie verstehen. Doch das ist nicht der Fall. Wenn wir uns nicht mehr über sie wundern, so nicht etwa deshalb, weil wir sie verstehen, sondern weil wir uns an sie gewöhnt haben. Denn wenn uns das, was wir nicht verstehen, verwundern sollte, so müßte uns alles verwundern: das Herabfallen eines in die Luft geworfenen Steins, die zu einer Eiche werdende Eichel, das sich bei Erhitzung ausdehnende Quecksilber, die von einem Magneten angezogenen Eisenstäubchen. Die Wissenschaft von heute ist eine einfache Angelegenheit ... und doch sind wir bereits von den erstaunlichen Wahrheiten, die unsere Nachkommen entdecken werden, umgeben; sie starren uns sozusagen ins Gesicht, und dennoch sehen wir sie nicht. Doch nicht genug damit, daß wir sie nicht sehen: wir wollen sie nicht sehen, denn sobald eine unerwartete und ungewöhnliche Tatsache auftaucht, versuchen wir sie in den Rahmen unseres bisherigen, bereits akzeptierten Wissens einzuordnen und sind entrüstet, wenn irgend jemand es wagt, tiefer zu forschen.« Einige Tage, nachdem ich auf so unwahrscheinliche Art eines Blumenkohls beraubt worden war, trug sich ein weiterer belustigender Vorfall zu. Eine gewisse Kerosinlampe war verschwunden. Da ich gerade erst den allwissenden Scharfsinn meines Gurus hatte bewundern dürfen, dachte ich, er würde uns zeigen, was für ein Kinderspiel es sei, die Lampe wiederzufinden. Der Meister durchschaute meine Erwartungen. Mit übertriebenem Ernst fragte er alle Ashrambewohner aus. Ein kleiner Junge gestand, daß er die Lampe zum Brunnen im hinteren Teil des Gartens getragen hatte. Daraufhin befahl Sri Yukteswar mit feierlicher Stimme: »Sucht die Lampe in der Nähe des Brunnens.« Ich lief sofort hin - doch keine Lampe war da! Niedergeschlagen kehrte ich zu meinem Guru zurück, der nun von Herzen lachte, ohne sich um meine Enttäuschung zu kümmern. 4 Autor des Buches Our Sixth Sense (London: Rider & Co.) 202 Der Blumenkohldiebstahl »Zu schade, daß ich dich nicht zu der verschwundenen Lampe hinlenken konnte; aber ich bin nun einmal kein Wahrsager« Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: »Ich bin noch nicht einmal ein guter Sherlock Holmes.« Da verstand ich, daß der Meister seine übernatürlichen Fähigkeiten niemals zur Schau stellen würde, wenn man ihn dazu herausforderte oder wenn es sich um eine banale Sache handelte. Es folgten herrliche Wochen. Sri Yukteswar hatte einen religiösen Umzug geplant und mich gebeten, die Jünger durch die Stadt und am Strand von Puri entlang zu führen. Als der festliche Tag der Sommersonnenwende herangenaht war, herrschte schon am frühen Morgen große Hitze. »Guruji, wie kann ich die barfüßigen Schüler über den glühenden Sand führen?« fragte ich verzweifelt. »Ich will dir ein Geheimnis verraten«, erwiderte der Meister. »Der Herr wird einen Wolkenschirm senden, so daß ihr unbehindert wandern könnt.« Freudig ging ich nun daran, die Prozession aufzustellen. Wir begannen unseren Umzug vom Ashram aus, wo wir uns alle gruppiert hatten. Vor uns her flatterte das von Sri Yukteswar entworfene Satsanga-Banner5, in welches das Symbol des »einfältigen«6 Auges - des teleskopischen Auges der Intuition - eingezeichnet war. Kaum hatten wir die Einsiedelei verlassen, als sich der Himmel - wie durch ein Wunder - mit Wolken bezog. Erstaunte Ausrufe wurden laut, als ein leichter Regenschauer herabfiel, der die Straßen und den heißen Sand abkühlte. 5 Sat bedeutet wörtlich »Sein«, daher auch »Essenz, Wahrheit, Wirklichkeit«. Sanga bedeutet »Vereinigung«. Sri Yukteswar nannte seine religiöse Organisation Satsanga (Gemeinschaft mit der Wahrheit). 6 »Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.« Matthäus 6, 22 - In tiefer Meditation wird das »einfältige« oder geistige Auge in der Mitte der Stirn sichtbar. Dieses allgegenwärtige Auge hat in den heiligen Schriften verschiedene Bezeichnungen, so z.B. drittes Auge, Stern im Morgenland, inneres Auge, vom Himmel herabsteigende Taube, Auge Shivas, Auge der Intuition usw. 203 Der Blumenkohldiebstahl »Siehst du, wie Gott mit uns fühlt«, sagte der Meister, nachdem ich ihm meine Dankbarkeit bekundet hatte. »Er erhört alle und sorgt für alle. So wie Er heute auf meine Bitte hin den Regen gesandt hat, so erfüllt Er jeden aufrichtigen Wunsch Seiner Kinder. Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie oft Gott ihre Gebete erhört. Er bevorzugt nicht einige wenige, sondern erhört jeden, der sich vertrauensvoll an Ihn wendet. Die Menschenkinder sollten niemals an der Liebe und Güte ihres Himmlischen Vaters zweifeln.«7 Sri Yukteswar veranstaltete vier große Feste im Jahr - die Tag- und Nachtgleiche und die Sommer- und Wintersonnenwende, zu denen jedes mal viele seiner Schüler von nah und fern herbeikamen. Die erste Wintersonnenwende, die ich in Serampur mitmachte, brachte mir einen dauerhaften Segen. Die Feier begann morgens mit einer Prozession barfüßiger Gläubiger durch die Straßen der Stadt. Aus hundert Kehlen erklangen innige religiöse Lieder, während einige Musikanten uns mit Flöten und Khol-Kartal (Trommeln und Zymbeln) begleiteten. Die begeisterte Stadtbevölkerung streute uns Blumen auf den Weg, froh darüber, durch unseren Lobgesang von ihren prosaischen Pflichten abgelenkt zu werden. Der lange Umzug endete im Hof der Einsiedelei, wo wir unseren Guru umringten, während die Schüler auf den oberen Balkonen uns mit Ringelblumen überschütteten. Viele der Gäste begaben sich nach oben, wo ihnen ein Pudding aus Channa und Orangen serviert wurde. Ich gesellte mich zu einer Gruppe von Jüngern, die als Köche tätig waren. Bei solch großen Versammlungen wurde gewöhnlich in riesigen Kesseln im Freien gekocht. Die improvisierten Backsteinherde, in denen Holzfeuer brannten, rauchten, daß uns die Augen tränten; doch wir lachten fröhlich bei unserer Arbeit. Religiöse Feste werden in Indien nie als anstrengend empfunden. Jeder Gläubige trägt freudig seinen Teil dazu bei, sei es durch Geld, durch Sachspenden wie Reis und Gemüse oder durch persönliche Arbeitsleistung. 7 »Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? ... der die Menschen lehrt, was sie wissen.« Psalm 94. 9-10204 Der Blumenkohldiebstahl Bald war der Meister mitten unter uns und überwachte die einzelnen Vorbereitungen. Er war unermüdlich tätig und nahm es mit den tatkräftigsten seiner jungen Schüler auf. Im ersten Stock war ein Sankirtan (Gruppengesang) im Gange, von Trommeln und einem indischen Harmonium begleitet. Sri Yukteswar hörte anerkennend zu; er hatte ein vortreffliches musikalisches Gehör. »Sie sind in der falschen Tonart«, sagte er plötzlich und verließ die Küche, um sich zu den Musikanten zu begeben. Wiederum erklang die Melodie, diesmal aber korrekt. Die frühesten geschichtlichen Aufzeichnungen über die Musikwissenschaft befinden sich im Sama-Veda. In Indien werden Musik, Malerei und Bühnendichtung als göttliche Künste angesehen. Brahma, Vishnu und Shiva - die Ewige Dreieinigkeit - waren die ersten Musiker. Den heiligen Schriften zufolge hat Shiva in Seiner Erscheinungsform als Nataraja (Kosmischer Tänzer) die unendlichen rhythmischen Formen festgelegt; denn Er ist es, der das Universum mit Seinem Tanz ins Leben ruft, der es erhält und schließlich wieder zerstört. Brahma und Vishnu dagegen bestimmten den Takt, wobei Brahma die Zymbeln und Vishnu die heilige Mridanga (Trommel) schlug. Saraswati, die Göttin der Weisheit, wird in symbolischen Darstellungen mit einer Vina, der Mutter aller Saiteninstrumente, gezeigt, und Krishna, eine Inkarnation Vishnus, mit einer Flöte; durch seine berückenden Melodien ruft er die in der Maya (Täuschung) umherirrenden Seelen zu ihrer wahren Heimat zurück. Die Ragas oder feststehenden melodischen Tonleitern bilden das Fundament der Hindu-Musik. Die sechs Grund-Ragas verzweigen sich in 126 abgeleitete Raginis (Ehefrauen) und Putras (Söhne). Jeder Raga hat eine Mindestzahl von fünf Tönen: einen Grundton (Vadi oder König), einen sekundären Ton (Sa mavadi oder Premierminister), Hilfstöne (Anuvadi oder Höflinge) und einen dissonanten Ton (Vivadi oder Feind). 205 Der Blumenkohldiebstahl Jeder der sechs Grund-Ragas hat eine natürliche Beziehung zu einer bestimmten Tages- oder Jahreszeit und einer Schutzgottheit, die besondere Eigenschaften verleiht. 1) So ist der Hindole-Raga, der allumfassende Liebe erwecken soll, nur während der Morgendämmerung im Frühling zu hören; 2) den Deepaka-Raga spielt man während der Sommerabende, um Mitgefühl zu erregen; 3) der Megha-Raga ist eine Melodie für den Mittag in der Regenzeit und soll den Mut stärken; 4) den Bhairava-Raga spielt man morgens im August, September und Oktober, um Ruhe zu erlangen; 5) der Sri-Raga bleibt der Abenddämmerung im Herbst vorbehalten und soll reine Liebe erzeugen; 6) der Malkounsa-Raga erklingt um die Mitternachtszeit im Winter, um Tapferkeit anzuregen. Diese Gesetze der Lautverwandtschaft zwischen Mensch und Natur wurden bereits von den alten Rishis entdeckt. Da die Natur nichts anderes als der Form und Gestalt gewordene Urton Om ist - die heilige Schwingung, die der ganzen Schöpfung zugrunde liegt -, kann der Mensch bei Anwendung bestimmter Mantras oder Lieder Herrschaft über alle Naturerscheinungen erlangen8. Geschichtliche Dokumente aus dem 16. Jahrhundert berichten von den erstaunlichen Fähigkeiten, die der am Hofe Akbars des Großen lebende Musiker Miyan Tan Sen besaß. Als er vom Kaiser aufgefordert wurde, einen nächtlichen Raga zu singen, obgleich die Sonne hoch am Himmel stand wurde die ganze Umgebung des Palastes plötzlich in Dunkelheit gehüllt. 8 Im Volkstum aller Nationen findet man Zaubersprüche, die dem Menschen Macht über die Naturgewalten verleihen. So sind die Indianer für ihre Laut-Rituale bekannt, mit denen sie Wind und Regen beeinflussen. Tan Sen, der große Hindu-Musiker, besaß die Fähigkeit, durch die Kraft seines Gesanges Feuer zu löschen. Der kalifornische Naturforscher Charles Kellogg gab im Jahre 1926 vor einer Versammlung von New Yorker Feuerwehrmännern eine Vorführung über die Wirkung von Lautschwingungen auf das Feuer. Als er mit einem Bogen, der einem vergrößerten Violinbogen glich, rasch über eine Stimmgabel aus Aluminium strich, erzeugte er einen hohen, kreischenden Ton wie bei einer starken Radiostörung. Augenblicklich schrumpfte die gelbe Gasflamme, die einen halben Meter weit in eine hohle Glasröhre hineinragte, auf 15 cm zusammen und verwandelte sich in ein sprühendes blaues Licht. Ein weiterer Versuch mit dem Bogen hatte wiederum einen kreischenden Laut zur Folge und brachte die Flamme zum Erlöschen. 206 Der Blumenkohldiebstahl In der indischen Musik wird die Oktave in 22 Srutis oder Vierteltöne unterteilt. Diese Mikro-Intervalle machen feinste Schattierungen im musikalischen Ausdruck möglich, die durch die abendländische chromatische Tonleiter von zwölf Halbtönen nicht erreicht werden können. Jeder der sieben Grundtöne der Oktave wird in der Hindu-Mythologie mit einer Farbe und dem Ruf eines Vogels oder anderen Tieres in Beziehung gebracht: do mit Grün und dem Pfau; re mit Rot und der Feldlerche; mi mit Gold und der Ziege; fa mit Weißgelb und dem Reiher; sol mit Schwarz und der Nachtigall; la mit Gelb und dem Pferd; si mit der Summe aller Farben und dem Elefanten. In der indischen Musik gibt es 72 Thatas (Tonleitern). Der Musiker besitzt die Freiheit, beliebig zu improvisieren, wobei er den Raga, d.h. die feststehende, überlieferte Melodie, als Grundthema nimmt. Er konzentriert sich auf die besondere Stimmung des Themas und verziert es dann innerhalb des Spielraums, den ihm seine eigene Improvisationsgabe gewährt. Der Hindu-Musiker spielt nicht nach Noten. Er bekleidet das Gerippe des Ragas jedesmal von neuem, wobei er sich oft auf eine einzige Tonfolge beschränkt und durch deren ständige Abwandlung all ihre Mikrotöne und feinen rhythmischen Variationen zur Geltung bringt. Unter den abendländischen Komponisten war es besonders Bach, dem die faszinierende Wirkung einer sich ständig wiederholenden Tonfolge in hundert variierten Formen bekannt war. In der Sanskrit-Literatur werden 120 Talas oder Zeitmaße beschrieben. Der Überlieferung nach hat Bharata, der Begründer der Hindu-Musik, allein im Lied der Lerche 32 verschiedene Arten von Talas entdeckt. Tala, der Rhythmus, ist aus den menschlichen Bewegungen abgeleitet worden: aus dem Zweitakt des Gehens und dem Dreitakt der Atmung während des Schlafs, wenn die Einatmung zweimal so lang ist wie die Ausatmung. 207 Der Blumenkohldiebstahl In Indien wird die menschliche Stimme von jeher als das vollkommenste aller Instrumente angesehen. Daher beschränkt sich die Hindu-Musik im allgemeinen auf den Umfang von drei Oktaven, welcher dem der menschlichen Stimme entspricht. Aus demselben Grunde wird auch mehr Wert auf die Melodie (Beziehung zwischen den aufeinanderfolgenden Tönen) und nicht so sehr auf die Harmonie (Beziehung zwischen den gleichzeitig erklingenden Tönen) gelegt. Die Hindu-Musik ist eine verinnerlichte, geistliche und individualistische Kunst, die sich nicht um symphonische Klangschönheit, sondern um eine persönliche Harmonie mit der Überseele bemüht. Alle berühmten Lieder Indiens sind von gottesfürchtigen Menschen komponiert worden. Das Sanskritwort für »Musiker« ist Bhagavatar (einer, der Gott lobsingt). Die Sankirtans (musikalischen Versammlungen) stellen in gewisser Hinsicht eine Art geistiger Disziplin (Yoga) dar, weil sie tiefe Konzentration, d.h. ein Aufgehen in dem Leitgedanken und musikalischen Thema, verlangen. Da der Mensch selbst ein Ausdruck des Schöpferwortes ist, haben alle Laute eine unmittelbare und starke Wirkung auf ihn. Alle gute geistliche Musik des Morgen- und Abendlandes löst ein Gefühl der Freude in ihm aus, weil sie durch ihre Schwingungen vorübergehend eines der okkulten Zentren in der Wirbelsäule9 erweckt. In solchen segensvollen Augenblicken wird er sich seines göttlichen Ursprungs bewußt. 9 Die Erweckung der okkulten, zerebrospinalen Zentren (der Chakras oder astralen Lotosblüten) ist das heilige Ziel aller Yogis. Den abendländischen Bibelforschern ist nicht bekannt, daß die »Offenbarung des Johannes« im Neuen Testament eine symbolische Darlegung der Yoga-Wissenschaft enthält, die Jesus in seinem engeren Jüngerkreis lehrte, zu dem auch Johannes gehörte. Johannes erwähnt (Offenbarung 1, 20) das »Geheimnis der sieben Sterne« und der »sieben Gemeinden«. Diese symbolischen Bezeichnungen beziehen sich auf die sieben Lotosblüten des Lichts, die in verschiedenen Yoga-Abhandlungen als die sieben »Falltüren«, der Gehirn- und Rückenmarksachse beschrieben werden. Durch diese von Gott geplanten »Ausgänge«, kann der Yogi, der wissenschaftlich fundierte Meditationstechniken übt, seinem körperlichen Gefängnis entrinnen und sich wieder mit dem GEIST vereinigen (siehe Kapitel 26). Das siebente Zentrum, der »tausendblättrige Lotos«, ist das Gehirn, der Sitz des unendlichen Bewußtseins. Im Zustand göttlicher Erleuchtung, so heißt es, schaut der Yogi den Schöpfergott (Brahma) als Padmaja (der im Lotos geboren ward). Der »Lotossitz« verdankt seinen Namen einer seit alters überlieferten Körperstellung, in welcher der Yogi die mehrfarbigen Lotosblüten (Padmas) in den Gehirn- und Rückenmarkszentren schauen kann. Jeder Lotos hat eine bestimmte Anzahl von Blütenblättern oder Strahlen, die aus Prana (Lebenskraft) bestehen. Die Padmas werden auch Chakras (Räder) genannt. Die Lotosstellung (Padmasana) hält die Wirbelsäule aufrecht, so daß der Körper während des Trancezustands (Savikalpa-Samadhi) weder nach vorn noch nach hinten kippen kann; daher wird diese Stellung von den Yogis bevorzugt. Für den Anfänger jedoch könnte das Padmasana Schwierigkeiten bereiten, und er sollte es nur unter der Aufsicht eines Hatha-Yoga-Experten versuchen. 208 Der Blumenkohldiebstahl Der Sankirtan, der an diesem festlichen Tag aus Sri Yukteswars Wohnzimmer im ersten Stock erklang, begeisterte die Köche inmitten der dampfenden Töpfe. Fröhlich stimmten wir in den Refrain ein und klatschten mit den Händen den Takt. Bei Sonnenuntergang hatten wir Hunderte von Besuchern mit Khichuri (Reis und Linsen), Curry-Gemüse und Reispudding gespeist. Danach legten wir Baumwolldecken auf den Hof, und bald saß die ganze Versammlung unter dem sternbesäten Himmel und lauschte gebannt den Worten der Weisheit, die von Sri Yukteswars Lippen kamen. In seinen öffentlichen Ansprachen wies er stets auf die Bedeutung des Kriya-Yoga hin und ermahnte seine Jünger, Selbstvertrauen, innere Ruhe und Zielstrebigkeit zu entwickeln, sich an eine einfache Kost zu halten und sich täglich körperliche Bewegung zu verschaffen. Zum Abschluß sang eine Gruppe kleiner Jünger einige Hymnen, und dann wurde die Versammlung mit einem begeisterten Sankirtan beendet. Von 10 Uhr abends bis Mitternacht waren die Ashrambewohner damit beschäftigt, Kochtöpfe abzuwaschen und den Hof sauberzumachen. Als wir fertig waren, rief der Guru mich zu sich. »Ich habe mich heute über dich gefreut, weil dir die Arbeit so fröhlich von der Hand gegangen ist und du seit Wochen alles so meisterhaft vorbereitet hast. Du kannst heute nacht bei mir bleiben und in meinem Bett schlafen.« Das war eine Auszeichnung, die meine kühnsten Träume übertraf. Wir saßen noch eine Weile in tiefem göttlichen Schweigen beieinander. Ungefähr zehn Minuten, nachdem wir uns niedergelegt hatten, stand der Meister jedoch wieder auf und begann sich anzukleiden. 209 Der Blumenkohldiebstahl »Was gibt es, Meister?« fragte ich. Das freudige Gefühl, neben meinem Guru schlafen zu dürfen, hatte plötzlich etwas Unwirkliches an sich. »Ich glaube, daß einige Schüler, die den Anschluß an ihren Zug verpaßt haben, gleich hier sein werden. Wir wollen ihnen etwas zu essen machen.« »Guruji, wer sollte denn um ein Uhr morgens noch komrnen?« »Bleib du ruhig liegen; du hast heute schwer genug gearbeitet. Ich aber werde ihnen etwas zurechtmachen.« Sri Yukteswars entschlossener Ton ließ mich sofort aufspringen und ihm in die kleine Küche folgen, die neben der Veranda im ersten Stock lag. Bald brodelten Reis und Dal auf dem Feuer. Der Guru lächelte mich liebevoll an. »Heute nacht hast du Müdigkeit und die Scheu vor schwerer Arbeit überwunden. Nie wieder sollst du in Zukunft von ihnen geplagt werden.« Während er diese sich auf mein ganzes Leben auswirkenden Segensworte sprach, erklangen Schritte im Hof. Ich lief hinunter, um eine Gruppe von Schülern einzulassen. »Lieber Bruder«, sagte einer der Besucher, »wie leid tut es uns, den Meister zu dieser späten Stunde zu stören. Wir haben uns im Eisenbahnfahrplan geirrt, wollten aber nicht zurückfahren, ohne unseren Guru wenigstens gesehen zu haben.« »Er hat euch erwartet und bereitet gerade etwas zu essen für euch vor.« Da ertönte auch schon Sri Yukteswars Willkommensgruß aus der Küche, und ich führte die erstaunten Besucher zum Meister. Mit schelmischem Lächeln flüsterte er mir zu: »Wenn du jetzt das Für und Wider bedenkst, bist du sicher froh, daß die Gäste tatsächlich ihren Zug versäumt haben, nicht wahr?« Eine halbe Stunde später folgte ich ihm mit großer Vorfreude in sein Schlafzimmer, wo ich die Ehre hatte, neben einem gottgleichen Guru zu schlafen. 210 Kapitel 16: Wie man die Sterne überlistet Top »Mukunda, warum besorgst du dir nicht einen astrologischen Armreif?« »Soll ich das, Meister? Ich glaube aber nicht an die Astrologie.« »Ob du daran glaubst oder nicht, hat wenig zu bedeuten. Man muß sich zu wissenschaftlichem Denken erziehen und feststellen, ob eine Sache wahr ist. Das Gesetz der Schwerkraft wirkte z.B. vor Newtons Entdeckung mit derselben Präzision wie danach. Der Kosmos würde sich in einem ziemlichen Chaos befinden, wenn seine Gesetze nicht eher zur Wirkung gelangen könnten, als bis sie vom menschlichen Glauben sanktioniert werden. Scharlatane haben die alte Wissenschaft von den Sternen in Mißkredit gebracht, so daß sie heute nur noch wenig Anerkennung findet. Die Astrologie ist sowohl in ihrem mathematischen1 als auch in ihrem philosophischen Gehalt derart umfangreich, daß nur ein Weiser sie richtig verstehen kann. Wir dürfen uns daher bei der Unvollkommenheit dieser Welt nicht wundern, wenn unwissende Menschen die Himmelskarte falsch deuten und statt einer lesbaren Schrift nur ein unleserliches Gekritzel sehen; d.h., wir dürfen die Weisheit nicht verwerfen, weil die »Weisen« nichts mehr taugen. 1 Anhand astronomischer Aufzeichnungen in der
alten Hindu-Literatur ist es den Gelehrten möglich gewesen, sich über
die Daten der Autoren zu vergewissern. Die Rishis besaßen erstaunliche
wissenschaftliche Kenntnisse. Im Kaushitaki Brahmana finden wir präzise
astronomische Abhandlungen, die darauf hindeuten, daß die Hindus
bereits 3100 v. Chr. umfassende Kenntnisse auf dem Gebiet der
Astronomie hatten und diese praktisch verwerteten, um die günstigen
Zeiten für astrologische Zeremonien festzulegen. In einem Artikel von
Tara Mata in der Zeitschrift »East-West« vom Februar 1934 wird
folgendes über den Jyotish - die Gesamtheit der astronomischen
Abhandlungen in den Veden - berichtet: »Er enthält jene
wissenschaftlichen Werke, die Indien an die Spitze sämtlicher Völker
des Altertums stellten und es zum Mekka der Wahrheitssucher machten.
Eines der Jyotish-Bücher, der Brahmagupta, ist eine astronomische
Abhandlung, die sich mit Themen wie der heliozentrischen Bewegung der
Planeten, der Schiefe der Ekliptik, der Kugelgestalt der Erde, dem
reflektierten Licht des Mondes, der täglichen Drehung der Erde um ihre
eigene Achse, der Existenz von Fixsternen in der Milchstraße, dem
Gesetz der Schwerkraft und anderen wissenschaftlichen Tatsachen befaßt,
die im Abendland erst zur Zeit von Kopernikus und Newton bekannt
geworden sind.« 211 Wie man die Sterne überlistet Die Wissenschaft der Astrologie beschäftigt sich mit der Reaktion des Menschen auf die planetarischen Einflüsse. Die Sterne selbst sind weder bewußt wohlwollend noch feindselig, sondern senden nur positive und negative Strahlen aus. Sie können der Menschheit weder nützen noch schaden, sondern nur - als Werkzeuge des Gesetzes von Ursache und Wirkung - den äußeren Ablauf der Ereignisse regeln, für die jeder Mensch aufgrund seiner ehemaligen Taten selbst verantwortlich ist. 212 Wie man die Sterne überlistet Ein Kind wird an dem Tag und zu der Stunde geboren, da die Strahlen der Gestirne mit mathematischer Genauigkeit seinem individuellen Karma entsprechen. Sein Horoskop ist also eine herausfordernde Darstellung seiner unabänderlichen Vergangenheit und der sich wahrscheinlich daraus entwickelnden Zukunft. Doch nur Menschen, die über außerordentliche Intuition und Weisheit verfügen - und deren gibt es wenige, können die Geburtskonstellation richtig deuten. Die Botschaft, die im Augenblick der Geburt in leuchtender Schrift am Himmel geschrieben steht, soll nicht etwa das Schicksal - die Folgen der ehemaligen guten oder bösen Taten - betonen, sondern den Menschen dazu anspornen, sich aus seiner irdischen Knechtschaft zu befreien. Was er getan hat, kann er wiedergutmachen. Kein anderer als er selbst ist der Urheber der Ereignisse, die jetzt in seinem Leben zur Auswirkung kommen. Er kann alle Hindernisse aus dem Weg räumen, weil er sie selbst durch sein Handeln geschaffen hat und weil ihm außerdem geistige Hilfsquellen zur Verfügung stehen, die keinen planetarischen Einflüssen unterliegen. Abergläubische Furcht vor der Astrologie macht den Menschen zu einer willenlosen Marionette, die sich völlig auf eine mechanische Führung verläßt. Der Weise aber besiegt die Sterne - d.h. seine Vergangenheit -, indem er sich nicht länger zur Schöpfung, sondern zum Schöpfer bekennt. Je mehr er sich seiner Einheit mit dem GEIST bewußt wird, um so weniger Macht wird die Materie über ihn haben. Die Seele ist ewig frei; sie kennt weder Tod noch Geburt und kann nicht von den Sternen beherrscht werden. Der Mensch ist eine Seele und hat einen Körper. Sobald er seine wahre Identität erkannt hat, ist er nicht länger der Macht des Schicksals ausgeliefert. Doch solange er im dunklen Seelenzustand der Gottvergessenheit lebt, wird er auch die ihm von seiner Umgebung auferlegten feinen Fesseln des Gesetzes spüren. Gott ist Harmonie. Daher kann der Gottsucher, der sich auf Ihn einstellt, niemals fehlgehen. Er wird ganz von selbst zur richtigen Zeit richtig handeln und damit den astrologischen Gesetzen entsprechen. Wer konzentriert betet und meditiert, geht in einen göttlichen Bewußtseinszustand ein und genießt dadurch einen inneren Schutz, der stärker ist als alle anderen Gewalten.« 213 Wie man die Sterne überlistet »Warum wollt Ihr dann aber, daß ich einen astrologischen Armreif trage, lieber Meister?« fragte ich nach längerem Schweigen. Ich hatte inzwischen versucht, Sri Yukteswars vortreffliche Erläuterungen, die viele neue Gedanken für mich enthielten, zu verarbeiten. »Erst wenn der Reisende sein Ziel erreicht hat, kann er mit Recht alle Landkarten beiseite legen. Während der Reise zieht er aus jeder zweckmäßigen Abkürzung Nutzen. Die alten Rishis entdeckten viele Methoden, mit denen sich die Zeitspanne, die der Mensch normalerweise im Exil der Täuschung zubringen muß, verkürzen läßt; denn das karmische Gesetz bedient sich bestimmter Mechanismen, die mit den Fingern der Weisheit geschickt reguliert werden können. Alle menschlichen Leiden entstehen durch irgendeine Übertretung der kosmischen Gesetze. Die heiligen Schriften erklären, daß der Mensch einerseits den Naturgesetzen Genüge leisten muß, andererseits aber auch an die göttliche Allmacht glauben soll. Er sollte beten: »Herr, ich vertraue auf Dich und weiß, daß Du mir helfen kannst; aber auch ich will mein Bestes tun, um alles Unrecht, das ich begangen habe, wieder gut zu machen.« Es gibt verschiedene Mittel, die man anwenden kann, um die nachteilige Wirkung unserer ehemaligen Taten auf ein Minimum zu beschränken oder sogar aufzuheben, und dazu gehören: Gebet, Willenskraft, Yoga-Meditation, Beratung mit Heiligen und das Tragen astrologischer Armreife. Ähnlich wie man ein Haus mit einem Blitzableiter versehen kann, so kann man auch den Körpertempel durch bestimmte Maßnahmen schützen. Die unaufhörlich im Weltall kreisenden elektrischen und magnetischen Strahlungen können einen günstigen oder ungünstigen Einfluß auf den menschlichen Körper ausüben. Schon vor vielen Zeitaltern machten unsere Rishis sich Gedanken darüber, wie man den nachteiligen Einflüssen aus dem Kosmos entgegenwirken könne. Die Weisen entdeckten dann auch, daß reine Metalle ein astrales Licht aussenden, welches die negativen planetarischen Einflüsse stark vermindert. Auch bestimmte Pflanzenverbindungen erwiesen sich als nützlich. Am wirksamsten jedoch sind reine Juwelen von nicht weniger als zwei Karat. 214 Wie man die Sterne überlistet Außerhalb Indiens hat man sich nur selten ernsthaft mit solchen praktischen Maßnahmen zur Verhütung ungünstiger astrologischer Einflüsse befaßt. Eine wenig bekannte Tatsache ist, daß die entsprechenden Juwelen, Metalle und Pflanzenpräparate wertlos sind, wenn sie nicht das erforderliche Gewicht haben und wenn der schutzbringende Gegenstand nicht auf der bloßen Haut getragen wird.« »Meister, natürlich werde ich Euren Rat befolgen und mir einen Armreif besorgen. Der Gedanke, die Sterne zu überlisten, macht mir Spaß.« »Für allgemeine Zwecke empfehle ich einen Armreif aus Gold, Silber und Kupfer. Doch aus einem bestimmten Grunde möchte ich, daß du dir einen aus Silber und Blei beschaffst.« Dann gab Sri Yukteswar mir noch einige zusätzliche Anweisungen. »Guruji, um was für einen bestimmten Grund handelt es sich?« »Die Sterne werden sich bald in wenig freundlichen Weise für dich interessieren, Mukunda. Doch du bist beschützt und hast nichts zu fürchten. In etwa einem Monat wird dir deine Leber allerhand zu schaffen machen. Die Krankheit, die normalerweise sechs Monate dauern würde, wird durch den astrologischen Armreif jedoch auf 24 Tage verkürzt werden.« Am nächsten Tag suchte ich einen Juwelier auf, der mir bald darauf den vorgeschriebenen Armreif anfertigte. Ich erfreute mich bester Gesundheit und vergaß vollkommen die Vorhersage des Meisters, der inzwischen Serampur verlassen hatte, um einen Besuch in Benares zu machen. 30 Tage nach unserer Unterhaltung jedoch fühlte ich plötzlich einen heftigen Schmerz in der Lebergegend; und in den nächsten Wochen stand ich wahre Folterqualen aus. Da ich meinen Guru nicht belästigen wollte, nahm ich mir vor, die Prüfung tapfer allein zu ertragen. 215 Wie man die Sterne überlistet Nach 23 qualvollen Tagen jedoch geriet mein Vorsatz ins Wanken; ich setzte mich kurzerhand in den Zug und fuhr nach Benares. Sri Yukteswar begrüßte mich mit ungewohnter Herzlichkeit, gab mir aber keine Gelegenheit, ihn allein zu sprechen und ihm von meinem Leiden zu berichten. Viele Schüler suchten den Meister an diesem Tag auf, nur um ein Darshan2 von ihm zu erhalten. Krank und unbeachtet saß ich in einer Ecke. Erst nach dem Abendessen, als die letzten Gäste gegangen waren, rief der Guru mich auf den achteckigen Balkon des Hauses zu sich. »Du bist sicher wegen deiner Leberbeschwerden hergekommen«, sagte er mit abgewandtem Blick. Dann ging er auf und ab, wobei seine Gestalt zuweilen das Mondlicht verdeckte. »Laß sehen, du leidest seit 24 Tagen unter diesen Schmerzen, nicht wahr?« »Ja, Meister.«»Mach bitte die Magenübung, die ich dir gezeigt habe.« »Meister, wenn Ihr wüßtet, was für heftige Schmerzen ich habe, würdet Ihr mir nicht raten, Übungen zu machen!« Dennoch unternahm ich einen schwachen Versuch, ihm zu gehorchen. »Du sagst, daß du Schmerzen hast; ich sage, daß du keine hast. Wie erklärst du dir diesen Widerspruch?« fragte der Guru, indem er mich forschend anblickte. Im ersten Augenblick war ich wie benommen, dann aber überkam mich ein freudiges Gefühl der Erleichterung. Ich spürte den ständigen quälenden Schmerz, der mich seit Wochen kaum hatte schlafen lassen, nicht mehr. Bei Sri Yukteswars Worten verschwanden meine Beschwerden urplötzlich, als wären sie nie gewesen. Ich wollte ihm voller Dankbarkeit zu Füßen fallen, doch er hielt mich zurück. »Sei nicht kindisch! Steh auf und schau dir das herrliche Mondlicht auf dem Ganges an!« Während wir schweigend nebeneinander standen, bemerkte ich jedoch ein glückliches Leuchten in den Augen des Meisters; da wußte ich, er wollte mir durch sein Verhalten zu verstehen geben, daß in Wirklichkeit nicht er, sondern Gott der Heilende war. 2 Der Segen, den man beim bloßen Anblick eines Heiligen empfängt216 Wie man die Sterne überlistet Noch heute trage ich den schweren Armreif aus Silber und Blei als Erinnerung an den längst vergangenen, unvergeßlichen Tag, da ich mir von neuem bewußt wurde, mit einem wahrhaft übermenschlichen Wesen zusammenzuleben. Auch später, wenn ich meine Freunde zu Sri Yukteswar brachte, damit er sie heilen sollte, empfahl er stets Juwelen oder einen Armreif3, weil er diese vom astrologischen Standpunkt aus für nützlich hielt. Ich hatte von Kindheit an ein Vorurteil gegen die Astrologie gehabt, teils, weil ich beobachtet hatte, daß so viele Menschen ihr blindgläubig anhingen, und teils, weil unser Hausastrologe mir vorausgesagt hatte: »Du wirst dreimal heiraten und zweimal Witwer werden.« Ich grübelte oft über diese Prophezeiung und kam mir vor wie ein Opferlamm, das dreimal vor den Traualtar geschleift werden sollte. »Ergib dich ruhig in dein Schicksal«, bemerkte mein Bruder Ananta. »In deinem Horoskop steht auch genau vermerkt, daß du als Kind von zu Hause fortlaufen und zum Himalaja fliehen würdest, daß man dich aber zurückholen würde. Daher wird sich die Vorhersage über deine Ehen genauso erfüllen.« Eines Nachts jedoch erlangte ich die intuitive Gewißheit, daß diese Prophezeiung völlig falsch war. Und so verbrannte ich die Horoskoprolle, schüttete die Asche in eine Papiertüte und schrieb darauf: »Die Saat des Karmas kann nicht mehr aufgehen, wenn sie im Feuer göttlicher Weisheit verbrannt wird.« Dann legte ich die Tüte an einen auffälligen Platz, wo Ananta sie auch sogleich entdeckte und meinen herausfordernden Kommentar las. »Du kannst die Wahrheit nicht so leicht vernichten wie diese Papierrolle«, bemerkte er mit spöttischem Lächeln. Tatsächlich hat meine Familie, noch ehe ich das Mannesalter erreichte, dreimal versucht, mich zu verloben. Jedesmal aber weigerte ich mich, auf ihre Pläne einzugehen4, weil ich wußte, daß meine Liebe zu Gott stärker war als alle astrologischen Einflüsse. 3 Siehe Seite 303, Fußnote4 Eines der Mädchen, das meine Familie als mögliche Braut für mich ausgesucht hatte, heiratete später meinen Vetter Prabhas Chandra Ghosh. Sri Ghosh war Vizepräsident der Yogoda Satsanga Society of India (siehe Seite 482-483) von 1936 bis zu seinem Tod im Jahr 1975 217 Wie man die Sterne überlistet »Je weiter man auf dem Weg der Selbstverwirklichung fortschreitet, um so mehr kann man durch seine verfeinerten geistigen Schwingungen auf das ganze Universum einwirken, und um so weniger wird man selbst vom Wechsel der Ereignisse berührt.« Diese Worte des Meisters begeisterten mich immer wieder aufs neue. Gelegentlich bat ich einen Astrologen, die für mich ungünstigsten Konstellationen festzustellen, führte aber dennoch alle geplanten Vorhaben durch. Es stimmt, daß ich während solcher Zeiten mein Ziel nur nach Überwindung außerordentlicher Schwierigkeiten erreichte; doch meine Überzeugung, daß unser Vertrauen auf den göttlichen Schutz und der richtige Gebrauch unserer gottgegebenen Willenskraft weit mächtigere Kräfte sind als die Einflüsse der Himmelskörper, hat sich immer wieder bestätigt. Ich erkannte, daß man durch das Tierkreiszeichen, unter dem man geboren wird, keinesfalls zu einer Marionette seiner Vergangenheit wird. Die Botschaft der Sterne sollte vielmehr den Ehrgeiz des Menschen anstacheln, weil sogar der Himmel ihn dazu drängt, sich von allen irdischen Begrenzungen zu befreien. Jeder Mensch wurde von Gott als individuelle Seele erschaffen, und als solche ist er ein wesentlicher Bestandteil des Kosmos, ganz gleich, ob er in seiner gegenwärtigen Rolle zu den Stützen oder den Nutznießern des Universums gehört. Wenn er es will, kann er schon in diesem Augenblick endgültige Befreiung erlangen, denn diese hängt nicht von äußeren, sondern von inneren Siegen ab. Sri Yukteswar entdeckte die mathematische Anwendbarkeit eines Äquinoktial-Zyklus von 24.000 Jahren, mit Hilfe dessen sich unser gegenwärtiges Zeitalter berechnen läßt.'5 Dieser Zyklus besteht aus einem aufsteigenden und einem absteigenden Bogen, von denen jeder 12.000 fahre währt. Jeder dieser Bogen zerfällt in vier Yugas (Zeitalter), die Kali, Dwapara, Treta und Satya genannt werden, was der griechischen Vorstellung vom Eisernen, Bronzenen, Silbernen und Goldenen Zeitalter entspricht. 5 Diese Zyklen werden im ersten Teil des Buches »Die Heilige Wissenschaft« von Swami Sri Yukteswar erklärt. (Erhältlich beim Otto Wilhelm Barth Verlag, Bern/München/Wien) 218 Wie man die Sterne überlistet Mein Guru stellte durch verschiedenartige Berechnungen fest, daß das letzte Kali-Yuga oder Eiserne Zeitalter des aufsteigenden Bogens um 500 n. Chr. begann. Das 1200 fahre dauernde Eiserne Zeitalter, eine Epoche des Materialismus, endete mit dem fahre 1700 n. Chr., und zum selben Zeitpunkt setzte das 2400 Jahre währende Dwapara-Yuga ein, das eine erstaunliche Entwicklung auf den Gebieten der Elektrizität und Atomenergie bringen wird; es ist das Zeitalter der Telegraphie, des Radios, des Flugzeugs und anderer Erfindungen, mit denen man den Raum überwindet. Das 3600 Jahre währende Treta-Yuga wird 4100 n. Chr. beginnen und sich durch weit verbreitete telepathische Fähigkeiten und andere zeitsparende Entdeckungen auszeichnen. Während der 4800 Jahre des Satya-Yugas, des letzten Zeitalters des aufsteigenden Bogens, wird der menschliche Geist seine höchste Entwicklungsstufe erreichen und in völliger Übereinstimmung mit dem göttlichen Plan arbeiten. Dann beginnt mit dem absteigenden goldenen Zeitalter von 4800 Jahren (12.500 n. Chr.) der 12.000 Jahre währende absteigende Bogen, in dem die Menschheit allmählich wieder in Unwissenheit versinkt. Diese Zyklen stellen den ewigen Kreislauf der Maya dar, die Gegensätzlichkeit und Relativität der Welt der Erscheinungen.6 Doch ein Mensch nach dem anderen wird dem Kerker der dualistischen Schöpfung entrinnen und zum Bewußtsein seiner unauflöslichen Einheit mit dem Schöpfer gelangen. 6 Die heiligen Schriften der Hindus stellen das gegenwärtige Zeitalter in das Kali-Yuga eines viel länger währenden Weltall-Zyklus hinein; dieser entspricht nicht dem einfachen 24.000 Jahre währenden Zyklus, mit dem Sri Yukteswar sich befaßte. Der Zyklus eines Weltalls beträgt, den heiligen Schriften zufolge, 4.300.560.000 Jahre und stellt einen Tag der Schöpfung dar. Diese von den Rishis angegebene gewaltige Zahl beruht auf der Beziehung, die zwischen einem Sonnenjahr und einem Vielfachen von Pi (3,1416 - dem Verhältnis des Kreisumfangs zum Kreisdurchmesser) besteht. 219 Wie man die Sterne überlistet Der Meister verhalf mir nicht nur zu einem tieferen Verständnis der Astrologie, sondern auch der heiligen Schriften aller Welt. Er breitete die heiligen Texte auf dem fleckenlosen Tisch seines Geistes aus und zergliederte sie mit dem Seziermesser seines intuitiven Urteilens; auf diese Weise war es ihm möglich, die von den Gelehrten begangenen Irrtümer und Textfälschungen von den Wahrheiten, die ursprünglich von den Propheten verkündet wurden, zu unterscheiden. »Seinen Blick auf die Nasenspitze richten.« An dieser unrichtigen Auslegung eines Verses der Bhagavad-Gita7, die sowohl von morgenländischen Pandits als auch von abendländischen Übersetzern weitgehend akzeptiert wird, übte der Meister stets humorvolle Kritik. »Der Weg eines Yogis ist schon sonderbar genug«, bemerkte er. »Warum soll man ihm obendrein noch raten zu schielen? Die wirkliche Bedeutung von Nasikagram ist »Ursprung der Nase«, nicht »Ende der Nase«. Die Nase beginnt zwischen den Augenbrauen, dem Sitz der geistigen Schau.«8 Einer der Sankhya-Aphorismen9 lautet: »Ishwar asiddhe.«10 (»Ein Herr der Schöpfung ist nicht deduzierbar (von etwas herleitbar)« oder »Gott kann nicht bewiesen werden.« Hauptsächlich aufgrund dieses Satzes halten die meisten Gelehrten das ganze philosophische System für atheistisch.Den alten Sehern zufolge beträgt die Zeitspanne des gesamten Universums 314.159.000.000.000 Sonnenjahre, die »einem Zeitalter Brahmas entsprechen.« In den heiligen Schriften der Hindus wird erklärt, daß ein Planet wie unsere Erde aus zweierlei Gründen aufgelöst werden kann: entweder werden seine Bewohner im höchsten Grade gut oder im höchsten Grade böse. Die in der Welt vorherrschende Geisteshaltung erzeugt auf diese Weise eine Kraft, welche die zur Erde zusammengefügten Atome freigibt. Oft schon sind unheilvolle Prophezeiungen über ein baldiges »Ende der Welt« veröffentlicht worden. Die Planetenzyklen sind jedoch einem geordneten göttlichen Plan unterworfen. Keine Auflösung der Erde ist bisher in Sicht. Unser Planet wird noch viele auf- und absteigende Äquinoktialzyklen durchlaufen. 7 Kapitel VI, 13 10 Sankhya-Aphorismen 1, 92 220 Wie man die Sterne überlistet »Dieser Vers ist keineswegs atheistisch«, erklärte Sri Yukteswar. »Er weist lediglich darauf hin, daß unerleuchtete Menschen, die nur nach ihren Sinneseindrücken urteilen, die Existenz Gottes nicht beweisen können und ihn daher als nichtexistent betrachten. Die echten Kenner des Sankhya jedoch, die auf dem Wege der Meditation zu tiefen Erkenntnissen gelangt sind, wissen sehr wohl, daß Gott existiert und daß Er wahrnehmbar ist.« Der Meister erläuterte auch die christliche Bibel mit kristallener Klarheit. Durch meinen Hindu-Guru, der keiner christlichen Gemeinschaft angehörte, lernte ich den zeitlosen Gehalt der Bibel kennen und die Wahrheit des herrlichsten und kompromißlosesten Christuswortes verstehen: »Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.«11 Die großen Meister Indiens haben, wie Jesus, die höchsten göttlichen Ideale verwirklicht und sind deshalb - wie Christus selbst verkündete - seine wahren Brüder: »Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder, Schwester und Mutter.«12 »So ihr bleiben werdet an meiner Rede«, sprach Christus, »so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.«13 Die christusähnlichen Yogis Indiens, alle Meister und Herren ihrer selbst, gehören zur unsterblichen Bruderschaft derer, die das befreiende Wissen vom Einen Gott erlangt haben. 11 Matthäus 24, 35 12 Matthäus 12, 50 13 Johannes 8, 31-32. Johannes bezeugte: »Wieviele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben« (die im allgegenwärtigen Christusbewußtsein verankert sind). Johannes 1, 12 221 Wie man die Sterne überlistet »Die Geschichte von Adam und Eva ist mir unverständlich!« bemerkte ich eines Tages etwas hitzig, nachdem ich mich vergeblich bemüht hatte, diese Allegorie zu verstehen. »Warum bestrafte Gott nicht nur das schuldige Paar, sondern auch die unschuldigen, ungeborenen Nachkommen?« Meine Heftigkeit belustigte den Meister mehr als meine Unwissenheit. »Das 1. Buch Mose ist tief symbolisch und darf nicht wörtlich ausgelegt werden«, erklärte er. »Der darin erwähnte Baum des Lebens« ist der menschliche Körper. Das menschliche Rückgrat gleicht einem umgekehrten Baum: die Haare sind seine Wurzeln und die motorischen und sensorischen Nerven seine Äste. Der Baum des Nervensystems trägt viele genießbare Früchte, nämlich die Sinneswahrnehmungen (Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Tastsinn). Diese darf der Mensch rechtmäßig genießen; doch der Geschlechtsgenuß, die »Frucht« in der Mitte des Körpers (»mitten im Garten«)14, wurde ihm untersagt. Die »Schlange« ist die zusammengerollte Energie am Ende des Rückgrats, welche die Geschlechtsnerven anregt. »Adam« ist die Vernunft und »Eva« das Gefühl. Wenn das Gefühl (das Eva-Bewußtsein) des Menschen von sexuellen Impulsen beherrscht wird, kapituliert auch seine Vernunft (Adam)15.14 »Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten, aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret's auch nicht an, daß ihr nicht sterbet.« 1. Mose 3, 2-3 15 »Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß ... Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich also, daß ich aß.« 1. Mose 3, 12-13 222 Wie man die Sterne überlistet Als Gott das Menschengeschlecht erschuf, materialisierte Er kraft Seines Willens männliche und weibliche Körper und verlieh den neuen Lebewesen die Fähigkeit, sich auf ähnliche »unbefleckte« oder göttliche Weise zu vermehren16. Da alle individuellen Seelen bis dahin nur in instinktgebundenen Tierkörpern gelebt hatten, wo sie ihre Vernunft nicht voll entfalten konnten, erschuf Gott nun die ersten menschlichen Körper, die symbolisch Adam und Eva genannt werden. Diesen hauchte Er die Seelen oder göttlichen Wesenheiten zweier Tiere ein17 und gab ihnen damit die Möglichkeit zur Höherentwicklung. In Adam, dem Manne, herrschte die Vernunft vor, und in Eva, der Frau, überwog das Gefühl, womit das Prinzip der Dualität oder Polarität, das der ganzen Welt der Erscheinungen zugrunde liegt, zum Ausdruck kam. Solange sich der menschliche Geist nicht von der Schlangenkraft tierischer Gelüste verlocken läßt, verbleiben Vernunft und Gefühl gemeinsam im Himmel der Freude.18 Der menschliche Körper ist also nicht nur auf dem Wege der Evolution aus der Tierwelt hervorgegangen, sondern wurde durch einen besonderen Schöpfungsakt Gottes erschaffen. Die tierischen Formen waren zu primitiv, um der Göttlichkeit voll Ausdruck zu verleihen; den ersten Menschen wurden als einzigen Lebewesen der potentielle, allwissende »tausendblättrige Lotos« des Gehirns und die okkulten Zentren der Wirbelsäule gegeben. Gott - das göttliche Bewußtsein in dem ersten erschaffenen Paar - riet ihnen, alle Sinnenfreuden zu genießen, mit einer einzigen Ausnahme: dem Geschlechtsgenuß. Dieser war ihnen untersagt, damit die Menschheit nicht in die niedrigere, tierische Zeugungsart zurückfalle. Doch Adam und Eva beachteten die Warnung nicht und erweckten ihre im Unterbewußtsein schlummernden tierischen Instinkte, die sie dazu verleiteten, die primitive Art der Fortpflanzung wieder aufzunehmen. Und so verloren sie die paradiesische Freude, die den ersten, vollkommenen Menschen noch eigen war. Da wußten sie, »daß sie nackt waren« und verloren das Bewußtsein ihrer Unsterblichkeit - wovor Gott sie gewarnt hatte. Sie unterwarfen sich damit dem physischen Gesetz, demzufolge jeder körperlichen Geburt ein körperlicher Tod folgt. 16 »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan.« 1. Mose 1, 27-28 17 »Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.« 1. Mose 2, 7 18 »Und die Schlange (der Geschlechtstrieb) war listiger denn alle Tiere auf dem Felde (als alle anderen körperlichen Sinne).« 1. Mose 3, 1 223 Wie man die Sterne überlistet Das Wissen um »Gut und Böse«, das Eva von der »Schlange« versprochen wurde, bezieht sich auf die relativen und gegensätzlichen Erfahrungen, denen alle unter dem Einfluß der Maya stehenden Menschen ausgeliefert sind. Als der Mensch durch Mißbrauch seines Gefühls und seiner Vernunft (des Eva und Adam-Bewußtseins) unter den Einfluß der Maya geriet, verzichtete er damit auf sein Recht, den himmlischen Garten der Selbstgenügsamkeit zu betreten.19 Jedes menschliche Wesen ist persönlich verantwortlich dafür, seine »Eltern«, d.h. seine zwiespältige Natur, zu einer harmonischen Einheit oder zum Garten Eden zurückzuführen.« Als Sri Yukteswar seine Erklärungen beendet hatte, blickte ich mit neuer Ehrfurcht auf die Seiten des Alten Testaments. »Lieber Meister«, sagte ich, »zum ersten Male fühle ich Adam und Eva gegenüber so etwas wie eine Kindespflicht.«20 19 »Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen, und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.« (l. Mose 2, 8) »Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, daß er das Feld baute, davon er gekommen ist.« (l . Mose 3, 23) Der göttliche Mensch, wie er zuerst von Gott erschaffen wurde, hatte sein Bewußtsein auf das allmächtige »einfältige« Auge in der Stirn (gen Osten) gerichtet. Die auf diesen Punkt konzentrierte all-schöpferische Kraft seines Willens ging dem Menschen verloren, als er »das Feld baute«, d.h., als er seiner niedrigeren Natur nachgab. Von da an unterlag er dem irdischen Gesetz, das auf den körperlichen Tod wieder eine körperliche Geburt folgen läßt. 20 Die »Adam- und Eva-Geschichte« der Hindus wird in dem uralten Purana, der Srimad Bhagavata, beschrieben. Der erste Mann (in körperlicher Form) wird dort Swayambhuva Manu (Mensch vom Schöpfer geboren) und sein Weib Satarupa (wahres Ebenbild) genannt. Ihre fünf Kinder heirateten die Prajapatis (vollendete Wesen, die körperliche Form annehmen konnten); aus diesen ersten göttlichen Familien entstand das Menschengeschlecht. Nie wieder bin ich im Osten oder Westen irgend jemandem begegnet, der die christliche Bibel mit einer solch tiefen göttlichen Einsicht erläutern konnte wie Sri Yukteswar. »Viele Theologen haben die Worte Christi falsch ausgelegt«, sagte der Meister, »u.a. folgendes: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.« (Johannes 14, 6) Jesus wollte damit keineswegs behaupten, daß er der einzige Sohn Gottes sei, sondern daß kein Mensch das unvergleichliche Absolute, den transzendenten Vater jenseits der Schöpfung, erreichen kann, ehe er nicht den »Sohn«, d.h. das aktivierende Christusbewußtsein innerhalb der Schöpfung, offenbart hat. Jesus, der vollkommen im Christusbewußtsein aufgegangen war, identifizierte sich bereits mit diesem, denn sein Ich hatte sich schon lange aufgelöst.« (Siehe Seite 190, Fußnote) 224 Wie man die Sterne überlistet Die Worte des Paulus: »Gott ..., der alle Dinge geschaffen hat durch Jesum Christum« (Epheser 3, 9) und die Worte Jesu: »Ehe denn Abraham ward, bin ich«, (Johannes 8, 58) sind ihrem tieferen Sinn nach überpersönlich. Eine gewisse geistige Feigheit hat viele weltliche Menschen zu dem bequemen Glauben geführt, daß nur ein einziger Mensch Gottes Sohn sei. »Christus wurde auf einzigartige Weise erschaffen«, erklären sie. »Wie kann also ich, der ich nur ein Sterblicher bin, ihm gleich werden?« Dennoch sind alle Menschen als göttliche Wesen erschaffen worden und müssen eines Tages Christi Gebot befolgen, das besagt: »Darum sollt ihr vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.« (Matthäus 5, 48) »Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir Gottes Kinder sollen heißen!« (l. Johannes 3, 1) In zahlreichen Bibelstellen wird auf das Gesetz des Karmas und seine logische Folge, die Wiedergeburt (siehe Seite 334, Fußnote, 410 - 411 und Kap. 43) angespielt, so z.B. in folgender: »Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden.« (l . Mose 9, 6) Wenn jeder Mörder selbst »durch Menschen« getötet werden muß, so wird diese Vergeltungsmaßnahme in den meisten Fällen mehr als eine einzige Lebensspanne in Anspruch nehmen. Die heutige Polizei ist einfach nicht schnell genug! Die frühe christliche Kirche hatte die Lehre von der Wiedergeburt akzeptiert. Diese wurde von den Gnostikern und zahlreichen Kirchenvätern, darunter Klemens von Alexandrien, dem berühmten Origines (beide aus dem 3. Jahrhundert) und dem hl. Hieronymus (5. Jahrhundert) erläutert. Im Jahre 553 n. Chr. wurde sie im Zweiten Konzil zu Konstantinopel zum ersten Male für einen Irrglauben erklärt. Zu jener Zeit glaubten viele Christen, daß die Lehre von der Wiedergeburt dem Menschen eine zu lange Zeit- und Raumspanne gewähre und ihn deshalb nicht genügend antreibe, sich schon jetzt um Erlösung zu bemühen. Doch die Unterdrückung der Wahrheit führte zu einer Reihe erschreckender Irrtümer. Denn Millionen Menschen haben ihre »einmalige Lebenszeit« nicht ausgenutzt, um Gott zu suchen, sondern um diese Welt, die sie auf so einzigartige Weise gewonnen hatten und bald auf ewig verlieren würden, in vollen Zügen zu genießen. In Wirklichkeit aber muß sich der Mensch so lange auf Erden wiederverkörpern, bis er wieder zum Bewußtsein seiner Gotteskindschaft erwacht. Eben bin ich
durch Zufall auf eine amerikanische Seite gestossen, die tibetanische
medizinische Armreifen anbietet. So kann man einen Eindruck davon
bekommen, wie solche Armbänder aussehen und aus welchen Metallen
sie hergestellt werden. Die Internetadresse lautet: http://www.deveuve-kelly.com/ 225 Kapitel 17: Sasi und die drei Saphire Top »Da Du - ebenso wie mein Sohn - eine so hohe Meinung von Sri Yukteswar hast, will ich ihn mir einmal ansehen«, sagte Dr. Narayan Chunder Roy eines Tages zu mir. Doch sein Ton verriet, daß er sich nur herabließ, zwei halbwüchsigen Narren einen Gefallen zu tun. Ich verhielt mich wie ein geschickter »Missionar« und ließ mir meinen Unwillen nicht anmerken. Dr. Roy, von Beruf Tierarzt, war ein überzeugter Agnostiker, und sein Sohn Santosh hatte mich flehentlich gebeten, doch auf seinen Vater einzuwirken. Leider war bisher von meinem guten Einfluß nicht viel zu merken gewesen. Am folgenden Tag jedoch fuhr Dr. Roy mit mir nach Serampur. Nachdem der Meister ihm eine kurze Unterredung gewährt hatte, die größtenteils aus beiderseitigem stoischem Schweigen bestand, brach der Besucher unvermittelt auf. »Warum bringst du mir einen Toten in den Ashram?« fragte Sri Yukteswar, sobald sich die Tür hinter dem Skeptiker geschlossen hatte. »Meister! Der Doktor ist im höchsten Grade lebendig!«»Er wird aber binnen kurzem sterben.« Ich war zutiefst erschrocken. »Guruji, das wird ein furchtbarer Schlag für seinen Sohn sein. Santosh hofft noch immer, daß sich die materialistische Einstellung seines Vaters mit der Zeit ändert. Bitte, Meister, helft diesem Mann!« »Gut - dir zuliebe will ich es tun«, sagte mein Guru mit unbewegter Miene. »Der stolze Pferdedoktor ist hochgradig zuckerkrank, obwohl er nichts davon weiß. In 15 Tagen wird er sich niederlegen müssen, und die Ärzte werden ihn aufgeben. Genau heute in sechs Wochen ist seine Zeit gekommen, die Erde zu verlassen. Doch aufgrund deiner Fürbitte wird er an diesem Tag genesen - allerdings nur unter einer Bedingung: du mußt ihn dazu bewegen, einen astrologischen Armreif zu tragen.« Und lachend fügte der Meister hinzu: »Er wird sich wahrscheinlich genauso wild dagegen sträuben wie seine Pferde gegen eine Operation.« 226 Sasi und die drei Saphire Als ich mir gerade schweigend überlegte, wie Santosh und ich den Doktor am besten dazu überreden könnten, machte Sri Yukteswar mir noch weitere Mitteilungen: »Sobald er wieder gesund ist, rate ihm, kein Fleisch mehr zu essen. Er wird den Rat jedoch nicht befolgen und in sechs Monaten, gerade dann, wenn er sich am besten fühlt, plötzlich tot umfallen.« Dann fügte der Guru hinzu: »Diese sechsmonatige Verlängerung seines Lebens wird ihm nur aufgrund deiner Bitte gewährt.« Am folgenden Tag riet ich Santosh, beim Juwelier einen Armreif zu bestellen, der auch in einer Woche fertig war. Doch Dr. Roy weigerte sich, ihn zu tragen. »Mir geht es gesundheitlich ausgezeichnet«, sagte er, indem er mir einen kriegerischen Blick zuwarf. »Ihr werdet mich nie von diesem astrologischen Aberglauben überzeugen können!« Mit heimlicher Belustigung mußte ich an die Worte des Meisters denken, der diesen Mann mit einem störrischen Pferd verglichen hatte. Nach sieben Tagen wurde der Doktor plötzlich krank und erklärte sich endlich bereit, den Armreif zu tragen. Zwei Wochen später teilte mir der anwesende Arzt mit, daß die Krankheit des Patienten ein hoffnungsloser Fall sei, und gab mir nähere Einzelheiten über die verheerenden Wirkungen des Diabetes bekannt. Ich aber schüttelte den Kopf. »Mein Guru hat gesagt, daß Dr. Roy nach einem Monat von seiner Krankheit genesen wird.« Der Arzt starrte mich ungläubig an. Vierzehn Tage später jedoch suchte er mich mit reumütiger Miene auf. »Dr. Roy ist vollkommen wiederhergestellt«, rief er aus. »Ein derartiger Fall ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. Nie habe ich erlebt, daß ein Sterbender auf solch unerklärliche Weise zum Leben zurückkehrt. Euer Guru muß in der Tat ein Prophet sein, der über große Heilkräfte verfügt.« 227 Sasi und die drei Saphire Kurz darauf hatte ich eine Unterredung mit Dr. Roy und mahnte ihn erneut, die von Sri Yukteswar empfohlene fleischlose Kost einzuhalten. Danach sah ich ihn sechs Monate nicht mehr. Eines Abends jedoch, als ich auf der Veranda meines Elternhauses saß, kam er vorbei und blieb einen Augenblick stehen, um sich mit mir zu unterhalten. »Sag deinem Lehrer, daß ich durch häufigen Fleischgenuß meine Kraft voll und ganz wiedergewonnen habe. Glücklicherweise habe ich mich nicht von seinen unwissenschaftlichen Ideen über Ernährung beeinflussen lassen.« Dr. Roy sah in der Tat aus wie das blühende Leben. Am folgenden Tag jedoch kam Santosh, der im anliegenden Häuserblock wohnte, zu mir herübergestÜrzt. »Heute morgen ist Vater tot umgefallen!« Dies war eines der seltsamsten Erlebnisse, die mir durch den Meister zuteil wurden. Er hatte den rebellischen Tierarzt trotz seines Unglaubens geheilt und ihm das Leben um sechs Monate verlängert, nur weil ich ihn dringend darum gebeten hatte. Sri Yukteswars Güte war grenzenlos, wenn es darum ging, die aufrichtige Bitte eines Schülers zu erhören. Ich betrachtete es immer als mein stolzes Vorrecht, wenn ich meine Universitätsfreunde zu Sri Yukteswar führen durfte. Viele von ihnen legten - zumindest im Ashram - ihren bei der modernen akademischen Jugend üblichen Skeptizismus ab. Einer meiner Freunde namens Sasi verbrachte manch glückliches Wochenende in Serampur. Der Meister empfand eine besondere Zuneigung zu dem jungen und bedauerte nur, daß er ein so unstetes und liederliches Leben führte. »Sasi, wenn du dich nicht besserst, wirst du in einem Jahr schwer krank werden«, sagte Sri Yukteswar eines Tages, indem er meinen Freund zärtlich und zugleich vorwurfsvoll anblickte. »Mukunda ist mein Zeuge. Sage später nicht, daß ich dich nicht gewarnt hätte.« Sasi lachte. »Meister, ich bin ein hoffnungsloser Fall und überlasse es daher ganz Euch, den Kosmos zur Barmherzigkeit zu bewegen. Mein Geist ist willig, aber mein Wille ist schwach. Ihr seid meine einzige Rettung auf Erden; ich glaube an nichts anderes als an Euch!« 228 Sasi und die drei Saphire »Du müßtest wenigstens einen blauen Saphir von zwei Karat tragen; der würde dir helfen.« »Ich kann mir keinen leisten. Aber was auch kommen mag, lieber Guruji, ich glaube fest daran, daß ihr mich beschützen werdet, wenn ich in Schwierigkeiten gerate.« »In einem Jahr wirst du mir drei Saphire bringen«, erwiderte Sri Yukteswar. »Doch dann werden sie dir nichts mehr nützen.« Ähnliche Unterhaltungen wiederholten sich des öfteren. Und jedes mal erwiderte Sasi mit komischer Verzweiflung: »Ich kann mich nicht bessern. Und mein Vertrauen in Euch, Meister, ist meiner Ansicht nach mehr wert als alle Edelsteine.« Ein Jahr war vergangen; da besuchte ich meinen Guru eines Tages im Hause seines Jüngers Naren Babu in Kalkutta. Gegen 10 Uhr morgens, als ich mit Sri Yukteswar im Wohnzimmer des oberen Stockwerks saß, hörte ich die Eingangstür gehen. Und im selben Augenblick nahm der Meister eine starre Haltung an. »Das ist Sasi«, sagte er ernst. »Das Jahr ist um, und seine beiden Lungenflügel sind zerstört. Er hat meinen Rat unbeachtet gelassen. Sage ihm, daß ich ihn nicht sehen will.« Tief erschrocken über Sri Yukteswars strengen Ton rannte ich die Treppe hinunter, die Sasi gerade heraufkam. »0h, Mukunda, hoffentlich ist der Meister da! Ich hatte so ein Gefühl, als ob ich ihn hier antreffen würde.« »Ja, aber er möchte nicht gestört werden.« Sasi brach in Tränen aus und stürmte an mir vorbei. Dann warf er sich Sri Yukteswar zu Füßen und legte drei wunderschöne Saphire vor ihn hin. »Allwissender Guru, die Ärzte sagen, daß ich Lungentuberkulose habe, und geben mir nur noch drei Monate zu leben. Ich flehe Euch demütig an, mir zu helfen; ich weiß, daß ihr mich heilen könnt.« »Ist es jetzt nicht ein wenig spät, dir Gedanken über dein Leben zu machen? Nimm deine Juwelen und geh! Die Zeit, wo sie dir nützlich sein konnten, ist vorbei.« Dann saß der Meister, wie eine Sphinx, in unnachgiebigem Schweigen da; nur das Schluchzen des um Gnade flehenden Jungen unterbrach hin und wieder die Stille. 229 Sasi und die drei Saphire Meine Intuition sagte mir, daß Sri Yukteswar Sasis Glauben an die göttliche Heilkraft nur auf die Probe stellen wollte. Und so war ich nicht weiter überrascht, als der Meister nach einer bangen Stunde mitfühlend auf meinen Freund hinabblickte, der noch immer zu seinen Füßen lag. »Steh auf, Sasi! Was für einen Aufruhr du hier im Haus eines Fremden machst. Bring dem Juwelier die Saphire zurück, denn sie sind jetzt nur noch eine unnötige Ausgabe. Besorge dir statt dessen einen astrologischen Armreif und trage ihn ständig. Fürchte dich nicht; in einigen Wochen wirst du gesund sein.« Da erhellte sich Sasis tränenüberströmtes Antlitz wie eine Regenlandschaft beim plötzlichen Durchbruch der Sonne. »Geliebter Guru, soll ich die von den Ärzten verordnete Medizin einnehmen?« »Wie du willst. Nimm sie oder laß sie stehen. Das hat nichts mehr zu bedeuten. Eher werden Sonne und Mond ihren Platz am Himmel vertauschen, als daß du an Tuberkulose stirbst.« Dann aber fügte Sri Yukteswar brüsk hinzu: »Geh jetzt, ehe ich mich anders besinne!« Da verneigte sich mein Freund hastig und eilte davon. Während der folgenden Wochen besuchte ich ihn mehrmals und sah mit Schrecken, daß sich sein Zustand von Tag zu Tag verschlechterte. »Sasi wird die Nacht nicht überleben«, sagte mir sein Arzt eines Tages. Mein Freund war in der Tat zum Skelett abgemagert, so daß ich erschrocken zu Sri Yukteswar nach Serampur eilte. Der Guru hörte sich meinen tränenreichen Bericht teilnahmslos an. »Warum kommst du eigens her und belästigst mich deswegen? Wie du bereits gehört hast, habe ich Sasi die Versicherung gegeben, daß er gesund wird.« Ich verneigte mich ehrfürchtig vor ihm und ging zur Tür. Sri Yukteswar sprach kein Wort des Abschieds, sondern versank in tiefes Schweigen. Seine halbgeöffneten Augen bewegten sich nicht; sie waren auf eine andere Welt gerichtet. 230 Sasi und die drei Saphire Ich fuhr sofort nach Kalkutta zurück und suchte meinen Freund auf. Zu meinem Erstaunen sah ich ihn im Bett sitzen und Milch trinken. »0h, Mukunda, ein Wunder ist geschehen! Vor vier Stunden fühlte ich die Gegenwart des Meisters in meinem Zimmer, und die furchtbaren Symptome verschwanden sofort. Ich weiß, daß ich nur durch seine Gnade gesund geworden bin.« Einige Wochen später war Sasi kräftiger und gesünder als je zuvor1. Er zeigte sich jedoch wenig dankbar für seine Heilung und besuchte Sri Yukteswar nur noch selten. Eines Tages erklärte er mir, daß er seinen ehemaligen Lebenswandel so sehr bereue, daß er sich schäme, dem Meister unter die Augen zu treten. Ich konnte daraus nur schließen, daß seine Krankheit die widersprüchliche Wirkung gehabt hatte, seinen Willen zu stärken und seine Manieren zu verschlechtern. Meine ersten beiden Studienjahre an der Scottish-Church Universität näherten sich ihrem Ende. Ich hatte die Vorlesungen ziemlich unregelmäßig besucht; ab und zu lernte ich ein wenig, um meine Familie zufrieden zu stellen. Meine beiden Privatlehrer kamen zwar regelmäßig ins Haus, doch ich war regelmäßig abwesend. Dies ist die einzige Regelmäßigkeit während meines Studiums, an die ich mich erinnern kann. In Indien erhält der Student nach erfolgreichem Abschluß der ersten vier Semester ein Vordiplom. Danach muß er noch weitere vier Semester studieren, ehe er seine eigentliche Diplomprüfung ablegen kann. Ich sah das Vorexamen wie eine drohende Gewitterwolke auf mich zukommen und flüchtete zu meinem Guru, der sich gerade für einige Wochen in Puri aufhielt. Ich erklärte ihm sogleich, wie unvorbereitet ich sei, und hoffte heimlich, daß er sagen würde, ich brauche nicht zur Prüfung zu erscheinen. Doch Sri Yukteswar lächelte und sagte tröstend: »Du hast dich mit ganzer Seele auf deine geistigen Pflichten konzentriert und daher dein Universitätsstudium vernachlässigen müssen. 1 1936 hörte ich von einem Freund, daß Sasi sich noch immer bester Gesundheit erfreute. 231 Sasi und die drei Saphire Wenn du dich aber in der nächsten Woche fleißig mit deinen Büchern beschäftigst, wirst du die Prüfung mit Sicherheit bestehen.« Ich kehrte nach Kalkutta zurück und versuchte alle vernünftigen, begründeten Zweifel, die hin und wieder in mir aufstiegen, energisch zu unterdrücken. Als ich mir jedoch die Berge von Büchern auf meinem Tisch ansah, kam ich mir vor wie ein Wanderer, der sich im Urwald verlaufen hatte. Nach einer langen Meditation hatte ich schließlich eine Eingebung, die mir viel Arbeit ersparte. Ich öffnete jedes Buch aufs Geratewohl und beschäftigte mich nur mit den Seiten, die aufgeschlagen vor mir lagen. Nachdem ich auf diese Weise eine Woche lang täglich 18 Stunden lang studiert hatte, hielt ich mich für einen Experten in der Kunst des Einpaukens. Die folgenden Tage in den Prüfungssälen rechtfertigten dann auch meine scheinbar auf gut Glück ausprobierte Methode. Ich bestand alle Prüfungen - wenn auch nur knapp. Meine Freunde und Familienangehörigen beglückwünschten mich unter Scherzworten und erstaunten Ausrufen. Als Sri Yukteswar aus Puri zurückkehrte, brachte er mir eine freudig-überraschende Nachricht mit. »Deine Studienjahre in Kalkutta sind nun vorüber«, sagte er. »Ich werde dafür sorgen, daß du die letzen beiden Universitätsjahre hier in Serampur verbringst.« »Meister«, sagte ich verblüfft, »hier gibt es doch keine Abschlußstufe der philosophischen Fakultät!- Die Universität in Serampur war die einzige Hochschule am Ort und bot nur den zweijährigen Lehrgang der Unter- und Mittelstufe. Der Meister lächelte verschmitzt. »Ich bin zu alt, um selbst herumzugehen und Spenden für den Aufbau der philosophischen Fakultät zu sammeln. Darum muß ich die Angelegenheit wohl durch jemand andern erledigen lassen.« Zwei Monate später gab Professor Howells, der Rektor der Universität, öffentlich bekannt, daß es ihm gelungen sei, einen Fonds zu schaffen, der den Studenten von nun an ein vierjähriges Universitätsstudium ermöglichte. Damit wurde die Universität von Serampur zu einem vollwertigen Zweiginstitut der Universität Kalkutta. Ich war einer der ersten Studenten, die sich in Serampur für die Oberstufe immatrikulieren ließen. 232 Sasi und die drei Saphire »Guruji, Ihr seid so gut zu mir! Schon immer habe ich mir gewünscht, jeden Tag bei Euch in Serampur sein zu können. Professor Howells hat keine Ahnung, wie viel er Eurer schweigenden Hilfe zu verdanken hat.« Sri Yukteswar schaute mich mit gespieltem Ernst an: »Jetzt, wo du nicht mehr so viele Stunden im Zug zu sitzen brauchst, hast du viel freie Zeit für dein Studium. Sicher wirst du dir dein Wissen nun nicht mehr in letzter Minute einpauken, sondern dich endlich zu einem richtigen Studenten entwickeln.« Irgendwie aber mangelte es seinem Ton an Überzeugung2.2 Gleich vielen anderen weisen Männern bedauerte auch Sri Yukteswar die ganz auf den Materialismus ausgerichteten modernen Erziehungsmethoden. Es gibt kaum noch Schulen, in denen man die Gesetze, die zu wahrem Glück führen, erwähnt und die Schüler lehrt, daß Weisheit nur durch ein »gottesfürchtiges« Leben erlangt werden kann. Heutzutage lernen die Jugendlichen in den Schulen und auf den Universitäten, daß der Mensch nichts als ein »höher entwickeltes Tier« ist, und werden daher oft zu Atheisten. Aus diesem Grunde haben sie auch nicht das Verlangen, ihre Seele zu erforschen, und wissen nicht, daß sie ihrem ureigensten Wesen nach »Ebenbilder Gottes« sind. Emerson bemerkte einmal: »Nur das, was in uns liegt, können wir auch in der Außenwelt wahrnehmen. Wenn wir keinen Göttern begegnen, so deshalb nicht, weil wir keine in uns tragen.« Wer also von der Wirklichkeit seiner tierischen Natur überzeugt ist, schaltet von vornherein jede göttliche Höherentwicklung aus. Ein Erziehungssystem, das nicht den GEIST in den Mittelpunkt des menschlichen Lebens stellt, lehrt Avidya, d.h. falsches Wissen. »Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts! Und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.« (Offenbarung 3, 17) 233 Sasi und die drei Saphire 234 Kapitel 18: Der mohammedanische Magier Top »Vor Jahren führte mir ein mohammedanischer Magier in diesem selben Zimmer, das du jetzt bewohnst, vier Zauberkunststücke vor«, sagte Sri Yukteswar zu meiner großen Überraschung, als er mich das erste Mal in meinem neuen Logis besuchte. Ich hatte mir gleich nach meiner Immatrikulation an der Universität Serampur ein Zimmer in der nahegelegenen Panthi-Pension1, einem altmodischen Backsteingebäude am Ganges, gemietet. »Meister, was für ein merkwürdiger Zufall! Können diese frisch gestrichenen Wände wirklich von alten Erinnerungen reden?« Ich schaute mich mit plötzlichem Interesse in dem einfach möblierten Raum um. »Das ist eine lange Geschichte«, sagte mein Guru mit versonnenem Lächeln. »Der Name des Fakirs2, der seine außergewöhnlichen Fähigkeiten einer zufälligen Begegnung mit einem Hindu-Yogi verdankte, war Afzal Khan. Afzal war noch ein Kind und lebte in einem kleinen Dorf Ost-Bengalens, als er eines Tages von einem staubbedeckten Sannyasi angesprochen wurde: Mein Sohn, ich bin durstig; hol mir etwas Wasser!« »Meister, ich bin Mohammedaner. Wie könnt ihr als Hindu einen Trank aus meiner Hand entgegennehmen?« »Deine Aufrichtigkeit gefällt mir, mein Kind. Ich kümmere mich jedoch nicht um die Ächtungen religiöser Fanatiker. Geh und bring mir schnell etwas Wasser!« 1 Studentenwohnheim; Pantha = Wanderer, Wahrheitssucher 2 Fakir = ein mohammedanischer Yogi; von dem arabischen Wort faqir = »arm« abgeleitet. Ursprünglich nur auf Derwische angewandt, die das Gelübde der Armut abgelegt hatten. 235 Der mohammedanische Magier Als Afzal dem Yogi ehrfürchtig gehorchte, belohnte ihn dieser mit einem liebevollen Blick. »Du besitzt gutes Karma aus früheren Leben«, sagte er mit gewichtiger Stimme. »Ich werde dich eine bestimmte Yoga-Methode lehren, die dir Herrschaft über eine der unsichtbaren Sphären verleiht. Du darfst die außergewöhnlichen Kräfte, die dir dadurch zuteil werden, jedoch nur zu edlen Zwecken gebrauchen und keinen persönlichen Nutzen daraus ziehen. Ich sehe leider auch, daß du von vergangenen Leben her noch einige verderbliche Neigungen in dir trägst. Hüte dich davor, sie durch weitere böse Taten zu nähren. Dein Karma ist so verwickelt, daß du dein jetziges Leben dazu nutzen mußt, um deine Yoga-Künste mit höchsten humanitären Zielen zu verbinden.« Dann weihte der Meister den erstaunten Jungen in eine komplizierte Yoga-Technik ein und verschwand. Zwanzig fahre lang übte Afzal getreulich seine Yoga-Technik und wurde bald wegen seiner Wundertaten weit und breit bekannt. Er schien ständig in Begleitung eines körperlosen Geistes zu sein, den er »Hazrat« nannte. Dieses unsichtbare Wesen besaß die Fähigkeit, jeden Wunsch des Fakirs zu erfüllen. Schließlich aber begann Afzal die Warnung seines Meisters in den Wind zu schlagen und seine Kräfte zu mißbrauchen. Jeder Gegenstand, den er in die Hand nahm und dann wieder an Ort und Stelle legte, verschwand kurz darauf spurlos. Diese beunruhigende Tatsache machte den Mohammedaner überall zu einem unerwünschten Gast. Von Zeit zu Zeit suchte er in Kalkutta große Juweliergeschäfte auf und gab vor, am Kauf gewisser Schmuckstücke interessiert zu sein. Jeder Edelstein, den er berührte, verschwand, kurz nachdem er den Laden verlassen hatte. Afzal war oft von mehreren hundert Schülern umringt, die alle hofften, ihm sein Geheimnis abzulauschen. Manchmal lud der Fakir sie ein, mit ihm zu reisen. Auf dem Bahnhof gelang es ihm, einen Stoß Fahrkarten zu berühren, die er dem Beamten etwas später mit den Worten zurückgab: »Ich habe es mir anders überlegt, ich brauche sie doch nicht.~ Sobald Afzal aber mit seinem Gefolge den Zug bestieg, war er im Besitz der nötigen Fahrkarten.3 3 Mein Vater erzählte mir später, daß die Bengal-Nagpur-Eisenbahngesellschaft, wo er arbeitete, ebenfalls zu den Opfern Afzal Khans gehört hatte. 236 Der mohammedanische Magier Diese »Heldentaten« riefen überall helle Empörung hervor. Die Juweliere und Fahrkartenverkäufer in Bengalen waren einem Nervenzusammenbruch nahe. Und die Polizei, die Afzal zu verhaften versuchte, war machtlos, weil der Fakir jedes Beweisstück entfernen konnte, indem er sprach: »Hazrat, nimm dies weg!« Sri Yukteswar erhob sich und trat auf den Balkon meines Zimmers, der zum Ganges hinausführte. Ich folgte ihm, begierig, mehr von den erstaunlichen Kunststücken des Mohammedaners zu erfahren. »Dieses Panthi-Haus gehörte früher einem meiner Freunde, der die Bekanntschaft Afzals gemacht hatte und ihn eines Tages in sein Haus bat. Außerdem lud mein Freund etwa zwanzig Nachbarn ein, darunter auch mich. Ich war damals noch jung und daher recht neugierig auf den berühmten Fakir«, sagte der Meister lachend. »Aber ich war vorsichtig genug, keine Wertsachen bei mir zu tragen. Afzal schaute mich forschend an und sagte dann: »Du hast kräftige Hände. Geh hinunter in den Garten, such dir einen glatten Stein und schreibe mit Kreide deinen Namen darauf. Dann wirf den Stein so weit wie möglich in den Ganges hinaus!« Ich gehorchte. Sobald der Stein in den fernen Wellen untergegangen war, wandte sich der Mohammedaner wiederum an mich: »Geh jetzt vors Haus und bringe einen Krug mit Gangeswasser herauf!« Als ich mit dem vollen Gefäß zurückkehrte, rief der Fakir: »Hazrat, tu den Stein in den Krug!« Und sogleich wurde der Stein sichtbar. Ich nahm ihn aus dem Gefäß heraus und erkannte deutlich meine Handschrift auf ihm wieder. Einer meiner Freunde, Babu4, der sich ebenfalls mit im Raum befand, trug eine altertümliche, schwere goldene Uhr mit Kette. Der Fakir untersuchte sie voller Bewunderung, was uns von übler Vorbedeutung schien. Bald darauf war sie verschwunden.4 Ich besinne mich nicht mehr auf den Namen von Sri Yukteswars Freund und nenne ihn daher einfach »Babu« (Herr). 237 Der mohammedanische Magier »Afzal, gib mir bitte mein kostbares Erbstück zurück«, sagte Babu, den Tränen nahe. Der Mohammedaner schwieg eine Weile beharrlich und sagte dann: »Du hast 500 Rupien in einem eisernen Safe. Bring sie mir, dann will ich dir sagen, wo du deine Uhr wiederfinden kannst.« Völlig verstört begab sich Babu nach Hause und kam kurz darauf zurück, um Afzal die geforderte Summe auszuhändigen. »Geh zu der kleinen Brücke vor deinem Haus«, sagte der Fakir zu Bahn, und rufe dort nach Hazrat, damit er dir Uhr und Kette zurückgibt.« Babu eilte davon. Als er zurückkehrte, lächelte er erleichtert, hatte aber kein einziges Schmuckstück mehr bei sich. »Als ich Hazrat den entsprechenden Befehl gab«, erklärte er, fiel meine Uhr aus der Luft herab in meine rechte Hand. Ihr könnt euch darauf verlassen, daß ich das Erbstück sofort in meinen Safe einschloß, ehe ich wieder herkam.« Babus Freunde, die Zeugen dieser tragikomischen Auslösung der Taschenuhr gewesen waren, starrten Afzal feindselig an. Dieser aber versuchte sie schnell zu versöhnen, indem er sprach: »Sagt mir, was ihr zu trinken haben wollt. Hazrat wird es sofort herbeischaffen.« Einige baten um Milch, andere um Obstsaft. Ich war nicht sonderlich überrascht, als der entnervte Babu um Whisky bat. Dann gab der Mohammedaner den Auftrag weiter, und der zuvorkommende Hazrat sandte versiegelte Gefäße aus der Luft herab, die dumpf auf dem Boden aufprallten. Jeder fand darunter das von ihm gewünschte Getränk. Das vierte Zauberkunststück des Tages kam unserem Gastgeber zweifellos sehr gelegen: Afzal erbot sich, im Nu eine Mahlzeit herbeizuzaubern. »Wir wollen die teuersten Gerichte bestellen«, schlug Babu mit finsterer Miene vor. »Ich verlange ein auserlesenes Mahl für meine 500 Rupien. Und alles soll auf goldenen Tellern serviert werden!« 238 Der mohammedanische Magier Sobald jeder seine Wünsche geäußert hatte, wandte sich der Fakir an den unerschöpflichen Hazrat; und gleich darauf ertönte ein lautes Geklapper. Goldene Teller mit ungewöhnlich schmackhaftem Curry, warmen Luchis und vielen Früchten außer der Jahreszeit kamen aus der Luft herabgesegelt und landeten zu unseren Füßen. Alle Gerichte waren köstlich, und das Festmahl dauerte etwa eine Stunde. Als wir uns schließlich erhoben und den Raum verließen, setzte plötzlich ein ungeheurer Lärm ein, als würden Teller übereinandergestapelt. Erschrocken drehten wir uns alle um, und siehe da! die funkelnden Teller und Überbleibsel der Mahlzeit waren spurlos verschwunden.« »Guruji«, unterbrach ich ihn, »wenn Afzal mühelos solche Dinge wie goldene Teller herbeizaubern konnte, warum trachtete er dann nach dem Eigentum anderer?« »Der Fakir war geistig noch nicht hoch entwickelt«, erklärte Sri Yukteswar. »Da er aber eine bestimmte Yoga-Technik beherrschte, hatte er Zugang zu einer astralen Sphäre, in der sich jeder Wunsch augenblicklich verwirklicht. Durch Vermittlung eines astralen Wesens namens Hazrat sowie durch seinen eigenen machtvollen Willen konnte der Mohammedaner die Atome, die zur Materialisierung eines bestimmten Gegenstandes benötigt werden, aus der Energie des Äthers herbeiziehen. Doch diese durch astrale Methoden erzeugten Gegenstände sind organisch nur von kurzer Dauer; man kann sie nicht lange behalten5. Afzal verlangte noch nach irdischen Gütern, die, obwohl schwieriger zu erwerben, von bleibenderer Dauer sind.« Ich lachte. »Auch diese verschwinden manchmal auf unerklärliche Weise!« »Afzal besaß keine Gottverwirklichung«, fuhr der Meister fort. »Dauerhafte, segenbringende Wunder können nur von großen Heiligen vollbracht werden, die sich in vollkommener Harmonie mit dem allmächtigen Schöpfer befinden. Afzal war nur ein gewöhnlicher Mensch, der die außergewöhnliche Macht besaß, in subtilere Bereiche einzudringen, zu denen die Sterblichen meist erst nach ihrem Tode Zutritt erhalten.« 5 Auch mein silbernes Amulett, das astraler Herkunft war, mußte schließlich wieder von dieser Erde verschwinden. (Die Astralwelt wird in Kapitel 43 beschrieben.) 239 Der mohammedanische Magier »Jetzt verstehe ich, Guruji. Das Jenseits scheint mancherlei Anziehungspunkte zu haben.« Der Meister stimmte mir zu. »Ich sah Afzal nach diesem Tage nie wieder. Einige Jahre später jedoch brachte mir Babu einen Zeitungsausschnitt, der die öffentliche Beichte des Mohammedaners enthielt. Diesem Artikel entnahm ich auch, daß Afzal, wie ich dir soeben erzählt habe, schon in jungen Jahren von einem Hindu-Guru eingeweiht worden war.« Der letzte Teil der Bekanntmachung lautete, soweit Sri Yukteswar sich entsinnen konnte, wie folgt: »Ich, Afzal Khan, schreibe diesen Bericht freiwillig nieder, um öffentlich Buße zu tun und um all diejenigen, die nach dem Besitz übernatürlicher Kräfte streben, zu warnen. Jahrelang habe ich die außergewöhnlichen Fähigkeiten, die mir durch die Gnade Gottes und meines Meisters zuteil geworden waren, mißbraucht. Vom Rausch der Selbstsucht erfaßt, glaubte ich, über alle menschlichen Sittengesetze erhaben zu sein. Dann aber kam für mich der Tag der Abrechnung. Unlängst begegnete ich auf einer Landstraße, kurz vor Kalkutta, einem alten Mann, der sich nur mühsam hinkend fortbewegte. Er trug einen glänzenden Gegenstand in der Hand, der wie Gold aussah. Voller Habgier redete ich ihn an: »Ich bin Afzal Khan, der große Fakir. Was trägst du da?« »Dieser Goldklumpen ist mein einziger irdischer Besitz und hat für einen Fakir sicherlich keinen Wert. Ich bitte Euch aber flehentlich, Herr, mich von meiner Lähmung zu heilen.« Doch ich berührte nur den Goldklumpen und ging weiter, ohne eine Antwort zu geben. Der alte Mann humpelte mir nach und schrie bald darauf entsetzt auf: »Mein Gold ist verschwunden!« Als ich ihm jedoch keinerlei Beachtung schenkte, sprach er plötzlich mit einer gewaltigen Stimme, die man seinem gebrechlichen Körper kaum zugetraut hätte: »Erkennst du mich nicht?« Sprachlos vor Schreck blieb ich stehen, denn ich erkannte zu spät, daß dieser unscheinbare alte Krüppel niemand anders war als der große Heilige, der mich vor langer, langer Zeit in den Yoga eingeweiht hatte. Er richtete sich nun auf und nahm augenblicklich wieder seine kraftvolle, jugendliche Gestalt an. 240 Der mohammedanische Magier »So!« sagte mein Guru mit zornigem Blick, »ich sehe jetzt mit eigenen Augen, daß du deine Kräfte nicht dazu gebrauchst, um der leidenden Menschheit zu helfen, sondern um sie wie ein gewöhnlicher Dieb zu berauben. Ich nehme hiermit deine okkulten Fähigkeiten zurück, und Hazrat steht dir von jetzt an nicht mehr zur Verfügung. Nicht länger sollst du das Schreckgespenst von Bengalen sein!« Mit angstvoller Stimme rief ich nach Hazrat, doch zum erstenmal erschien er nicht mehr vor meinem inneren Blick. Aber ein dunkler Schleier wurde mir plötzlich von der Seele gerissen, so daß ich mein lasterhaftes Leben klar überblicken konnte. »Mein Guru, ich danke Euch, daß ihr gekommen seid, um mich von meiner langjährigen Täuschung zu befreien«, schluchzte ich, indem ich mich ihm zu Füßen warf. »Ich verspreche, allem weltlichen Ehrgeiz zu entsagen und mich in die Berge zurückzuziehen, um dort in der Einsamkeit über Gott zu meditieren. Auf diese Weise hoffe ich, meine bösen Taten sühnen zu können.« Mein Meister schaute mich schweigend und mitfühlend an. »Ich bin von deiner Aufrichtigkeit überzeugt«, sagte er schließlich. »Weil du in deinen jungen Jahren strengen Gehorsam geübt hast und jetzt ehrliche Reue empfindest, will ich dir eine Gnade gewähren: »Alle anderen Kräfte sind dir genommen, doch jedes mal, wenn du Nahrung oder Kleidung brauchst, wird Hazrat sie dir noch gewähren. Widme dich in der Einsamkeit der Berge von ganzem Herzen der Suche nach Gott.« Damit entschwand mein Guru und überließ mich meinen Betrachtungen und meinen Tränen. »Lebe wohl, Welt! Ich nehme Abschied von dir, um Vergebung beim Kosmischen Geliebten zu suchen.« 241 Kapitel: 19: Mein in Kalkutta weilender Meister erscheint in Serampur Top »Es kann sein, dass ich ein Atheist bin, denn ich werde oft von Zweifeln angefallen. Und dennoch verfolgt mich immer der Gedanke, ob der Seele nicht noch ungeahnte Möglichkeiten offen stehen, ob der Mensch nicht seine eigentliche Bestimmung verfehlt, wenn er es versäumt, sie zu erforschen?« Diese Bemerkungen kamen von Dijen Babu, meinem Zimmergenossen aus der Panthi-Pension, den ich soeben aufgefordert hatte, meinen Guru zu besuchen. »Sri Yukteswarji wird dich in den Kriya-Yoga einweihen«, erwiderte ich; »dadurch wirst du eine innere Gewißheit erlangen, die allen Zwiespalt beseitigt.« Noch am selben Abend begleitete mich Dijen zur Einsiedelei und fühlte in der Gegenwart des Meisters einen solch tiefen Frieden, daß er bald zu den ständigen Besuchern des Ashrams zählte. Unsere alltäglichen Beschäftigungen können uns im Innersten nicht befriedigen, denn in jedem Menschen schlummert der Drang nach höheren Erkenntnissen. Sri Yukteswars Worte hatten Dijen angespornt, nach seinem wahren Selbst zu suchen, das in unserem eigenen Innern liegt und nicht mit dem oberflächlichen Ich dieser vergänglichen Inkarnation verwechselt werden darf. Da Dijen und ich beide die Vorlesungen der philosophischen Fakultät besuchten, hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, nach dem Kolleg gemeinsam zum Ashram zu gehen. Oft blickte Sri Yukteswar uns schon vom Balkon aus entgegen und hieß uns lächelnd willkommen. Eines Nachmittags jedoch empfing uns Kanai, ein junger Schüler der Einsiedelei, mit einer enttäuschenden Nachricht an der Tür. »Der Meister ist nicht hier; er hat einen Eilbrief erhalten und ist gleich darauf nach Kalkutta gefahren.« 242 Mein in Kalkutta weilender Meister erscheint in Serampur Am nächsten Tag bekam ich eine Postkarte, auf der mir mein Guru folgendes mitteilte: »Ich verlasse Kalkutta Mittwoch früh. Du kannst mich mit Dijen um 9 Uhr morgens vom Bahnhof abholen.« Doch am Mittwochmorgen um halb 9 Uhr empfing ich blitzartig folgende telepathische Botschaft von Sri Yukteswar: »Ich hin aufgehalten worden. Kommt nicht zum 9-Uhr-Zug!« Ich teilte Dijen, der sich gerade zum Gehen fertig machte, die soeben erhaltene Nachricht mit. »Du mit deiner Intuition!« rief mein Freund spöttisch aus. »Ich verlasse mich lieber auf das geschriebene Wort des Meisters.« Ich zuckte die Schultern und setzte mich dann ruhig und entschlossen nieder. Dijen aber murmelte ärgerlich vor sich hin und ging hinaus, wobei er die Tür geräuschvoll hinter sich zuschlug. Da es ziemlich dunkel im Zimmer war, setzte ich mich ans Fenster, das auf die Straße hinausging. Plötzlich verwandelte sich das spärliche Sonnenlicht in eine strahlende Helligkeit, in der das vergitterte Fenster vollkommen verschwand. Und gegen diesen leuchtenden Hintergrund hob sich klar und deutlich die materialisierte Gestalt Sri Yukteswars ab. Verwirrt und fast erschrocken erhob ich mich von meinem Stuhl und kniete vor meinem Guru nieder, um mit der üblichen ehrfurchtsvollen Geste seine Füße zu berühren. Er trug die mir bekannten orange gefärbten Leinenschuhe mit den aus Stricken geformten Sohlen. Seine ockerfarbene Swami-Robe streifte mich, und ich fühlte deutlich den Stoff des Gewandes, die rauhe Oberfläche der Schuhe und den Druck der darunter liegenden Zehen. Zu überrascht, um ein Wort hervorbringen zu können, stand ich auf und schaute ihn fragend an. »Ich freue mich, daß du meine telepathische Botschaft erhalten hast«, sagte der Meister ruhig und mit völlig normaler Stimme. »Ich habe jetzt meine Geschäfte in Kalkutta erledigt und treffe mit dem 10-Uhr-Zug in Serampur ein.« Während ich ihn noch sprachlos anstaunte, fuhr er fort: »Dies ist keine Erscheinung, sondern mein wirklicher Körper. Ich erhielt den göttlichen Auftrag, dir dieses Erlebnis zu vermitteln, was nur sehr wenigen auf Erden vergönnt ist. Geh jetzt mit Dijen zum Bahnhof! Dort werdet ihr mich beide in derselben Kleidung, die ich jetzt trage, auf euch zukommen sehen. Vor mir wird ein Reisegefährte - ein kleiner junge mit einem silbernen Krug - gehen.« 243 Mein in Kalkutta weilender Meister erscheint in Serampur Dann legte mir der Guru die Hände auf den Kopf und sprach leise einige Segensworte. Als er mit den Worten »Taba asi«1 schloß, hörte ich ein seltsames, dumpfes Rollen2, und gleich danach begann sich sein Körper allmählich in dem blendenden Licht aufzulösen. Zuerst entschwanden seine Füße und Beine, dann sein Rumpf und sein Kopf - wie wenn eine Papierrolle aufgewickelt wird. Noch bis zuletzt konnte ich seine Finger spüren, die leicht auf meinem Haar ruhten. Dann schwand der Glanz dahin, und vor meinen Augen befand sich nur noch das vergitterte Fenster und ein Streifen spärlichen Sonnenlichts. Ich stand wie benommen da und fragte mich, ob ich nicht einer Halluzination zum Opfer gefallen sei. Kurz darauf trat Dijen mit enttäuschter Miene ins Zimmer. »Der Meister ist weder mit dem 9-Uhr-Zug noch mit dem um 9.30 Uhr gekommen«, sagte er, wie um sich zu entschuldigen. »Dann komm jetzt mit mir, ich weiß nämlich, daß er um 10 Uhr eintrifft«, sagte ich, indem ich den widerstrebenden Dijen bei der Hand faßte und ihn gewaltsam mit mir fortzog. In etwa 10 Minuten waren wir am Bahnhof, wo der Zug gerade donnernd einrollte. »Der ganze Zug ist von der lichten Aura des Meisters erfüllt. Er ist da!« rief ich freudig aus. »Du träumst wohl!« bemerkte Dijen mit spöttischem Lächeln. »Wir wollen hier stehen bleiben und warten«, sagte ich und erzählte meinem Freund dann in allen Einzelheiten, wie der Guru auf uns zukommen würde. Als ich mit meiner Beschreibung fertig war, tauchte Sri Yukteswar aus der Menge auf und trug dieselbe Kleidung, die ich kurz vorher an ihm gesehen hatte. Er ging langsam hinter einem kleinen Jungen her, der einen silbernen Krug trug. 1 Taba asi = das bengalische »Auf Wiedersehen«.
In seiner wörtlichen Bedeutung ist es ein hoffnungsvolles Paradoxon:
»Dann komme ich!« 244 Mein in Kalkutta weilender Meister erscheint in Serampur Einen Augenblick lang überlief mich angesichts dieses unwahrscheinlichen Erlebnisses ein kalter Schauer. Das materialistische 20. Jahrhundert schien zu versinken, und ich fühlte mich in jene Zeiten zurückversetzt, da Jesus seinem Jünger Petrus auf dem Meer erschien. Als Sri Yukteswar (ein Christus und Yogi der Neuzeit) sich der Stelle näherte, wo Dijen und ich sprachlos dastanden, sagte er lächelnd zu meinem Freund: »Ich hatte auch dir eine Botschaft gesandt; aber du hast sie nicht verstanden.« Dijen schwieg, warf mir aber einen mißtrauischen Blick zu. Nachdem wir unseren Guru bis zur Einsiedelei begleitet hatten, machten wir uns auf den Weg zur Universität. Plötzlich blieb Dijen mitten auf der Straße stehen und stieß mit empörter Stimme hervor: »So! Der Meister hat also auch mir eine Botschaft gesandt, und du hast sie versteckt gehalten. Ich verlange eine Erklärung!« »Ist es etwa meine Schuld, wenn der Spiegel deines Geistes so stark vibriert, daß du die Botschaft des Gurus nicht ablesen kannst?« antwortete ich. Da wich aller Ärger aus Dijens Gesicht, und er sagte reumütig: »Ach, so ist das gemeint! Aber sag mir nur eines: »Wie konntest du von dem Kind mit dem Krug wissen?« Als ich meinem Freund dann die wundersame Geschichte von dem Erscheinen des Meisters erzählt hatte, waren wir vor dem Universitätsgebäude angelangt. »Nach allem, was ich soeben über die Fähigkeiten unseres Gurus erfahren habe«, sagte Dijen, »sind die Universitäten dieser Welt nichts als Kindergärten.«3 3 »Mir sind derartige Dinge offenbart worden, daß mir von nun an alles, was ich geschrieben habe, wie Stroh erscheint.« So lautete die Antwort, die Thomas von Aquino, der »Fürst der Scholastik«, seinem Sekretär gab, als dieser ihn drängte, sein Werk Summa theologica zu beenden. Im Jahre 1273 erlebte Thomas eines Tages während der Messe in einer neapolitanischen Kirche eine tiefe mystische Schau. Das dadurch gewonnene übernatürliche Wissen überwältigte ihn derart, daß er jegliches Interesse an intellektuellen Dingen verlor. Vgl. die Worte des Sokrates (in Platos Phaidros): »Was mich betrifft, so weiß ich nur, daß ich nichts weiß.« 245 Kapitel 20: Wir fahren nicht nach Kaschmir Top »Vater, ich möchte gern der Meister und vier Freunde während der Sommerferien zu einer Reise einladen und mit ihnen ins Vorgebirge des Himalaja fahren. Würdest du so gut sein und mir sechs Fahrkarten nach Kaschmir und genug Geld für die Aufenthaltskosten geben?« Wie ich erwartet hatte, begann Vater herzlich zu lachen. »Dies ist das dritte Mal, daß du mir dasselbe Ammenmärchen erzählst. Hast du mich nicht schon letzten und vorletzten Sommer darum gebeten? Und jedes mal weigert sich Sri Yukteswar im letzten Augenblick, zu fahren.« »Das stimmt schon, Vater. Ich weiß nicht, warum der Guru mir keine bestimmte Zusage für Kaschmir geben will.1 Aber wenn ich ihm sage, daß ich bereits die Fahrkarten von dir habe, wird er dieses Mal vielleicht doch reisen.« Vater schien im Augenblick zwar nicht überzeugt, händigte mir aber am nächsten Tag nach einigen gutmütigen Neckereien sechs Fahrkarten und ein Bündel Zehnrupienscheine aus. »Ich glaube allerdings kaum, daß deine theoretische Reise dieser praktischen Mittel bedarf«, bemerkte er, »aber hier hast du sie.« Noch am selben Nachmittag zeigte ich Sri Yukteswar meine Beute. Er lächelte zwar über meine Begeisterung, gab mir aber keine bindende Zusage. »Ich möchte schon gern fahren; wir werden sehen.« Er erhob jedoch keinen Einspruch, als ich seinen kleinen Jünger Kanai bat, uns zu begleiten. Außer ihm lud ich noch drei andere Freunde ein: Rajendra Nath Mitra, Jotin Auddy und einen anderen Jungen. Als Abfahrtstag wurde der folgende Montag festgelegt. 1 Der Meister selbst hat keine Erklärung hierzu abgegeben; doch es ist möglich, daß er einen besonderen Grund hatte, während dieser beiden Sommer nicht nach Kaschmir zu reisen. Er mag geahnt haben, daß die Zeit für seine dortige Krankheit noch nicht gekommen war. (Siehe Seite 262ff.) 246 Wir fahren nicht nach Kaschmir Über Sonnabend und Sonntag blieb ich in Kalkutta, wo in meinem Elternhaus die Hochzeit eines meiner Vettern gefeiert wurde, und traf Montag morgen in aller Frühe mit meinem Gepäck in Serampur ein. Rajendra kam mir an der Tür zur Einsiedelei entgegen. »Der Meister ist spazieren gegangen. Er will nicht fahren.« Ich war tief enttäuscht, blieb aber hartnäckig. »Ich werde Vater nicht zum dritten Mal Gelegenheit geben, mich wegen meiner Phantasiereisen nach Kaschmir aufzuziehen. Wir anderen wollen wenigstens fahren.« Rajendra stimmte zu, und ich machte mich auf die Suche nach einem Diener, denn ich wußte, daß Kanai nicht ohne den Meister fahren würde. Wir brauchten also jemanden, der sich um das Gepäck kümmerte. Da fiel mir Bihari ein, der früher einmal in meinem Elternhaus gedient hatte und nun bei einem Lehrer in Serampur angestellt war. Als ich eilig die Straße hinunterlief, begegnete ich vor der christlichen Kirche, nicht weit vom Gerichtsgebäude, meinem Guru. »Wo willst du hin?« fragte Sri Yukteswar mit ernster Miene. »Meister, ich habe gehört, daß Ihr nicht mitfahren wollt wie wir es geplant hatten, und Kanai auch nicht. Darum will ich jetzt zu Bihari. Ihr erinnert Euch sicher, daß er uns voriges Jahr seine Dienste sogar ohne Bezahlung anbot, weil er so gern nach Kaschmir fahren wollte.« »Ich erinnere mich. Aber ich glaube kaum, daß Bihari diesmal mitfahren will.« »Er wartet nur auf eine solche Gelegenheit«, erwiderte ich leicht gereizt. Mein Guru schwieg und setzte seinen Spaziergang fort, während ich zum Haus des Lehrers weiterging. Bihari stand im Hof und begrüßte mich äußerst herzlich. Doch sein Verhalten änderte sich sofort, als ich Kaschmir erwähnte. Er murmelte ein paar Worte der Entschuldigung, ließ mich dann stehen und ging ins Haus. Ich wartete eine halbe Stunde auf ihn und versuchte mich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß Bihari sich für die Reise fertig machte und daher so lange brauchte. Schließlich aber klopfte ich an die Haustür. 247 Wir fahren nicht nach Kaschmir Ein Mann öffnete mir und sagte mit verhaltenem Grinsen: »Bihari ist vor ungefähr einer halben Stunde über die Hintertreppe weggegangen.« Ich kehrte betrübt um und fragte mich, ob ich meine Einladung vielleicht zu überstürzt hervorgebracht hatte oder ob etwa der unsichtbare Einfluß des Meisters am Werk war. Als ich an der christlichen Kirche vorüberging, sah ich meinen Guru wieder langsam auf mich zukommen. Ohne meinen Bericht abzuwarten, rief er mir entgegen: »Bihari will also nicht fahren. Was planst du als nächstes?« Ich kam mir vor wie ein widerspenstiges Kind, das sich in den Kopf gesetzt hat, seinem despotischen Vater zu trotzen. »Ich will jetzt meinen Onkel fragen, Guruji, ob er mir seinen Diener Lal Dhari ausleihen kann.« »Frage deinen Onkel nur, wenn du magst«, sagte Sri Yukteswar, in sich hineinlächelnd. »Ich glaube jedoch kaum, daß dir der Besuch Freude machen wird.« Etwas besorgt, aber immer noch rebellisch, verließ ich meinen Guru und begab mich in das Gerichtsgebäude von Serampur, wo mein Onkel väterlicherseits, Sarada Ghosh, als Staatsanwalt tätig war. Er hieß mich herzlich willkommen. »Ich fahre heute mit einigen Freunden nach Kaschmir« erzählte ich ihm. »Schon seit Jahren habe ich mich auf diese Reise zum Himalaja gefreut.« »Ich freue mich mit dir, Mukunda. Kann ich irgend etwas zur Annehmlichkeit deiner Reise beitragen?« »Lieber Onkel«, fragte ich, ermutigt durch seine freundlichen Worte, »kannst du mir während dieser Zeit vielleicht deinen Diener Lal Dhari überlassen?« Meine einfache Bitte wirkte wie ein Erdbebenstoß. Der Onkel sprang so heftig auf, daß sein Stuhl umkippte, die Papiere auf seinem Pult in alle Richtungen flatterten und seine lange Wasserpfeife mit dem Kokosholzstiel klirrend zu Boden fiel. 248 Wir fahren nicht nach Kaschmir »Du egoistischer Bengel!« schrie er, indem er vor Wut bebte. »Was für eine anmaßende Idee! Wer soll sich denn um mich kümmern, wenn du meinen Diener auf deine Vergnügungsreisen mitnimmst?« Ich versuchte mein Erstaunen zu verbergen und sagte mir, daß dieser plötzliche Stimmungsumschwung meines sonst so liebenswürdigen Onkels ebenso rätselhaft war wie alle anderen Ereignisse dieses ungewöhnlichen Tages. Mit mehr Eifer als Würde verließ ich das Gerichtsgebäude. Ich kehrte nun zur Einsiedelei zurück, wo meine Freunde erwartungsvoll versammelt waren. Allmählich gelangte ich zu der Überzeugung, daß das Verhalten des Meisters einen zwingenden, wenn auch verborgenen Grund hatte, und machte mir Vorwürfe, weil ich versucht hatte, mich seinem Willen zu widersetzen. »Mukunda, willst du nicht noch ein Weilchen bei mir bleiben?« fragte Sri Yukteswar. »Rajendra und die anderen können vorausfahren und in Kalkutta auf dich warten. Ihr habt noch reichlich Zeit, um den letzten Abendzug nach Kaschmir zu erreichen.« »Meister, ohne Euch mag ich nicht fahren«, sagte ich niedergeschlagen. Meine Freunde schenkten meiner Bemerkung jedoch keine Beachtung, sondern bestellten eine Droschke und fuhren mit allem Gepäck davon. Kanai und ich saßen still zu Füßen unseres Gurus. Nach einer halben Stunde gemeinsamen Schweigens erhob sich der Meister und ging auf die Veranda im ersten Stock, die als Speiseraum diente. »Kanai, bring bitte Mukundas Essen. Er muß jetzt bald zum Zug.« Als ich mich von meinem Deckensitz erhob, begann ich plötzlich zu taumeln; mir wurde sehr übel, und ich fühlte ein starkes Brennen in der Magengegend. Gleich darauf überfielen mich die Schmerzen mit solcher Heftigkeit, daß es mir vorkam, als sei ich ins Höllenfeuer geworfen worden. Ich tastete nach meinem Guru und brach mit allen Anzeichen der furchtbaren asiatischen Cholera vor ihm zusammen. Sri Yukteswar und Kanai trugen mich ins Wohnzimmer. 249 Wir fahren nicht nach Kaschmir Unter großen Qualen rief ich aus: »Meister, ich lege mein Leben in Eure Hände!«, denn ich glaubte wirklich, daß es zu Ende mit mir gehe. Sri Yukteswar nahm meinen Kopf auf seinen Schoß und strich mir zärtlich über die Stirn. »Du siehst nun, was geschehen wäre, wenn du jetzt mit deinen Freunden auf dem Bahnsteig gestanden hättest«, sagte er. »Ich mußte dich auf diese eigenartige Weise bewachen, weil du an meinem Urteil gezweifelt hast und die Reise unbedingt jetzt unternehmen wolltest.« Nun endlich verstand ich ihn. Die großen Meister stellen ihre Kräfte nicht gern zur Schau, und ein zufälliger Beobachter hätte die Ereignisse dieses Tages als ganz normal empfunden. Das Eingreifen meines Gurus war so unmerklich geschehen, daß niemand etwas davon geahnt hatte. Ganz unauffällig hatte er Bihari, meinen Onkel, Rajendra und andere nach seinem Willen handeln lassen, so daß wahrscheinlich allen außer mir die verschiedenen Situationen für ganz natürlich und folgerichtig erschienen waren. Da Sri Yukteswar es nie versäumte, seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen, gebot er Kanai, einen Arzt zu rufen und meinen Onkel zu benachrichtigen. »Meister«, wandte ich ein, »nur Ihr könnt mich heilen. Für einen Arzt bin ich schon ein hoffnungsloser Fall.« »Kind, du stehst unter dem Schutz der Göttlichen Gnade. Mach dir keine Gedanken wegen des Arztes, denn er wird dich nicht mehr in diesem Zustand vorfinden. Du bist bereits geheilt.« Bei diesen Worten meines Gurus ließ der unerträgliche Schmerz plötzlich nach, und ich konnte mich schwach aufrichten. Bald erschien der Arzt, der mich gründlich untersuchte. »Ihr scheint das Schlimmste überstanden zu haben«, sagte er. »Ich werde aber zur Sicherheit einige Proben für mein Labor mitnehmen.« Am folgenden Morgen kehrte der Arzt in größter Eile zurück. Ich hatte mich bereits aufgesetzt und war in bester Stimmung. 250 Wir fahren nicht nach Kaschmir »Ist das möglich? Hier sitzt Ihr lächelnd und plaudernd, als ob ihr nicht soeben noch in den Krallen des Todes gewesen wäret!« Er klopfte mir liebevoll auf die Hände. »Ich habe kaum noch erwartet, Euch am Leben zu finden, nachdem ich aus den Proben ersah, daß Ihr die asiatische Cholera hattet. Ihr könnt Euch glücklich schätzen, junger Mann, einen Guru zu haben, der über göttliche Heilkräfte verfügt; denn davon bin ich überzeugt. - Ich stimmte ihm von ganzem Herzen zu. Als der Arzt gerade aufbrechen wollte, erschienen Rajendra und Auddy an der Tür. Ihr Groll verwandelte sich sofort in Mitleid, als sie den Arzt erblickten und mich mit blassem Gesicht dasitzen sahen »Wir waren ärgerlich auf dich, weil du nicht mit dem nächsten Zug nachkamst. Bist du krank gewesen?« »Allerdings.- Ich mußte unwillkürlich lachen, als meine Freunde das Gepäck in dieselbe Ecke stellten, in der es gestern gestanden hatte, und zitierte dann: »Es lief ein Schiff nach Spanien aus; bevor es ankam, war's wieder zu Haus!« Da trat der Meister ins Zimmer. Als Genesender erlaubte ich mir, liebevoll seine Hand zu ergreifen. 251 Wir fahren nicht nach Kaschmir »Guruji~, sagte ich, »seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich viele erfolglose Versuche unternommen, den Himalaja zu erreichen. jetzt bin ich endlich davon überzeugt, daß mich die Göttin Parvati2 nicht ohne Euren Segen empfangen wird.« Der Herr Shiva, die Verkörperung geistiger Selbstzucht, bringt die Eigenschaft Zerstörer-Erneuerer im dreieinigen Wesen Gottes (Schöpfer, Erhalter, Zerstörer) zum Ausdruck. Symbolisch für sein transzendentes Wesen wird Shiva hier im glückseligen Zustand des Samadhi im Himalaja darge stellt. Schlangen bilden sein Halsband (Naga Kundala) und seine Armreifen, wodurch seine Herrschaft über die Täuschung und den Geschlechtstrieb versinnbildlicht wird. 2 Wörtlich: »vom Berge«. In der Hindu-Mythologie ist Parvati die Tochter des Königs Himalaja (wörtl. = Stätte des Schnees), dessen Wohnstatt sich auf einem bestimmten Berggipfel in der Nähe der tibetanischen Grenze befindet. Reisende, die am Fuße dieses unzugänglichen Berges vorüberfahren, erblicken zu ihrem Erstaunen in der Ferne eine gewaltige Schneeformation, die einem mit Zinnen und Türmen versehenen Eispalast ähnelt. Parvati,
Kali, Durga, Uma und
andere Göttinnen sind Erscheinungsformen der laganmatri - der
»Göttlichen Weltenmutten-. Die verschiedeneu Namen kennzeichnen ihr
vielseitiges Wirken. Gott oder Shiva (siehe Seite 378-379, Fußnote) ist
in Seiner transzendenten Wesenheit (Para) in der Schöpfung untätig. Er
hat Seine Energie, d.h. treibende Kraft (Shakti), Seinen »Gemahlinnen-,
den produktiven »weiblichen,~ Kräften übertragen, die den Kosmos mit
dessen mannigfaltigen Formen zur Entfaltung bringen.
In
den mythologischen
Erzählungen der Puranas wird der Himalaja als das Reich Shivas
dargestellt. Es heißt, daß Ganga unmittelbar vom Himmel herabstieg
und zur Schutzgöttin des im Himalaja entspringen den Ganges wurde. In
dichterischer Sprache ausgedrückt, fließt der Ganges vom Himmel, durch
das Haar Shivas, zur Erde herab. Shiva ist der »König der Yogis- und
der Zerstörer und Erneuerer der Trinität. Kalidasa, der »indische
Shakespeare«, beschreibt den Himalaja als das »gewaltige Lachen
Siaivas-. »Der Leser vermag sich vielleicht die Reihe überdimensionaler
weißer Zähne vorzustellen-, schreibt F. W. Thomas in The Legacy of
India (Das Vermächtnis Indiens). »Doch den tieferen Sinn wird er erst
dann erfassen, wenn er sich die Gestalt des großen Asketen
vergegenwärtigt, der ewig in der erhabenen Bergwelt thront, der den vom
Himmel herabfließenden Ganges in seinen verflochtenen Haaren auffängt
und der in Seinen dunklen Locken die schimmernde Mondsichel trägt. 252 Wir fahren nicht nach Kaschmir In der Hindu-Kunst wird Shiva oft mit einem samtschwarzen Antilopenfell - dem einzigen Gewand des »Ätherbekleideten~ (Digambara) - gezeigt, das die dunkle, geheimnisvolle Nacht symbolisiert. Gewisse Shiva-Sekten tragen zu Ehren des Herrn, dem nichts - und dennoch alles - gehört, keinerlei Kleidung. Eine der Schutzheiligen Kaschmirs, die im 14. Jahrhundert lebende Lalla Yogiswari (Höchste Meisterin im Yoga), war eine »ätherbekleidete " Shiva-Anhängerin. Einer ihrer Zeitgenossen, der daran Anstoß nahm, fragte die Heilige, warum sie nackt einhergehe. »Warum nicht?« erwiderte Lalla ironisch. »Ich sehe keinen Mann in der Nähe.« Nach Lallas etwas drastischer Auffassung war keiner, der Gott noch nicht verwirklicht hatte, ein richtiger »Mann~. Sie übte eine dem Kriya-Yoga verwandte Technik, deren befreiende Wirkung sie in zahlreichen Vierzeilern pries. Ich übersetze hier einen von ihnen: »Wie oft hab'
ich schon den bitteren Kelch des Leidens geleert, Die Heilige starb keines natürlichen Todes, sondern löste sich in Flammen auf. Später erschien sie ihren trauernden Landsleuten in lebendiger Gestalt, und zwar - endlich voll bekleidet - in goldene Gewänder gehüllt. 253 Kapitel 21: Unsere Reise nach Kaschmir Top Jetzt
bist Du kräftig genug, um zu
reisen, und ich werde mit euch nach Kaschmir fahren«, erklärte mir Sri
Yukteswar zwei Tage nach meiner wunderbaren Heilung von der asiatischen
Cholera.
Noch am selben Abend bestieg unsere Gruppe, die aus sechs Teilnehmern bestand, den Zug nach Norden. Unser erster Aufenthalt war in Simla, einer Stadt im Vorgebirge des HimaIaja, die königlich auf der Höhe eines Berges thront. Gemächlich wanderten wir durch die steilen Straßen und bewunderten die herrliche Aussicht, die sich uns überall bot. »Englische Erdbeeren!« rief eine alte Frau, die auf einem malerischen Marktplatz hockte. Der Meister interessierte sich für die sonderbaren kleinen und roten Früchte und kaufte einen ganzen Korb voll, den er mir und Kanai schenkte. Ich kostete eine der Beeren, spuckte sie aber sofort wieder aus. »Meister, wie sauer die sind! Ich werde mir nie etwas aus Erdbeeren machen!« Mein Guru lachte. »Oh, du wirst sie eines Tages schon mögen - und zwar in Amerika. Dort wird deine Gastgeberin sie dir bei einem Diner mit Zucker und Sahne servieren. Nachdem sie die Beeren mit einer Gabel zerdrückt hat, wirst du sie kosten und sagen: »Was für köstliche Erdbeeren!« Und dann wirst du dich an diesen Tag in Simla erinnern.« (Ich hatte Sri Yukteswars Vorhersage bald vergessen; doch viele Jahre später fiel sie mir wieder ein, und zwar kurz nach meiner Ankunft in Amerika. Ich war bei Frau Alice T. Hasey (Schwester Yogmata) in West Sommerville/Massachusetts, zum Essen geladen. Als zum Nachtisch Erdbeeren aufgetischt wurden, nahm meine Gastgeberin eine Gabel, zerdrückte meine Beeren damit und tat etwas Sahne und Zucker hinzu. »Diese Frucht ist etwas herb; ich glaube, so wird sie Ihnen besser munden« bemerkte sie. Ich probierte ein wenig davon und rief aus: »Was für köstliche Erdbeeren!« Und sofort entsann ich mich der vor langer Zeit in Simla gemachten Voraussage meines Gurus. Tiefe Ehrfurcht ergriff mich, als ich erkannte, daß Sri Yukteswars gotterfüllter Geist schon lange vorher den Ablauf karmischer Ereignisse überblickt hatte, die damals noch im Äther der Zukunft schwebten.) 254 Unsere Reise nach Kaschmir Wir blieben nur kurze Zeit in Simla und fuhren dann mit der Eisenbahn nach Rawalpindi weiter. Dort mieteten wir uns einen zweispännigen, überdachten Landauer (viersitziger Kutschwagen), um für sieben Tage nach Srinagar, der Hauptstadt von Kaschmir, zu fahren. Am zweiten Tage unserer nach Norden gehenden Fahrt bekamen wir die gewaltigen Ausmaße des Himalaja zu Gesicht. Während die eisenbeschlagenen Räder unseres Wagens über die heiße, steinige Landstraße ratterten, genossen wir das ständig wechselnde Panorama dieser erhabenen Bergwelt. »Guruji«, sagte Auddy zum Meister, »ich freue mich so, diese herrliche Landschaft in Eurer heiligen Gegenwart genießen zu dürfen.« Ich vernahm diese anerkennenden Worte Auddys mit großer Genugtuung, denn ich hatte die anderen ja zu dieser Reise eingeladen. Sri Yukteswar fing meine Gedanken auf und flüsterte mir leise zu: »Fühle dich nicht zu sehr geschmeichelt; Auddy ist weniger entzückt von der Landschaft als von der Aussicht, sich bald einen Augenblick zurückziehen zu können, um eine Zigarette zu rauchen.«1 ich war entsetzt. »Guruji«, flüsterte ich zurück, »stört unsere Harmonie bitte nicht durch solch ernüchternde Vorstellungen. Ich kann mir kaum denken, daß Auddy das Bedürfnis hat zu rauchen!« Besorgt blickte ich zu meinem Guru auf, an dessen Worten gewöhnlich nicht zu rütteln war. »Gut, ich werde
nichts zu Auddy sagen«, versprach der Meister mit unverhohlener
Heiterkeit. »Du wirst gleich sehen, wie er die Gelegenheit wahrnimmt,
wenn der Landauer hält.« 255 Unsere Reise nach Kaschmir Als der Wagen eine kleine Karawanenherberge erreicht hatte und unsere Pferde zur Tränke geführt wurden, fragte Auddy: »Sir, ist es Euch recht, wenn ich eine Weile neben dem Kutscher sitze? Ich möchte gern ein wenig frische Luft schnappen.« Sri Yukteswar willigte ein, machte mir gegenüber aber die Bemerkung: »Ihm liegt weniger an der frischen Luft als am frischen Rauch.« Der Landauer nahm seine geräuschvolle Fahrt über die staubigen Straßen wieder auf. Da zwinkerte der Meister mir zu und sagte: »Steck mal deinen Kopf zur Wagentür hinaus und sieh, was Auddy mit der frischen Luft macht.« Ich gehorchte und war verblüfft, Auddy große Rauchringe ausstoßen zu sehen. Reumütig blickte ich Sri Yukteswar an. »Ihr habt recht, Meister, wie immer! Auddy genießt paffenderweise das Panorama.« Wahrscheinlich hatte der Kutscher Auddy die Zigarette geschenkt, denn ich wußte, daß dieser keine aus Kalkutta mitgebracht hatte. Weiter ging es auf verschlungenen Wegen, vorbei an malerischen Flüssen und Tälern, an steilen Abhängen und zahllosen Bergketten. Die Nächte verbrachten wir in ländlichen Herbergen, wo wir uns das Essen selbst kochten. Sri Yukteswar kümmerte sich besonders um meine Kost und bestand darauf, daß ich zu jeder Mahlzeit Limettensaft trank. Ich war noch nicht wieder ganz bei Kräften, doch von Tag zu Tag ging es mir besser - trotz unseres klapprigen Wagens, der speziell dazu konstruiert schien, den Passagieren größtmögliche Unbequemlichkeiten zu bereiten. Mit großer Vorfreude im Herzen näherten wir uns dem Inneren Kaschmirs, dem paradiesischen Land der Lotusseen, der schwimmenden Gärten und des blumigen Weidelands, der Wohnschiffe mit den bunten Baldachinen und des jhelumFlusses mit seinen zahlreichen Brücken - alle von den Bergen des Himalaja eingerahmt. 256 Unsere Reise nach Kaschmir Durch eine Allee mit hohen, stattlichen Bäumen fuhren wir in Srinagar ein und mieteten in einer zweistöckigen Herberge, die einen herrlichen Ausblick auf die majestätischen Berge bot, mehrere Zimmer. Da es kein fließendes Wasser dort gab, mußten wir uns den Vorrat von einem nahegelegenen Brunnen holen. Das Sommerwetter mit seinen warmen Tagen und kühlen Nächten war geradezu ideal. Wir unternahmen auch eine Pilgerfahrt zu dem alten Tempel in Srinagar, der Swami Shankara geweiht ist. Als ich zu der Einsiedelei, die auf einem hohen Berggipfel liegt und sich kühn gegen den Himmel abhebt, emporblickte, verfiel ich in einen ekstatischen Trancezustand. Da erschien mir in einer Vision ein prachtvolles Haus, das auf einem Hügel in einer fremden Landschaft lag. Der hoch in den Himmel ragende Shankara Tempel in Srinagar verwandelte sich vor meinen Augen in das Gebäude, das Jahre später das Mutterzentrum der Self-Realization-Fellowship in Amerika werden sollte. (Als ich Los Angeles zum ersten Male besuchte und das stattliche Gebäude auf dem Mount Washington sah, erkannte ich es sofort aus meinen früheren Visionen in Kaschmir und anderswo wieder.) Nach einigen Tagen Aufenthalt in Srinagar ging es weiter nach dem 2600 m hoch gelegenen Gulmarg (»Blumiger Bergweg«). Dort ritt ich zum ersten Mal auf einem großen Pferd. Rajendra bestieg einen feurigen kleinen Traber, dem es nicht schnell genug vorangehen konnte. Wir wagten uns sogar auf den steilen Khilanmarg hinauf und bahnten uns einen Weg durch das dichte Unterholz mit den baumhohen Pilzen, wo es oft über gefährliche, vom Nebel verhüllte Pfade ging. Doch Rajendras kleines Rennpferd gönnte meinem großen Reittier keine Ruhe, auch nicht an den gefährlichsten Kurven. Unermüdlich drängte es vorwärts, als gelte es, ein Wettrennen zu gewinnen. Unser anstrengender Ritt wurde durch eine atemberaubende Aussicht belohnt. Zum ersten Mal in diesem Leben erblickte ich, soweit das Auge reicht, nichts als schneebedeckte Berge, die wie Silhouetten gigantischer Eisbären dicht aneinandergereiht lagen. Meine Augen weideten sich am Anblick der ewigen Schneeberge, die in den sonnigen, blauen Himmel ragten. 260 Unsere Reise nach Kaschmir Dann rollten wir in unseren Mänteln übermütig die glitzernden weißen Hänge hinab. Beim Abstieg erblickten wir von fern einen gelben Blumenteppich, der die kahlen Bergwände völlig verzauberte. Unser nächster Ausflug galt den berühmten königlichen »Lustgärten« des Kaisers Jehangir in Shalimar und Nishat Bagh. Der altertümliche Palast in Nishat Bagh ist direkt über einem natürlichen Wasserfall erbaut worden. Durch geschickte Umleitungen wird der vom Gebirge herabstürzende Wildbach über die farbenprächtigen Terrassen geführt, wo er inmitten leuchtender Blumenbeete als Springbrunnen emporstäubt. Er fließt auch durch mehrere Räume des Palastes und ergießt sich schließlich wie ein feenhaftes Gebilde in den tiefer liegenden See. In den weitverzweigten Gärten blühen Rosen, Jasmin, Lilien, Löwenmäulchen, Stiefmütterchen, Lavendel und Mohn in kräftigen Farben, und die symmetrischen Reihen der Chinars2, Zypressen und Kirschbäume bilden einen smaragdgrünen Rahmen, hinter dem sich die majestätischen weißen Himalajaberge erheben. Die berühmten Kaschmir-Trauben gelten in Kalkutta als besondere Delikatesse. Rajendra, der schon so viel von unserem »Traubenfest« in Kaschmir geschwärmt hatte, war enttäuscht, keine großen Weingärten vorzufinden. Ab und zu zog ich ihn deswegen auf. »Oh, ich habe mich so vollgegessen mit Trauben, daß ich kaum noch gehen kann«, sagte ich; »die unsichtbaren Trauben gären bereits in mir.« Später hörten wir, daß diese süßen Trauben hauptsächlich in Kabul, im westlichen Kaschmir wachsen. Und so trösteten wir uns mit Speiseeis, das aus Rabri (stark kondensierter Milch) und ganzen Pistazien hergestellt wird. Wir machten auch mehrere Fahrten mit den Shikaras (kleine Boote), wo wir im Schatten rotgestickter Baldachine saßen und über den verzweigten Dal-See glitten, der mit seinem Netzwerk von Kanälen einem wässerigen Spinnengewebe gleicht. Erstaunlich ist der Anblick der zahlreichen schwimmenden Gärten, die provisorisch aus Baumstämmen und Erde zusammengefügt sind, denn man erwartet nicht, inmitten eines riesigen Gewässers Gemüse und Melonen wachsen zu sehen. Hin und wieder begegnet man auch einem nicht »bodenständigen« Bauern, der sein viereckiges »Grundstück« zu einer anderen Stelle des verästelten Sees steuert. 2 Die morgenländische Platane 261 Unsere Reise nach Kaschmir In diesem sagenumwobenen Tal findet man eine Auslese aller Schönheiten der Welt. Kaschmir gleicht einer Edeldame, deren Haupt von Bergen gekrönt wird, deren Gewand mit schimmernden Seen bestickt ist und deren Füße über einen Teppich von Blumen schreiten. Später, nachdem ich viele Länder bereist hatte, verstand ich, warum Kaschmir oft als das schönste Land der Erde bezeichnet wird. Es besitzt etwas vom Zauber der Schweizer Alpen, des Loch Lomond in Schottland und der wunderbaren englischen Seen. Ein amerikanischer Reisender findet in Kaschmir vieles, was ihn an die zerklüfteten Gebirge Alaskas und den Pikes Peak bei Denver erinnert. Bei einem Schönheitswettbewerb der Landschaften würde ich für den ersten Preis entweder das herrliche Panorama bei Xochimilco in Mexiko vorschlagen, wo Himmel, Berge und Pappeln sich zwischen spielenden Fischen in Myriaden Wasserstraßen widerspiegeln, oder die Seen von Kaschmir, die - schönen Mägdlein gleich - von den strengen Hütern der HimaIajaberge bewacht werden. Diese beiden Gegenden habe ich als die schönsten der ganzen Welt in Erinnerung. Doch mit der gleichen Ehrfurcht stand ich vor den Naturwundern des Yellowstone-Nationalparks und des Grand Canyon in Colorado sowie Alaskas. Yellowstone ist vielleicht der einzige Ort der Erde, wo man zahlreiche Geiser mit der Regelmäßigkeit einer Uhr in die Höhe schießen sieht. In dieser vulkanischen Gegend hat sich etwas von der Vorzeit erhalten; hier bringt die Natur noch heiße Schwefelquellen, opalene und saphirblaue Teiche, sprühende Geiser und frei umherstreifende Bären, Wölfe, Büffel und andere wilde Tiere hervor. Als ich auf den Straßen Wyomings zum »Devil's Paint Pot« (Farbtopf des Teufels) fuhr, der aus brodelndem heißem Schlamm besteht, und mir die glucksenden Quellen, speienden Geiser und dampfenden Fontänen ansah, war ich überzeugt davon, daß Yellowstone einen besonderen Preis für seine Einzigartigkeit verdient. 262
Unsere Reise nach Kaschmir Im
Yosemite-Park in Kalifornien wachsen die alten, majestätischen
Riesen-Mammutbäume, deren gewaltige Stämme gleich Säulen in den Himmel
ragen und deren grüne Kronen natürliche Kathedralen bilden, die von
göttlicher Kunstfertigkeit zeugen. Obgleich es im Orient wunderbare
Wasserfälle gibt, kann sich an wilder Schönheit keiner mit dem
Niagarafall im Staate New York (an der kanadischen Grenze) messen. Die
Mammuthöhlen in Kentucky und die Carlsbader Höhlen in New Mexiko muten
wie seltsame Feenländer an. Lange Stalaktiten, die von der Decke der
Höhle herabhängen und sich in den unterirdischen Wassern widerspiegeln,
vermitteln uns einen Einblick in andere Welten, wie sie sich nur die
Phantasie auszumalen vermag.
Viele Einwohner von Kaschmir, die für ihre Schönheit bekannt sind, haben eine weiße Haut wie die Europäer und sind ihnen auch im Gesichtsschnitt und Knochenbau ähnlich. Einige haben sogar blaue Augen und blondes Haar und unterscheiden sich, wenn sie nach westlicher Mode gekleidet sind, nicht von den Amerikanern. Das kalte Klima des Himalaja schützt die Einwohner vor der brennenden Sonne, so daß ihre Haut hell bleibt. Je weiter man nach Süden in die tropischen Gebiete Indiens kommt, um so dunkler wird die Hautfarbe der Menschen. Nach einigen glücklichen Wochen in Kaschmir mußte ich leider zu Beginn des Herbstsemesters nach Bengalen zurück. Sri Yukteswar, Kanai und Auddy blieben noch etwas länger in Srinagar. Kurz bevor ich abfuhr, deutete der Meister mir an, daß er in Xaschmir erkranken würde. »Meister, Ihr seht aus wie das blühende Leben!« wandte ich ein. »Es ist sogar möglich, daß ich diese Erde verlasse.«»Guruji«" rief ich flehend aus, indem ich mich ihm zu Füßen warf, »bitte versprecht mir, daß Ihr Euren Körper jetzt noch nicht verlassen wollt. Ich bin gänzlich unvorbereitet, ohne Euch weiterzuleben!« Sri Yukteswar schwieg, lächelte aber so mitfühlend, daß ich mich wieder beruhigte. Nur schweren Herzens verließ ich ihn. Kurz nachdem ich nach Serampur zurückgekehrt war, erreichte mich folgendes Telegramm von Auddy: »Meister lebensgefährlich erkrankt.«263 Unsere Reise nach Kaschmir »Guruji«, telegraphierte ich ihm verzweifelt, »ich habe Euch um das Versprechen gebeten, mich nicht zu verlassen. Wenn Ihr Euren Körper aufgebt, werde auch ich sterben.« »Es sei, wie du wünschst«, lautete die Antwort des Meisters aus Kaschmir. Nach einigen Tagen traf ein Brief von Auddy ein, in dem er mir mitteilte, daß der Meister genesen sei. Als mein Guru in der übernächsten Woche nach Serampur zurückkehrte, stellte ich besorgt fest, daß er die Hälfte seines üblichen Gewichts verloren hatte. Sri Yukteswar hatte durch seine Fieberkrankheit in Kaschmir viele Sünden seiner Jünger »verbrannt«, um ihnen dadurch zu helfen. Hoch entwickelte Yogis können mit Hilfe metaphysischer Methoden die Krankheiten anderer Menschen auf ihren eigenen Körper lenken. Ebenso wie ein starker Mann einem schwächeren beim Tragen einer schweren Bürde helfen kann, so kann auch ein geistiger Übermensch die körperlichen und seelischen Leiden seiner Jünger mildern, indem er einen Teil ihres Karmas auf sich nimmt. Und so wie ein reicher Mann gern etwas von seinem eigenen Geld opfert, um die Schulden seines »verlorenen Sohnes« zu bezahlen und ihn damit vor den Folgen seiner Torheit zu bewahren, so opfert auch ein Meister vorübergehend seine Gesundheit, um das Leiden seiner Jünger zu mindern.3 Durch eine geheime Yoga-Methode kann der Heilige seinen Geist und Astralkörper mit dem eines leidenden Menschen in Verbindung bringen. Dann wird die Krankheit entweder ganz oder teilweise auf den Körper des Yogis übertragen. Ein Meister, der Gott während seines jetzigen Erdendaseins gefunden hat, sorgt sich nicht mehr um seinen Körper. Selbst wenn er ihn krank werden läßt, um anderen Menschen zu helfen, wird sein unantastbarer Geist davon nicht berührt. Er schätzt sich glücklich, anderen diese Hilfe geben zu können. Sobald man seine endgültige Befreiung in Gott erlangt hat, ist der Zweck des menschlichen Körpers erfüllt; dann kann ein Meister nach Belieben über ihn verfügen. 3 Vielen christlichen Heiligen, darunter auch Therese Neumann (siehe Seite 468), war die metaphysische Methode der Krankheitsübernahme bekannt. 264 Unsere Reise nach Kaschmir Die Aufgabe eines in der Welt lebenden Gurus besteht darin, das Leiden der Menschheit zu lindern; und das kann er auf verschiedene Art und Weise tun: durch geistige Techniken, weise Ratschläge, durch seinen starken Willen oder durch Übernahme körperlicher Krankheiten. Obgleich ein Meister jederzeit ins Überbewußtsein eingehen und seine Krankheit vergessen kann, zieht er es oft vor, seinen Jüngern ein Beispiel zu geben, indem er körperliche Schmerzen tapfer erträgt. Dadurch, daß ein Yogi - sozusagen als Stellvertreter - die Krankheiten anderer auf sich nimmt, tut er dem karmischen Gesetz von Ursache und Wirkung Genüge. Dieses Gesetz arbeitet mit mechanischer und mathematischer Genauigkeit, und ein göttlicher Weiser, der die richtigen wissenschaftlichen Methoden anwendet, kann ohne weiteres in sein Räderwerk eingreifen. Die geistigen Gesetze verlangen von einem Meister jedoch nicht, daß er jedes mal krank wird, wenn er einen Menschen heilen will. Gewöhnlich heilen die Meister durch eine augenblicklich wirksame Methode, ohne selbst in Mitleidenschaft gezogen zu werden. In seltenen Fällen jedoch, wenn ein Meister die Entwicklung seiner jünger besonders beschleunigen will, trägt er einen großen Teil ihres schlechten Karmas an seinem eigenen Körper ab. Jesus sagte von sich selbst, daß er gekommen sei, um sein Leben zur Erlösung für viele zu geben. Er hätte die Kreuzigung aufgrund seiner übernatürlichen Kräfte ohne weiteres abwenden können4, doch er unterwarf sich freiwillig dem unaufhaltsamen kosmischen Gesetz von Ursache und Wirkung. Denn dadurch hatte er Gelegenheit, das Karma anderer Menschen, insbesondere das seiner Jünger, abzutragen und sie so weit zu läutern, daß sie später imstande waren, den auf sie herabsteigenden Heiligen Geist zu empfangen5. 4 Christus sprach, kurz bevor er zur Kreuzigung geführt wurde: »Oder meinst du, daß ich nicht könnte meinen Vater bitten, daß er mir zuschickte mehr denn zwölf Legionen Engel? Wie würde aber die Schriften erfüllet? Es muß also gehen.« Matthäus 26, 53-54 5 Apostelgeschichte 1, 8 und 2, 1-4265 Unsere Reise nach Kaschmir Nur ein Meister, der Gott verwirklicht hat, kann seine Lebenskraft auf andere übertragen oder die Krankheiten anderer auf seinen eigenen Körper lenken. Gewöhnliche Menschen können diese Yoga-Heilmethode nicht anwenden. Auch wäre es nicht gut, wenn sie es täten, weil der kranke Körper sie daran hindern würde, tief zu meditieren. Die heiligen Schriften der Hindus lehren, daß jeder Mensch die unumgängliche Pflicht habe, seinen Körper gesund zu erhalten, weil sich der Geist sonst nicht in tiefer Konzentration und Hingabe üben kann. Ein starker Geist kann sich natürlich über alle körperlichen Schwierigkeiten hinwegsetzen und Gott verwirklichen. Viele Heilige haben Gott ungeachtet ihrer Krankheiten gefunden. Der hl. Franziskus, der selbst unter schweren Krankheiten litt, konnte andere Menschen heilen und sogar vom Tod erwecken. Ich kannte einen indischen Heiligen, dessen Körper während seiner Jugend zur Hälfte mit furchtbaren Geschwüren bedeckt war. Außerdem war seine Zuckerkrankheit so weit fortgeschritten, daß es ihm schwer fiel, länger als eine Viertelstunde stillzusitzen. Aber er ließ sich von seinem geistigen Ziel nicht abhalten. »Herr«, betete er, »willst Du nicht in meinen zerfallenen Körpertempel kommen?« Da er einen unerschütterlichen Willen hatte, gelang es ihm allmählich, täglich 18 Stunden lang in der Lotosstellung zu sitzen und in ekstatische Trance einzugehen. »Und nach drei Jahren«, erzählte er mir, »erlebte ich das Unendliche Licht. Während ich mich in seinem Glanz sonnte, vergaß ich den Körper vollkommen. Erst später bemerkte ich, daß ich durch Gottes Gnade vollständig geheilt worden war.« Eine historisch bekannt gewordene Heilung betrifft König Babur (1483-1530), den Begründer der Mogul-Dynastie in Indien. Als sein Sohn Humayun ernsthaft erkrankte, betete der Vater in tiefer Verzweiflung darum, daß die Krankheit auf ihn übertragen werde, damit sein Sohn am Leben bleibe. Humayun6 genas, während Babur zu gleicher Zeit erkrankte und an demselben Leiden starb, das zuvor seinen Sohn befallen hatte. 6 Humayun war der Vater Akbars des Großen. Anfänglich verfolgte der dem islamischen Glauben angehörende Akbar die Hindus mit großem Eifer. »Als ich jedoch an Weisheit zunahm, überwältigte mich die Scham«, sagte er später. »Wunder geschehen in den Tempeln aller Religionen.« Er veranlaßte, daß die Bhagavad-Gita ins Persische übersetzt wurde, und lud mehrere Jesuitenpater aus Rom an seinen Hof. Folgenden Ausspruch (der in die Siegessäule der von Akbar gegründeten Stadt Fatehpur Sikri eingemeißelt wurde) hat Akbar irrtümlicherweise, wenn auch in bester Absicht, Christus zugeschrieben: »Jesus, der Sohn der Maria (Friede sei mit ihr!), sprach: »Die Welt ist eine Brücke. Überquere sie, aber baue auf ihr kein Haus.« 266 Unsere Reise nach Kaschmir Viele Leute glauben, daß ein großer Meister so stark und gesund wie ein Herkules sein müsse - eine Annahme, die völlig unbegründet ist. Wenn ein Guru einen kränklichen Körper hat, so bedeutet das noch lange nicht, daß es ihm an göttlichen Kräften fehle; denn umgekehrt besitzt auch nicht jeder, der sein Leben lang kerngesund ist, innere Erleuchtung. Die hervorstechenden Merkmale eines Meisters sind geistiger und nicht körperlicher Art. Eine Anzahl irregeführter geistiger Sucher im Abendland ist der Meinung, daß jeder begabte Redner und Schriftsteller auf dem Gebiet der Metaphysik auch ein Meister sein müsse. In Wirklichkeit ist aber nur derjenige ein Meister, der jederzeit in den atemlosen Zustand (Savikalpa-Samadhi) eingehen kann oder ständig im Zustand unwandelbarer Glückseligkeit (Nirvikalpa-Samadhi) lebt.7 Nach den Aussagen der Rishis kann ein Mensch nur durch diese Fähigkeiten beweisen, daß er die Maya, d.h. die dualistische kosmische Täuschung, überwunden hat. Nur dann kann er aufgrund eigener Verwirklichung sagen: »Ekam sat« (»Nur das Eine besteht«). »Der Unwissende, der unter dem Einfluß der Gegensätze steht, meint, alle Dinge unterschieden sich vom Selbst«, schrieb der große Monist Shankara. »Wenn man aber in allen Dingen das Selbst erkennt, unterscheidet sich nicht einmal ein Atom mehr vom Selbst ... Sobald wir in der Wirklichkeit leben, können sich unsere ehemaligen Taten, die in der Unwirklichkeit des Körpers wurzeln, nicht mehr auswirken, ebenso wie man auch nach dem Erwachen nicht mehr träumen kann.« 7 Siehe Seite 308f. und 524, Fußnote 267 Unsere Reise nach Kaschmir Nur große Gurus besitzen die Fähigkeit, das Karma ihrer Jünger auf sich zu nehmen. Sri Yukteswar wäre in Srinagar8 nicht erkrankt, wenn er nicht innerlich vom GEIST die Einwilligung erhalten hätte, seinen Jüngern auf diese ungewöhnliche Art zu helfen. Nur wenige Heilige konnten einen göttlichen Befehl mit solcher Feinfühligkeit aufspüren wie mein gottverbundener, weiser Meister. Als ich einige mitfühlende Worte über die abgemagerte Gestalt meines Gurus äußerte, bemerkte er heiter: »Die Sache hat auch ihr Gutes. Jetzt passe ich wenigstens wieder in einige enge Ganjis (Unterhemden) hinein, die ich seit Jahren nicht mehr getragen habe.« Als ich das fröhliche Lachen meines Gurus hörte, fielen mir die Worte des hl. Franz von Sales ein: »Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger.« 8 Srinagar, die Hauptstadt Kaschmirs, wurde im
3. Jahrhundert v. Chr. von Kaiser Asoka erbaut. Er errichtete dort 500
Klöster, von denen noch hundert standen, als der chinesische Pilger
Hiuen Tsiang tausend Jahre später Kaschmir besuchte. Ein anderer
chinesischer Schriftsteller, Fa-Hsien (5. Jahrhundert), besuchte die
Ruinen des von Asoka bewohnten, geräumigen Palastes in Pataliputra
(jetzt Patna) und berichtet uns, daß die Architektur und die den Bau
ausschmückenden Bildhauerwerke von solch unwahrscheinlicher Schönheit
seien, daß sie »nicht das Werk von Menschenhand sein können«. 268 Kapitel 22: Das beseelte Steinbild Top »Als treue Hindu-Frau will ich mich nicht über meinen Mann beklagen. Aber ich wünsche mir so sehr, daß er seine materialistische Einstellung aufgibt. Er macht sich ständig über die Heiligenbilder in meinem Meditationsraum lustig. Lieber Bruder, ich bin fest davon überzeugt, daß du ihm helfen kannst. Willst du es tun?«Mit diesen Worten blickte mich meine älteste Schwester Roma flehend an. Ich war gerade zu einem kurzen Besuch in ihrem Haus eingetroffen, das in der Girish-Vidyaratna-Gasse in Kalkutta lag. Ihre Bitte bewegte mich tief, denn sie hatte während meiner Kindheit einen großen geistigen Einfluß auf mich ausgeübt und liebevoll versucht, die schmerzliche Lücke, die Mutters Tod in der Familie hinterlassen hatte, zu schließen. »Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, liebe Schwester«, sagte ich. Dabei lächelte ich ihr ermutigend zu, um die Schwermut, die ihr sonst so ruhiges und heiteres Antlitz wie ein Schatten überzog, zu verscheuchen. Dann saßen wir eine Weile schweigend beieinander und beteten um göttliche Führung. Vor einem Jahr hatte meine Schwester mich gebeten, sie in den Kriya-Yoga einzuweihen, in dem sie seither erstaunliche Fortschritte gemacht hatte. Plötzlich kam mir eine Eingebung. »Ich habe vor, morgen zum Kali-Tempel nach Dakshineswar zu fahren«, sagte ich. »Komm bitte mit mir und versuche deinen Mann zu überreden, uns zu begleiten! Ich habe das Gefühl, daß die Göttliche Mutter ihn in der heiligen Atmosphäre des Tempels umstimmen wird. Verrate ihm aber nichts von unserer Absicht.« 269 Das beseelte Steinbild Meine Schwester willigte voller Hoffnung ein. Am nächsten Morgen bemerkte ich zu meiner Freude, daß Roma und ihr Mann sich schon früh zur Ausfahrt fertig machten. Als unsere Droschke etwas später die Obere Ringstraße in Richtung Dakshineswar entlangratterte, begann mein Schwager, Satish Chandra Bose, sich ein Vergnügen daraus zu machen, die Gurus zu verspotten. Ich sah, wie Roma still vor sich hinweinte. »Nur Mut, Schwester«, flüsterte ich ihr zu. »Gib deinem Mann nicht noch die Genugtuung, daß wir seine Sticheleien ernst nehmen.« »Wie kannst du nur diese Scharlatane bewundern, Mukunda?« bemerkte Satish. »Schon der Anblick eines Sadhus ist abstoßend. Entweder ist er dünn wie ein Skelett oder dick wie ein Elefant.« Ich schüttelte mich vor Lachen - eine Reaktion, die Satish verdroß, so daß er sich in finsteres Schweigen hüllte. Als unsere Kutsche in das Tempelgelände von Dakshineswar einfuhr, bemerkte er mit sarkastischem Lächeln: »Dieser Ausflug ist wahrscheinlich geplant worden, um mich zu bekehren.« Als ich mich ohne Antwort abwandte, packte er mich am Arm. »Junger Mönch«, sagte er, »vergiß nicht, uns bei der Tempelverwaltung zum Mittagessen anzumelden.« Satish selbst vermied nämlich gern jede Unterhaltung mit den Priestern. »Ich will jetzt meditieren«, erwiderte ich brüsk. »Mach dir keine Gedanken wegen des Mittagessens. Die Göttliche Mutter wird schon dafür sorgen.« »Ich traue der Göttlichen Mutter in keiner Weise, sondern mache dich für meine Verpflegung verantwortlich«, sagte Satish in drohendem Ton. Ich ging allein bis zur Säulenhalle weiter, die dem riesigen Kali-Tempel gegenüberliegt. (Kali oder »Mutter Natur« ist eine der vielen Erscheinungsformen Gottes.) Dort suchte ich mir einen schattigen Platz in der Nähe einer Säule und setzte mich im Lotossitz nieder. Obgleich es erst sieben Uhr morgens war, begann die Hitze schon drückend zu werden. 270 Das beseelte Steinbild Bald jedoch befand ich mich in einem Zustand seliger Verzückung, so daß die Welt für mich versank; meine ganze Aufmerksamkeit war auf die Göttin Kali gerichtet. Hier in Dakshineswar hatte der große Meister Sri Ramakrishna Paramahansa gelebt, der das Tempelbildnis der Kali zum besonderen Gegenstand seiner Anbetung gemacht hatte. Auf sein Bitten hin hatte das steinerne Bildnis oft lebendige Gestalt angenommen und mit ihm gesprochen. »Schweigsame Mutter Kali aus Stein«, betete ich, »Du hast die Bitte Deines geliebten Sohnes Ramakrishna erfüllt und bist ihm in lebendiger Gestalt erschienen; warum erhörst Du nicht auch das Flehen dieses Sohnes, der sich so sehr nach Dir sehnt?« Mein inneres Verlangen wurde immer stärker, und zugleich breitete sich ein tiefer göttlicher Friede über mich aus. Als jedoch fünf Stunden vergangen waren, ohne daß die Göttin, die ich mir innerlich vergegenwärtigte, geantwortet hätte, fühlte ich mich etwas entmutigt. Machmal zögert Gott Seine Antwort hinaus, um uns zu prüfen. Wenn der Gläubige aber beharrlich bleibt, erscheint Gott ihm schließlich in der Gestalt, die seinem Herzen am nächsten steht. Ein frommer Christ erblickt Jesus, ein Hindu schaut Krishna oder die Göttin Kali oder - falls seine Anbetung überpersönlicher Art ist - ein sich ausbreitendes Licht. Widerstrebend öffnete ich die Augen und sah, daß ein Priester gerade dabei war, die Tempeltore zu schließen, wie es während der Mittagszeit üblich ist. Ich erhob mich von meinem abgelegenen Sitz in der Säulenhalle und trat in den Hof hinaus. Der Steinfußboden glühte in der Mittagssonne, so daß meine bloßen Fußsohlen schmerzhaft zu brennen begannen. »Göttliche Mutten«, klagte ich schweigend, »Du bist mir nicht erschienen, und nun verbirgst Du Dich hinter den verschlossenen Tempeltüren. Dabei wollte ich heute mit einem besonderen Anliegen zu Dir kommen und Dich für meinen Schwager um Hilfe bitten.« Meine Bitte wurde sofort erhört. Zuerst fühlte ich, wie mir eine angenehm kühle Welle über den Rücken bis unter die Füße lief, so daß jedes Unbehagen verschwand. Dann erweiterte sich der Tempel vor meinen erstaunten Blicken ins Unermeßliche. Seine weiten Tore öffneten sich langsam und enthüllten das steinerne Bildnis der Göttin Kali. Allmählich nahm die Statue Leben an und nickte mir lächelnd und grüßend zu. Unbeschreibliche Freude erfüllte mich. Wie von einem geheimnisvollen Sog erfaßt, wich aller Atem aus meiner Lunge, und mein Körper wurde regungslos, ohne jedoch leblos zu werden. 271 Das beseelte Steinbild Dann folgte eine ekstatische Erweiterung des Bewußtseins. Ich konnte mehrere Meilen weit nach links über den Ganges schauen und jenseits des Tempelgeländes den ganzen Bezirk von Dakshineswar überblicken. Die Mauern sämtlicher Gebäude wurden durchsichtig, so daß ich das Kommen und Gehen der Menschen in einem Umkreis von mehreren Quadratkilometern beobachten konnte. Obgleich ich nicht atmete und mein Körper sich in einem sonderbar ruhigen Zustand befand, konnte ich meine Hände und Füße frei bewegen. Mehrere Minuten lang öffnete und schloß ich abwechselnd die Augen; doch sowohl mit offenen als auch mit geschlossenen Augen sah ich deutlich das ganze Panorama von Dakshineswar vor mir. Das geistige Sehvermögen dringt gleich Röntgenstrahlen durch alle Materie hindurch; denn das göttliche Auge ist überall Mittelpunkt und nirgendwo Peripherie. Während ich dort auf dem sonnigen Hof stand, erkannte ich von neuem, daß der Mensch in dem Augenblick, da er aufhört, ein »verlorener Sohn« zu sein und sich an die irdische Traumwelt zu klammern, das Erbe seines Ewigen Reiches antritt. Wenn die Flucht vor dem Ich zu einer inneren Notwendigkeit wird, gibt es dann eine bessere Zuflucht als die Allgegenwart? Die einzigen überdimensionalen Gegenstände während meines heiligen Erlebnisses in Dakshineswar waren der Tempel und die Gestalt der Göttin. Alle anderen Dinge hatten ihre normalen Ausmaße beibehalten, waren jedoch von einem zarten Strahlenkranz umgeben, der aus weißem und blauem Licht und anderen zarten Regenbogenfarben bestand. Mein Körper schien nur aus einer ätherischen Substanz zu bestehen - dem Boden kaum noch verhaftet. Und dennoch war ich mir meiner irdischen Umgebung deutlich bewußt; ich konnte umherblicken und einige Schritte vorwärts tun, ohne daß die glückselige Vision dadurch beeinträchtigt wurde. 272 Das beseelte Steinbild Da erblickte ich hinter den Tempelmauern meinen Schwager, der unter den dornigen Zweigen eines heiligen Bel-Baumes saß. Ich konnte mühelos seine Gedanken verfolgen. Irgendwie hatte ihn die heilige Atmosphäre von Dakshineswar beeindruckt; aber er hegte immer noch einen Groll gegen mich. Ich wandte mich unmittelbar an die liebliche Gestalt der Göttin. »Göttliche Mutter«, betete ich, »kannst Du nicht eine geistige Wandlung in meinem Schwager vollziehen?« Das schöne Bildnis, das bisher stumm gewesen war, begann endlich zu sprechen: »Dein Wunsch soll erfüllt werden.« Freudig schaute ich zu Satish hinüber. Als fühlte er instinktiv, daß eine geistige Kraft am Werke war, erhob er sich ärgerlich vom Boden. Ich sah ihn hinter dem Tempel daherlaufen und mit geballter Faust auf mich zukommen. Die allumfassende Vision entschwand, und ich konnte die strahlende Göttin nicht mehr sehen. Der Tempel hatte seine Durchsichtigkeit verloren und wieder seine gewöhnlichen Dimensionen angenommen. Und nun fühlte ich auch von neuem die drückende Hitze und die sengenden Sonnenstrahlen. Schnell begab ich mich in die schattige Säulenhalle, wohin Satish mir ärgerlich folgte. Als ich auf meine Uhr blickte, sah ich, daß es bereits eins war; die göttliche Vision hatte eine ganze Stunde gedauert. »Du Narr!« stieß mein Schwager hervor. »Du hast da stundenlang mit gekreuzten Beinen und verdrehten Augen gesessen. Ich bin immer wieder an dir vorbeigegangen und habe dich angeschaut. Wo bleibt unser Essen? Jetzt ist der Tempel geschlossen. Du hast es versäumt, uns bei der Verwaltung anzumelden, und nun ist es zu spät für eine Mahlzeit.« Die Erhebung, die ich in der Gegenwart der Göttin gefühlt hatte, schwang noch in mir nach, und ich rief: »Die Göttliche Mutter wird uns speisen.« »Ich möchte ein für allemal erleben«, schrie Satish, »wie deine Göttliche Mutter uns hier speisen will, wenn wir uns nicht vorher angemeldet haben!« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als wir einen Priester geradewegs auf uns zukommen sahen. 273 Das beseelte Steinbild »Mein Sohn«, sagte er zu mir, »ich habe dein entrücktes Gesicht während deiner stundenlangen Meditation beobachtet, und da ich wußte, daß du mit deinen Begleitern heute früh angekommen warst, nahm ich mir vor, genug Essen für euch zurückzustellen. Es ist zwar gegen die Tempelregel, jemandem eine Mahlzeit anzubieten, der sich nicht vorher angemeldet hat, aber bei dir mache ich eine Ausnahme.« Ich dankte ihm und schaute Satish gerade in die Augen. Dem war vor Erregung das Blut ins Gesicht gestiegen, und er senkte in schweigender Reue den Blick. Als uns dann ein köstliches Mahl serviert wurde, das sogar Mangos enthielt, die es zu dieser Jahreszeit sonst nicht gab, bemerkte ich, daß mein Schwager keinen rechten Appetit hatte. Er schien verwirrt und tief in Gedanken versunken. Auf unserer Rückfahrt nach Kalkutta warf Satish mir mehrmals einen sanften und fast flehentlichen Blick zu. Doch seit dem Augenblick, da der Priester gewissermaßen als Antwort auf seine Herausforderung erschienen war, um uns zum Essen einzuladen, hatte er kein Wort mehr gesprochen. Am folgenden Nachmittag besuchte ich meine Schwester, die mich zärtlich begrüßte. »Lieber Bruder«, rief sie aus, »ein Wunder ist geschehen. Gestern Abend hat mein Mann aufrichtig geweint.« »Geliebte Devi1«, sagte er, »ich kann dir kaum sagen, wie glücklich ich bin, daß der Bekehrungsplan deines Bruders gelungen ist. Ich will jetzt alles, was ich dir angetan habe, wiedergutmachen. Von heute ab wollen wir unser großes Schlafzimmer nur noch zur Andacht benutzen und dein kleines Meditationszimmer zu unserem Schlafraum machen. Es tut mir aufrichtig leid, daß ich deinen Bruder verspottet habe. Weil ich mich ihm gegenüber so schändlich benommen habe, will ich mir selbst die Strafe auferlegen, nicht eher zu ihm zu sprechen, als bis ich einige Fortschritte auf dem geistigen Weg gemacht habe. Von nun an will ich die Göttliche Mutter von ganzem Herzen suchen; eines Tages werde ich sie sicher finden.« 1 Devi = Göttin. Wörtlich: »Die Leuchtende«, aus der Sanskrit-Verbwurzel div = scheinen. 274 Das beseelte Steinbild Viele Jahre später (1936) besuchte ich Satish in Delhi und sah zu meiner großen Freude, daß er bereits eine hohe Stufe der Selbst-Verwirklichung erreicht hatte. Auch ihm war die Göttliche Mutter inzwischen in einer Vision erschienen. Während meines Aufenthaltes bei ihm bemerkte ich, daß er den größeren Teil der Nacht heimlich in tiefer Meditation verbrachte, obgleich er unter einer schweren Krankheit litt und tagsüber im Büro arbeiten musste. Plötzlich kam mir die Gewißheit, daß mein Schwager nicht mehr lange leben werde. Roma mußte meine Gedanken erraten haben. »Lieber Bruder«, sagte sie, »obwohl es mir gesundheitlich gut geht und mein Mann krank ist, sollst du wissen, daß ich als treue Hindu-Frau vor ihm sterben werde2. Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich heimgehe.« Ich erschrak über ihre unheilvollen Worte, fühlte aber, daß sie die schmerzliche Wahrheit enthielten. Als meine Schwester etwa eineinhalb Jahre später starb, war ich in Amerika. Mein jüngster Bruder Bishnu teilte mir später nähere Einzelheiten über ihr Ableben mit. »Roma befand sich zum Zeitpunkt ihres Todes mit Satish in Kalkutta«, berichtete Bishnu. »Am Morgen jenes Tages legte sie ihr Hochzeitsgewand an.« »Warum diese festliche Tracht?« fragte Satish. »Dies ist der letzte Tag, an dem ich dir auf Erden diene« erwiderte Roma. Kurze Zeit danach erlitt sie einen Herzanfall. Als ihr Sohn Hilfe herbeirufen wollte, sagte sie: »Verlaß mich jetzt nicht, mein Sohn. Es hat keinen Zweck mehr. Ehe der Arzt kommt, werde ich hinübergegangen sein.« Zehn Minuten später umfaßte Roma ehrfürchtig die Füße ihres Mannes und verließ ihren Körper freudig und bei vollem Bewußtsein - ohne zu leiden. 2 Eine Hindu-Frau sieht es als Zeichen
geistigen Fortschritts an, wenn sie vor ihrem Mann geht, d.h., wenn sie
auf dem Höhepunkt ihres Schaffens stirbt; denn das gilt als Beweis
ihrer Treue und Ergebenheit. 275 Das beseelte Steinbild »Satish lebte nach dem Tode seiner Frau sehr zurückgezogen«, fuhr Bishnu fort. »Eines Tages schauten wir uns beide eine Photographie der lächelnden Roma an. »Warum lächelst du?« rief Satish plötzlich aus, als ob seine Frau persönlich anwesend wäre. Du hältst dich wohl für sehr gescheit, weil es dir gelungen ist, vor mir zu gehen. Aber ich werde dir beweisen, daß du nicht lange ohne mich sein kannst; bald werde ich bei dir sein.« Obwohl Satish sich damals vollkommen von seiner Krankheit erholt hatte und sich bester Gesundheit erfreute, starb er kurze Zeit nach dieser seltsamen Bemerkung ohne irgendeinen sichtbaren Grund. So haben meine geliebte Schwester Roma und ihr Mann, der weltlich gesinnte Satish, der in Dakshineswar zu einem schweigsamen Heiligen geworden war, beide ihren Tod vorausgesehen. 276 Kapitel 23: Ich bestehe mein Staatsexamen Top »Ich sehe, dass Du die Hoffnungen in den philosophischen Lehrbüchern einfach ignorierst. Wahrscheinlich glaubst du, dich in der Prüfung mühelos auf deine »Intuition« verlassen zu können. Doch wenn du dich nicht endlich ernsthafter mit deinen Studien beschäftigst, werde ich dafür sorgen, daß du das Examen nicht bestehst!« Diese strengen Worte kamen von Professor D. C. Ghoshal, dessen Vorlesungen in Serampur ich belegt hatte. Wenn ich bei seiner letzten Klausur nicht befriedigend abschnitt, konnte ich nicht zum Staatsexamen zugelassen werden. Die Fragen für diese Prüfung werden von der Fakultät in Kalkutta bestimmt, da die Universität Serampur ein Zweiginstitut der Universität ist. In Indien muß ein Student, der beim Staatsexamen in nur einem Fach versagt, das nächste Jahr in allen Fächern noch einmal geprüft werden. Die Dozenten an der Universität Serampur behandelten mich gewöhnlich wohlwollend, wenn sie sich auch gelegentlich über mich lustig machten und sagten: »Mukunda läßt sich zu sehr von der Religion berauschen.« Da sie diese festgesetzte Meinung von mir hatten, waren sie taktvoll genug, mir im Seminar keine Fragen zu stellen; wahrscheinlich hofften sie, daß ich nach dem schriftlichen Examen sowieso von der Liste der Prüfungskandidaten gestrichen würde. Die Meinung, die meine Kommilitonen von mir hatten, ist an dem Spitznamen zu erkennen, den sie mir gegeben hatten: »Närrischer Mönch.« Mir war ein genialer Einfall gekommen, um Professor Ghoshals Vorhaben, mich in Philosophie durchfallen zu lassen, zu vereiteln. Kurz bevor die Ergebnisse der letzten schriftlichen Arbeit bekannt gegeben werden sollten, bat ich einen Kommilitonen, mich zum Arbeitszimmer des Professors zu begleiten. 277 Ich bestehe mein Staatsexamen »Komm bitte mit mir, denn ich brauche einen Zeugen«, sagte ich ihm. »Es sollte mich wirklich wundern, wenn es mir nicht gelungen wäre, den Dozenten zu überlisten.« Als ich Professor Ghoshal fragte, welche Zensur er meiner Arbeit gegeben hätte, schüttelte er nur den Kopf. »Du bist nicht unter denen, die bestanden haben«, sagte er triumphierend. Dann sah er einen großen Stoß von Blättern durch, die auf seinem Pult lagen. »Dein Blatt ist gar nicht dabei; du hast also sowieso nicht bestanden, weil du nicht zum Examen erschienen bist.« »Herr Professor, ich bin aber dagewesen«, sagte ich, heimlich in mich hineinlachend. »Darf ich den Stoß mal selbst durchsehen?« Der Professor sah sich in die Enge getrieben und mußte wohl oder übel einwilligen. Ich fand mein Blatt, auf dem ich sorgfältig jede Identifizierung mit Ausnahme der Kennziffer weggelassen hatte, auch gleich heraus. Da mein Name, der wie ein rotes Tuch auf den Dozenten gewirkt hätte, nicht auf dem Blatt stand, hatte er meiner Arbeit eine ausgezeichnete Zensur gegeben, obgleich sie nicht mit Zitaten aus den Textbüchern gespickt war.1 Als er meine List durchschaut hatte, donnerte er mich an: »Du hast nur ganz unverschämtes Glück gehabt!« und fügte hoffnungsvoll hinzu: »Im Schlußexamen wirst du aber bestimmt durchfallen.« Die Themen zu den anderen Fächern ließ ich mir hauptsächlich durch meinen lieben Freund und Vetter Prabhas Chandra Ghosh (den Sohn meines Onkels Sarada) einpauken. Mühsam wand ich mich durch alle Abschlußprüfungen hindurch und erreichte auch tatsächlich die erforderliche Mindestpunktzahl. 1 Ich muß Professor Ghoshal insofern rechtfertigen, als er keine Schuld an unserem gespannten Verhältnis trug; dieses rührte nur davon her, daß ich während der Vorlesungen geistesabwesend war oder sie überhaupt nicht besuchte. Prof. Ghoshal ist ein gewandter Redner, der umfassende Kenntnisse in der Philosophie besitzt. In späteren Jahren bestand zwischen uns ein herzliches Einvernehmen. 278 Ich bestehe mein Staatsexamen Und nun, nach vierjährigem Universitätsstudium, wurde ich zum Staatsexamen der philosophischen Fakultät zugelassen. Ich hatte allerdings kaum die Absicht, von diesem Vorrecht Gebrauch zu machen. Die Abschlußprüfungen an der Universität Serampur waren ein Kinderspiel im Vergleich zu dem weit schwierigeren Staatsexamen an der Universität Kalkutta. Meine fast täglichen Besuche bei Sri Yukteswar hatten mir wenig Zeit gelassen, die Vorlesungen zu besuchen, und mein Erscheinen in den Hörsälen löste jedes mal Rufe des Erstaunens bei meinen Kommilitonen aus. Mein Tagesprogramm begann jeden Morgen gegen halb 10 Uhr, wenn ich mich auf mein Fahrrad schwang, um zur Einsiedelei zu fahren. In der einen Hand hielt ich stets ein paar Blumen aus dem Garten der Panthi-Pension - eine Gabe für meinen Guru. Nachdem der Meister mich herzlich begrüßt hatte, lud er mich zu einem Imbiß ein, und jedes mal folgte ich seiner Aufforderung mit Freuden und verbannte alle Gedanken an die Universität. Hatte ich dann den ganzen Tag bei Sri Yukteswar zugebracht, seinen unvergleichlichen Worten der Weisheit gelauscht und im Ashram geholfen, brach ich gegen Mitternacht widerstrebend auf, um zur Panthi-Pension zurückzukehren. Gelegentlich blieb ich die ganze Nacht bei meinem Guru, weil wir so sehr in unser Gespräch vertieft waren, daß ich in meiner Seligkeit gar nicht merkte, wenn es Morgen wurde. Eines Abends gegen 11 Uhr, als ich gerade meine Schuhe anzog2, um zur Pension zurückzufahren, fragte der Meister mit ernster Miene: »Wann beginnen die Prüfungen für das Staatsexamen?« »In fünf Tagen, Guruji.« »Ich hoffe, daß du entsprechend vorbereitet bist.« Starr vor
Schreck blieb ich stehen, den einen Schuh noch in der Hand haltend.
»Meister«, rief ich protestierend, Ihr wißt, daß ich meine Tage bei
Euch und nicht bei den Professoren zugebracht habe! Wie kann ich denen
jetzt das Schauspiel geben, zu diesen schwierigen Prüfungen zu
erscheinen?« Sri Yukteswar schaute mich mit durchdringendem Blick an. 279 Ich bestehe mein Staatsexamen »Du mußt hingehen«, sagte er in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. »Wir dürfen deinem Vater und deinen Verwandten keinen Anlaß zur Kritik geben, denn sie wissen, daß du dich oft hier im Ashram aufgehalten hast. Versprich mir nur, daß du zum Examen erscheinen willst, und antworte dann, so gut du kannst.« Ohne daß ich es verhindern konnte, stürzten mir die Tränen aus den Augen; ich hielt den Befehl des Meisters für vernunftwidrig und fand, daß sein Interesse - um es milde auszudrücken - reichlich spät kam. »Ich kann hingehen, wenn ihr es wünscht«, sagte ich unter Schluchzen. »Aber ich habe keine Zeit mehr, mich richtig vorzubereiten.« Und dann murmelte ich vor mich hin: »Anstatt auf die Fragen zu antworten, werde ich die Blätter mit Euren Lehren vollschreiben.« Am folgenden Tag erschien ich zur gewohnten Stunde in der Einsiedelei und überreichte Sri Yukteswar mit trübseliger Miene meinen Blumenstrauß. Er lachte über mein bekümmertes Gesicht. »Mukunda, hat dich der Herr jemals bei einer Prüfung oder sonstwie im Stich gelassen?« "Nein, Guruji«, erwiderte ich beschämt, während eine Flut von Erinnerungen in mir aufstieg und mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllte. »Nicht Trägheit, sondern unstillbares Verlangen nach Gott hat dich davon abgehalten, nach akademischen Ehren zu trachten«, sagte mein Guru liebevoll. Und nach einem kurzen Schweigen zitierte er: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.«3 Wie schon unzählige Male, so fühlte ich auch jetzt in der Gegenwart des Meisters eine schwere Last von mir abfallen. Als wir unser Frühstück beendet hatten, schlug er mir vor, zur Panthi-Pension zurückzukehren. »Wohnt dein Freund Romesh Chandra Dutt noch in der Pension?« »Ja, Meister.«3
Matthäus 6, 33 280 Ich bestehe mein Staatsexamen »Dann setz dich mit ihm in Verbindung; Gott wird ihm eingeben, wie er dir beim Examen helfen kann.« »Gut, Meister. Aber Romesh ist außerordentlich beschäftigt. Er will sein Examen mit Auszeichnung machen und hat mehr zu studieren als die anderen.« Doch der Meister schob meinen Einwand beiseite. »Romesh wird Zeit für dich finden. Geh jetzt.« Ich radelte zum Panthi-Haus zurück, und der erste, der mir dort im Garten begegnete, war der gelehrte Romesh .. Schüchtern trug ich ihm meine Bitte vor, und als ob er weiter nichts zu tun hätte, willigte er sofort ein. »Aber natürlich! Ich stehe dir gern zur Verfügung.« Täglich brachte er nun mehrere Stunden damit zu, mir die verschiedenen Themen einzupauken. »Ich nehme an, daß sich viele Prüfungsfragen in englischer Literatur diesmal auf die Reise von »Junker Harold« beziehen werden«, meinte er. »Wir müssen uns sofort einen Atlas besorgen.« Ich eilte zum Hause meines Onkels und lieh mir einen Atlas aus. Dann vermerkte Romesh auf der Europakarte alle Orte, die Byrons romantischer Reisender besucht hatte. Einige Kommilitonen hatten sich um uns versammelt, um dem Unterricht zu folgen. »Romesh hat dich nicht gut beraten«, sagte mir jemand am Ende einer solchen Sitzung. »Meistens beziehen sich nur 50% der Fragen auf das Buch und die anderen auf das Leben des Dichters.« Als ich aber zur englischen Literaturprüfung erschien und einen Blick auf die Fragen warf, liefen mir sogleich Tränen der Dankbarkeit aus den Augen und tropften auf das Papier. Der Aufseher kam an mein Pult und fragte mitfühlend, was mir fehle. »Mein großer Guru hat vorausgesagt, daß Romesh mir helfen würde«, erklärte ich. »Und jetzt stehen tatsächlich dieselben Fragen, die Romesh mir genannt hat, auf dem Prüfungsbogen.« Erleichtert fügte ich hinzu: »Gott sei Dank werden dieses Jahr nur wenige Fragen über das Leben des englischen Dichters gestellt, das für mich in völliges Dunkel gehüllt ist.« 281 Ich bestehe mein Staatsexamen Als ich heimkehrte, war die ganze Pension in Aufruhr. Die Burschen, die mich zuvor ausgelacht hatten, weil ich dem Einpauken Romeshs vertraute, empfingen mich nun mit ohrenbetäubenden Glückwünschen. Während der ganzen Examenswoche verbrachte ich jede freie Minute mit Romesh, der die Fragen so formulierte, wie sie seiner Meinung nach von den Professoren gestellt werden könnten. Und Tag für Tag erschienen Romeshs Fragen in fast demselben Wortlaut auf den Prüfungsbogen. An der Universität hatte sich die Kunde, daß etwas Wunderähnliches im Gange sei und daß der geistesabwesende »närrische Mönch« wahrscheinlich erfolgreich abschließen werde, wie ein Lauffeuer verbreitet. Ich unternahm auch gar keinen Versuch, die Tatsachen zu verheimlichen, denn die hiesigen Professoren waren nicht befugt, die Fragen, die von der Fakultät in Kalkutta festgelegt worden waren, abzuändern. Als ich mir die Examensfragen in englischer Literatur eines Morgens noch einmal durch den Kopf gehen ließ, fiel mir ein, daß ich einen schwerwiegenden Fehler begangen hatte. Verschiedene Fragen waren zur Auswahl gestellt worden, so daß man sich für A oder B und C oder D entscheiden konnte. Anstatt nun eine Frage aus jeder Gruppe zu beantworten, hatte ich beide Fragen der ersten Gruppe beantwortet und die beiden der zweiten Gruppe versehentlich übergangen. Die höchste Punktzahl, die ich nun noch erreichen konnte, war 33 - drei Punkte weniger als die erforderliche Mindestpunktzahl 36. Ich eilte sogleich zum Meister und schüttete ihm mein Herz aus. »Guruji, ich habe einen unverzeihlichen Fehler begangen. Ich verdiene die göttliche Hilfe durch Romesh nicht. Ich bin ihrer einfach nicht wert!« »Beruhige dich, Mukunda«, sagte Sri Yukteswar mit heiterer und unbekümmerter Stimme. Dann wies er auf das blaue Himmelsgewölbe und sprach: »Eher vertauschen Sonne und Mond ihren Platz am Himmel, als daß du durchs Staatsexamen fällst.« Einigermaßen beruhigt verließ ich die Einsiedelei, obgleich es vom mathematischen Standpunkt aus unmöglich war, daß ich die Prüfung noch bestehen konnte. Ein oder zweimal schaute ich besorgt zum Himmel empor; doch das Tagesgestirn schien unbeirrt seine gewohnte Bahn zu ziehen. Im Panthi-Haus angekommen, hörte ich einen Kommilitonen bemerken: »Ich habe gerade erfahren, daß die Punktzahl für englische Literatur in diesem Jahre zum ersten Mal herabgesetzt worden ist.« 282 Ich bestehe mein Staatsexamen Da stürzte ich so hastig in das Zimmer des Burschen, daß dieser erschrocken hochfuhr. Eifrig fragte ich ihn aus. »Langhaariger Mönch«, erwiderte er lachend, »warum dieses plötzliche Interesse an akademischen Fragen? Warum dieser Aufruhr in letzter Minute? Aber es stimmt, daß die Mindestpunktzahl jetzt 33 beträgt.« Mit freudigen Sprüngen kehrte ich in mein Zimmer zurück, wo ich sofort auf die Knie fiel und meinem Göttlichen Vater für Seine mathematische Präzisionsarbeit dankte. Jedesmal, wenn Romesh mich unterrichtete, hatte ich das freudige Gefühl, von einer unsichtbaren Göttlichen Kraft geleitet zu werden. Ein bemerkenswerter Vorfall ereignete sich bei der Prüfung in Bengali, einem Fach, in dem Romesh mich nicht unterwiesen hatte. Als ich eines Morgens gerade die Pension verließ, um meinen gewohnten Gang zum Prüfungssaal anzutreten, hörte ich, wie Romesh mir etwas nachrief. »Romesh ruft dich«, sagte ein Kommilitone ungeduldig. »Geh aber nicht zurück, wir kommen sonst zu spät.« Entgegen seinem Rat kehrte ich auf der Stelle um.»Meistens bestehen unsere bengalischen Studenten diese Prüfung ohne Schwierigkeiten«, sagte Romesh. »Aber ich habe das Gefühl, als ob die Professoren die Prüflinge dieses Jahr aufs Glatteis führen wollten, indem sie Fragen über die vorgeschriebene Lektüre stellen.« Dann umriß er mir zwei Episoden aus dem Leben Vidyasagars, eines bekannten bengalischen Philanthropen des 19. Jahrhunderts. Ich dankte Romesh und radelte schnell zur Universität. Als ich den Prüfungsbogen zur Hand nahm, sah ich, daß er aus zwei Teilen bestand. Die erste Aufgabe lautete: »Führe zwei Beispiele für die Nächstenliebe Vidyasagars an.«4 Als ich mein in letzter Minute erworbenes Wissen zu Papier brachte, flüsterte ich heimliche Dankesworte und beglückwünschte mich, weil ich dem Ruf Romeshs gefolgt war. Ohne etwas von den Wohltaten Vidyasagars zu wissen (dem nun auch ich zu Dank verpflichtet war), hätte ich die Prüfung in Bengali nicht bestehen können. 4 Ich habe die genaue Formulierung der Aufgabe
vergessen, erinnere mich aber, daß sie dieselben Begebenheiten aus dem
Leben Vidyasagars betraf, die Romesh mir gerade zuvor erzählt hatte.
283 Ich bestehe mein Staatsexamen Die zweite Aufgabe lautete: »Schreibe in bengalischer Sprache einen Bericht über das Leben desjenigen Menschen, der dich am tiefsten beeindruckt hat.« Lieber Leser, ich brauche dir wohl nicht zu sagen, wen ich beschrieben habe. Während ich ein viele Seiten umfassendes Loblied auf meinen Guru sang, dachte ich lächelnd an meine gemurmelte Prophezeiung: »Ich werde die Blätter mit Euren Lehren vollschreiben.« Ich hatte es nicht für nötig befunden, Romeshs Hilfe für die Prüfung in Philosophie zu beanspruchen, weil ich mich hier auf die von Sri Yukteswar empfangene langjährige Schulung verließ. Aus diesem Grunde hatte ich mir die Erklärungen in den Textbüchern gar nicht angesehen. In Philosophie erhielt ich dann auch die beste Note, während ich in allen anderen Fächern nur die erforderliche Mindestpunktzahl erreichte. Mit besonderer Freude kann ich berichten, daß mein selbstloser Freund Romesh sein Exarnen cum laude bestand. Vater strahlte vor Stolz, als ich ihm mein Diplom zeigte. »Ich habe kaum geglaubt, daß du es schaffen würdest, Mukunda«, gestand er mir, »denn du hast so viel Zeit bei deinem Guru zugebracht.« Der Meister hatte in der Tat den stummen Vorwurf meines Vaters gefühlt. Jahrelang hatte ich daran gezweifelt, daß einmal der Tag kommen würde, da ich die Buchstaben A. B. (Bakkalaureus der philosophischen Fakultät) hinter meinen Namen setzen könnte. Ich gebrauche diesen Titel fast nie, ohne daran zu denken, daß er ein göttliches Geschenk ist, das mir aus irgendeinem unerfindlichen Grund in den Schoß gefallen ist. Gelegentlich höre ich Akademiker bemerken, daß sie nach dem Examen nur sehr wenig von dem eingepaukten Wissen im Gedächtnis behalten. Dieses Geständnis tröstet mich etwas über meine offensichtlichen akademischen Bildungslücken hinweg. 284 Ich bestehe mein Staatsexamen An jenem Junitag des Jahres 1915, als ich mein Staatsexamen an der Universität Kalkutta bestanden hatte, kniete ich vor meinem Guru nieder, um ihm für alle Segnungen zu danken, mit denen er mich im Laufe der Jahre überschüttet hatte.5 »Steh auf, Mukunda«, sagte er liebevoll. »Der Herr hat es nur einfacher gefunden, dich im Staatsexamen durchzubringen, als den Lauf von Sonne und Mond zu ändern.« 5 Die Macht, auf die Gedanken anderer und den Lauf der Ereignisse einzuwirken, ist ein Vibhuti, eine durch Yoga erworbene Fähigkeit, die in Patanjalis Yoga-Sutras 111, 24 als ein Ergebnis »allumfassenden Mitgefühls« beschrieben wird. [Zwei gelehrte Abhandlungen über die Sutras sind Yoga-System of Pataniali (Vol. 17, Oriental Series, Harvard Univ.) und Dasguptas Yoga Philosophy (Trubner's, London).] Alle heiligen Schriften verkünden, daß der allmächtige Gott den Menschen nach Seinem Bilde geschaffen hat. Macht über den ganzen Kosmos zu besitzen, scheint eine übernatürliche Fähigkeit zu sein. In Wirklichkeit aber ist sie für alle, die sich ihres göttlichen Ursprungs »richtig erinnern«, eine ganz natürliche Gabe. Wer, wie Sri Yukteswar, eins mit Gott ist, hat kein Ich (Ahamkara) und daher auch keine persönlichen Wünsche mehr. Aus diesem Grunde stimmen die Handlungen der großen Meister ganz von selbst mit Rita, der natürlichen Gerechtigkeit, überein. Nach Emersons Worten werden alle Großen »nicht nur tugendhaft, sondern zur Tugend selbst. Dann ist der Endzweck des Universums erreicht und Gott zufriedengestellt.« Jeder Mensch, der Gottverwirklichung erreicht hat, kann auch Wunder vollbringen, weil er - ebenso wie Christus - die unumgänglichen Gesetze des Kosmos kennt; doch nicht alle Meister machen von ihren übernatürlichen Kräften Gebrauch (siehe Seite 296, Fußnote). In jedem Heiligen spiegelt sich Gott auf andere Weise wider, denn in dieser Welt, in der nicht einmal zwei Sandkörnchen einander genau gleichen, verschafft sich die Individualität überall Ausdruck. Über erleuchtete Heilige lassen sich keine festen Regeln aufstellen; einige vollbringen Wunder und andere nicht. Einige sind untätig, während andere (wie König Janaka im alten Indien und die hl. Theresia von Avila) sich großen Aufgaben widmen. Einige reisen, geben Unterricht und nehmen Jünger an, während andere ein stilles, unauffälliges Dasein im verborgenen führen. Kein weltlicher Kritiker kann die geheime Pergamentrolle des Karmas (ehemaliger Taten) entziffern, die für jeden Heiligen in einer anderen Schrift abgefaßt ist. 285 Kapitel
24 : Ich werde Mönch des Swami-Ordens Top »Gut, ich will dich morgen zum Swami weihen«, sagte er und fuhr dann ruhig fort: »Ich freue mich, daß du deinem Vorsatz, Mönch zu werden, treu geblieben bist. Lahiri Mahasaya sagte oft: »Wenn du Gott nicht im Sommer deines Lebens einlädst, wird Er auch im Winter nicht dein Gast sein.«« »Lieber Meister, ich könnte niemals den Wunsch aufgeben, gleich Euch dem Swami-Orden anzugehören«, erwiderte ich, indem ich ihn mit grenzenloser Liebe anblickte. »Wer ledig ist, der sorgt, was dem Herrn angehört, wie er dem Herrn gefalle; wer aber freit, der sorgt, was der Welt angehört, wie er dem Weibe gefalle.«1 Ich wußte, wie es einigen meiner Freunde ergangen war, die sich zuerst einer gewissen geistigen Disziplin unterzogen hatten und später heirateten. Sobald sie in den Trubel weltlicher Pflichten hineingerieten, vergaßen sie ihren Entschluß, tief zu meditieren. Gott den zweiten Platz in meinem Leben zu geben, schien mir unfaßbar.'2 Er, dem alle Dinge im Himmel und auf Erden gehören, überschüttet den Menschen von Leben zu Leben schweigend mit Seinen Gaben. Es gibt nur eine Gegengabe, die der Mensch Ihm anbieten kann - und das ist seine Liebe. Doch jedem steht es frei, sie Gott vorzuenthalten oder zu schenken. 1 1. Korinther 7, 32-33 286 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Da der Schöpfer so viel Mühe darauf verwandt hat, sich hinter dem geheimnisvollen Schleier der Schöpfung zu verbergen, konnte Er nur einen Beweggrund - nur einen sehnlichen Wunsch haben: daß der Mensch Ihn aus freiem Antrieb suchen möge. Er hat die eiserne Hand Seiner Allmacht wahrlich mit dem Samthandschuh der Demut bedeckt! Der folgende Tag war einer der denkwürdigsten meines Lebens. Ich weiß noch, daß es ein sonniger Donnerstag im Juli 1915 war - einige Wochen, nachdem ich mein Staatsexamen bestanden hatte. Auf dem Balkon der Hofseite stand der Meister und tauchte ein Stück neuer weißer Seide in eine ockerfarbene Lösung - die traditionelle Farbe des Swami-Ordens. Nachdem das Tuch getrocknet war, kleidete der Guru mich in das neue Gewand der Entsagung. »Später einmal wirst du nach dem Westen reisen, wo man Seide bevorzugt«, sagte er. »Darum habe ich, als ein Sinnbild, statt der üblichen Baumwolle diesen Seidenstoff für dich ausgesucht.« In Indien, wo die Mönche dem ideal der Armut folgen, bietet ein in Seide gekleideter Swami einen ungewöhnlichen Anblick. Viele Yogis tragen jedoch Seidenstoffe, weil diese die feinen körperlichen Energien besser bewahren als Baumwolle. »Ich bin kein Freund von Zeremonien«, bemerkte Sri Yukteswar. »Darum will ich dich auf Bidwat-Art (unzeremonielle Art) zum Swami machen.« Die Bibidisa oder zeremonielle Swamiweihe schließt eine Feuerzeremonie ein, die eine symbolische Totenfeier darstellt. Der physische Körper des Jüngers »stirbt« und wird von den Flammen der Weisheit verzehrt. Daraufhin wird dem neuen Swami ein Lied gesungen, wie z.B. »Dieses Atman ist Brahman«3 oder »Du bist DAS« oder »Ich bin Er«. Sri Yukteswar jedoch liebte die Einfachheit und verzichtete daher auf alle traditionellen Riten; er forderte mich lediglich auf, einen neuen Namen zu wählen. 3 Wörtlich: »Diese Seele ist GEIST.« Der höchste GEIST ist das Unerschaffene, Absolute (neti, neti = weder dies noch das), wird aber im Vedanta oft als Sat-Chit-Ananda (Dasein, Intelligenz, Glückseligkeit) bezeichnet. 287 Ich werde Mönch des Swami-Ordens »Du sollst das Vorrecht haben, ihn dir selbst auszusuchen« sagte er lächelnd. »Yogananda«,4 erwiderte ich nach kurzem Nachdenken. Dieser Name bedeutet »Glückseligkeit (Ananda) durch Vereinigung mit Gott (Yoga)«. »So sei es. Hiermit gibst du deinen bürgerlichen Namen Mukunda Lal Ghosh auf und heißt fortan Yogananda vom Giri-Zweig des Swarni-Ordens.«Als ich vor Sri Yukteswar niederkniete und ihn zum ersten Male meinen neuen Namen aussprechen hörte, wollte mir das Herz vor Dankbarkeit überfließen. Wieviel Liebe und Mühe hatte er aufgewandt, damit eines Tages aus dem Knaben Mukunda der Mönch Yogananda werden konnte! Freudig sang ich einige Verse der von Shankaracharya5 verfaßten langen Sanskrit-Hymne: 4 Yogananda ist für Swamis ein recht gebräuchlicher Name. 5 Shankara wird oft Shankaracharya genannt, denn Acharya bedeutet »religiöser Lehrer«. Wie allgemein üblich, streiten sich die Gelehrten über sein Geburtsdatum. Einige Unterlagen zeigen, daß der unvergleichliche Monist im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte; der Weise Anandagiri erwähnt die Daten 44-12 v. Chr. Westliche Geschichtsforscher behaupten, Shankara habe im 8. Jahrhundert n. Chr. gelebt. Er scheint auf jedes Jahrhundert eine Anziehungskraft ausgeübt zu haben! Der inzwischen verstorbene Jagadguru Sri Shankaracharya vom historischen Gowardhan Math in Puri, Seine Heiligkeit Bharati Krishna Tirtha, begab sich im Jahre 1958 für einen dreimonatigen Besuch nach Amerika. Es war das erste Mal, daß ein Shankaracharya nach dem Westen reiste. Während seiner historischen Reise wurde er von der Self-Realization Fellowship betreut. Der Jagadguru sprach an den führenden Universitäten Amerikas und nahm an einer öffentlichen Diskussion mit dem berühmten Historiker Dr. Arnold Toynbee über das Thema »Weltfriede« teil. 1959 nahm Sri Shankaracharya die Einladung der Präsidentin Sri Daya Mata an, als Stellvertreter der Gurus der Self-Realization Fellowship und Yogoda Satsanga Society zu fungieren und zwei Mönchen der Yogoda Satsanga die Swamiweihe zu erteilen. Er leitete die Feier im Sri Yukteswar-Tempel des Yogoda Satsanga Ashrams in Puri. (Anmerkung des Herausgebers) 288 Ich werde Mönch des Swami-Ordens
Himmel, Erde, Metall bin ich nicht, Ich bin Er, ich bin Er, seliger GEIST, ich bin Er! Weder Tod noch Geburt noch Kaste kenn' ich, Vater, Mutter habe ich nicht. Ich bin Er, ich bin Er, seliger Geist, ich bin Er! Gestaltlos bin ich, Jenseits der flüchtigen Phantasie; Alles, was lebt, durchdringe ich, Keine Knechtschaft fürchte ich, Ich bin frei - ewig frei, Ich bin Er, ich bin Er, seliger GEIST, ich bin Er! Alle Swamis gehören dem Mönchsorden an, der in Indien seit undenklichen Zeiten in hohem Ansehen steht. Seit er von Shankaracharya vor vielen Jahrhunderten reorganisiert wurde, hat er fortwährend unter der Leitung heiliger Männer gestanden, von denen jeder den Titel Jagadguru Sri Shankaracharya trägt. Die Zahl der Mönche, die diesem heiligen Orden angehören, beträgt schätzungsweise eine Million. Wer dem Swami-Orden beitreten will, muß die Weihe von einem anderen Swami erhalten. Auf diese Weise können alle Mönche des Swami-Ordens ihre geistige Herkunft auf einen gemeinsamen Guru, Adi (»den ersten«) Shankaracharya, zurückverfolgen. Sie legen das Gelübde der Armut (inneres Freisein vom Besitz), der Keuschheit und des Gehorsams gegenüber dem Leiter oder der geistlichen Obrigkeit des Ordens ab. In vieler Hinsicht ähneln die christlich-katholischen Mönchsorden dem älteren Swami-Orden. Der Swami fügt seinem neuen Namen noch ein weiteres Wort hinzu, das seine äußere Zugehörigkeit zu einer der zehn Unterabteilungen des Swami-Ordens kennzeichnet. Einige dieser Dasanamis (zehn Beinamen) sind: Giri (Berg), zu dem Swami Sri Yukteswar Giri und daher auch ich gehören, Bharati (Land), Puri (Acker), Saraswati (Weisheit der Natur) Tirtha (Pilgerort) und Aranya (Wald). Der Mönchsname eines Swamis endet gewöhnlich auf Ananda (höchste Glückseligkeit) und bedeutet, daß sich sein Träger mittels eines bestimmten Weges, Zustands oder einer besonderen göttlichen Eigenschaft (z.B. Liebe, Weisheit, Unterscheidungskraft, Hingabe, Dienstbereitschaft, Yoga) um seine Befreiung bemüht. Sein Beiname bedeutet Einklang mit der Natur. 289 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Ein Swami ist bestrebt, der ganzen Menschheit zu dienen und allem persönlichen Ehrgeiz sowie allen weltlichen Bindungen zu entsagen. Darum betätigt er sich in Indien (und gelegentlich auch in anderen Ländern) hauptsächlich auf humanitärem und erzieherischem Gebiet. Ein Swami ist über alle Vorurteile, die sich auf Kaste, Glauben, Rang, Hautfarbe, Rasse und Geschlecht beziehen, erhaben und hält sich einzig und allein an das Gesetz menschlicher Brüderlichkeit. Sein Ziel ist die endgültige Vereinigung mit dem GEIST. Dadurch, daß er sein Bewußtsein im Wachen wie im Schlafen mit dem Gedanken »Ich bin Er« erfüllt, lebt er zufrieden in der Welt, ohne ihr anzugehören. Nur dann trägt er den Titel eines Swamis, d.h. eines Menschen, der sich bemüht, Vereinigung mit dem Swa oder Selbst zu erlangen, mit Recht. Sri Yukteswar war sowohl ein Swami als auch ein Yogi. Ein Swami, der dem altehrwürdigen Mönchsorden angehört, braucht nicht immer ein Yogi zu sein. Dagegen ist jeder, der sich wissenschaftlicher Techniken bedient, um Gott zu verwirklichen, ein Yogi. Er kann verheiratet oder ledig sein, kann einen verantwortungsvollen Posten in der Welt haben oder in einem religiösen Orden leben. Ein Swami mag gegebenenfalls nur dem Weg trockener Vernunft und äußerer Entsagung folgen, während ein Yogi ganz bestimmte, stufenweise Methoden anwendet, um Körper und Geist zu disziplinieren und dadurch schließlich seine Seele zu befreien. Ein Yogi verläßt sich nicht nur auf sein Gefühl oder seinen Glauben, sondern hält sich an eine Reihe erprobter geistlicher Übungen, die bereits von den Rishis des indischen Altertums entwickelt worden sind. In jedem Zeitalter hat es in Indien christusähnliche Yogis gegeben, die durch Yoga wahre Freiheit erlangten. Wie jede andere Wissenschaft kann auch der Yoga von den Menschen aller Länder und aller Zeiten angewandt werden. Die von mehreren unkundigen Schriftstellern gemachte Behauptung, daß Yoga »gefährlich« oder »ungeeignet« für den Abendländer sei, entbehrt jeder Grundlage und hat bedauerlicherweise viele aufrichtige Sucher davon abgehalten, sich näher mit ihm zu befassen und seine segenbringende Wirkung an sich zu erfahren. 290 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Sri
Jagadguru Sri
Shankaracharya Bharati
Krishna Tirtha von Puri, Indien, besuchte das internationale
Mutterzentrum der Self-Realization Fellowskip in Los Angeles, die im
Jahre 1925 von Paramahansa Yogananda gegründet wurde. Auf Einladung der
Self-Realization-Fellowship besuchte der Jagadguru, das Oberhaupt des
Swami-Ordens, im Jahre 1958 für drei Monate Amerika. Dies war das erste
Mal in der Geschichte des ehrwürdigen Swami-Ordens, daß ein
Shankaracharya in den Westen reiste. (Siehe Seite 287, Fußnote.)
291 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Yoga ist eine Methode, welche die ruhelosen Gedanken zum Schweigen bringt. Ohne eine solche Methode ist es dem Menschen - ganz gleich, in welchem Land er lebt - nahezu unmöglich, seine wahre göttliche Natur zu erkennen. Wie das heilende Licht der Sonne die gleiche wohltuende Wirkung auf alle Menschen - im Osten und im Westen - ausübt, so auch der Yoga. Die Gedanken der meisten Menschen sind ruhelos und launisch. Daher ist Yoga, die Wissenschaft der Gedankenbeherrschung, zu einer echten Notwendigkeit geworden. Der ehrwürdige Rishi Patanjaji6 bezeichnete Yoga als ein »Neutralisieren der ständig wechselnden Bewußtseinswellen«.7 Sein kurzes Meisterwerk (die Yoga-Sutras) bildet eines der sechs Systeme der Hindu-Philosophie. Im Unterschied zur Philosophie des Abendlandes enthalten alle sechs Hindu-Systeme8 nicht nur theoretische, sondern auch praktische Lehren. Diese sechs philosophischen Systeme8 wurden mit Hilfe aller erdenklichen ontologischen Untersuchungen entwickelt und erstreben die Aufhebung des Leidens und das Eingehen in die ewige Glückseligkeit. 6 Patanjalis Geburtsdatum ist unbekannt, wenn auch viele Gelehrte das 2. Jahrhundert v. Chr. angeben. Die Abhandlungen, welche die Rishis über eine große Anzahl von Themen verfaßt haben, enthalten derartig tiefe Weisheiten, daß sie in keinem nachfolgenden Jahrhundert übertroffen werden konnten. Zum Erstaunen späterer Geschichtsschreiber hatten die Heiligen es jedoch nicht der Mühe wert gefunden, ihre literarischen Werke mit Namen oder Datum zu versehen. Sie wußten, daß ihre kurze Lebensspanne nichts als ein Aufflackern des Großen, Unendlichen Lebens war, daß die Wahrheit kein persönliches Eigentum ist, sondern zeitlose Gültigkeit hat und deshalb nicht den Stempel einer Persönlichkeit tragen kann. 7 »Chitta vritti nirodha- (Yoga-Sutra 1, 2), was man auch mit »Aufhebung der Veränderungen des Geiststoffes- übersetzen kann. Das Wort Chitta ist von umfassender Bedeutung und heißt soviel wie Denkkraft, worin auch die pranischen Lebenskräfte, Manas (Verstand oder Sinnesbewußtsein), Ahamkara (Ich-Bewußtsein) und Buddhi (intuitives Erkenntnisvermögen) eingeschlossen sind. Vritti (wörtlich »Strudel") bezieht sich auf die Wellen der Gedanken und Gefühle, die sich ununterbrochen im Bewußtsein des Menschen erheben und wieder senken. Nirodha heißt Aufhebung, Stillstand, Kontrolle. 8 Die sechs orthodoxen (auf den Veden beruhenden) Systeme sind Sankhya, Yoga, Vedanta, Mimamsa, Nyaya und Vaisesika. Wer sich für eine gelehrte Abhandlung über dieses Thema interessiert, wird genauere Einzelheiten und den weiten Anwendungsbereich dieser alten Systeme vorzüglich in folgendem englischsprachigen Werk erklärt finden: A History of Indian Philosophy, Vol. 1, von Prof. Surendranath Dasgupta (Cambridge Univ. Press). 292 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Die später entstandenen Upanishaden heben von allen sechs Systemen besonders die Yoga-Sutras hervor, weil diese die wirksamsten Methoden enthalten, die zum unmittelbaren Erleben der Wahrheit führen. Mit Hilfe der praktischen YogaTechniken kann man sich über alle unfruchtbaren Spekulationen hinwegsetzen und durch eigene Wahrnehmung in den Urgrund aller Dinge eindringen. Das Yoga-System des Patanjali ist unter der Bezeichnung »Achtfacher Weg- bekannt geworden9. Die ersten beiden Stufen bestehen aus 1. Yama, sittlichem Verhalten, und 2. Niyama, religiösen Geboten. Yama wird erfüllt, wenn man keinem Lebewesen irgend etwas zuleide tut, wahrhaftig ist, nicht stiehlt, in allen Dingen Maß hält und frei von Habgier ist. Die Niyama Gebote lauten: Reinheit des Körpers und Geistes, Zufriedenheit in allen Lebenslagen, Selbstzucht, Selbsterforschung (Konternplation) und Hingabe an Gott und den Guru. Die nächsten Stufen sind folgende: 3. Asana (richtige Haltung); die Wirbelsäule muß gerade gehalten werden, und der Körper muß sich während der Meditation in einer unbeweglichen, aber bequemen Stellung befinden; 4. Pranayama (Herrschaft über das Prana, die feinen Ströme der Lebenskraft); und 5. Pratyahara (Abkehr der Sinne von den Gegenständen der Außenwelt). Die letzten drei Stufen sind Formen des eigentlichen Yoga 6. Dharana (Konzentration); der Geist muß auf einen einzigen Gegenstand gerichtet sein; 7. Dhyana (Meditation) und 8. Samadhi (Erleben des Überbewußtseins). Dieser achtfache Yoga Weg führt den Yogi zum höchsten aller Ziele: Kaivalya (dem Absoluten), wo er die Wahrheit, die jenseits aller Vorstellungs kraft liegt, erkennt. 9 Nicht zu verwechseln mit dem "heiligen achtfachen Pfa& Buddhas (Richtlinien für einen vorbildlichen Lebenswandel): 1. rechte Anschauung, 2. rechte Gesinnung, 3. rechtes Reden, 4. rechtes Handeln, 5. rechtes Leben, 6. rechtes Streben, 7. rechtes Denken (an das Selbst) und 8. rechtes Sichversenken (Samadhi). 293 Ich werde Mönch des Swami-Ordens »Wer ist größer-, könnte man fragen, »ein Swami oder ein yogi?~ Sobald man jedoch mit Gott eins geworden ist, werden alle Unterschiede zwischen den einzelnen Wegen bedeutungslos. Die Bhagavad-Gita hebt allerdings die Universalität der Yoga-Methoden hervor und erklärt, daß diese allumfassend sind. Diese Techniken sind nicht nur für gewisse Menschentypen und Temperamente bestimmt, z.B. für die wenigen, die ein Mönchsleben führen. Um Yoga üben zu können, braucht man kein bindendes Gelübde abzulegen. Gerade weil die Wissenschaft des Yoga ein allgemeines Bedürfnis befriedigt, übt sie eine solch große Anziehungskraft auf die Menschen aus. Ein echter Yogi kann mitten im weltlichen Leben stehen und all seine Pflichten erfüllen. Er gleicht der Butter, die auf dem Wasser schwimmt, ohne sich mit ihm zu vermischen - und nicht der unverarbeiteten Milch, die leicht vom Wasser der undisziplinierten Menschheit verdünnt wird. Weltliche Verpflichtungen brauchen einen nicht von Gott fernzuhalten; man muß sich nur von allen egoistischen Beweggründen frei machen und die einem für dieses Leben von Gott zugeteilte Rolle willig spielen. Es gibt eine ganze Anzahl großer Menschen in Amerika, Europa und anderen nicht-hinduistischen Ländern, die vielleicht noch nie etwas über Yogis oder Swamis gehört haben, die aber dennoch als Musterbeispiele dafür gelten können. Durch ihr selbstloses Dienen an der Menschheit, durch Herrschaft über ihre Gedanken und Leidenschaften, durch ihre tiefe Liebe zu Gott oder durch die Kraft ihrer Konzentration sind sie im eigentlichen Sinne des Wortes Yogis geworden, denn sie streben das Ziel des Yoga - Selbstbeherrschung - an. Diese Menschen könnten ihre Fähigkeiten noch besser entfalten, wenn sie bestimmte wissenschaftliche Yoga-Techniken erlernten, mit deren Hilfe jeder sein Leben und seine geistige Entwicklung be wußt in die richtigen Bahnen lenken kann. 294 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Yoga ist von gewissen westlichen Schriftstellern, die nur oberflächliche Kenntnisse auf diesem Gebiet besitzen, falsch interpretiert worden; doch diese Kritiker haben selbst nie Yoga geübt. Von den vielen geistvollen Abhandlungen, die über Yoga erschienen sind, will ich hier eine des berühmten Schweizer Psychologen Dr. Carl Gustav Jung10 wiedergeben: »Wenn sich daher eine religiöse~ Methode zugleich als »wissenschaftlich~ empfiehlt, so kann sie im Westen ihres Publikums sicher sein-, schreibt Dr. Junglo. »Der Yoga erfüllt diese Erwartung. Ganz abgesehen vom Reiz des Neuen und von der Faszination des Halbverstandenen, hat der Yoga aus guten Gründen viele Anhänger. Er gibt die Möglichkeit kontrollierbarer Erfahrung und befriedigt damit das wissenschaftliche Bedürfnis nach Tatsachen~, und überdies verspricht er vermöge seiner Weite und Tiefe, seines ehrwürdigen Alters und seiner alle Gebiete des Lebens umfassenden Lehre und Methodik ungeahnte Möglichkeiten. Jede religiöse oder philosophische Praktik bedeutet eine psychologische Disziplinierung, also eine Methode seelischer Hygiene. Die vielfachen, rein körperlichen Prozeduren des Yogal11 bedeuten auch physiologische Hygiene, die insofern der gewöhnlichen Gymnastik der Atemübungen überlegen ist, als sie nicht bloß mechanistisch-wissenschaftlich, sondern auch zugleich philosophisch ist. Denn sie verbindet den Körper in diesen Übungen mit dem Ganzen des Geistes, was z.B. deutlich ist bei den Übungen des Pranayama, wo Prana zugleich der Atem und die universale Dynamik des Kosmos ist ... Die Yoga-Praxis ... wäre unwirksam ohne eine geistige Grundlage. Sie verbindet Körperliches und Geistiges in einer selten vollkommenen Weise. Im Osten, wo diese Ideen und Praktiken entstanden sind, und wo seit vier jahrtausenden eine ununterbrochene Tradition alle nötigen geistigen Voraussetzungen geschaffen hat, ist der Yoga, wie ich mir leicht denken kann, der adäquate Ausdruck und die lückenlos passende Methodik, Körper und Geist zusammenzuschmelzen, daß sie eine schwer zu bezweifelnde Einheit bilden und damit eine psychologische Disposition schaffen, welche bewußtseinstranszendente Ahnungen ermöglicht.« 10 Dr. Jung nahm im fahre 1937 am Indischen Kongreß der Wissenschaften teil und wurde zum Ehrendoktor der Universität Kalkutta ernannt 11 Dr. jung bezieht sich hier auf den Hatha-Yoga, ein Spezialgebiet, das sich mit bestimmten Körperstellungen und Techniken befaßt, die dem Menschen Gesundheit und ein langes Leben verschaffen. Durch Hatha kann man seinen Körper stählen und erstaunliche Ergebnisse erzielen. Yogis, die sich um die Befreiung ihrer Seele bemühen, wenden ihn jedoch nur selten an. 295 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Auch für die westliche Welt wird der Tag kommen, da man die innere Kunst der Selbstbeherrschung für ebenso notwendig erachtet wie die äußere Unterjochung der Natur. Das Atomzeitalter wird den Menschen zum Nachdenken zwingen und ihn angesichts der wissenschaftlich unbestreitbaren Tatsache, daß alle Materie nichts als verdichtete Energie ist, ernüchtern, zugleich aber seinen Gesichtskreis erweitern. Der menschliche Geist kann und muß in sich selbst Energien freimachen, die größer sind als die in den Steinen und Metallen schlummernden; sonst wird der kürzlich entfesselte materielle Atomriese die Welt in einen Abgrund sinnloser Zerstörung treiben. Ein indirekter Segen, den die Angst vor der Atombombe möglicherweise bewirkt hat, ist das ständig anwachsende Interesse an der Yoga-Wissenschaft12, einer wahrhaft »bombensicheren Zuflucht«. 12 Viele falsch unterrichtete Menschen stellen sich unter Yoga irgendwelche »Zauberkünste« oder geheimnisvolle Riten vor, durch die man aufsehenerregende Fähigkeiten erlangen kann. Wenn aber die Gelehrten von Yoga sprechen, so beziehen sie sich auf das System, das in den Yoga-Sutras (auch als »Aphorismen des Patanjali« bekannt) dargelegt wird. Diese philosophische Abhandlung enthält Gedanken von solcher Tiefe, daß einige der größten indischen Denker Kommentare dazu geschrieben haben, unter anderen auch der erleuchtete Meister Sadasivendra (siehe Seite 497, Fußnote). Ebenso wie in den fünf orthodoxen (auf den Veden beruhenden) philosophischen Systemen, wird auch in den Yoga-Sutras behauptet, daß die unerläßliche Voraussetzung für eine gründliche philosophische Forschungsarbeit die »Zauberformel«: sittliche Reinheit ist (d.h. Befolgung der »Zehn Gebote« des Yama und Niyama). Dieser an jeden einzelnen gestellten Forderung (auf der im Abendland nicht bestanden wird) verdanken wir es, daß die sechs indischen Systeme die Jahrhunderte überdauert haben. Die kosmische Ordnung (Rita), die das ganze Universum aufrechterhält, unterscheidet sich in nichts von der sittlichen Ordnung, die das Schicksal des einzelnen regiert. Wer nicht gewillt ist, die allgemeinen Sittengesetze zu befolgen, ist auch nicht ernsthaft an der Wahrheit interessiert. 296 Ich werde Mönch des Swami-Ordens Im dritten Teil der Yoga-Sutras werden verschiedene übersinnliche Yoga-Kräfte (Vibhutis und Siddhis) beschrieben. Echtes Wissen ist immer gleichbedeutend mit Macht. Der Weg des Yoga besteht aus vier Stufen, von denen jede ein Vibhuti verleiht. Sobald der Yogi also eine bestimmte Fähigkeit erlangt, weiß er, daß er die Prüfungen einer der vier Stufen bestanden hat. Diese charakteristischen Fähigkeiten sind kennzeichnend für die wissenschaftliche Struktur des Yoga-Systems, in dem es keine eingebildeten »geistigen Fortschritte« gibt; es werden Beweise verlangt! Patanjali warnt den Gottsucher davor, nach dem Besitz von Vibhutis zu trachten, die nur Blumen am Wegrand darstellen, und ermahnt ihn statt dessen, als alleiniges Ziel die Vereinigung mit dem GEIST anzustreben.. Man soll den Ewigen Geber selbst - nicht Seine Wundergaben suchen! Gott offenbart sich niemandem, der sich mit irgend etwas Geringerem als Ihm zufrieden gibt. Der zielbewußte Yogi hütet sich daher, von seinen übernatürlichen Kräften Gebrauch zu machen, die nur allzu leicht falschen Stolz in ihm erwecken und ihn daran hindern können, das höchste Bewußtseinsstadium, Kaivalya, zu erlangen. Wenn der Yogi sein höchstes Ziel erreicht hat, kann er die Vibhutis beliebig anwenden oder nicht. Dann haben weder seine alltäglichen Handlungen noch seine Wundertaten irgendwelche karmischen Folgen, denn die Eisenspäne des Karmas werden nur vom Magneten des Egoismus angezogen. 297 Kapitel 25: Meine Geschwister Ananta und Nalini Top »Anantas Tage sind gezählt; die Sanduhr seines Karmas ist für diesmal abgelaufen.« Diese schicksalhaften Worte drangen eines Morgens, als ich in tiefer Meditation saß, in mein Bewußtsein. Ich befand mich gerade in meinem Geburtsort Gorakhpur, den ich kurz nach meiner Aufnahme in den Swami-Orden aufgesucht hatte, und war dort bei meinem älteren Bruder Ananta zu Gast. Eine plötzliche Krankheit hatte ihn bettlägerig gemacht, und ich pflegte ihn liebevoll. Die ernste innere Gewißheit bereitete mir großen Schmerz. Ich glaubte es nicht ertragen zu können, in Gorakhpur zu bleiben und hilflos dem Sterben meines Bruders zuzusehen. Trotz der verständnislosen Kritik meiner Verwandten verließ ich Indien mit dem ersten besten Schiff und fuhr an der birmanischen Küste entlang durch das Chinesische Meer nach Japan. In Kobe ging ich an Land, blieb aber nur wenige Tage dort. Das Herz war mir zu schwer, als daß ich Besichtigungen machen konnte. Auf der Rückfahrt nach Indien legte das Schiff in Schanghai an. Dort suchte ich in Begleitung des Schiffsarztes Dr. Misra mehrere Antiquitätenläden auf, um Geschenke für Sri Yukteswar, meine Angehörigen und einige meiner Freunde auszusuchen. Für Ananta kaufte ich ein großes Schnitzwerk aus Bambus. Kaum hatte mir der chinesische Verkäufer das Andenken ausgehändigt, als ich es fallen ließ und ausrief: »Dies Geschenk war für meinen geliebten verstorbenen Bruder bestimmt!« Denn im selben Augenblick hatte ich die unmißverständliche Botschaft empfangen, daß seine befreite Seele soeben ihre Reise in die Unendlichkeit angetreten hatte. Das Andenken hatte durch den Fall einen scharfen Sprung erhalten, der in der Tat symbolisch schien. Von Schluchzen unterbrochen, schrieb ich auf die Oberfläche der Bambusschnitzerei: »Für meinen geliebten Ananta, der soeben heimgegangen ist.« 298 Meine Geschwister Ananta und Nalini Mein Begleiter hatte mich mit spöttischem Lächeln beobachtet. »Warum spart Ihr Euch Eure Tränen nicht«, bemerkte er, »bis Ihr wirklich wißt, ob er tot ist?« Als unser Schiff in den Hafen von Kalkutta eingelaufen war, begleitete mich Dr. Misra wieder. Mein jüngster Bruder Bishnu war zum Anlegeplatz gekommen, um mich zu begrüßen. »Ich weiß, daß Ananta nicht mehr lebt«, sagte ich zu Bishnu, noch ehe dieser dazu kam, ein Wort hervorzubringen. »Sag mir bitte hier in Gegenwart des Doktors, wann Ananta gestorben ist.« Und Bishnu nannte denselben Tag, an dem ich die Andenken in Schanghai gekauft hatte. »Hört mal!« rief Dr. Misra da aus, »erzählt dies bitte nicht weiter! Sonst hängen die Professoren dem Medizinstudium, das ohnehin schon lange genug dauert, noch zwei Semester Telepathie an.« Vater umarmte mich liebevoll, als ich nach Hause kam. »Du bist wieder da«, sagte er zärtlich, während ihm zwei große Tränen über die Wangen rollten. Es war das erste Mal, daß mir mein sonst so zurückhaltender Vater ein derartiges Zeichen seiner Zuneigung gab. Obwohl er nach außen hin der strenge Vater war, hatte er dennoch das weiche Herz einer Mutter und spielte bei allen Familienangelegenheiten diese elterliche Doppelrolle. Bald nach Anantas Hinscheiden wurde meine jüngere Schwester Nalini durch eine göttliche Heilung dem Tod entrissen. Doch bevor ich davon berichte, muß ich etwas weiter ausholen. 299 Meine Geschwister Ananta und Nalini Als Kinder standen Nalini und ich auf etwas gespanntem Fuß miteinander. Ich war sehr mager; sie aber war noch viel magerer als ich. Aus einem mir unbewußten, naheliegenden Motiv, das für die Psychologen sicher nicht schwer zu deuten sein dürfte, zog ich meine Schwester oft wegen ihres Aussehens auf. Sie antwortete mit derselben unbarmherzigen Offenheit, wie sie Kindern nun einmal eigen ist. Manchmal griff Mutter ein und beendete unseren kindischen Streit, indem sie mir (als dein Älteren) einen leichten Klaps gab. Als Nalini die Schule absolviert hatte, wurde sie mit Dr. Panchanon Bose, einem sympathischen jungen Arzt aus Kalkutta, verlobt, und zur festgesetzten Zeit fand die prunkvolle Hochzeitsfeier statt. Ich gesellte mich am Abend dieses Tages zu den zahlreichen Verwandten, die fröhlich im Wohnzimmer meines Elternhauses versammelt waren. Der Bräutigam lehnte gegen ein riesiges Kissen aus Goldbrokat, und Nalini saß an seiner Seite. Leider konnte der prächtige, purpurfarbene Seiden-Sari1 ihre eckigen Formen nicht ganz verdecken. Ich setzte mich möglichst unauffällig hinter das Kissen meines neuen Schwagers und schmunzelte ihn freundschaftlich an. Er hatte Nalini vor der Hochzeitszeremonie nicht zu Gesicht bekommen und sah erst jetzt, was ihm das Ehelos zugeworfen hatte. Dr. Bose schien meine Anteilnahme zu fühlen, denn er wies verstohlen auf Nalini und flüsterte mir zu: »Sag mal, was ist das eigentlich?« »Herr Doktor«, erwiderte ich, »das ist ein Skelett für Eure Studien!« Mit den Jahren gewann unsere Familie Dr. Bose immer lieber und zog ihn bei allen Krankheitsfällen zu Rate. Wir beide wurden gute Freunde und hatten oft unseren Spaß miteinander, wobei wir gewöhnlich Nalini zur Zielscheibe unseres Witzes machten. »Sie ist eine medizinische Kuriosität«, sagte mir mein Schwager eines Tages. »Ich habe alles an deiner mageren Schwester ausprobiert: Lebertran, Butter, Malz, Honig, Fisch, Fleisch, Eier, Stärkungsmittel. Und trotzdem hat sie nicht ein Gramm zugenommen.« 1 Sari = das anmutig gefaltete indische Frauengewand 300 Meine Geschwister Ananta und Nalini Nicht lange danach suchte ich die Bose-Familie auf. Ich hatte nur einige Minuten dort zu tun und wollte - ehe Nalini mich bemerkte - wieder gehen. Als ich schon an der Haustür war, hörte ich, wie sie in herzlichem, aber bestimmtem Ton nach mir rief. »Komm zurück, Bruder! Diesmal sollst du mir nicht entwischen! Ich habe mir dir zu reden.« Ich stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf und fand sie zu meiner Überraschung in Tränen aufgelöst. »Lieber Bruden«, sagte sie, »wir wollen das alte Kriegsbeil begraben. Ich sehe, daß du jetzt fest auf dem geistigen Weg verankert bist, und möchte dir in allem gleich werden.« Dann fuhr sie mit hoffnungsvoller Stimme fort: »Du bist körperlich so kräftig geworden; kannst du mir nicht helfen? Mein Mann nähert sich mir nie, obgleich ich ihn so sehr liebe. Doch vor allem möchte ich jetzt Fortschritte in der Gottverwirklichung machen, auch wenn ich mein Leben lang mager und reizlos bleiben muß.«2 Ihre Bitte ging mir sehr zu Herzen, und von jener Zeit an wurden wir immer bessere Freunde. Eines Tages bat sie mich, sie als Jüngerin anzunehmen. »Schule mich, wie du willst! Ich werde von jetzt ab nur noch auf Gott vertrauen und meine Hoffnung nicht mehr auf Stärkungsmittel setzen.« Damit ergriff sie all ihre Medizinflaschen und goß deren Inhalt in die Dachrinne vor ihrem Fenster. Um ihren Glauben zu prüfen, befahl ich ihr, weder Fisch noch Fleisch noch Eier zu essen. Nachdem Nalini meine Anweisungen mehrere Monate lang streng befolgt und trotz großer Schwierigkeiten die vegetarische Diät eingehalten hatte, besuchte ich sie wieder. »Schwesterlein, du hast die geistigen Vorschriften gewissenhaft befolgt, und deine Belohnung steht vor der Tür.« Dann fragte ich sie mit spitzbübischem Lächeln: »Wie dick möchtest du werden? So wie unsere Tante, die seit Jahren ihre eigenen Füße nicht mehr gesehen hat?« »Nein! Aber ich
möchte so kräftig werden wie du!« 301 Meine Geschwister Ananta und Nalini Da erwiderte ich mit feierlicher Stimme: »So wie ich stets die reine Wahrheit gesprochen habe, so sage ich durch Gottes Gnade auch jetzt die Wahrheit3. Mit Gottes Segen wird sich dein Körper von heute an verwandeln und in einem Monat dasselbe Gewicht haben wie meiner.« Diese aus dem Herzen gesprochenen Worte verwirklichten sich bald. Nach dreißig Tagen hatte Nalini dasselbe Gewicht erreicht wie ich. Die rundlichen Formen verliehen ihr eine neue Anmut, so daß sich ihr Mann zum ersten Mal in sie verliebte und die Ehe, die unter so ungünstigen Voraussetzungen begonnen hatte, äußerst glücklich wurde. Als ich nun von Japan zurückkehrte, erfuhr ich, daß Nalini während meiner Abwesenheit vom Typhus befallen worden war. Ich eilte sofort zu ihr hin und war entsetzt über ihre abgezehrte Gestalt. Sie lag bereits im Koma. Mein Schwager teilte mir folgendes mit: »Solange ihr Geist noch klar war, sagte sie oft: »Wenn nur Mukunda hier wäre, dann würde es mir nicht so elend gehen!« Und mit Tränen in den Augen fuhr er fort: »Die anderen Ärzte haben ebenfalls keine Hoffnung mehr. Nach dem heftigen Typhusanfall hat sie jetzt auch noch die Ruhr bekommen.« Ich setzte mit meinen Gebeten alle Kräfte im Himmel und auf Erden in Bewegung. Unterstützt von einer anglo-indischen Krankenschwester probierte ich verschiedene Yoga-Heilmethoden an meiner Schwester aus, bis die Ruhr verschwand. 3 In den heiligen Schriften der Hindus steht,
daß Menschen, die immer die Wahrheit sprechen, schließlich die
Fähigkeit entwickeln, ihre Worte zu verwirklichen. Alles, was sie aus
tiefstem Herzen behaupten, trifft ein. (Yoga-Sutras 11, 36) 302 Meine Geschwister Ananta und Nalini Dr. Bose aber schüttelte traurig den Kopf. »Sie hat einfach keinen Tropfen Blut mehr im Leib.« »Sie wird sich erholen«, erwiderte ich mit fester Stimme. »In sieben Tagen ist das Fieber verschwunden.« Eine Woche später schlug Nalini zu meiner Freude die Augen auf und warf mir einen liebevollen Blick des Erkennens zu. Von da an erholte sie sich schnell. Obgleich sie ihr früheres Gewicht wiedererlangte, hatte die schwere Krankheit beide Beine gelähmt. Indische und englische Fachärzte erklärten, daß sie zeitlebens ein Krüppel bleiben werde. Ich war von dem pausenlosen Kampf um ihr Leben erschöpft und fuhr deshalb nach Serampur, um Sri Yukteswars Hilfe zu erbitten. Tiefes Mitgefühl lag in seinem Blick, als ich ihm Nalinis Zustand schilderte. »In einem Monat werden ihre Beine geheilt sein«, sagte er und fügte hinzu: »Sie soll einen Reif mit einer nicht durchlochten Perle von zwei Karat auf der Haut tragen; die Perle kann von einer Klammer gehalten werden.« Freudig und erleichtert fiel ich ihm zu Füßen. »Guruji, Ihr seid ein Meister. Ein Wort von Euch genügt, sie gesund werden zu lassen. Doch wenn Ihr darauf besteht, werde ich sofort die Perle besorgen.« Mein Guru nickte. »Ja, tu das!« Dann beschrieb er mir in allen Einzelheiten die körperlichen und geistigen Merkmale Nalinis, obgleich er sie nie im Leben gesehen hatte. »Meister«, fragte ich, »ist das eine astrologische Analyse? Ihr wißt doch weder ihren Geburtstag noch ihre Geburtsstunde.« Sri Yukteswar lächelte. »Es gibt eine höhere Astrologie, die weder vom Kalender noch von der Uhr abhängig ist. Jeder Mensch ist ein Teil des Schöpfers - des Kosmischen Menschen - und hat sowohl einen himmlischen als auch einen irdischen Körper. Menschliche Augen sehen nur die körperliche Form, aber das innere Auge dringt tiefer und überblickt das ganze kosmische Drama, in dem jeder Mensch eine wesentliche, individuelle Rolle zu spielen hat.« 303 Meine Geschwister Ananta und Nalini Ich kehrte nach Kalkutta zurück und kaufte eine Perle4 für Nalini. Nach einem Monat waren ihre Beine vollkommen geheilt. Meine Schwester bat mich, Sri Yukteswar ihre tiefste Dankbarkeit zu übermitteln. Er hörte sich ihre Botschaft schweigend an. Als ich mich später von ihm verabschiedete, machte er eine überraschende Bemerkung: »Viele Ärzte haben deiner Schwester gesagt, daß sie niemals Kinder haben werde. Versichere ihr aber, daß sie innerhalb weniger Jahre zwei Töchtern das Leben schenken wird.« Nach einigen Jahren gebar Nalini zu ihrer großen Freude ein Mädchen und nach drei weiteren Jahren eine zweite Tochter. 4 Perlen und andere Juwelen sowie Metalle und Pflanzen, die in direkte Berührung mit der Haut kommen, üben einen elektromagnetischen Einfluß auf die körperlichen Zellen aus. Denn der menschliche Körper enthält - genau wie die Pflanzen, Metalle und Edelsteine - Kohlenstoff und verschiedene metallische Elemente. Eines Tages werden die auf diesem Gebiet gemachten Entdeckungen der Rishis zweifellos von den Physiologen bestätigt werden. Der feinnervige menschliche Körper mit seinen elektrischen Strömungen der Lebenskraft birgt viele noch unerforschte Geheimnisse. Obgleich Edelsteine und metallene Armreife eine heilende Wirkung auf den Körper ausüben, empfahl Sri Yukteswar sie noch aus einem anderen Grunde. Die Meister treten nie gern als Wundertäter auf, weil es in Wirklichkeit Gott ist, der heilt. Daher verbergen die Heiligen aus Demut die ihnen von Gott verliehenen Kräfte, indem sie einen anderen Grund vortäuschen. Die Menschen glauben gewöhnlich an Dinge, die sie sehen und berühren können. Wenn sich jemand an meinen Guru wandte, um geheilt zu werden, riet dieser ihm immer, einen Armreif oder Edelstein zu tragen. Dadurch stärkte er einerseits den Glauben des Betreffenden und lenkte andererseits die Aufmerksamkeit von sich selbst ab. Diese Armreife und Juwelen enthielten außer ihrer elektromagnetischen Heilkraft den verborgenen geistigen Segen des Meisters. 304 Meine Geschwister Ananta und Nalini Sri Daya Mata Sri
Daya Mata,
die Präsidentin der Self-Realization Fellowship / Yogoda Satsanga
Society of India. Sie schrieb: »Nicht nur durch seine Worte und sein
göttliches Beispiel hat Paramahansa Yogananda uns den Weg gewiesen,
sondern auch dadurch, daß er uns die wissenschaftlichen
SRF-Meditationstechniken gelehrt hat. Der Durst der Seele nach Wahrheit
läßt sich durch Bücherstudium allein nicht stillen, sondern dadurch,
daß man sich in vollen Zügen an dem Quell der Wahrheit - Gott - labt.
Und dies ist es, was Selbst-Verwirklichung bedeutet: das unmittelbare
Erleben Gottes.«
Wie schon ihr Name Daya Mata besagt, ist sie eine echte »Mutter des Mitgefühls«, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Gott zu lieben und Seine Liebe mit allen zu teilen. 305 Kapitel 26: Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Top Die in diesem Buch so oft erwähnte Wissenschaft des Kriya-Yoga ist im heutigen Indien durch Lahiri Mahasaya, den Guru meines Gurus, weithin bekannt geworden. Die Sanskritwurzel des Wortes Kriya ist kri (tun, handeln oder reagieren). Dieselbe Wurzel finden wir in dem Wort Karma (Kausalprinzip oder Ursache und Wirkung). Kriya-Yoga bedeutet also »Vereinigung (Yoga) mit dem Unendlichen durch eine bestimmte Handlung oder einen bestimmten Ritus (Kriya)«. Ein Yogi, der diese Technik getreulich übt, wird allmählich von seinem Karma, d.h. von der gesetzmäßigen Kette der Ursachen und Wirkungen, befreit. Aufgrund bestimmter, seit alters bestehender Yoga-Vorschriften kann ich den Kriya-Yoga in diesem für eine weite Leserschaft bestimmten Buch nicht in allen Einzelheiten erklären. Die eigentliche Technik wird von einem bevollmächtigten SRFYSS-Kriyaban (Kriya-Yogi) gelehrt1. Hier soll ein umfassender Überblick genügen. Kriya-Yoga ist eine einfache, psycho-physiologische Methode, mit deren Hilfe dem menschlichen Blut Kohlendioxyd entzogen und Sauerstoff zugeführt wird. Diese zusätzlichen Sauerstoffatome werden in einen »Lebensstrom« verwandelt, der das Gehirn und die Rückenmarkszentren neu belebt. 1 Paramahansa Yogananda verlieh denen, die ihm als Präsident und geistliches Oberhaupt seiner Organisation (Self-Realization Fellowship / Yogoda Satsanga Society of India) nachfolgen würden, die Vollmacht, qualifizierten Schülern den Kriya-Yoga zu vermitteln und sie in die Technik einzuweihen - oder aber einen ordinierten Geistlichen der SRF-YSS damit zu betrauen. Er traf auch Vorsorge, daß die Verbreitung des Kriya-Yoga durch die Lehrbriefe der Self-Realization-Fellowship (Yogoda) geschieht, die vom internationalen Mutterzentrum der SRF in Los Angeles erhältlich sind (siehe Seite 633). (Anmerkung des Herausgebers) 306 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Dadurch, daß der Yogi die Anhäufung venösen Blutes verhindert, kann er den Verfall der Zellen reduzieren oder sogar aufheben. Ein fortgeschrittener Yogi verwandelt seine Körperzellen in reine Energie. Elias, Jesus, Kabir und andere Propheten der Vergangenheit waren Meister im Kriya oder in einer ähnlichen Technik, die es ihnen ermöglichte, ihren Körper beliebig zu materialisieren oder zu entmaterialisieren. Kriya ist eine uralte Wissenschaft, die Lahiri Mahasaya von seinem großen Guru Babaji empfing. Dieser hatte die im Dunklen Zeitalter verlorengegangene Technik wiederentdeckt, neu erklärt und ihr die einfache Bezeichnung Kriya-Yoga gegeben. »Der Kriya-Yoga, den ich der Welt in diesem 19. Jahrhundert durch dich übergebe«, sagte Bahaji zu Lahiri Mahasaya, »ist eine Wiederbelebung derselben Wissenschaft, die Krishna vor mehreren Jahrtausenden Arjuna vermittelte und die später auch Patanjali und Christus sowie Johannes, Paulus und anderen Jüngern bekannt wurde.« Der Kriya-Yoga wird von Krishna, dem größten Propheten Indiens, zweimal in der Bhagavad-Gita erwähnt. Ein Vers lautet wie folgt: »Indem der Yogi die Einatmung der Ausatmung und die Ausatmung der Einatmung darbringt, hebt er sie beide auf; damit befreit er das Prana vom Herzen und gewinnt Herrschaft über seine Lebenskraft.«2 Diese Worte sind so zu verstehen: »Der Yogi hält den Verfall seines Körpers auf, indem er sich durch Beruhigung der Lungen- und Herztätigkeit einen zusätzlichen Vorrat an Prana (Lebenskraft) verschafft. Außerdem wirkt er den wachstumsbedingten Veränderungen im Körper durch Beherrschung des Apana (ausscheidenden Stromes) entgegen. Indem der Yogi auf diese Weise Verfall und Wachstum neutralisiert, erlangt er Herrschaft über seine Lebenskraft.« Ein anderer Gita-Vers lautet: »Wer der Meditation kundig ist (der Muni), wer das höchste Ziel verfolgt und sich von allen äußeren Erscheinungen abkehrt, indem er den Blick auf die Stelle zwischen den Augenbrauen richtet und die gleichmäßigen Ströme des Prana und Apana (die) innerhalb der Nase und der Lunge (fließen) neutralisiert, wer sein Sinnesbewußtsein und seine Geisteskräfte beherrscht und Begierde, Furcht und Zorn überwindet, erlangt ewige Freiheit.«3 2 Bhagavad-Gita IV, 29 3 Bhagavad-Gita V 27-28. Siehe Seite 614 und 617 - 618 betr. weiterer Erläuterungen über wissenschaftliche Atemübungen. 307 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Außerdem berichtet Krishna4, daß er es war, der (in einer früheren Inkarnation) die zeitlose Yoga-Technik Vivasvat, einem erleuchteten Seher des Altertums, übermittelte, der sie an Manu, den großen Gesetzgeber5, weitergab. Dieser lehrte sie seinerseits lkshwaku, den Begründer der indischen Krieger- und Sonnen-Dynastie. So wurde der königliche Yoga von einer Generation an die andere weitergegeben und von den Rishis bis zum Beginn des materialistischen Zeitalters bewahrt6. Von da ab jedoch wurde die heilige Lehre immer unzugänglicher, was einerseits an der zunehmenden Gleichgültigkeit der Menschen lag und andererseits durch die Tatsache bedingt war, daß die Priester diese Technik geheim zu halten begannen. Der Kriya-Yoga wird zweimal von dem ehrwürdigen Weisen Patanjali, dem hervorragendsten Yoga-Interpreten, erwähnt, der folgendes schreibt: »Der Kriya-Yoga besteht aus der Disziplinierung des Körpers, Herrschaft über die Gedanken und Meditation über OM.« 7 4 Bhagavad-Gita IV, 1-2 5 Manu = der aus der Vorzeit stammende Verfasser der Manava Dharma Shastras (»Gesetze des Manu«). Diese gewohnheitsrechtlichen, kanonischen Satzungen haben bis zum heutigen Tage Rechtsgültigkeit in Indien. 6 Das materialistische Zeitalter begann, den heiligen Schriften der Hindus zufolge, im fahre 3102 v. Chr., als das letzte absteigende Dwapara-Yuga des Universalzyklus einsetzte (siehe Seite 217 - 218 und Fußnote). Die meisten Anthropologen nehmen an, daß die Menschheit vor 10.000 Jahren in einem barbarischen Steinzeitalter lebte, und lehnen daher die weitverbreitete mündliche Überlieferung, die von einer uralten Kultur in Lemuria, Atlantis, Indien, China, Japan, Ägypten, Mexiko und vielen anderen Ländern berichtet, kurzerhand als »Mythos« ab. 7 Yoga-Sutras 11, 1. Wenn Patanjali die Bezeichnung »Kriya-Yoga«, gebraucht, so bezieht er sich entweder auf dieselbe Technik, die später von Babaji gelehrt wurde, oder auf eine sehr ähnliche. Daß Patanjali von einer ganz bestimmten Technik spricht, die Herrschaft über die Lebenskraft verleiht, geht aus seinem Aphorismus 11, 49 in den Yoga-Sutras hervor (auch weiter unten erwähnt). 308 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Patanjali spricht von OM als dem Gott offenbarenden Wort, das man in der Meditation hören kann. OM ist das Schöpferwort, das Summen des kosmischen Motors, der Zeuge9 der Göttlichen Gegenwart. Selbst der Anfänger im Yoga kann in seinem Inneren bald den wundersamen Laut OM erklingen hören und gewinnt aufgrund dieses freudigen geistigen Erlebnisses die Überzeugung, mit übernatürlichen Bereichen in Verbindung zu stehen. Ein andermal erwähnt Patanjali die Kriya-Technik (Herrschaft über die Lebenskraft) wie folgt: »Befreiung kann durch jenes Pranayama erlangt werden, indem man den Fluß der Einatmung vom Fluß der Ausatmung trennt.«10 Auch dem Apostel Paulus war der Kriya-Yoga oder eine ähnliche Technik bekannt, mit deren Hilfe er die Lebensströme in den Sinnesorganen beliebig an- oder abschalten konnte. Deshalb behauptete er: »Bei unserm Ruhm, den ich habe in Christo Jesu, unserm Herrn, ich sterbe täglich.«11 Aufgrund dieser Methode, welche die ganze Lebenskraft des Körpers (die gewöhnlich nach außen auf die Sinnenwelt gerichtet ist und ihr somit eine scheinbare Gültigkeit verleiht) nach innen lenkt, erlebte Paulus täglich die wahre Yoga-Vereinigung mit dem »Ruhm« (der Glückseligkeit) des Christusbewußtseins. In diesem glückseligen Zustand fühlte er, daß er in der Welt der Sinnestäuschungen (Maya) »gestorben«, d.h. ihrer ledig geworden war. In den anfänglichen Stadien der Gottvereinigung (Savikalpa-Samadhi) verschmilzt das Bewußtsein des Meditierenden mit dem Kosmischen GEIST; seine Lebenskraft wird vom Körper zurückgezogen, der »tot«, d.h. starr und leblos, erscheint. 8 Yoga-Sutras 1, 27 9 »Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes.« Offenbarung 3, 14 - »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort ... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.« Johannes 1, 1-3 - Das OM der Veden wurde zum heiligen Wort Hum der Tibetaner, Amin der Mohammedaner und Amen der Ägypter, Griechen, Römer, Juden und Christen. Auf hebräisch bedeutet es: »sicher, treu«. 10 Yoga-Sutras 11, 49 11 1. Korinther 15, 31 309 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Dabei ist sich der Yogi der aufgehobenen Lebenstätigkeit seines Körpers vollkommen bewußt. Wenn er jedoch höhere geistige Bewußtseinsstadien erreicht (Nirvikalpa-Samadhi), ist er auch im normalen Wachzustand, ja, selbst bei intensiver weltlicher Tätigkeit12, mit Gott verbunden, ohne daß der Körper dabei erstarrt. »Mit Hilfe des Kriya-Yoga kann die menschliche Entwicklung erheblich beschleunigt werden«, erklärte Sri Yukteswar seinen Schülern. »Die Yogis des Altertums entdeckten, daß der Schlüssel zum kosmischen Bewußtsein hauptsächlich in der Herrschaft über den Atem liegt. Hierin besteht Indiens einzigartiger und zeitloser Beitrag zum Wissensschatz der Welt. Die Lebenskraft, die gewöhnlich durch die Herztätigkeit verausgabt wird, muß mit Hilfe einer atemberuhigenden Methode für höhere Funktionen frei gemacht werden.« Der Kriya-Yogi lernt, seine Lebenskraft geistig in einem Bogen um die sechs Rückenmarkszentren auf- und abwärts kreisen zu lassen (das Mark-, Nacken-, Herz-, Lenden-, Kreuzbein und Steißbeinzentrum), die den zwölf astralen Tierkreiszeichen, d.h. dem symbolischen Kosmischen Menschen, entsprechen. Diese eine halbe Minute lang um das empfindsame Rückenmark des Menschen fließende Energie bewirkt einen subtilen Fortschritt in seiner Evolution; denn eine halbe Minute Kriya entspricht einem Jahr natürlicher geistiger Entwicklung.Das astrale Nervensystem des Menschen mit seinen sechs (durch Polarität zwölf) inneren Konstellationen, die um die Sonne des allwissenden geistigen Auges kreisen, steht in Wechselbeziehung zur physischen Sonne und den zwölf Tierkreis-Zeichen. Alle Menschen unterliegen daher dem Einfluß eines inneren und eines äußeren Universums. Die alten Rishis entdeckten, daß der Mensch sowohl durch seine irdische als auch durch seine himmlische Umgebung in einer Reihe von Zwölf-Jahres-Zyklen auf dem natürlichen Entwicklungsweg vorangetrieben wird. Den heiligen Schriften zufolge benötigt der Mensch normalerweise eine Million Jahre krankheitsfreier Entwicklung, um sein menschliches Gehirn zu vervollkommnen und in das kosmische Bewußtsein einzugehen. 12 Das Sanskritwort Vikalpa bedeutet »Unterschied, Ungleichheit«. Savikalpa ist der Samadhi-Zustand »mit Unterschied«, Nirvikalpa der Zustand »ohne Unterschied«; d.h., im Savikalpa-Samadhi fühlt der Gottsucher noch eine geringe Trennung von Gott, während er im Nirvikalpa-Samadhi voll und ganz im GEIST aufgegangen ist.310 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga »Tausend in achteinhalb Stunden geübte Kriyas ermöglichen es dem Yogi, an einem einzigen Tag den gleichen Fortschritt zu erzielen, für den er auf dem natürlichen Entwicklungsweg, tausend Jahre gebraucht hätte; mit anderen Worten: 365.000 Jahre geistiger Entwicklung in einem Jahr. In drei Jahren kann der Kriya-Yogi daher durch anhaltende geistige Bemühungen dasselbe Ergebnis erzielen, wozu die Natur eine Million Jahre benötigt.« Dieser abgekürzte Kriya-Weg kann selbstverständlich nur von hoch entwickelten Yogis beschritten werden, die ihren Körper und ihr Gehirn unter der Führung eines Gurus sorgfältig vorbereitet haben und somit der Energie, die durch ein derartig intensives Üben erzeugt wird, standhalten können. Der Anfänger im Kriya übt seine Yoga-Technik morgens und abends nur 14 bis 24mal. Eine Anzahl von Yogis erreicht ihre Befreiung nach 6, 12, 24 oder 48 Jahren. Wenn ein Yogi stirbt, bevor er höchste Verwirklichung erreicht hat, strebt er aufgrund seines guten Karmas (das er durch gewissenhaftes Üben des Kriya erworben hat) im nächsten Leben ganz von selbst wieder dem höchsten Ziel entgegen. Der Körper des Durchschnittsmenschen kann mit einer 50-Watt-Birne verglichen werden, die nicht auf eine Stromstärke von Milliarden Watt, wie sie bei einem übermäßigen Kriya-Üben erzeugt würde, eingestellt ist. Wenn dagegen die einfachen und absolut ungefährlichen Kriya-Übungen allmählich und regelmäßig gesteigert werden, finden täglich astrale Veränderungen im menschlichen Körper statt, bis dieser schließlich die unbegrenzte kosmische Energie - die erste physische Ausdrucksform des GEISTES - zu offenbaren vermag. Kriya-Yoga hat nichts mit den unwissenschaftlichen Atemübungen gemein, die von einer Anzahl irregeleiteter Fanatiker gelehrt werden. Jeder Versuch, den Atem gewaltsam in der Lunge zurückzuhalten, ist unnatürlich und ausgesprochen unangenehm. Den Kriya dagegen begleitet von Anfang an ein Gefühl des Friedens und eine angenehme, belebende Empfindung in der Wirbelsäule. 311 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Durch diese von alters her überlieferte Yoga-Technik wird der Atem in Geiststoff verwandelt. Bei höherer geistiger Entwicklung kann man den Atem als einen rein geistigen Vorgang oder eine geistige Vorstellung, d.h. als »Traum-Atem« erkennen. Viele Beispiele für die mathematische Beziehung zwischen der Atemgeschwindigkeit und den unterschiedlichen menschlichen Bewußtseinsstadien könnten hier angeführt werden. Wer sich tief auf etwas konzentriert, wer z.B. einer anstrengenden geistigen Debatte folgt oder ein schwieriges körperliches Kunststück versucht, wird ganz automatisch viel langsamer atmen. Anhaltende Aufmerksamkeit ist immer von verlangsamter Atmung abhängig. Dagegen ist schnelles oder unregelmäßiges Atmen ein untrügliches Zeichen schädlicher Gemütsbewegungen wie Furcht, Wollust oder Zorn. Der ruhelose Affe atmet 32mal in der Minute, der Durchschnittsmensch jedoch nur 18mal. Die Atemgeschwindigkeit des Elefanten, der Schildkröte, der Schlange und anderer für ihre Langlebigkeit bekannter Tiere liegt noch unter der des Menschen. Die Riesenschildkröte, die ein Alter von 300 Jahren erreichen kann, atmet nur 4mal in der Minute. Die verjüngende Wirkung des Schlafs beruht darauf, daß der Mensch seinen Körper und seinen Atem vorübergehend vergißt. Der Schlafende wird also zu einem Yogi und vollzieht jede Nacht unbewußt einen Yoga-Ritus, wobei er sich von jeder Identifizierung mit dem Körper frei macht und seine Lebenskraft in die heilenden Ströme der Haupthirnregion und ihrer sechs Nebendynamos, der Rückenmarkszentren, führt. Auf diese Weise wird der Schlafende, ohne daß er es weiß, von der lebenspendenden kosmischen Energie aufgeladen. Der »freiwillige« Yogi hingegen wendet voll bewußt (und nicht unbewußt wie der Schläfer) ein einfaches und natürliches Verfahren an. Wenn der Kriya-Yogi seine Technik übt, erfüllt er all seine Körperzellen mit unvergänglichem Licht und erhält sie dadurch in einem geistig magnetisierten Zustand. Er macht also mit einer wissenschaftlichen Methode das Atmen überflüssig, ohne daß er während des Übens in einen passiven Zustand (Schlaf, Unterbewußtsein oder Tod) eingeht. 312 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga In Menschen, die unter dem Einfluß der Maya (der Naturgesetze) stehen, fließt die Lebenskraft nach außen und wird durch die Sinne vergeudet und mißbraucht. Beim Üben des Kriya aber fließen die Lebensströme in umgekehrter Richtung, d.h., die Lebenskraft wird auf geistigem Wege zum inneren Kosmos gelenkt, wo sie sich mit den feinen Energien der Wirbelsäule verbindet. Derart verstärkt, wirkt sie wie ein geistiges Elixier, das die Körper- und Gehirnzellen des Yogis neu belebt. Menschen, die sich nur von der im All wirkenden natürlichen Kraft führen lassen, werden nach einer Million Jahren Selbst-Verwirklichung erlangen, wenn sie sich richtig ernähren, genug Sonnenlicht aufnehmen und harmonische Gedanken hegen. Man braucht zwölf Jahre, um nur die geringste Verfeinerung in der Gehirnstruktur zu bewirken, und eine Million Sonnenjahre, um das Gehirn so weit zu veredeln, daß es kosmisches Bewußtsein auszudrücken vermag. Ein Kriya-Yogi jedoch, der eine wissenschaftliche geistige Technik übt, braucht sich nicht mehr für derart lange Zeit den Naturgesetzen zu unterwerfen. Der Atem ist das Band, das die Seele an den Körper fesselt; Kriya aber durchtrennt dieses Band und bewirkt somit eine Verlängerung des Lebens und eine unendliche Erweiterung des Bewußtseins. Das ständige »Tauziehen«, das zwischen dem Geist und den körperverhafteten Sinnen stattfindet, kann durch Anwendung der Yoga-Technik beendet werden. Dann ist der Gottsucher endlich frei und kann das Erbe seines ewigen Reiches antreten. Dann weiß er, daß sein wahres Selbst weder an die körperliche Hülle noch an den Atem - Sinnbild seiner Versklavung durch den Sauerstoff und die natürlichen Triebe - gebunden ist. Hat der
Kriya-Yogi einmal Herrschaft über Körper und Geist erlangt, siegt er
schließlich auch über seinen »letzten Feind«, den Tod13. 313 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Innenschau oder »schweigendes Stillsitzen« sind unwissenschaftliche Methoden, mit denen man versucht, den Geist von den Sinnen (mit denen er durch die Lebenskraft verknüpft ist) zu lösen. Denn der kontemplative Geist, der sich bemüht, zu Gott zurückzukehren, wird durch die Lebenskraft ständig wieder zu den Sinnen hingezogen. Das einfachste, wirkungsvollste und wissenschaftlichste Mittel, sich dem Unendlichen zu nähern, ist der Kriya, der durch seine direkte Einwirkung auf die Lebenskraft auch Herrschaft über den Geist ausübt. Im Vergleich zu dem langsamen, unsicheren »Ochsenkarren« der Theologie kann der Kriya-Yoga mit Recht als der »Flugweg« zu Gott bezeichnet werden. Die Yoga-Wissenschaft beruht auf einer Anzahl erprobter Konzentrations- und Meditationsmethoden, mit deren Hilfe man den Strom der Lebenskraft willkürlich in die fünf »Sinnestelephone« (Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Tastsinn) leiten und ihn wieder von ihnen zurückziehen kann. Wenn der Yogi seine Sinne derart »an- und abschalten« kann, ist er auch in der Lage, sich nach Belieben auf die göttlichen Sphären oder auf die irdische Welt einzustellen; d.h., er kann nicht mehr gegen seinen Willen in den Bereich sinnlicher Empfindungen und ruheloser Gedanken zurückgezogen werden. Der unverweste
Körper Paramahansa Yoganandas (siehe Seite 626) beweist, daß er ein
vollendeter Kriya-Yogi war. Doch nicht alle großen Meister bewahren
nach ihrem Tod einen unverweslichen Körper (siehe Seite 392-393,
Fußnote). Solche Wunder geschehen, wie in den heiligen Schriften der
Hindus erklärt wird, nur zu einem besonderen Zweck. Im Falle
Paramahansajis war der »besondere Zweck« zweifellos der, den Westen vom Wert des Yoga zu
überzeugen. Yoganandaji kam im Auftrag Babajis und Sri Yukteswars nach
dem Westen, um den dort lebenden Menschen zu helfen, und blieb seiner
Aufgabe bis über den Tod hinaus treu. (Anmerkung des Herausgebers) 314 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Das Leben eines fortgeschrittenen Kriya-Yogis wird nicht von den Auswirkungen seiner früheren Taten, sondern nur noch von der Seele regiert. Ihm genügt es nicht, lediglich aus den Folgen seiner guten und bösen Taten zu lernen und sich dadurch allmählich höher zu entwickeln; denn ein solches Schneckentempo ist dem Adlerflug seines Geistes nicht angemessen. Dank seinem geistigen Lebenswandel vermag der Yogi aus dem Kerker seines eigenen Ichs hinauszutreten und die reine Luft der Allgegenwart zu atmen. Damit verglichen ist das »natürliche Leben« ein Sklavendasein, in dem die Entwicklung beschämend langsam voranschleicht. Wer sich nur auf den normalen Evolutionsvorgang verläßt, kann von der Natur keine Eile verlangen. Selbst wenn er nie gegen irgendein physisches oder geistiges Gesetz verstößt, muß er sich dennoch eine Million Jahre immer wieder in neue Körper kleiden, bis er seine endgültige Befreiung erlangt. Die weitsichtigen Yoga-Methoden, die einem dazu verhelfen, sich weder mit seinem Körper noch mit seinem Geist, sondern nur noch mit seiner Seele zu identifizieren, sind daher all denen zu empfehlen, die sich gegen die tausend und aber tausend Jahre auflehnen. Und diese Zeitspanne verlängert sich noch für den Durchschnittsmenschen, der nicht einmal mit der Natur, geschweige denn mit seiner Seele in Einklang ist, sondern ein naturwidriges Leben führt und den physischen und geistigen Gesetzen zuwiderhandelt. Ihm genügen kaum zwei Millionen Jahre für die Befreiung. Einfache Menschen erkennen selten oder nie, daß ihr Körper ein Königreich ist, das von der Seele regiert wird; sie wissen nicht, daß die Seele auf dem Thron des Großhirns sitzt und über sechs Hilfsregenten in den Rückenmarkszentren (Bewußtseinssphären) befiehlt. Diese Theokratie (Herrschaftsform, in der religiöse und staatl. Ordnung eine Einheit bilden) herrscht über eine Menge gehorsamer Untertanen: 27 Billionen Zellen (die mit einer untrüglichen, wenn auch scheinbar »bloß« automatischen Intelligenz begabt sind und das Wachstum, den Stoffwechsel und den Zerfall im Körper bewirken) und 50 Millionen primäre Gedanken, Gemütsbewegungen und wechselnde Bewußtseinsphasen bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von 60 Jahren. 315 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Jede sichtbare Auflehnung des Körpers oder Geistes gegen die Regentin Seele in Form von Krankheit oder Unvernunft kann nicht etwa den treuen Untertanen zur Last gelegt werden, sondern nur dem Menschen selbst, der jetzt oder früher keinen richtigen Gebrauch von seiner Individualität, d.h. seinem freien Willen, gemacht hat. Dieser wurde ihm gleichzeitig mit seiner Seele verliehen und kann ihm nie wieder genommen werden. Solange sich der Mensch mit seinem oberflächlichen Ich identifiziert, glaubt er auch, daß er es ist, der denkt, will, fühlt, Nahrung verdaut und sich am Leben erhält. Nie wird er zugeben (obschon ihm nur ein wenig Nachdenken diese Einsicht vermitteln könnte), daß er im täglichen Leben nichts als eine Marionette ist, deren Verhalten vom Karma (ehemaligen Handlungen), von der Natur und von der Umgebung bestimmt wird. Alle verstandesmäßigen Reaktionen, Gefühle, Stimmungen und Gewohnheiten sind nichts anderes als die Wirkungen der jetzt oder in früheren Leben von ihm selbst erzeugten Ursachen. Die königliche Seele jedoch ist über all diese Einflüsse erhaben. Darum kämpft sich der Kriya-Yogi, der an keiner ephemeren (ephemer = eintägig, schnell vergänglich) Wahrheit oder Freiheit interessiert ist, durch alle Täuschungen hindurch, bis er zum Selbst - zur wahren Freiheit - vorgedrungen ist. Die heiligen Schriften aller Religionen erklären, daß der Mensch kein vergänglicher Körper, sondern eine lebendige Seele ist; im Kriya-Yoga findet er eine Methode, die den Beweis dafür liefert. »Man kann die Unwissenheit nicht durch religiöse Riten aufheben, weil diese nicht im Gegensatz zu ihr stehen«, schrieb Shankara in seinen berühmten Hundert Versen. »Unwissenheit kann nur durch wahres Wissen beseitigt werden. Und Wissen gewinnt man nur durch Nachforschen. »Wer bin ich? Wie ist dieses Universum entstanden? Wer hat es erschaffen? Wie entstand die Materie?« Von dieser Art Nachforschung spreche ich.« Da der Intellekt keine Antwort auf diese Fragen geben kann, entwickelten die Rishis die geistigen Forschungsmethoden des Yoga. Der wahre Yogi, dessen Denken, Wollen und Fühlen nicht mehr von körperlichen Trieben bestimmt wird, verbindet seinen Geist mit den überbewußten Kräften in der Wirbelsäule und lebt in dieser Welt so, wie Gott es für ihn geplant hat, d.h., er läßt sich weder von seinen alten Gewohnheiten noch von neuen unvernünftigen Beweggründen zwingen. Er hat seine höchste Erfüllung gefunden und ruht geborgen im letzten Hafen - in der unerschöpflichen Glückseligkeit des GEISTES. 316 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Krishna hat die unbestreitbare Wirksamkeit der praktischen Yoga-Methoden mit folgenden Worten hervorgehoben: »Der Yogi ist größer als der enthaltsam lebende Asket, größer selbst als der Schüler auf dem Wege der Weisheit (Jnana-Yoga) oder dem Wege des Handelns (Karma-Yoga). Darum sei du, o mein Jünger Arjuna, ein Yogi.«15 15 Bhagavad-Gita IV, 46 Lassen wir diese Tatsachen sprechen, so beginnen wir zu verstehen, wie es den Yogis möglich ist, lange Zeit stillzusitzen, ohne unruhig zu werden und sich nach geistiger oder körperlicher Tätigkeit zu sehnen. Nur in solcher Stille kann die Seele ihren Weg zu Gott zurückfinden. Wenn auch der Durchschnittsmensch noch in einer Druckausgleichskammer bleiben muß, um Gewinn aus der Stillegung der Atmung zu ziehen, so braucht der Yogi nichts anderes als die Kriya-Yoga-Technik, um die dadurch erzielte wohltuende Wirkung auf Körper, Geist und Seele festzustellen. 317 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Kriya-Yoga ist der echte »Feuerritus«, der oft in der Gita erwähnt wird. Der Yogi wirft all seine menschlichen Begierden in ein monotheistisches Freudenfeuer, das dem Einzigen Gott geweiht ist. Dies ist die wahre Feuerzeremonie des Yoga, in der alle ehemaligen und gegenwärtigen Wünsche als Brennstoff dienen und von den Flammen der göttlichen Liebe verzehrt werden. Die letzte Flamme empfängt das Opfer allen menschlichen Wahns und befreit den Menschen von sämtlichen Schlacken. Wenn dann das begehrliche Fleisch von den Knochen abgefallen und sein karmisches Skelett von der keimtötenden Sonne der Weisheit gebleicht worden ist, steht er endlich makellos und rein vor Mensch und Schöpfer da. 318 Die Wissenschaft des Kriya-Yoga Rajarsi Janakananda (James 1. Lynn) Nachdem er fünf Jahre lang täglich Kriya-Yoga geübt hatte, empfing Herr Lynn im Januar 1937 an einem abgeschiedenen Strand in Encinitas, Kaliformen, im Zustand des Samadhi (Überbewußtsein) die beseligende Gottesschau: der Unendliche Herr als die Herrlichkeit im eigenen Inneren. »Das ausgeglichene Leben, das Herr Lynn führt, kann allen Menschen als Inspiration dienen, sagte Yogananda. Obgleich er seine weltlichen Pflichten gewissenhaft erfüllte, fand Herr Lynn dennoch Zeit, jeden Tag tief über Gott zu meditieren. Aus dem erfolgreichen Geschäftsmann wurde ein erleuchteter Kriya-Yogi. (Siehe Seite 461 und 597-598.) Paramahansaji nannte ihn oft liebevoll den »heiligen Lynn«, und im Jahre 1951 verlieh er ihm den Ordensnamen Rajarsi Janakananda (nach dem geistig ruhmreichen König Janaka des alten Indien). Der Titel Rajarsi, wörtlich »königlicher Weiser«, leitet sich ab von Raja (König) und Rsi oder Rishi (großer Heiliger).
319 Kapitel 27: Gruendung einer Yogaschule in Ranchi Top »Warum hast Du eigentlich eine Abneigung gegen organisatorische Tätigkeit?« Diese Frage des Meisters verblüffte mich ein wenig. Es stimmt, daß ich damals insgeheim der Meinung war, Organisationen seien nichts als »Wespennester«. »Weil es eine undankbare Aufgabe ist, Meister«, erwiderte ich. »Ganz gleich, was der Leiter tut oder nicht tut, er wird immer kritisiert.« »Willst du den ganzen göttlichen Channa (weißen Käse) für dich allein behalten?« fragte mein Guru da, indem er mich ernst anblickte. »Wäre irgendein Mensch - du selbst mit einbegriffen - imstande, Gott mit Hilfe des Yoga zu finden, wenn nicht eine Reihe großherziger Meister bereit gewesen wäre, ihr Wissen an andere weiter zu geben?« Dann fuhr er fort: »Gott ist der Honig, und die Organisation ist der Bienenstock. Beide sind notwendig. Natürlich ist die äußere Form wertlos, wenn sie nicht vom richtigen Geist erfüllt ist. Warum willst du aber nicht produktive Bienenstöcke errichten und sie mit geistigem Nektar füllen?« Seine Worte gingen mir sehr zu Herzen. Wenn ich auch im Augenblick nichts erwiderte, so fühlte ich dennoch einen heiligen Entschluß in meinem Herzen aufsteigen: ich würde, soweit es in meiner Macht lag, die befreienden Wahrheiten, die ich zu Füßen meines Gurus gelernt hatte, an andere Menschen weitergeben. »Herr«, betete ich, »laß Deine Liebe für immer im Heiligtum meiner Hingabe leuchten und gib mir die Fähigkeit, Deine Liebe in allen Herzen zu erwecken.« Vor längerer Zeit, noch ehe ich in den Mönchsorden eingetreten war, hatte Sri Yukteswar eine überraschende Frage an mich gestellt. 320 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi »Wenn du erst älter bist, wirst du sicher eine Lebensgefährtin entbehren. Meinst du nicht auch, daß ein Familienvater, der eine nützliche Aufgabe in der Welt erfüllt und Frau und Kinder versorgt, ein gottgefälliges Leben führt?« »Guruji!« hatte ich entrüstet ausgerufen. »Ihr wißt, daß meine ganze Sehnsucht in diesem Leben dem Kosmischen Geliebten gilt!« Da hatte der Meister so herzlich gelacht, daß ich merkte, er hatte mich durch seine Worte nur prüfen wollen. Dann aber hatte er mit ernster Miene hinzugefügt: »Vergiß nicht, daß derjenige, der den üblichen weltlichen Pflichten entsagt, sich nur dadurch rechtfertigen kann, daß er in irgendeiner Weise die Verantwortung für eine viel größere Familie übernimmt.« Die Erziehung der Jugend hatte mir schon immer sehr am Herzen gelegen, denn ich wußte nur zu gut, wie unzulänglich die allgemeine Schulbildung war, die allein auf eine Entwicklung des Körpers und Intellekts zielte. Was dem Lehrplan fehlte, waren die sittlichen und geistigen Werte, ohne deren Anerkennung es kein wahres Glück geben kann. Ich entschloß mich also, eine Schule zu gründen, in der die Knaben sich zu höchster menschlicher Reife entwickeln konnten, und unternahm meinen ersten Versuch mit sieben Kindern in Dihika, einer kleinen Ortschaft in Bengalen. Ein Jahr später, im Jahre 1918, konnte ich dank der großzügigen Hilfe des Maharajas von Kasimbasar, Sri Manindra Chandra Nundy, mit meiner schnell anwachsenden Knabenschar nach Ranchi übersiedeln. Diese Stadt in Bihar, die etwa 300 km südlich von Kalkutta liegt, hat ein für Indien besonders gesundes Klima. Der Kasimbasar-Palast in Ranchi wurde zum Hauptgebäude der neuen Schule, der ich den Namen Yogoda-Satsanga-Brahmacharya-Vidyalaya gab1. 1 Vidyalaya = Schule. Brahmacharya bezieht sich hier auf einen der vier in den Veden beschriebenen Lebensabschnitte; diese betreffen: 1. den ledigen Schüler (Brahmachari); 2. den Familienvater, der seine irdischen Pflichten erfüllt (Grihastha); 3. den Einsiedler (Vanaprastha); 4. den Waldbewohner oder Wanderer, der frei von allen weltlichen Sorgen ist (Sannyasi). Dieses ideale System der Lebensführung wird im heutigen Indien nicht mehr allgemein befolgt, obgleich es noch viele treue Anhänger hat. In allen vier Stadien, d.h. sein ganzes Leben lang, steht man unter der Leitung eines Gurus. Weitere Mitteilungen über die Schule in Ranchi sind in Kapitel 40 zu finden. 321 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi Ich stellte für den Volksschul- und Gymnasialunterricht je einen Lehrplan auf, der landwirtschaftliche, gewerbliche, kaufmännische und akademische Fächer umfaßte. Getreu dem Erziehungsideal der alten Rishis (deren Wald-Ashrams der indischen Jugend als weltliche und geistige Lehranstalten dienten) sorgte ich dafür, daß der größte Teil des Unterrichts im Freien abgehalten wurde. Die Ranchi-Schüler werden auch in Yoga-Meditation und der einzigartigen Yogoda-Methode zur Ertüchtigung und Gesunderhaltung des Körpers unterrichtet, deren Prinzip ich 1916 entdeckt hatte. Da ich wußte, daß der menschliche Körper einer elektrischen Batterie gleicht, folgerte ich daraus, daß er unmittelbar durch den Willen mit Energie aufgeladen werden kann. Bei allem, was wir tun, müssen wir Willenskraft anwenden. Diese natürliche Triebkraft des Willens können wir uns auch zunutze machen, um unserem Körper neue Kraft zuzuführen - und zwar ohne Geräte oder rein mechanische Übungen. Mit der einfachen Yogoda-Technik kann man den unbegrenzten Vorrat an kosmischer Energie anzapfen und seine Lebenskraft (die sich im verlängerten Mark konzentriert) jederzeit bewußt erneuern. Die Jungen in Ranchi gediehen prächtig unter der Yogoda-Schulung und entwickelten die erstaunliche Fähigkeit, ihre Lebenskraft willentlich von einem Körperteil in den anderen zu verlagern und selbst die schwierigsten Asanas (Körperstellungen) zu meistern2. Sie legten Proben von Kraft und Ausdauer ab, zu denen sogar viele kräftige Erwachsene nicht fähig waren. 2 Da die Asanas (Yoga-Stellungen zur Förderung der Gesundheit) immer mehr Interesse in den westlichen Ländern finden, sind mehrere illustrierte Bücher hierüber veröffentlicht worden. 322 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi Mein
jüngster Bruder Bishnu Charan Ghosh trat ebenfalls in die
Ranchi-Schule ein und wurde später ein bekannter Meister auf dem Gebiet
der Körperkultur. In den fahren 1938-39 bereiste er mit einem seiner
Schüler mehrere Länder des Westens, wo er die Professoren der
Columbia-Universität in New York sowie vieler anderer Universitäten
Amerikas und Europas durch seine Kraftleistungen und athletischen
Kunststücke, mit denen er die Macht des Geistes über den Körper bewies,
in Erstaunen versetzte.3
Nach einem Jahr war die Anzahl der Anmeldungen für die Ranchi-Schule bereits auf 2000 angestiegen. Doch die Schule, die damals nur auf Internatsbetrieb eingestellt war, konnte nicht mehr als hundert Kinder unterbringen. Bald wurde daher noch eine Tagesschule angebaut. Im Vidyalaya (in der Schule) mußte ich für die Kleinen Vater und Mutter zugleich sein und mich außerdem mit vielen organisatorischen Fragen befassen. Dabei kamen mir oft folgende Worte Christi in den Sinn: »Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, so er verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.«4 Sri Yukteswar hatte diese Worte wie folgt ausgelegt: »Der Gottsucher, der auf Ehe und Familienleben verzichtet, um eine größere Verantwortung für die menschliche Gesellschaft (»hundertfältig ... jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder«) zu übernehmen, wird von der Welt oft mißverstanden und verfolgt. Weil er sich aber einer größeren Gemeinschaft zugehörig fühlt, fällt es ihm leichter, seine Selbstsucht zu überwinden und göttlichen Lohn zu ernten.« Eines Tages kam mein Vater nach Ranchi, um mir seinen Segen zu geben; er hatte lange damit gezögert, weil ich die mir zugedachte Stellung bei der Bengal-Nagpur-Eisenbahngesellschaft ausgeschlagen und ihn dadurch verletzt hatte. »Mein Sohn«, sagte er, »ich habe mich jetzt mit deinem Lebensweg ausgesöhnt. Und ich freue mich, dich inmitten dieser glücklichen, begeisterten Kinder zu sehen. Hier paßt du besser hin als zu den leblosen Eisenbahnfahrplänen.« Er wies auf ein Dutzend kleiner Wichte, die sich an meine Fersen hefteten. »Ich hatte nur acht Kinder«, bemerkte er mit leuchtenden Augen, »aber ich weiß, wie dir zumute ist.« 3 Bishnu Ghosh, der jüngste Bruder Yoganandas starb am 9. Juli 1970 in Kalkutta. 4 Markus 10, 29-30 323 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi Eines Tages fütterte ich das Reh früher als gewöhnlich, weil ich wegen einiger Geschäfte in die Stadt mußte. Ich gebot den Jungen, das Tier nicht vor meiner Rückkehr zu füttern. Einer der Knaben war jedoch ungehorsam und gab ihm eine Menge Milch. Als ich abends heimkam, empfing man mich mit der Nachricht: »Das Reh ist überfüttert worden und liegt im Sterben.« Tränenden Auges nahm ich das leblos daliegende Tier auf meinen Schoß und betete flehentlich zu Gott, daß Er es am Leben erhalten möge. Als es dann nach einigen Stunden tatsächlich die Augen öffnete, sich langsam erhob und ein paar unsichere Schritte tat, brach die ganze Schule in Jubelrufe aus. Doch in derselben Nacht wurde mir eine ernste Lehre erteilt, die ich nie vergessen werde. Ich wachte bis 2 Uhr morgens bei dem Tier und schlief dann ein. Da erschien mir das Reh im Traum und sprach zu mir: »Du hältst mich zurück. Laß mich gehen! Bitte, laß mich gehen!« »Gut«, antwortete ich im Traum.Gleich danach wachte ich auf und rief: »Kinder, das Reh stirbt!« Die Jungen kamen sofort in mein Zimmer gestürzt, und ich lief in die Ecke, wo ich das Tier hingebettet hatte. Es machte einen letzten Versuch, sich zu erheben, taumelte auf mich zu und fiel dann tot zu meinen Füßen nieder. 324 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi Dem Massenkarma zufolge, welches das Schicksal der Tiere regiert, war das Leben des Rehs zu Ende, und dieses war bereit, in eine höhere Daseinsform überzugehen. Doch durch meine tiefe Anhänglichkeit, die - wie ich später einsah - selbstsüchtig war, und durch meine inbrünstigen Gebete war es mir möglich gewesen, es in seiner begrenzten tierischen Form, aus der es sich zu lösen versuchte, zurückzuhalten. Deshalb wandte sich die Seele des Rehs im Traum an mich, denn ohne meine liebende Einwilligung wollte oder konnte es nicht gehen. Sobald ich es aber freigab, verschied es. All mein Kummer war verflogen. Ich erkannte von neuem, daß Gott von Seinen Kindern erwartet, alle Geschöpfe als einen Teil Seines Selbst zu lieben und nicht der Täuschung anheim zu fallen, mit dem Tode sei alles zu Ende. Der unwissende Mensch sieht nur die unüberwindliche Mauer des Todes, hinter der seine geliebten Freunde scheinbar auf immer verborgen bleiben. Doch wer sich innerlich an niemanden bindet und alles Erschaffene als eine Ausdrucksform Gottes liebt, versteht auch, daß seine Lieben im Tode nur für eine selige Atempause zu Ihm (zu Gott) zurückkehren. Aus der anfangs kleinen und bescheidenen Schule in Ranchi entwickelte sich mit der Zeit ein Institut, das jetzt in ganz Bihar und Bengalen bekannt ist. Einige Fachgruppen der Schule werden von Wohltätern, die am Fortbestehen der altindischen Erziehungsideale interessiert sind, finanziell unterstützt. Blühende Zweigschulen entstanden in Midnapur und Lakhanpur. Die Zentrale in Ranchi unterhält u.a. auch eine Sanitätsstation, welche die Armen aus der Umgebung kostenlos mit Medikamenten und ärztlicher Hilfe versorgt. Die Zahl der Patienten, die dort jährlich behandelt werden, beläuft sich auf etwa 18.000. Der Vidyalaya ist in vielen Sportwettbewerben als Sieger hervorgegangen und hat auch Höchstleistungen in wissenschaftlichen Fächern erzielt. Zahlreiche seiner Abiturienten haben sich später während ihrer akademischen Laufbahn ausgezeichnet. In den letzten drei Jahrzehnten ist die Schule in Ranchi des öfteren von hochstehenden Persönlichkeiten aus Ost und West besucht worden. Swami Pranabananda, der »Heilige mit den zwei Körpern- aus Benares, kam 1918 für einige Tage nach Ranchi. Als der große Meister die malerische Schülergruppe unter den Bäumen sah und ihrem Unterricht beiwohnte und als er beobachtete, wie die Knaben abends mehrere Stunden lang unbeweglich im Yoga-Sitz meditierten, war er tief gerührt. 325 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi »Was für eine Herzensfreude es für mich ist zu sehen, daß Lahiri Mahasayas Erziehungsideale in diesem Institut verwirklicht werden«, sagte er. »Möge der Segen meines Gurus immerdar auf ihm ruhen.« Ein junger Bursche, der neben mir saß, wagte eine Frage an den großen Yogi zu richten. »Sir«, fragte er, »werde ich später auch Mönch werden und mein Leben Gott weihen?« Swami Pranabananda lächelte gütig, während seine Augen in die Zukunft drangen. »Kind«, erwiderte er, »wenn du herangewachsen bist, wartet eine schöne Braut auf dich.« (Obgleich der junge viele Jahre lang geplant hatte, in den Swami-Orden einzutreten, heiratete er schließlich.) Einige Zeit nach dem Besuch Swami Pranabanandas in Ranchi begleitete ich meinen Vater nach Kalkutta, um den großen Yogi, der sich vorübergehend dort aufhielt, zu besuchen. Dabei kam mir die vor vielen Jahren gemachte Prophezeiung Pranabanandas wieder in den Sinn: »Ich werde dich später mit deinem Vater wiedersehen.« Als wir das Zimmer des Swamis betraten, erhob sich der große Yogi und umarmte meinen Vater voller Liebe und Hochachtung. »Bhagabati«, sagte er, »wie steht es mit deinem geistigen Fortschritt? Siehst du nicht, wie dein Sohn dem Unendlichen entgegenstürmt?« ich errötete, als ich so unvermutet in Gegenwart meines Vaters gelobt wurde. Der Swami aber fuhr fort: »Du erinnerst dich sicher der Worte, die unser gesegneter Guru uns ständig ans Herz legte: »Banat, banat, ban jai!«5 Übe unentwegt Kriya-Yoga, damit du bald die Tore des Himmels erreichst.« Pranabanandas Körper, der während meines ersten Besuches in Benares soviel Kraft und Gesundheit ausgestrahlt hatte, zeigte nun deutliche Spuren des Alters, obgleich der Yogi sich noch immer bewundernswert aufrecht hielt. 5 Worte, die Lahiri Mahasaya besonders oft an seine Schüler richtete, um sie zu immer tieferer Meditation anzuspornen. Die wörtliche Übersetzung lautet: »Tun, tun, eines Tages getan!« Man kann diesen Gedanken auch freier übertragen: »Strebend, strebend, immer strebend gelangst du an das Göttliche Ziel.« 326 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi »Swamiji«, fragte ich, indem ich ihm gerade in die Augen blickte, »fühlt Ihr nicht das Herannahen des Alters? Leiden Eure göttlichen Wahrnehmungen in irgendeiner Weise darunter, daß der Körper schwächer wird?« Mit engelhaftem Lächeln erwiderte er: »Der Geliebte ist mir jetzt näher als je zuvor.« Diese mit tiefster Überzeugung gesprochenen Worte hatten eine überwältigende Wirkung auf mich. Dann fuhr er fort: »Ich erfreue mich noch immer der beiden Pensionen - der einen von Bhagabati und der anderen von droben.« Dabei wies der Heilige mit der Hand gen Himmel und verfiel für kurze Zeit in Ekstase, wobei sein Antlitz von einem göttlichen Licht übergossen wurde. Eine deutliche Antwort auf meine Frage! Ich bemerkte mehrere Pflanzen und Samenpäckchen in Pranabanandas Zimmer und fragte ihn nach ihrem Zweck. »Ich habe Benares für immer verlassen«, sagte er, »und befinde mich jetzt auf dem Weg zum Himalaja, wo ich einen Ashram für meine Jünger errichten will. Mit diesen Samen wollen wir Spinat und anderes Gemüse anbauen. Meine Lieben werden einfach leben und ihre Zeit in seliger Gottverbundenheit zubringen. Mehr brauchen sie nicht.« Da fragte Vater seinen Bruderschüler, wann er wieder nach Kalkutta kommen werde. »Nie mehr«, erwiderte der Heilige. »Dies ist das Jahr, in dem ich - wie Lahiri Mahasaya vorausgesagt hat - mein geliebtes Benares für immer verlasse und zum Himalaja gehe, um dort meine sterbliche Hülle abzuwerfen.« Als er dies sagte, füllten sich meine Augen mit Tränen; doch der Swami lächelte friedlich. Er erinnerte mich an ein himmlisches Kind, das geborgen im Schoß der Göttlichen Mutter ruht. Ein großer Yogi, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, fühlt die Bürde der Jahre nicht. Er hat die Fähigkeit, seinen Körper jederzeit zu verjüngen. Doch manchmal liegt ihm nichts daran, den Vorgang des Alterns aufzuhalten, und er zieht es vor, sein gesamtes Karma abzutragen, d.h., seinen gegenwärtigen Körper als zeitsparendes Mittel zu benutzen, um nicht in einem neuen Körper die letzten Reste seines Karmas ausarbeiten zu müssen. 327 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi Monate später begegnete ich einem alten Freund, Sanandan, der zu Pranabanandas engem Jüngerkreis gehörte. »Mein geliebter Guru ist heimgegangen«, berichtete er mir schluchzend. »Er hatte in der Nähe von Rishikesh eine Einsiedelei erbaut, wo er uns mit großer Liebe schulte. Als wir uns gut eingelebt hatten und in seiner Gegenwart beachtliche geistige Fortschritte machten, schlug er eines Tages vor, eine große Menschenmenge aus Rishikesh zu speisen. Ich fragte, warum er eine solch große Anzahl wünsche. »Weil dies meine letzte festliche Zeremonie ist«, sagte er. Ich verstand die tiefere Bedeutung seiner Worte jedoch nicht. Pranabanandaji half uns beim Kochen großer Nahrungsmengen, und wir speisten etwa 2000 Gäste. Nach dem Festmahl saß er auf einer erhöhten Tribüne und hielt eine inspirierende Ansprache über das Unendliche. Als er geendet hatte, wandte er sich vor den Blicken der vielköpfigen Menge an mich - ich saß neben ihm auf der Tribüne - und sprach mit ungewöhnlicher Kraft: »Sanandan, bereite dich vor! Ich sprenge jetzt die Hülle!«6Ich schwieg einen Augenblick wie betäubt und rief dann laut aus: »Meister, tut es nicht! Bitte, tut es nicht!« Die Menge verharrte in Schweigen, da sie nicht wußte, wie sie meine Worte deuten sollte. Pranabanandaji lächelte mir zu, doch seine Augen blickten bereits in die Ewigkeit. »Sei nicht selbstsüchtig«, sagte er, und klage nicht um mich. Ich habe euch allen lange und gern gedient. Darum freue dich nun und wünsche mir eine gesegnete Reise. Ich gehe zu meinem Kosmischen Geliebten.« Und flüsternd fuhr Pranabanandaji fort: »Ich werde bald wiedergeboren. Wenn ich mich einige Zeit der Unendlichen Glückseligkeit erfreut habe, werde ich zur Erde zurückkehren und mich Babaji7 anschließen. Du wirst bald erfahren, wann und wo meine Seele sich in einem neuen Körper inkarniert hat.« 6 »Ich sprenge jetzt die Hülle« = d.h. »Ich gebe den Körper auf.« 7 Lahiri Mahasayas Guru, der heute noch lebt. (Siehe Kapitel 33) 328 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi Dann rief er wiederum aus: »Sanandan, jetzt sprenge ich mit dem zweiten Kriya-Yoga8 die Hülle!« Er blickte auf das unübersehbare Meer von Gesichtern hinab und segnete die Menge. Dann richtete er den Blick nach innen auf das geistige Auge, und sein Körper wurde regungslos. Während die verstörte Menschenmenge noch glaubte, daß er in tiefer Ekstase meditiere, hatte er bereits die körperliche Hülle verlassen und seine Seele in die Unendlichkeit des Kosmos geführt. Als die Jünger schließlich seinen in der Lotosstellung sitzenden Körper berührten, war er schon erkaltet. Nichts als ein erstarrter Rahmen war zurückgeblieben; der Bewohner war in die Gefilde der Unsterblichkeit entflohen.« Als Sanandan seine Erzählung beendet hatte, dachte ich: »Der glückselige »Heilige mit den zwei Körpern« starb ebenso dramatisch, wie er lebte.« Dann erkundigte ich mich, wo Pranabananda wiedergeboren werden sollte. »Ich betrachte dies als ein heiliges Geheimnis«, erwiderte Sanandan, »und möchte es deshalb niemandem mitteilen. Vielleicht kannst du es auf andere Weise erfahren.« Jahre später hörte ich von Swami Keshabananda9, daß Pranabananda einige Jahre nach seiner Wiedergeburt Badrinarayan im Himalaja aufgesucht hatte, um sich dort der Gruppe von Heiligen, die den großen Babaji umgeben, anzuschließen. 8 Die Technik, die Pranabananda anwandte, ist
denjenigen, die in die höheren Kriya-Yoga-Techniken eingeweiht sind,
als der dritte Kriya-Yoga bekannt. Als Lahiri Mahasaya ihn Pranabananda
vermittelte, war dies der »zweite« Kriya,
in den der Yogavatar ihn einweihte. Dieser Kriya
befähigt diejenigen, die Meisterschaft in dieser Technik erlangt haben,
ihren Körper jederzeit bewußt zu verlassen. Fortgeschrittene Yogis
wenden diese Kriya-Technik an, wenn sie ihren Körper im Tode endgültig
verlassen, denn der Zeitpunkt ist ihnen stets im voraus bekannt.
329 Gründung einer Yoga-Schule in Ranchi Paramahansa Yogananda gründete diesen Tempel und Ashram der Yogoda Satsanga Society of India im fahre 1918, als er mit seiner Knabenschule nach Ranchi umzog. Heute dient der Tempel YSS-Mitgliedern als Andachtsraum, und von hier wird Paramahansajis Kriya-Yoga-Lehre in ganz Indien verbreitet. Neben diesen geistigen Aufgaben unterhält das Zentrum auch mehrere Erziehungseinrichtungen und eine Ambulanz für Unbemittelte. 330 Kapitel 28: Der wiedergeborene und wiedergefundene Kashi Top »Geht bitte nicht ins Wasser! Wir wollen uns lieber mit Eimern begießen«, mahnte ich meine Schüler aus Ranchi, mit denen ich mich auf einer Wanderung zu einem 12 km entfernt gelegenen Hügel befand. Obgleich der vor uns liegende Teich zum Baden verlockte, hatte ich eine instinktive Abneigung gegen ihn. Die meisten Jungen begannen ihre Eimer zu füllen, doch ein paar Burschen konnten der Versuchung des kühlen Wassers nicht widerstehen und tauchten hinein. Doch sogleich wurden sie von großen Wasserschlangen umringt und stürzten mit drolligem Gebaren kreischend und planschend wieder ans Ufer. Als wir unseren Bestimmungsort erreicht hatten, hielten wir dort ein fröhliches Picknick. Ich saß, von den Jungen umringt, unter einem Baum; und da sie mich in angeregter Stimmung fanden, bestürmten sie mich mit Fragen. »Sir«, fragte einer der Jungen, »werde ich immer mit Euch auf dem Weg der Entsagung bleiben?« »Oh, nein«, erwiderte ich. »Du wirst gegen deinen Willen nach Hause gerufen werden und später heiraten.« Er wollte mir nicht glauben und erhob lebhaften Einspruch. »Nur tot kann man mich nach Hause bringen!« (Nach wenigen Monaten jedoch kamen seine Eltern und nahmen ihn trotz seiner Tränen und seines Widerstandes mit. Einige Jahre später heiratete er.) Nachdem ich viele Fragen beantwortet hatte, wandte sich ein etwa 12jähriger junge namens Kashi an mich. Er war ein ausgezeichneter Schüler und bei allen Klassenkameraden beliebt. »Sir«" fragte er, »was wird mein Schicksal sein?«»Du wirst bald sterben.« Es war, als ob eine unwiderstehliche Macht diese Worte auf meine Lippen gezwungen hätte. 331 Der wiedergeborene und wiedergefundene Kashi Diese Eröffnung verursachte mir selbst als auch allen anderen Kummer und Schrecken. Innerlich schalt ich mich ein enfant terrible und lehnte es ab, irgendwelche weiteren Fragen zu beantworten. Als wir zur Schule zurückgekehrt waren, suchte Kashi mich in meinem Zimmer auf. »Wenn ich sterben muß, würdet Ihr mich dann bitte suchen, sobald ich wiedergeboren werde, und mich wieder auf den geistigen Weg führen?« fragte er unter Schluchzen. Ich sah mich gezwungen, diese schwere okkulte Verantwortung abzulehnen. Doch Kashi blieb hartnäckig. Wochenlang ließ er in seinem Drängen nicht nach. Als ich schließlich sah, daß er vor Verzweiflung fast zusammenbrach, tröstete ich ihn mit folgendem Versprechen: »Wenn der Himmlische Vater mir dabei hilft, werde ich versuchen, dich wiederzufinden.« Während der Sommerferien unternahm ich eine kurze Reise, konnte Kashi aber leider nicht mit mir nehmen. Ehe ich abfuhr, rief ich ihn jedoch zu mir und warnte ihn dringend davor, sich aus dem geistigen Schwingungsbereich der Schule zu entfernen; er sollte allen Überredungskünsten zum Trotz standhaft bleiben. Irgendwie fühlte ich, daß das drohende Unheil abgewendet werden könne, wenn er diesmal nicht nach Hause fuhr. Sobald ich abgefahren war, traf Kashis Vater in Ranchi ein. Fünfzehn Tage lang versuchte er, den Willen seines Sohnes zu brechen, und erklärte ihm, daß er nur für vier Tage nach Kalkutta mitzukommen brauche, um seine Mutter zu besuchen, und dann wieder zurückkehren könne. Aber Kashi weigerte sich beharrlich. Schließlich bestand der Vater darauf, den Jungen durch die Polizei nach Hause bringen zu lassen. Diese Drohung beängstigte Kashi, denn er wollte keinen öffentlichen Skandal in der Schule heraufbeschwören. Und so sah er keinen anderen Ausweg, als mitzufahren. Einige Tage später kehrte ich nach Ranchi zurück. Als ich hörte, wie Kashi fortgeschafft worden war, nahm ich sofort den nächsten Zug nach Kalkutta; dort mietete ich mir eine Droschke. Die ersten Personen, denen ich überraschenderweise begegnete, als ich über die Howrah-Brücke fuhr, waren Kashis Vater und einige seiner Familienangehörigen in Trauerkleidung. Ich befahl dem Kutscher zu halten, sprang vom Wagen herab und sah den unglücklichen Vater durchdringend an. 332 Der wiedergeborene und wiedergefundene Kashi »Mörder!« rief ich ein wenig hitzig aus, »Ihr habt meinen Jungen getötet!« »Der Vater hatte bereits eingesehen, was für ein Unrecht er begangen hatte. Während der kurzen Zeit, die der Junge gegen seinen Willen in Kalkutta zubringen mußte, hatte er sich durch Essen verdorbener Nahrung die Cholera zugezogen und war daran gestorben. Meine Liebe zu Kashi und mein Versprechen, ihn nach seinem Tode wiederzufinden, ließen mir Tag und Nacht keine Ruhe. Wo ich auch hinging, tauchte sein Gesicht vor mir auf. Und so unternahm ich eine denkwürdige Suchaktion, ähnlich wie vor vielen Jahren, als ich meine Mutter verloren hatte. Ich fühlte, daß ich die mir von Gott verliehene Vernunft und meine ganze Kraft zum Einsatz bringen müsse, um die transzendenten Gesetze aufzuspüren, mit deren Hilfe ich den astralen Aufenthaltsort des Jungen bestimmen konnte. Seine vor unerfülltem Verlangen zitternde Seele schwebte irgendwo als eine Lichtmasse unter Millionen von anderen leuchtenden Seelen im Astralreich - soviel wußte ich. Wie konnte ich mich aber bei der Unmenge vibrierender Seelenlichter auf ihn einstellen? Ich versuchte es mit einer geheimen Yoga-Technik und sandte Kashis Seele durch das »Mikrophon« meines geistigen Auges (das in der Stirn zwischen den Augenbrauen liegt)1 liebevolle Gedanken. Intuitiv fühlte ich, daß Kashi bald zur Erde zurückkehren werde und daß seine Seele meinen ununterbrochenen Ruf vernehmen müsse. Auch wußte ich, daß ich den leisesten Impuls, der von Kashi ausging, in den Nerven meiner Finger, meiner Arme und meines Rückgrats spüren würde. 1 Der Wille, der vom Punkt zwischen den Augenbrauen ausgestrahlt wird, ist die Sendestation der Gedanken. Das still im Herzen konzentrierte Gefühl dagegen macht den Menschen zu einem geistigen Radio, das die Botschaften anderer Personen von nah und fern empfangen kann. In der Telepathie werden die feinen Gedankenschwingungen eines Menschen zunächst durch den feineren Astraläther und danach durch den gröberen irdischen Äther übertragen und erzeugen elektrische Wellen, die sich ihrerseits im Geist eines anderen Menschen zu Gedankenwellen formen. 333 Der wiedergeborene und wiedergefundene Kashi Indem ich meine erhobenen Hände als Antennen benutzte, drehte ich mich oftmals im Kreise, um die Richtung festzustellen, wo er - wie ich fühlte - bereits als Embryo wiedergeboren worden war. Durch tiefe Konzentration auf das »Radio« meines Herzens hoffte ich, eine Antwort von ihm empfangen zu können. Etwa sechs Monate lang wandte ich diese Yoga-Technik mit unvermindertem Eifer an. Als ich eines Morgens mit einigen Freunden durch das bevölkerte Bowbazar-Viertel von Kalkutta ging, hob ich meine Hände wieder in der üblichen Weise hoch. Da empfing ich zu meiner Freude zum ersten Mal eine Antwort: ein elektrisches Prickeln begann sich in meinen Fingern und Handflächen bemerkbar zu machen. Diese Ströme formten sich zu Worten, die mit überwältigender Gewißheit in meinem Bewußtsein widerhallten: »Ich bin Kashi, ich bin Kashi! Komm zu mir!« Als ich mich auf das Radio meines Herzens konzentrierte, wurde der Gedanke fast hörbar. Immer wieder vernahm ich Kashis Ruf in der ihm eigenen heiseren Flüsterstimme2. Ich ergriff den Arm eines meiner Begleiter, Prokash Das, und lächelte ihn freudig an. »Ich glaube, ich habe Kashi gefunden!« Dann begann ich mich, zur unverhohlenen Belustigung meiner Freunde und der Vorübergehenden, mehrmals im Kreise zu drehen. Die elektrischen Impulse liefen nur dann durch meine Finger, wenn ich mich einer in der Nähe gelegenen Straße zuwandte, die den Namen »Serpentinengasse« trug; sie verschwanden jedoch, wenn ich eine andere Richtung einschlug. »Ah!« rief ich aus, »Kashis Seele muß in den Schoß einer Mutter eingegangen sein, die in dieser Gasse wohnt.« Während ich mich mit meinen Gefährten der Serpentinengasse näherte, wurden die Schwingungen in meinen erhobenen Händen immer stärker. Wie von einer magnetischen Kraft angezogen, ging ich auf die rechte Straßenseite. 2 Jede Seele ist in ihrem reinen Urzustand allwissend. Kashis Seele erinnerte sich aller charakteristischen Merkmale des Knaben Kashi und ahmte daher die heisere Stimme nach, um sich mir in Erinnerung zu bringen. 334 Der wiedergeborene und wiedergefundene Kashi Als ich an das Tor eines gewissen Hauses kam, blieb ich zu meiner Überraschung wie festgenagelt stehen. Mit größter Spannung klopfte ich an die Haustür und hielt dann den Atem an. Ich fühlte, daß meine lange und ungewöhnliche Suche zu einem erfolgreichen Abschluß gekommen war. Ein Diener öffnete mir und sagte, daß die Herrschaft zu Hause sei. Bald darauf kam der Hausherr vom ersten Stock herab und lächelte mich verwundert an. ich wußte kaum, wie ich meine Frage, die zugleich schicklich und unschicklich war, formulieren sollte. »Stimmt es, Sir, daß Eure Frau seit etwa sechs Monaten ein 3 Kind erwartet?«3»Ja, das stimmt.« Da er sah, daß ich ein Swami - d.h. ein Mönch - war und die traditionelle orangenfarbige Robe trug, fügte er höflich hinzu: »Würdet Ihr mir bitte verraten, wie Ihr das erfahren habt?« 3 Obgleich viele Menschen nach ihrem physischen
Tode 500 oder sogar 1000 Jahre in der Astralwelt bleiben, gibt es keine
allgemeingültige Regel für die Zeitdauer zwischen den einzelnen
Inkarnationen (siehe Kapitel 43). Die dem Menschen zugemessene
Zeitspanne in der irdischen oder astralen Welt wird von seinem Karma
bestimmt. 335 Der wiedergeborene und wiedergefundene Kashi Als er dann die Geschichte von Kashi und dem Versprechen, das ich ihm gegeben hatte, hörte, war er zutiefst erstaunt, schenkte meinem Bericht aber Glauben. »Euch wird ein Knabe von ziemlich heller Hautfarbe geboren werden«, erklärte ich ihm. »Er wird ein breites Gesicht mit einer hochstehenden Haarlocke über der Stirn haben, und seine Interessen werden vorwiegend auf geistigem Gebiet liegen.« Ich war überzeugt, daß das noch ungeborene Kind diese Ähnlichkeit mit Kashi aufweisen würde. Später besuchte ich den Jungen, dessen Eltern ihm den alten Namen Kashi wiedergegeben hatten. Schon als Baby glich er auffallend meinem lieben Schüler aus Ranchi. Das Kind faßte sofort eine tiefe Zuneigung zu mir, denn die Anziehungskraft, die zwischen uns bestand, erwachte nun in verstärktem Maße. Jahre später,
als Kashi das Jünglingsalter erreicht hatte und ich schon in Amerika
war, schrieb er mir von seinem aufrichtigen Wunsch, den Weg der
Entsagung zu gehen. Ich verwies ihn an einen Meister im Himalaja, der
den wiedergeborenen Kashi als Jünger annahm. Teil 2 der
Autobiographie Yoganandas
http://saibaba.00freehost.com/yogananda/index.html
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